Manuskripte

 

 

 

Sie finden hier vier Manuskripte mit Kurzbeschrieben und Leseproben:
Manuskript 1 – „Von Zügen und Füchsen.“
Manuskript 2 – „Friseure, ein jüdisches Ohr und ein Lancia“
Manuskript 3 – „Goethe im Swingerclub“
Manuskript 4 – „Jeder dem anderen ein Teufel“

 

 

Manuskript 1 – „Von Zügen und Füchsen“

Antikriegs- und Familienroman (420 Normseiten) nach wahren Begebenheiten, auf Basis eines realen Kriegstagebuchs, detaillierter Aufzeichnungen und Skizzen, die von einem Oberleutnant der 97. Spielhahnjäger-Division stammen. Es ist der 23. August des Jahres 1944. Das Lazarett im Donauhafen der ostrumänischen Stadt Galatz unweit des Schwarzen Meeres ist über Nacht von Ärzten, Pflegern, Schwestern und Sanitätsstäben verlassen worden. Die Rote Armee steht nur noch wenige Kilometer vor der Stadt. Im Lazarett liegen über 1.300 verwundete Soldaten, die man ihrem Schicksal überlassen hat. In dieser nahezu ausweglosen Situation gelingt es einer Handvoll Männer, fünf Lokomotiven und 77 Waggons zu organisieren. Vor den Fliehenden liegt eine Reise ins Ungewisse: Sie führt im Kriechtempo entlang der zusammenbrechenden Front wenige Kilometer vor den russischen Armeen her durch ein anarchisches Land – und unter hohen Verlusten an den Erdölfeldern von Plojesti vorbei über die Karpaten, direkt durch die Hauptkampflinie.

 

 

(Leseprobe, ab Beginn:)

Von Zügen und Füchsen.

Nach wahren Begebenheiten

 

I

Der Fuchs war hart und kalt. Walodja fand ihn, als er aus dem Versteck im Wald kam. Vermutlich lag das Tier bereits seit zwei oder drei Tagen hier im Unterholz zwischen den Kiefern und Birken im halbhohen Gras. Walodja beugte sich hinunter und betrachtete den Kadaver. Langsam fuhr er mit dem Fingerrücken über den Winterpelz und fühlte den sehnigen Körper darunter.
Die Rute des Tieres war buschig, zwei schwarze Ringe durchzogen ihre Mitte. Walodja roch den scharfen Duft, den der Fuchs in seinem Todeskampf verströmt hatte. Eine Mischung aus Urin, Kot und Veilchen. Die Zunge des Fuchses war bereits abgefressen, ebenso die Nase. Auch die Augen fehlten, Maden wanden sich in den Augenhöhlen. Die Zähne des Fuchses zwischen den stumpfgrauen Lefzen waren abgenutzt. Einige Zähne fehlten, das Zahnfleisch war brandig.
Der Fuchs war ein betagter Einzelgänger im Sonntagsanzug gewesen, ein erfahrener Räuber. Walodja verspürte Mitleid mit der Kreatur. Dieser Fuchs war ein besonders schönes Tier gewesen.
Dort, wo der Draht den Hinterlauf des Fuchses bis auf den Knochen durchgescheuert hatte, erkannte Walodja Nagespuren. Vielleicht stammten sie vom Fuchs selbst, der sich zu befreien erhoffte, indem er seine abgestorbene Pfote abbiss.
Walodja bedauerte den Tod des Tieres. Doch er war auch stolz auf seinen Vater, der die Falle umsichtig gestellt hatte. Es ist nicht leicht, einen erfahrenen Fuchs zu fangen. Und es war wichtig, dass der Fuchs ihnen nicht noch mehr Hühner nahm, der Winter war hart gewesen, wie immer.

Viel Regen und damit Schlamm hatten die kalten Monate gebracht, hier, in der Region Krasnodar unweit der Taman-Halbinsel zwischen Asowschen Meer und Schwarzem Meer, wo die Nordhänge des Kaukasus schon längst in dicht bewaldete Hügel übergegangen waren, die sich zu den Dörfern hin in den Feldern der fruchtbaren Ebene verloren.
Es war warm. Der Frühling schenkte der Natur seit Wochen heitere Tage. Die Sonne war kräftig und ließ die Knospen aus den schwarzen Äckern schießen. Überall blühte es in der Pracht, die diese Region schon seit Jahrtausenden verwöhnte.
Walodjas Vater Kolja hatte die Drahtschlinge drei Tage lang hinter dem Schuppen im Morast liegen lassen und seinen Kindern eingeschärft, sie nicht zu berühren. Nichts sollte nach einem Menschen riechen.
Der alte Fuchs war vorsichtig gewesen. Vor zwei Wochen hatte er bereits ein Huhn geholt. Fünf weitere Hühner hatte er tot gebissen, wohl, um sie später zu holen. Die restlichen Hühner waren verschont geblieben, weil ihr Gackern Walodja geweckt hatte. Mit Gebrüll hatte er den Fuchs in das Dunkel der Nacht vertrieben.
Am Morgen hatten sie das Loch in der Erde auf der Rückseite des Hühnerzauns gefunden. Der Fuchs hatte sich dort hindurch gegraben, wo die Erde weich gewesen war. Walodjas Vater war der Spur der Hühnerfedern vom Stall bis zum Waldrand gefolgt und hatte sich entschieden, die Falle hier auf der Anhöhe unter den Zweigen zu platzieren. Als Köder diente ihm eines der totgebissenen Hühner.
Das Huhn hatte seinen Zweck erfüllt. Es befand sich im Vergleich zu seinem toten Feind bereits drei Tage weiter in seinem Verwesungsstadium. Als Wind den käsigen Gestank des skelettierten Tieres aufwirbelte, erhob sich Walodja. Aus dem Pelz würde sein Vater eine Mütze für Allotschka anfertigen. Der Pelz würde wunderbar zum roten Haar seiner Schwester passen. Eine Mütze mit einem langen Fuchsschwanz, den sie wie einen Schal würde benutzen können. Sie fror oft, weil sie so dünn war.
Walodja trennte den Hinterlauf des Fuchses mit seinem Messer ab und warf ihn fort. Er nahm den Fuchs an seiner Rute und schaute den Hang hinab zum Hof, der aus einer Kate mit Strohdach, einem Stall und einem Schuppen bestand. Seine Mutter winkte und er reckte triumphierend den Fuchs in die Höhe. Der Hund der Familie, ein Mischling, der auf den Namen Towarisch hörte, schlug aufgeregt an und riss an der Kette, mit der er und seine Hundehütte verbunden waren.
Der Wind hatte weiter aufgefrischt. Wolken, die Regen in sich trugen, kamen rasch näher. Walodja hörte das Donnern und Grummeln im Himmel. Gehörte es zu einem Gewitter oder waren es die Geräusche der Front, die nur noch wenige Meilen entfernt war? Irgendwo zwischen Starotitarovskaja und Temryuk sollten sich die Armeen angeblich gegenüber stehen, wie man sich im Dorf zuraunte. Die Deutschen würden bald fliehen müssen und waren nervös. Die Rede war von Trupps, die alles töteten. Von Dorfstraßen, durch die das Blut von einer Häuserwand bis zur nächsten floss. Die Menschen wussten von Dingen zu berichten, die so schlimm waren, dass man sie nur im Flüsterton ertrug.
Walodja fand seinen Vater im Schuppen, wo dieser gerade einen Stuhl reparierte. Stolz reckte er den Fuchs empor:
„Schau’ Vater, wir haben ihn!“
Kolja blickte erfreut auf:
„Wie schön. Es wurde Zeit.“
Er schaute sich den Fuchs an und strich über das Fell:
„Was für ein elegantes Tier, nicht wahr? Jetzt wird es als elegante Mütze weiterleben. Komm’, wir zeigen den Pelz Allotschka und deiner Mutter.“
Kolja und Walodja betraten das Wohnhaus. Hinter dem Flur schloss sich sogleich ein größerer Raum an, der Küche, Esszimmer und Schlafzimmer in einem war. Das Bett der Eltern war vom Bett der Kinder durch eine Decke getrennt. Kolja gab seiner Frau, die am mächtigen Ofen stand und eine Kascha kochte, einen Kuss. In den Duft von Zwiebeln und Buchweizengrütze mischte sich der Rauch der Kochstelle. Walodja nahm sich vor, nach dem Essen den Abzug zu reinigen, der sich mit Ruß zugesetzt hatte. Allotschka saß am Tisch und malte. Die Augen in ihrem Gesichtchen loderten grün zwischen den üppigen Locken hindurch. Sie war so konzentriert, dass sie auf ihre Zungenspitze biss. Plötzlich hob sie den Kopf und strahlte:
„Für dich, Papa!“
Sie zeigte ihr Bild. Sie hatte einen Fuchs gemalt, der ein Huhn davon trug. Walodja war wie bei jedem ihrer Bilder überrascht. Wie talentiert sie war. Für ein fast sechsjähriges Mädchen konnte sie gut zeichnen, viel besser als jeder Erwachsene, den er kannte. Auch ihr Lehrer sagte, dass Allotschka einmal eine Künstlerin werden würde.
Kolja nahm das Bild in die Hand und betrachtete es eingehend:
„Das ist wirklich sehr hübsch geworden, Allotschka.“ Er legte das Bild zurück auf den Tisch und streichelte das Haupt seiner Tochter:
„Wir werden es zu deinen anderen Bildern hängen.“
Walodja hob den erlegten Fuchs empor:
„Schau’, für dich, Allotschka! Hier ist er.“
Kurz leuchteten ihre Augen auf, doch dann schaute sie betrübt den Fuchs an:
„Eigentlich bin ich traurig, dass er tot ist.“
„Ich auch. Aber es sind schwere Zeiten. Und wir brauchen unsere Hühner.“
Natürlich, das verstand sie. Ihr Bruder versuchte, ihre Laune wieder etwas aufzubessern:
„Aus dem Pelz macht dir Vater eine Mütze, nicht wahr?“
Walodja schaute Kolja an, der Vater nickte:
„Die Mütze wird dich wärmen, mein Töchterchen. Und so kann dir der alte Fuchs noch ein Gefährte sein. Ich werde die Mütze schön groß machen, denn du wächst ja noch. Dann kannst du sie ein Leben lang tragen. Wer weiß, vielleicht bist du irgendwann einmal eine große Malerin? Gefeiert in Krasnodar, in Kiew oder vielleicht sogar in Moskau! Dann schlenderst du mit dem Pelz um den Hals als Dame über den Roten Platz und an den feinen Geschäften vorbei und alle Moskowiter werden staunen.“
„Ach Papa, meinst du wirklich?“ Noch heller strahlten ihre Augen, und gebannt betrachtete sie den Pelz. Als sie das Tier berühren wollte, hielt ihr Vater sie davon ab:
„Fass ihn lieber nicht an, mein Liebling. Er war alt, er wird immer noch einige Flöhe tragen.“
Nun mischte sich Koljas Frau Jelena ein, die beständig in der Grütze rührte, damit sie nicht anbrannte. Verärgert rief sie ihren Männern zu:
„Warum bringt ihr ihn dann in die Stube, ihr Nichtsnutze?“
„Es war meine Idee“, entschuldigte sich ihr Mann, ehe der Sohn antworten konnte, „Ich wollte Allotschka nur einen Gefallen tun.“
„Wie kann man nur so dumm sein! Männer sind doch wirklich zu nichts zu gebrauchen!“
Kolja sah, dass Allotschka schon wieder in ihr Gemälde vertieft war. Er zwinkerte Walodja zu, drehte sich zu seiner Frau und zog sie an sich. Beherzt umfasste er ihre Pobacken:
„So, so, ich bin also zu nichts zu gebrauchen? Bist du dir da ganz sicher?“
„Hör’ auf damit, nicht vor den Kindern!“ Kichernd entwand sie sich seinem Griff und deutete an, ihm den Kochlöffel über den struppigen Scheitel zu ziehen. Walodja lachte. Kolja hob die Hände und begann ebenfalls zu lachen. Allotschka prustete los. Sie mochte es, wenn ihre Eltern sich neckten. „Also, raus mit euch! Und nehmt das Viech mit!“, rief Jelena.
„Du möchtest mitkommen? Bitte sehr!“ Kolja tat so, als würde er sie an der Hand herausziehen wollen. Jelena lachte und gab ihm einen Klaps auf die Hand:
„Genug jetzt! Raus!“
Lächelnd schob sie ihren Mann und ihren Sohn samt Fuchs aus dem Haus.
Kolja und Walodja gingen über den Hof und betraten erneut den Schuppen. Aus der Schublade eines Schranks holte der Vater ein Messer und strich mit dem Daumen über die Klinge. Sie schien ihm stumpf zu sein, und er begann, die Klinge am Schleifstein zu schärfen. Funken sprühten. Über die Schulter hinweg rief er seinem Sohn zu:
„Häng’ den Fuchs mit dem Kopf nach unten am Deckenbalken auf. Du kannst auf den Stuhl steigen. Ich habe ihn repariert.“
„Nicht nötig, Vater. Ich komme auch so an den Balken.“
Auf den Zehenspitzen stehend band Walodja den Kadaver unter der Decke fest. Kolja drehte sich um und betrachtete seinen Sohn:
„Du bist groß geworden, mein Junge! Siehst du, Walodja, jetzt muss ich bald zu dir aufschauen. Kocht deine Mutter zu gut?“
Walodja grinste seinen Vater an:
„Ach, Vater, es ist nicht schwer, jemanden zu überragen, der kaum größer ist als ein Ziegenbock.“
Kolja kniff seinem Sohn in die linke Wange, so, wie er es schon immer tat, seit dem sein Sohn auf der Welt war:
„Du bist genau so frech wie deine Mutter. Komm’, jetzt hilf’ mir mit dem Fuchs.“
Mit geübten Schnitten begann Kolja, das Fell an den beiden Hinterläufen abzutrennen. Dann legte er das Messer beiseite und begann, die Haut mit den Händen abzuziehen, was ihn Kraft kostete.
„Warum machst du nicht mit dem Messer weiter, Vater?“
„Wenn man mit dem Messer arbeitet, ist schnell ein Loch in die Haut geschnitten. So ist es anstrengender, aber es wird schöner.“
Kolja hielt inne und wischte sich den Schweiß von der Stirn:
„Ein Pelz wärmt dreimal, hat dein Großvater gesagt. Schon beim Jagen. Dann beim Herstellen. Später beim Tragen. Er hat mir gezeigt, wie es geht. Ein Gerber auf der Durchreise hat es ihm beigebracht.“
„Was machst du, wenn das Fell abgetrennt ist?“, fragte Walodja, während er einen Eimer unter den Kadaver stellte. Nur wenig Blut tropfte.
„Wir trocknen es an der Luft, Mit der Hautseite nach außen, im Schatten. Es darf keine Sonne darauf fallen, sonst wird die Haut zerstört.“
Schwer atmend zog Kolja den Pelz des Tieres Stück für Stück hinunter. Als er verschnaufen musste, fragte er Walodja:
„War etwas Ungewöhnliches im Wald?“, fragte Kolja.
„Nein.“
„Wer hat dich abgelöst?“
„Nadja, wie immer.“
Kolja nickte. Weiß schimmerten seine Fingerkuppen, da er mit großer Kraft am Fell zog. Die Unterhaut wölbte sich immer mehr nach außen und unten und begann, den Fuchskopf zu umhüllen. Ein Lächeln umspielte Koljas Lippen und sein Sohn bemerkte es:
„Was amüsiert dich so?“
„Nichts, wie kommst du darauf?“
„Du lächelst vor dich hin.“
„Tue ich das?“
„Ja.“
„Es ist nichts weiter.“
Walodja betrachtete mit hochgezogenen Brauen seinen Vater, der den Blick seines Sohnes bemerkte und beiläufig fragte:
„Nadja ist hübsch, nicht wahr?“
Walodja stieß seinen kichernden Vater in die Rippen. Kolja gab seinem Sohn, der glaubte, er habe seine Zuneigung zur Tochter des Hofes auf der anderen Seite des Dorfes bisher verbergen können, einen Klaps. Alle im Dorf wussten davon.
Kolja konnte es nicht lassen, seinen Sohn weiter aufzuziehen:
„Im letzten Jahr hat sie sich zu einer richtigen Dame entwickelt.“
„Findest du?“
„Natürlich. Du nicht?“
„Kann schon sein. Nadja sieht nicht übel aus.“
„Nicht übel? Ein Mittagessen mit Fleisch ist nicht übel. Ein Blitz, der das Haus verschont, ist nicht übel. Eine Wunde am Fuß, die nicht eitert, ist nicht übel. Nadja ist hübsch!“
„Von mir aus auch hübsch.“
„Sogar sehr hübsch.“
„Wenn du es sagst.“
„Eine richtige Schönheit.“
„Vater!“
Kolja ließ vom Pelz ab und schaute seinem Sohn ins Gesicht:
„Mag Sie dich auch?“
„Ich weiß es nicht … es kann sein, also … ja.“
„Das freut mich für dich.“
Kolja wendete sich wieder dem Fuchs zu und Walodja musterte ihn:
„Vater?“
„Ja?“
„Du kannst jetzt aufhören zu grinsen, als hätte ein Ochse gekalbt.“
Kolja lachte:
„Ich werde es versuchen. Also gut, wie geht es der Kuh von Igor und Olga?“
„Das Euter ist immer noch entzündet. Aber sie hat wieder gefressen.“
„Das ist ein gutes Zeichen. Und wie geht es den Schweinen?“
„Sie sind ohne Probleme durch den Winter gekommen. Und eine der Sauen scheint trächtig zu sein.“
„Das ist sehr gut.“
Walodja nickte. Der Fuchs war nun schon fast von seinem Fell getrennt und sah nicht mehr aus wie ein Fuchs. Muskeln und fahle Knochen. Blaue Knorpel. Geronnenes Blut. Wenig gelbes Fett inmitten blanker Sehnen. Der Kadaver roch kaum.
Das Dorf hielt drei Kühe, ein halbes Dutzend Schweine, einige Ziegen und Gänse tief im Wald hinter dem Sumpf in einer Schlucht versteckt, die kaum zugänglich war. Die Deutschen durften nichts davon wissen. Die Leute aus dem Dorf wechselten sich ab, um die letzten verbliebenen Hoftiere zu bewachen. Es gab Wölfe und Luchse hier. Seit kurzer Zeit verirrten sich gelegentlich sogar kaukasische Bären bis in die Tiefebene zwischen den Meeren. Der Lärm der näher rückenden Front trieb sie vor sich her.
Mit einem Ruck trennte Kolja Körper und Fell. Das Fell legte er auf dem Stuhl ab, während Walodja die Schnur löste, um den Fuchskadaver vom Balken zu nehmen. Der Fleischklumpen fiel neben dem Eimer auf den Lehmboden. Kolja hob ihn auf und trennte den Kopf des Fuchses ab. Aus dem Balg zog er die knöcherne Rute des Fuchses. Den Korpus überreichte er seinem Sohn:
„Walodja, nimm’ den Leib des Fuchses und zieh’ ihn in großem Abstand von unserem Haus einmal um unseren gesamten Hof.“
„Warum?“, fragte Walodja überrascht.
„Damit alle anderen Füchse riechen, dass hier nichts anderes als der Tod auf sie wartet.“
„Und wenn der Geruch Bären und Wölfe anlockt?“
„Du musst den Körper weit entfernt von unserem Hof im Wald ablegen. Dort mag er noch andere Tiere sättigen.“
„Warum hast Du den Kopf abgeschnitten?“
„Wir brauchen das Hirn später noch.“
„Wofür?“
„Um damit den Pelz zu gerben.“
Walodja verzog das Gesicht, doch dann überwog die Neugier:
„Bringst Du mir bei, wie es geht?“
„Natürlich. “
„Wann können wir den Pelz weiter bearbeiten?“
„Wir lassen ihn zwei Tage trocknen. Dann weichen wir ihn wieder ein und entfernen die letzten Fleischreste, auch die Unterhaut.“
„Ich möchte dabei sein, Vater.“
„Gern. Wenn Du zurück kommst, reinige deine Hände. Faulendes Fleisch kann töten. Immer wieder sterben Gerber an der schwarzen Milz.“
Walodja griff nach dem Kadaver und Kolja nahm das feuchte Fell vom Haken. Er prüfte es und entfernte letzte Fetzen Muskelgewebe und Fett. Sie traten nach draußen. Während Kolja den Balg unter dem Vordach des Schuppens in den Wind hing, damit er weiter austrocknen konnte, ging Walodja los:
„Bis gleich, Vater.“
„Bis gleich, mein Sohn.“
Die Wolkendecke riss auf. Das Licht der Aprilsonne fiel wie eine Welle über den Hof und tauchte ihn in goldenes Licht.

 

Dienstag, 22. August 1944

Im Nachhinein wusste Franz nicht mehr, was ihn geweckt hatte. War es das Dröhnen und Rollen der Front, die näher kam? Kaum mehr als zehn Kilometer trennten das Lazarett noch von den 203-mm-Haubitzen der Russen, die monoton in die Stadt feuerten. War es der Lärm abfahrender Fahrzeuge draußen auf dem Hof gewesen? Hatte er vielleicht das Prusten einer Lokomotive gehört? Spielte ihm sein Fieber Streiche? Alles war möglich in diesen Tagen und Nächten. Am wahrscheinlichsten war, dass ihn das Bein geweckt hatte. Sein verfluchtes Bein. Seit mehr als einem Jahr machte es ihm zu schaffen.
Franz schreckte auf seiner Pritsche hoch. Die Pferdedecke, auf der er vor sich hin dämmerte, war durchgeschwitzt. Es lag nicht nur an der Hitze des Hochsommers, die ihn drückend umfasste, sondern auch an der Infektion, die in seinem Körper brandete.
Seit zwei Wochen lag Franz in dem Lazarett unweit des Schwarzen Meeres dicht an der Donau. Er spürte das Klopfen oberhalb seines linken Knies, dort, wo ein Granatsplitter im Sommer des letzten Jahres eine Wunde gerissen hatte und wo nun die erneute Entzündung pochte. Der Splitter hatte seinen Muskel durchtrennt und eine Kerbe in seinen Knochen geritzt. Nur kurz hatte er sich durch das Loch der Hose hindurch überrascht die Wunde anschauen können, um festzustellen, dass der Kratzer auf seinem Knochen aussah wie die Einritzung eines Verliebten, der den Namen seiner Angebeteten in Baumrinde verewigt. Dann war er umgeknickt. Erst auf dem Hauptverbandplatz war er wieder zu sich gekommen.
Der Granatsplitter hatte die Arterie verfehlt. Franz hatte in jeder Hinsicht Glück gehabt. Seine Verletzung war von der Art, wie sie sich viele seiner Kameraden wünschten. Ein Heimatschuss, hieß es zunächst. Man beneidete ihn darum, auch wenn seine Schmerzen, die die schlecht heilende Wunde verursachte, groß waren. Wenn der Oberstabsarzt bei seiner Morgenvisite die Wunde untersuchte, schüttelte er nur mit dem Kopf und sagte, es geht entweder die Sepsis oder das Bein. Franz dachte an das Kratzen der Knochensäge, das er schon oft hatte hören müssen. An die Schreie der Operierten, wenn wieder amputiert werden musste und Schmerzmittel fehlten. Bei jeder Visite versuchte Franz, einen schmerz- und fieberfreien Eindruck vorzugaukeln. Das Bein blieb dran. Entzündungen und Lazarettaufenthalte folgten. Hinter der Kniescheibe steckte noch immer ein Splitter. Die Ärzte hatten ihn nicht entfernen können.
Die Verdorbenheit der Luft nahm Franz den Atem. Eiter. Urin. Kot. Schweiß. Reste von verkochtem Essen. Der Luftzug der gekippten Fenster schob den von Keimen gesättigten Raumdunst wie Pestschwären über die Tragen, angereichert vom Stöhnen und Weinen der Männer, die sich auf blutstockigen Laken wälzten.
Franz schaute zu seiner Rechten, wo Günther Hörcher lag und schlief. Er hatte sich mit dem jungen Leutnant aus Stuttgart angefreundet, der ihn an seinen Bruder Björn erinnerte. Wo Björn wohl gerade steckte? Zuletzt hatte er von ihm im Februar dieses Jahres gehört, als Björn von seinen Erlebnissen an der Westfront in Frankreich an der Marne geschrieben hatte.
Günther Hörcher hatte im März 1944 Erfrierungen an den Füßen erlitten, als er mit seiner Einheit, der Aufklärungs-Abteilung 5 der 5. Infanterie-Division, bei Staraja Russa südlich des Ilmensees den Winter verbracht hatte. Dort oben, im Nordwesten Russlands zwischen Leningrad und Moskau, waren die Winter von unbarmherziger Kraft. In einer Märznacht waren sieben Männer seiner Abteilung auf Vorposten über Nacht erfroren. Günther hatte überlebt, weil ein Artilleriegeschoss ganz in seiner Nähe eingeschlagen war und ihn geweckt hatte. Als er wach geworden war, hatte er seine Füße nicht mehr gespürt. Im Lazarett konnten sie erhalten werden. Sieben Zehen fehlten seitdem. Die Wunden waren mittlerweile wieder verheilt, doch eine Gelbsucht war hinzu gekommen, die dem geschwächten Körper nur langsam entwich.
Neben Günther Hörcher lag Gerhard Bauerkämper, ein Fähnrich aus Lippstadt vom Panzer-Armee-Nachschub 4. Seitdem er vor zwei Wochen auf eine Kastenmine getreten war, fehlten ihm der rechte Unterschenkel und die linke Hand. Er schlief sehr unruhig. Zischelnd sprach er im Schlaf von seinem Vater und trat mit seinem Stumpf in die Luft.
Einige Tragen weiter lag der Obergefreite Josef Meinsen vom Ost-Pionier-Bataillon 454, der seltsam aussah mit seinem halbseitig geschorenen Bart. Der junge Meinsen war immer stolz gewesen auf seinen Bartwuchs, der ihn, den erst 23jährigen, der seit fünf Jahren im Krieg war, deutlich älter aussehen ließ. Vor zwei Tagen hatte ihm in den Hügeln Moldawiens ein Granatsplitter einen Teil seiner Hüfte und ein Stück seines Darms weggerissen, gerade, als er sich morgens rasiert hatte. Zwei Sanitäter hatten die Blutung etwas stillen können und ein Stabsarzt hatte ihn notoperiert. Er hatte ihm Morphium verabreicht, doch die Wirkung hatte nicht lange vorgehalten. Dann war das Fieber gekommen, das ihn von innen verbrannte. Nachdem er vorgestern in das Lazarett gebracht worden war, hatte er einen Tag lang nach seinen Eltern gerufen, erst laut, dann immer leiser. Gestern hatte er im Wahn geflüstert und gebetet. Jetzt hob sich seine Brust nur noch unregelmäßig, und Franz wusste, dass Meinsen die nächste Nacht nicht mehr erleben würde.
Zwei Tragen weiter lag Hauptmann Gernot Petersen, ehemals Führer einer Kompanie der Heeres-Flak-Artillerie-Abteilung 279. Ein Schrapnell hatte ihm beide Augen zerstört. Er lag dort regungslos mit einem Kopfverband. Der Arzt hatte ihm geraten, nicht zu weinen, weil dadurch seine Verletzung zu stark blutete.
Gegenüber Fähnrich Klaus Wilhelm. Einer aus Franz’ Jäger-Division, aus dem 204. Regiment. Der redselige Franke war ein großer Athlet, der oft davon geschwärmt hatte, dass er in seiner Jugend gemeinsam mit Max Morlock Fußball bei Eintracht Nürnberg gespielt hatte. Nach dem Krieg hatte er Fußballer werden wollen. Bei Kostromka war er unter Artilleriebeschuss geraten und hatte beide Beine verloren. Er hätte sie ohnehin nicht mehr bewegen können, da er vom Hals abwärts gelähmt war.
Einige Tragen weiter lag ein Gefreiter aus Herne, der durch Granateinschlag verschüttet worden und zu lange ohne Sauerstoff geblieben war. Dabei hatte er einen Schlaganfall erlitten. Er war an die Pritsche gefesselt, da er zuvor versucht hatte, aufzustehen. Er war über einem frisch Operierten der Brückenkolonne B 138 zusammengebrochen, der daraufhin verblutet war.
Anstelle des Verbluteten lag nun neben dem Gefreiten aus dem Ruhrgebiet ein Rottenführer der Waffen-SS, dem der linke Arm fast abgerissen war. Vermutlich hatte er, als er befürchtete, von Russen gefangen genommen zu werden, durch Selbstbeschuss versucht, seine Blutgruppen-Tätowierung auf dem Oberarm zu entfernen, da er wusste, dass Mitglieder der Waffen-SS sofort exekutiert wurden. Doch dann wurde er nicht gefangen genommen, sondern gerettet. Nun lag er da, haderte mit seinem Schicksal und musste doch gleichzeitig aufgrund seiner desertationsverdächtigen Verletzung um sein Leben fürchten.
Neben ihm lag ein junger Major der Luftwaffe, der die Notlandung seiner Jagdmaschine vor einigen Tagen unweit von Ploiești mit Beinbrüchen überlebt hatte. Man hatte ihn mit einem Mannschaftstransportwagen bergen können, doch das Fahrzeug war bei der anschließenden Fahrt unter Beschuss geraten. Die Fahrer waren aus dem Fahrzeug gesprungen. Auch der Major war trotz seiner Frakturen von seiner Ladefläche gerutscht und davon gerobbt. Doch er hatte seine Fersen aufgrund der Verletzungen nicht auf den Boden pressen können. Ein Geschoss riss ihm ein Stück des Knöchels ab. Wenige Stunden später konnte er gemeinsam mit den anderen Männern geborgen und in das Lazarett von Galatz gebracht werden. Der Major hatte sich noch scherzhaft als rumänischen Achilles bezeichnet. Er hatte von der schrägen Nachtmusik berichtet, die ihm nun zum Verhängnis geworden war. Die schräge Nachtmusik war eine Luftkampftaktik, mit der deutsche Jäger feindliche Bomber, ungesehen von hinten unterfliegend, vom Himmel holten. Seine Beinbrüche waren geschlossen geblieben und wären vermutlich gut verheilt. Doch die Schussverletzung entzündete sich. Seine Erzählungen verebbten, als das Fieber kam. Sulfonamide gab es längst nicht mehr. Sein Tod stand kurz bevor.
Neben ihm vegetierte seit gestern ein Rumäne, der mit Lungenschuss angeliefert worden war. Das Rasseln seines Atems verriet, dass auch für ihn jede Hilfe zu spät kam. Der Weg zum Friedhof war oft begangen, der Tod ein routinierter Besucher.
Franz kratzte sich hinter den Ohren, wo ihn die Läuse besonders piesackten. Verfluchte Mistviecher. Er schaute in den nachtdunklen Korridor der Baracke. Es gab drei solcher endlosen Bauten hier, die alle bis auf den letzten Quadratmeter belegt waren. Auf den Holzliegen dämmerten Hunderte von Verletzten vor sich hin und träumten davon, das Elend dieses Vorhofes der Hölle gegen die Heimat einzutauschen, nicht wissend, dass diese ebenfalls schon dem Zusammenbruch geweiht war.
Franz stöhnte und sank auf seine Decke zurück. Doch wieder ließen ihn Geräusche auf dem Hof vor dem Lazarett aufhorchen. Diesmal irrte er sich nicht. Er hörte startende Motoren, Männer unterhielten sich und zischten sich Anweisungen zu. Durch die Ritzen eines vernagelten Fensters hindurch sah Franz nicht mehr als Linien schwarzen Himmels, die von einigen Sternen und der Mondsichel durchbrochen waren.
Was hatte der Lärm zu bedeuten? Franz beschloss, nachzuschauen, trotz seines Fiebers. Ächzend griff er nach seiner Krücke, erhob sich aus dem Bett und quälte sich in seine Lederstiefel. Dabei platzte die Wunde über seinem Knie wieder auf. Eiter drang unter dem Verband hindurch und lief heiß am Schienbein hinunter. Als er aufstand, spürte er die sämige Flüssigkeit zwischen seinen Zehen.
Das diffuse Licht im Lazarett wies ihm nur undeutlich den Weg zur Tür. Grummeln und Verwünschungen drangen aus den Tiefen der Pritschen, gegen die Franz mit seiner Krücke stieß.
Endlich hatte er sich seinen Weg durch das Lazarett gebahnt. Er trat auf den Hof und traute seinen Augen nicht. Im Licht der Sterne sah er, wie direkt gegenüber vor der Halle der provisorischen Lazarettleitung hektisch die wenigen Fahrzeuge beladen wurden, die dem Lager noch geblieben waren. Ein schwerer Mercedes Laster wurde bepackt, Sanitäter sprangen auf die Ladefläche und schoben Kisten umher.
Im Licht der Nacht erkannte Franz das schweißglänzende Gesicht von Stabsarzt Krüger, der gerade den Beiwagen eines Kradgespanns belud.
Franz humpelte auf ihn zu und packte den Mann am Ärmel:
„Gustav, was ist los hier? Was machst du?“
Krüger fuhr zusammen:
„Franz! Du gehörst ins Bett.“
„Was um Himmels Willen geschieht hier?“
„Das siehst du doch. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern. Die Rumänen werden sich in den nächsten Tagen ergeben. Was meinst du, was dann hier los ist? Die Russen sind im Handumdrehen da. Die hängen uns alle auf.“
„Wo ist der Chef?“
„Der hat sich als erster verpisst. Er ist vor einer halben Stunde mit seinem Fahrer und einer Schwester getürmt. Diese Arschlöcher. Im Opel Olympia, sie hatten sogar noch zwei Plätze frei.“
„Ihr könnt uns doch nicht im Stich lassen! Ohne Ärzte, Pfleger und Schwestern sind wir verloren.“
„Das sind wir alle, wenn der Iwan da ist, Franz. Wenn du schlau bist, haust du auch vorher ab. Schau’ auf deine Schulterklappen. Du bist Oberleutnant. Offiziere werden nicht alt in russischer Gefangenschaft.“
Krüger wandte sich wieder ab, um eine weitere Tasche zu verstauen. Franz packte den Stabsarzt am Revers, ohne sich von den Qualen seines Beins irritieren zu lassen und schüttelte ihn durch:
„Gustav, hier liegen 1.300 Verwundete! Die kannst du doch nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Hier sterben jeden Tag 20 Männer!“
Krüger versuchte, sich aus dem Griff zu befreien:
„Mensch, lass’ mich los! Das weiß ich. Die krepieren sowieso alle, auch ohne mich!“
Die Männer rangen in einem ungleichen Zweikampf, denn trotz seiner kräftigen Statur war Franz aufgrund seiner Verletzung kein ebenbürtiger Gegner. Um sie herum warf das Personal des Lazaretts Habseligkeiten, Kisten und Taschen in die Gespanne und Kübelwagen, die bereits mit laufendem Motor auf ihre letzten Passagiere warteten. Offensichtlich war die Flucht in der Nacht gut vorbereitet.
Krüger schlug auf Franz ein:
„Franz, du Arschloch, lass’ mich los! Ich hab’ drei Kinder, die will ich wieder sehen!“
Krüger löste sich aus der Umklammerung und schubste den Verletzten zu Boden. Franz stolperte nach hinten und fiel. Seine Krücke prallte auf den Verband seines Knies, als er auf dem Boden aufschlug. Ein Schmerz, als habe man die Zinken einer Gabel in die Wunde gerammt, raubte ihm das Bewusstsein. Die Nacht entschwand seinem Blick. Ohnmacht knüppelte ihn nieder. Sein Körper war dankbar für die Güte.
Eine Stunde später, gegen halb fünf am Morgen, setzte Getöse ein. Alle Waffen der Artillerie schienen sich zu einem Konzert verabredet zu haben. Haubitzen, Stalinorgeln und Flugabwehr im Erdbeschuss ließen das Lazarett erbeben. Tödlicher Hagel ging über der Stadt hernieder. Die Sparren der Lazarettbaracken ächzten, wenn die Erschütterungen zu nah kamen. Mörtel rieselte aus dem Dach auf die Verletzten herab, die sich fatalistisch in die Möglichkeit eines bevorstehenden Volltreffers ergaben.
Eine halbe Stunde später war der Beschuss vorbei. Ruhe senkte sich über das Lazarett. Einige der Verwundeten traten vor die Baracken, um Treffer und Schäden am Gebäude festzustellen. Im Hof fanden sie Franz. Sie trugen ihn zurück.

Galatz war im Jahr 1944 eine der fünf größten Städte Großrumäniens. Gelegen in der Region der westlichen Moldau des Königreiches am nördlichen Ufer der unteren Donau, ungefähr 100 Kilometer westlich vom Ufer des Schwarzen Meeres entfernt.
Seit dem 17. Jahrhundert überragten die Kuppeln der St.-Georgs-Kathedrale die geschäftige Stadt, auf der größten rumänischen Werft wurden seit ewigen Zeiten Kriegsschiffe auf Kiel gelegt. Eine Textilfabrik und einige Mühlen, Sägewerke, Fischereibetriebe und landwirtschaftliche Märkte ernährten die Bevölkerung.
Das Bombardement der letzten Monate hatte viele Häuser im Zentrum zerstört. Die Bevölkerung hauste in den Kellern. Wer konnte, hatte längst die Stadt verlassen, um auf dem Land Quartier und Essbares zu finden. Die filigranen Wagen der städtischen Straßenbahn, deren Eröffnung im Jahr 1880 mit einem Volksfest gefeiert worden war, fuhren schon lange nicht mehr zwischen ihren beiden Stationen, den Haltestellen an der Donau und am Bahnhof.
Besondere Bedeutung hatte die Stadt wegen ihres Binnenhafens, der der größte des Landes war. Auch aufgrund der Eisenbahnanbindung war die Stadt seit jeher strategisch bedeutsam gewesen. Vom Personenbahnhof aus verkehrten vor dem Krieg regelmäßig Nahverkehrs- und Schnellzüge nach Bukarest. Doch die herrliche Bahnhofshalle war längst zerstört worden. Nur noch rußige Wände, zertrümmerte Rundbögen und Berge von Schutt kündeten von untergegangener klassizistischer Pracht.
Vor Kriegsbeginn lebten in Galatz ungefähr 100.000 Einwohner. Doch viele tausende der Juden und Roma der Stadt hatten die Pogrome der Eisernen Garde und die Deportationen der Häscher von Marschall Ion Antonescu nicht überlebt. Bereits in den ersten Kriegsjahren hatte die rumänische Armee im ganzen Land und in Zusammenarbeit mit der Gendarmerie und der Geheimpolizei die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung vorangetrieben. Die Juden wurden gesammelt und gezwungen, über den Dnjestr ostwärts nach Transnistrien zu marschieren, in die Region zwischen der Moldau und der Ukraine. Dort wurden sie von der deutschen Einsatzgruppe D in Empfang genommen, exekutiert und verscharrt oder verbrannt.
Seit Beginn der Militärdiktatur und bis zum August 1944 war – ohne dass es dabei besonderen deutschen Drucks bedurft hätte – mehr als die Hälfte aller rumänischen Juden ermordet worden. 500.000 Menschen. Die rumänische Regierung war ein Verbündeter, auf den man in Berlin stolz war.
Das Feldlazarett im Hafen war durch die herankriechende Hauptkampflinie unversehens zum Kriegslazarett geworden. Katjuschas orgelten ihre Melodien und ließen Granaten regnen. Die russischen Einheiten hatten sich von Nordosten aus vorwärts gekämpft und waren den verbliebenen deutschen Kräften der Heeresgruppe Südukraine in jeder Hinsicht überlegen.
Bereits im April des Jahres 1944 hatte ostwärts von Rumänien während der Krim-Schlacht die Vernichtung der 17. Armee der Heeresgruppe Südukraine begonnen. 60.000 deutsche Soldaten gerieten in russische Gefangenschaft, eben so viele deutsche und rumänische Soldaten starben. Allein Zehntausende, die über den Seeweg evakuiert werden sollten, ertranken nach Beschuss ihrer Schiffe im Schwarzen Meer.
Seit dem 20. August 1944 war die Operation Jassy-Kischinew in vollem Gange, die schließlich in kurzer Zeit zur Zerschlagung der Heeresgruppe führen sollte. Hunderttausende von Soldaten düngten bereits mit ihren Körpern die moldawischen Wiesen, die ukrainischen Wälder und die rumänischen Felder. Innerhalb von fünf Tagen wurde der Großteil von 19 Infanteriedivisionen, einer Panzer- und einer Panzergrenadierdivision vernichtet. 150.000 Soldaten starben. 100.000 Männer gerieten in Gefangenschaft. Weitere 50.000 fand man nie wieder. Die 6. Armee, die in Stalingrad zermahlen und danach neu aufgestellt worden war, sollte in diesen Tagen südwestlich von Kischinew am Pruth zum zweiten Mal vernichtet werden. Die 8. Armee wurde in weiteren Kesseln zerrieben.
Zuvor hatte im Juni 1944 die Rote Armee weiter nordwärts die Operation Bagration gestartet. Diese Sommeroffensive sollte zur größten Schlachtenniederlage in der Geschichte aller Kriege führen. Beim Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte fielen innerhalb von wenigen Tagen 28 Divisionen der Wehrmacht. 28 Divisionen. Mehr als eine halbe Million Menschen. Und sie fielen nicht nur. Sie wurden erschossen, zerquetscht, zerfetzt. Sie verendeten, litten, verreckten, im Moment des Todes erkennend, dass ihr Blut die Tinte für die Unterschrift war, die den Pakt mit dem Teufel besiegelt hatte. Sie starben, der seit jeher leeren Bestimmung des Soldaten folgend.
Auf jeden toten deutschen Soldaten kamen drei tote russische Soldaten. Gibt es eine andere Zahl, die den Zorn der Angegriffenen und damit ihre Wut besser legitimiert? Auf jeden toten deutschen Sohn drei tote russische Söhne. Auf jeden toten deutschen Vater drei tote russische Väter. Auf jeden toten deutschen Ehemann drei tote russische Ehemänner. Wanderer, kommst Du nach Russland: In jedem Dorf brennende Häuser, in jedem Dorf tote Kinder und Frauen in Gräbern ohne Zahl. Mein ist die Rache, sprach der Herr. So teilten die deutschen Söhne und Väter ihr Los mit den Millionen von Söhnen und Vätern auf der anderen Seite der Front, als Bestätigung der zeitlosen Erkenntnis, die noch nie einen Krieg zu verhindern half: Die Soldaten sterben im Dreck, die Generale im Bett.

Die Baracken des Lazaretts befanden sich im Güterbahnhof von Galatz in unmittelbarer Nähe zum Hafen, nur wenige Fußminuten vom Bahnhof entfernt. Vor dem Krieg war in dem Gebäude die Kleiderkammer der Donau-Division der rumänischen Marine untergebracht, doch nun lagen dort seit Monaten die deutschen Versehrten unterschiedlichster Einheiten.
Franz kam wieder zu sich. Jemand strich ihm mit einem Tuch den Schweiß aus dem Gesicht. Franz öffnete die Augen und sah in das Gesicht Günther Hörchers, der ihn freudig begrüßte:
„Franz, was machst du für Sachen? Und wo treibst du dich nachts herum? Hast du ein Klopfen gehört und dachtest, da draußen wartet ein hübsches Mädchen auf dich?“
Franz grinste benommen. Er versuchte, sich zu erinnern. Dann fiel es ihm wieder ein:
„Wo ist die Lazarettleitung?“
„Alle weg.“
„Alle Ärzte, Auch das Pflegepersonal? Die Köche? Die Krankenwagen?“
Hörcher nickte, während Franz den Kopf schüttelte:
„Dann werden wir hier krepieren.“
Hörcher nickte wieder und schaute auf seine geballten Fäuste:
„Hast du jemanden getroffen, als du draußen warst?“
„Krüger. Ich habe versucht, ihn festzuhalten. Wir haben uns geprügelt. Dann bin ich gestürzt. Ich kann mich kaum erinnern.“
„Warum hast du nicht Bescheid gesagt, als du raus gegangen bist? Ich hätte auch gerne ein Wort mit den Herren gesprochen.“
„Es war Nacht. Du brauchst deinen Schlaf. Außerdem wusste ich nicht, was geplant war. Mit Fieber denkt man langsam. Das beschissene Bein. Wie spät ist es?“
„Halb 7.“
„Schon so spät?“ Franz schwang sich aus dem Bett, sein Bein ließ ihn fluchen.
„Ruh’ dich noch aus.“
„Nein, Günther, wir haben keine Zeit zu verlieren. Wir müssen uns einen Überblick verschaffen.“
„Warum sofort? Warum wir?“
„Schau’ dich um. Wir sind die ranghöchsten einsatzbereiten Offiziere hier. Die Hauptleute Schmitz und Kopplin werden demnächst sterben, und Major von Begedorf wird nie wieder laufen können.“
Der Schwabe strich sich über die raspelkurz geschorene Kopfhaut:
„Natürlich. Du hast Recht. Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Das heißt, dass wir hier jetzt das Sagen haben.“
Franz nickte:
„Wir müssen raus aus Galatz. Wenn die Russen weiter so feuern, sind wir in spätestens Tagen erledigt. Was machen deine Füße?“
„Hör’ auf, mich daran zu erinnern. Ich habe sie noch, das ist das einzige, was zählt. Wozu braucht man schon Zehen?“
„Und deine Gelbsucht?“
„Du weißt doch, die Krankheit ist jedem Soldaten willkommen, immerhin stoppt sie das Hungergefühl.“
Franz stand auf.
„Brauchst du nicht deine Krücke?“, fragte Günther verwundert.
Franz schüttelte den Kopf und lächelte grimmig:
„Wenn ich sie nicht mehr mitnehme, kann ich nicht mehr darüber fallen.“
Er stieg erneut in seine Treter, warf sich seine Feldjacke über die Schultern und die Männer traten vor die Baracke.

 

II

Kolja zog den Fuchspelz unter den Augen seines Sohnes aus dem Zuber. Einen Tag hatte der Pelz im Wasser gelegen, immer wieder war er von Walodja durchgeknetet worden. Einige Male hatte Kolja das Wasser ausgetauscht, dazu hatte er Essig gegeben, auch Kräuter, damit sich die Unterhautreste besser ablösen ließen.
In der Küche roch es nach Wald und Pflanzen. Kolja hatte in einem Tiegel einen Sud aus Fichtenborke, Eichenrinde und Kermekwurzeln angerichtet. Der Inhalt des Tiegels köchelte vor sich hin, immer dunkler, immer kräftiger werdend, bis er ihn vom Feuer nahm und draußen vor dem Haus erkalten ließ.
Während Kolja begann, mit der stumpfen Seite einer Klinge letzte Fleischreste von der Unterseite des Pelzes zu schaben, erklärte er seinem Sohn die Bedeutung des Suds:
„Die Haut eines Pelzes wird mehrmals gegerbt. Erst leicht, dann stärker. Wenn wir ihn im ersten Schritt zu stark gerben, schließt sich die Haut, bevor die Gerbstoffe die gesamte Haut durchdringen können. Dann kann die oberste Schicht faulen.“
„Warum muss überhaupt gegerbt werden? Der Pelz sieht doch gut aus.“
Kolja spülte den Pelz noch einmal durch und streifte das Wasser ab:
„Wenn wir den Pelz nicht gerben, wird er bald brüchig oder zerfällt. Die Haare haben keinen Halt und fallen aus. Sieh’ nur, wie schön der Pelz ist. Was für ein tiefes Rot!“
Er hielt den Fuchsbalg in das Licht der Sonne, Vater und Sohn bewunderten den Pelz. Schließlich spannte Kolja den Pelz mit der Hautseite nach oben auf einen Holzrahmen. Aus dem Schuppen holte er schließlich den Fuchsschädel und eine Säge:
„Wenn man den Schädel mit einem Hammer öffnet, spritzt die Hirnmasse in alle Richtungen. Deshalb müssen wir den Schädel aufsägen.“
Er schnitt das Fell des Fuchses über der Schädelplatte auf und begann, ein Dreieck aus der Schädeldecke heraus zu sägen. Schließlich konnte er ein knöchernes Dreieck abheben, durch das ein Löffel passte, mit dem er die Hirnmasse in eine Schüssel zog. Es hörte sich an, als würde man das Innere eines Hühnereis auskratzen. Walodja hielt sich die Nase zu:
„Wie hältst Du den Geruch aus, Vater? Es stinkt furchtbar. So etwas Ekliges habe ich noch nie gerochen.“
Kolja näherte seine Nase der grauen, wackligen Masse und atmete ein:
„Ist es wirklich nur der Geruch? Oder ist es nicht eher das Gefühl, dem Tiefsten, Persönlichsten einer Kreatur zu nahe zu sein? Wir wollen mit Respekt und Demut arbeiten. Schließlich hilft das Gerben, zumindest der Hülle des Tieres ein langes Leben zu geben. Es ist eine sehr alte Methode. Deinem Großvater wurde damals erklärt, dass schon Indianer mit dem Hirn der getöteten Rinder ihre Felle gegerbt haben.“
„Tatsächlich?“
Kolja nickte:
„Die Hirnmasse wird mit den Händen in die Haut gerieben.“
Er griff nach dem Holzrahmen, auf den der Pelz gespannt war, und reichte ihn seinem Sohn:
„Du kannst anfangen.“
„Ich soll das Hirn auf der Haut verteilen?“
„Natürlich. Trage es kräftig auf.“
Skeptisch schaute Walodja auf die Schlingenmasse, die von Einsprenkelungen und Schlieren bedeckt war. Es war kaum mehr als die Menge eines Apfels. Mit Widerwillen griff er in die Schüssel und nahm das Gehirn in die Hand. Es war schwer und fühlte sich an wie vollgesogenes Moos. Ermunternd gab Kolja seinem Sohn einen Klaps, und dieser begann, das Fuchshirn in die Pelzhaut zu reiben. Glänzend und schmierig blieb es auf der Haut haften. Schon bald arbeitete Walodja so konzentriert, dass ihn der Geruch nicht mehr störte. Sein Vater beobachtete ihn dabei, er war zufrieden. Nach einiger Zeit hatte Walodja sein Werk vollendet und betrachtete es:
„Was machen wir jetzt, Vater?“
„Wir hängen den Pelz wieder zum Trocknen auf. Morgen werden wir die Hirnreste abkratzen und den Pelz in eine Grube legen. Zuvor bestreichen wir ihn mit unserem Sud. Er enthält viele Gerbstoffe, die die Haut des Pelzes ganz durchdringen. Wir werden ein Brett über die Grube legen und warten.“
„Wie lange wird der Pelz in der Grube liegen?“
„Einige Wochen. In dieser Zeit nimmt er auch die Duftstoffe und Öle des Suds in sich auf. Er stinkt dann nicht mehr.“
„Und dann ist er fertig gegerbt?“
„Dann ist er fertig gegerbt.“, bestätigte Kolja lächelnd, „Wir werden die Hautseite mit einem Ei und Wollwachs einfetten und den Pelz über einem Brett geschmeidig machen.“
„Und dann können wir daraus eine Mütze für Allotschka nähen.“
Kolja nickte:
„Richtig. Das wird deine Mutter tun. Ich werde den Pelz wieder unter dem Dach zum Trocknen aufhängen. Und du musst dir erneut gründlich die Hände waschen.“
Walodja stand auf, um am Brunnen Wasser empor zu ziehen. Towarisch bellte und riss an seiner Kette, als Walodja näher kam. Er ging zu ihm, beugte sich hinunter und streichelte ihn. Aufgeregt leckte der Hund seine Hände ab, an denen das Fuchshirn war, und er versuchte, an ihm hochzuspringen. Fast warf er Walodja dabei um und der Junge lachte:
„Das riecht aufregend, nicht wahr? Nicht so stürmisch, mein Bester!“
Towarisch gehörte Walodja. Er hatte ihn als Welpen geschenkt bekommen, weil der alte Hund gestorben war und sie einen neuen Wachhund brauchten. Auf einem Markt in Krymskaya hatte er ihn sich aus einem großen Wurf aussuchen dürfen. Das war vor acht Jahren gewesen. Die Hälfte seines Lebens hatte Walodja also schon mit Towarisch verbracht.
Manchmal schimpfte Kolja darüber, dass Walodja Towarisch verzogen habe. Für einen Wachhund war der Hund zu gutmütig. Man müsse den Hund mit Schlägen scharf machen, damit er Diebe abschreckt, meinte Kolja. Daraufhin machte sich Jelena über ihren Mann lustig, der den Vorgänger von Towarisch ebenfalls zu einem wedelnden Lamm erzogen hatte. Sie hatte den Vorgänger von Towarisch Potemkin genannt, weil er ihrer Meinung nach nur die Illusion eines Wachhundes war.
Plötzlich bemerkte Walodja, dass die Aufmerksamkeit des Tieres nicht der schleimigen Masse an den Fingern seines Herrchens galt. Der Hund schlug an, weil sich ein feldgrauer Lastwagen mit schwarz-weißen Kreuzen auf den Türen ihrem Hof näherte, der etwas abseits von den anderen Häusern der Siedlung lag. Jetzt hörte man ihn über die unbefestigte Straße rumpeln, eine Wolke aus Dreck und Ruß hinter sich herziehend, und die Soldaten, die auf der Ladefläche hockten, wurden durcheinander geschüttelt. Kolja war aufgestanden, mit dem Pelzrahmen in der Hand. Angespannt sagte er zu seinem Sohn:
„Geh’ ins Haus zu deiner Mutter und Allotschka.“
Walodja lief an die Haustür und schrie in das Haus hinein:
„Sie kommen, versteckt euch!“
Towarisch bellte wie irr. Er sprang hoch, die Kette riss den jaulenden Hund zurück.
Der Lastwagen fuhr auf den Hof und Kolja ging ihm entgegen. Wenige Meter vor ihm bremste der Laster und die Soldaten sprangen von der Ladefläche. Aus dem Fahrerhäuschen stieg ein deutscher Feldwebel. Er ging auf Kolja zu und rief:
„Gib’ uns Essen! Schweine. Kühe. Hühner. Gemüse. Weizen. Dawai, dawai!“
Kolja verstand ihn nicht. Er schüttelte den Kopf und antwortete auf Russisch, was wiederum der Feldwebel nicht verstand. Ungeduldig gab er Kolja eine Ohrfeige, die ihn fast zu Boden warf. Sein Rahmen fiel hin, das Fuchsfell löste sich, leuchtend wie ein Mohnblatt kam die intensive Fellfarbe zum Vorschein, während der Feldwebel erklärte:
„Ich bin nicht hier, um zu diskutieren.“
Walodja kam aus dem Haus gelaufen, stolpernd vor Hast, um seinem Vater aufzuhelfen.
Der vierschrötige Unteroffizier winkte einen Greis aus dem Fahrzeug heraus, der eine zerfranste Mütze aus Rattenfell trug und verängstigt näher kam. Walodja kannte ihn. Es war Pjotr aus dem Dorf, der einige Brocken Deutsch sprach. Der Feldwebel sprach ihn mit kurzen Sätzen an und Pjotr wandte sich mit leiser und entschuldigender Stimme an Kolja, der das Blut seiner Lippe ausspuckte:
„Sie wollen Essen. Alles, was ihr entbehren könnt. Alles, was ihr habt. Und du sollst deinen Hund beruhigen. Sonst erschießt er ihn.“
Kolja konnte Pjotr nicht verstehen, da Towarisch noch immer wie verrückt bellte:
„Was sagst du?“
Während Pjotr das Gesagte wiederholte, nahm der Feldwebel seine Pistole aus dem Halfter, ging zur Hundehütte, zielte aus kurzer Distanz auf den Hund und schoss.
Pjotr zuckte zusammen. Walodja schrie auf und lief zu seinem Hund, der zusammengebrochen war. Die Kugel hatte den Kopf verfehlt. Sie war in die Schulter des Hundes eingedrungen und am Unterleib ausgetreten, wo sie ein Loch gerissen hatte. Blut lief glitzernd über das kurze Fell an Schultern und Bauch und Towarisch leckte es ab. Walodja ging vor dem Hund auf die Knie und nahm den Kopf seines Hundes in die Hände. Er schaute Towarisch in die Augen, in denen sich Verwunderung und Todeskampf spiegelten.
„Töte ihn richtig!“, schrie Walodja, außer sich vor Entsetzen.
„Was sagt er?“, fragte der Feldwebel, der seine Pistole wieder verstaute, Pjotr neugierig. Pjotr übersetzte und der Feldwebel lachte:
„Zwei Kugeln für einen Köter? Es ist schon schade um die eine.“
Walodja griff nach einem Knüppel, der an der Wand der Hundehütte lehnte. Der Feldwebel griff wieder nach seiner Pistole:
„Wenn Du Dummheiten machst, knall’ ich Dich ab, Junge.“
Walodja beachtete ihn nicht. Er ging zu Towarisch und hieb mit aller Kraft auf den Schädel des Hundes ein, um das Leiden des Tieres zu beenden. Noch einmal. Und noch einmal. Endlich verstummte das Winseln. Walodja warf den Knüppel fort und sank weinend zu Boden.
Unterdessen waren zwei der Soldaten in den Hühnerstall eingedrungen, während die anderen mit vorgehaltenen Maschinenpistolen in das Haus stürmten. Als die Soldaten wieder aus dem Stall kamen, trugen sie in jeder Hand an den Klauen zusammengebundene, wild zappelnde Hühner. Sie schoben den protestierenden Kolja aus dem Weg und warfen die Hühner auf die Ladefläche des Lastwagens.
„Das sind alle unsere Hühner!“, schrie Kolja auf, „Lasst uns wenigstens die Hälfte.“
Pjotr übersetzte und der Feldwebel winkte ab:
„Sag ihm, ich weiß genau, dass sie ihr Viehzeug versteckt halten. Das machen doch alle hier.“
Die Soldaten, die das Haus gestürmt hatten, traten wieder heraus. Einer von ihnen hielt einen Topf mit frischer Grütze in den Händen, ein anderer trug Eier in einem Weidenkörbchen heraus, das Jelena und Allotschka im Winter gebastelt hatten. Außerdem raubten sie Brot, Getreide, Kohl, Kartoffeln und Salz. Der letzte der Männer, der vor das Haus trat, zog Jelena und Allotschka an den Armen hinter sich her und rief:
„Seht, hier habe ich noch zwei Hühnchen gefunden!“
Die Männer lachten. Allotschka riss sich los, lief zu Kolja und klammerte sich an das Bein ihres Vaters. Der Soldat, der Jelenas Arm noch immer umklammert hielt, grinste:
„Na, mir bleibt ja noch diese hübsche Babuschka.“ Er griff Jelena an die Brust und sie schlug nach seiner Hand, worauf der Mann kicherte.
Walodja sprang auf und lief auf den Deutschen zu. Er ließ sich nicht von den Rufen der Soldaten aufhalten, die ihre Karabiner empor rissen. Wie von Sinnen warf sich Walodja auf den Soldaten. Dieser ließ Jelena los und trat einen Schritt zur Seite. Er griff nach dem Lauf seiner Pistole und verpasste Walodja mit dem Griffstück einen Schlag auf den Kopf. Wie gefällt ging der Junge zu Boden. Jelena schrie auf und schlug nun nach dem Deutschen, verfehlte ihn aber. Dann kauerte sie sich auf den Boden, um den Kopf ihres Sohnes in ihrem Schoß zu bergen. Dabei überschüttete sie den Soldaten, der plötzlich verlegen wirkte, mit einem Wortschwall. Sie war außer sich.
Aus Walodjas Platzwunde sickerte Blut. Jelena wischte es fort, doch sofort füllte sich die Kerbe in der Schläfe wieder.
„In Ordnung, wir sind fertig hier! Aufsitzen!“, rief der Feldwebel.
Die Soldaten sprangen auf die Ladefläche des Lastwagens. Der Feldwebel schubste Pjotr in die Fahrerkabine und setzte sich neben ihn. Nachdem der Fahrer den Motor mit einer Fehlzündung und beißendem Qualm gestartet hatte, setzte sich das Fahrzeug in Bewegung. Es wendete in einem Halbkreis auf dem Hof und fuhr einige Meter, um dann plötzlich zu stoppen. Die rechte Tür öffnete sich und der Feldwebel sprang erneut aus dem Fahrzeug. Ohne die russische Familie eines Blickes zu würdigen, griff er nach dem Pelz im Staub. Er bemerkte die Schmierigkeit auf der Unterseite und wischte sie an einigen Grasbüscheln ab. Der Feldwebel winkte Kolja mit einem Zwinkern zu, lachte und ging, den Pelz unter dem Arm zusammengerollt, zum Lastwagen zurück, der mit laufendem Motor gewartet hatte.
Der Lastwagen der Wehrmacht fuhr los. Als er schon fast hinter den ersten Bäumen des Wäldchens verschwunden war, warf einer der Soldaten mit einer nachlässigen Handbewegung ein Paar der zusammengebundenen Hühner von der Ladefläche. Im Federwirbel flatterten die Tiere zu Boden. Walodja wollte aufstehen, um sie zu holen. Doch Zorn stieg in ihm auf, in einem so mächtigen Gefühl, dass es über ihm zusammenschlug und ihm Atem und Kraft nahm. Nur halb aufgerichtet und gestützt von der Mutter, sackte er in sich zusammen. Allotschka lief zu den Hühnern, um sie zurück auf den Hof zu tragen.

 

Dienstag, 22. August 1944

Nur wenige Kilometer donauabwärts feuerte die Artillerie der Roten Armee unablässig in die Stadt und ließ Rauchpilze über den Stadtvierteln wachsen. Die Sonne stieg blass über den Hügeln des Hinterlandes empor, und zwischen den Detonationen ließ sich das Singen einer unverzagten Amsel vernehmen. Die Wärme des Morgens ließ die Kühle der Nacht verdampfen. Über der Donau trieben Nebelschwaden und hüllten die aus dem Wasser schauenden, zerborstenen Binnenkähne in erträglicheres Weiß.
Über Nacht hatte sich das Lazarettvorfeld verändert. Nun stand am Bahnhofskai ein feldgrauer Zug, der aus über 20 Drehgestellwagen bestand. Eine Lokomotive fehlte. Auf jedem der Waggons prangte ein rotes Kreuz auf weißem Grund. Franz und Günther waren überrascht. Gestern hatte der Lazarettzug noch nicht dort gestanden. Wie und wann und warum war er dort hingekommen? Die Männer gingen über den Vorplatz der Barackenbauten zum Gleis, das direkt am Wasser parallel zur Donau verlief.
Die Beschilderung an einer der Fahrzeugtüren des Waggons wies den Zug als Lazarettzug 676 aus. Franz öffnete die Tür. Gestank nach Exkrementen und der rostige Geruch von Blut drangen ihm entgegen. So schnell sein Knie es zuließ, humpelte er die Stufen empor, Günther folgte ihm. Sie durchschritten den ersten Waggon. Vielleicht war er mal für Leichtverletzte gedacht, doch auf den Sitzbänken lagen Schwerstverletzte und Amputierte, überall in dem Gang standen Tragen. Franz und Günther zwängten sich durch zwei Dutzend schwer verwundete Soldaten hindurch, Bandagierte inmitten Laken, deren einstiges Weiß den Farben von Eiter, Blut, Urins und Kot gewichen war. Hände reckten sich ihnen entgegen. Die Männer waren ausgetrocknet und apathisch, gelegentlich hörte man Krächzen.
„Ich hole Wasser! Schau’ nach, wie viele Menschen sonst noch hier im Zug sind!“, rief Günther und sprang bei der nächsten Tür aus dem Waggon. Franz betrat den folgenden Waggon und humpelte hindurch. Auch dieser war belegt mit Halbtoten. Ebenso die weiteren vier Waggons. Eine Küche im nächsten Waggon schloss sich an, ebenfalls mit Verwundeten belegt, wie auch der anschließende Schlaf- und Speisewagen für die Mannschaft und ein Materialwagen.
Der Wagen, den Franz danach betrat, war ein fahrender Operationssaal. Vor einem der Operationstische stand ein Mann mit dem Rücken zu ihm, der eine Schürze trug. Dieser drehte sich nicht um, sondern blieb in gebeugter Haltung stehen, sein Blick auf den Tisch gerichtet, auf dem ein Mann lag. Der Boden unter dem Stahltisch war in einer Pfütze von Blut verschwunden.
Als Franz an den Arzt herantrat, sah er, dass der Mediziner bis zu seinen Ellenbogen in der Bauchhöhle des Soldaten steckte und seine Hände nicht mehr bewegte. Geronnenes Blut lag in Klumpen zwischen den Tüchern, die den Operationstisch säumten.
„Wie heißen Sie?“, sprach Franz ihn an.
Jetzt erst bemerkte ihn der Arzt. Er folgte dem Blick von Franz, der auf dem toten Soldaten und seinen Eingeweiden ruhte und sagte entschuldigend:
„Exitus in tabula.“
„Wie heißen Sie?“
„Dass ein Mensch so viel Blut in sich hat, nicht wahr?“
„Nennen Sie mir bitte Ihren Namen.“
„Er war eigentlich auf dem Weg der Besserung. Aber plötzlich bekam er eine Schwellung und die Naht platzte auf. Eine Entzündung, verbunden mit starken inneren Blutungen. Die Ruptur war zu stark. Ich musste ihn wieder öffnen.“
„Sie haben Ihr Bestes getan.“, sagte Franz und berührte den Mann an der Schulter, „Wie ist Ihr Name?“
„Es ist nicht möglich, unter solchen Bedingungen einen Leberriss zu heilen“, schüttelte der Stabsarzt den Kopf, während er noch immer in der Bauchhöhle des Toten verharrte:
„Dabei sah es zunächst harmlos aus. Ein Rippenbruch. Beim Sturz von einer Behelfsbrücke.“
Franz versuchte es nochmals:
„Bitte nennen Sie mir Ihren Namen.“
Brütend schaute der Arzt den Oberleutnant an. Sekunden verstrichen. Plötzlich schüttelte er sich, ein Schauer durchlief ihn, und in einer abrupten Geste schrak er auf:
„Ich bin Stabsarzt Ross. Ärztlicher Leiter dieses Lazarettzuges.“
„Wie viele Menschen sind im Zug?“
„Meinen Sie, wie viele noch leben? Vor fünf Stunden waren es 356. Pro Stunde stirbt einer.“
„Haben Sie keine Pfleger und Schwestern hier?“
„Doch. Sie wollten Wasser holen.“
„Wann?“
„Es ist eine Weile her.“
„Und wo sind sie jetzt?“
„Ich weiß es nicht.“
„Wann haben Sie zum letzten Mal geschlafen?“
„Gestern. Oder vorgestern? Es gibt so viel zu tun.“
„Sind Sie Chirurg?“
„Ich bin Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Aber jeder Arzt wird im Krieg zum Chirurgen.“
Franz griff nach einem Handtuch, befeuchtete es mit dem Wasser, das den Boden einer Karaffe bedeckte und wischte dem Arzt das Blut von den Unterarmen.
Er nahm ihm die Schürze ab und führte ihn zu einer Stelle des Operationswaggons, die noch nicht von Blut bedeckt war. In einem der Schränke fand er eine Decke, die er dem Stabsarzt reichte:
„Legen Sie sich hin und ruhen Sie sich aus. Sie brauchen Schlaf, sonst brechen Sie zusammen. Dann nützen Sie niemandem mehr. Wir werden Sie wecken.“
Der Stabsarzt ließ sich zu Boden drücken. Er rollte sich wie ein Kind in die Decke und schlief sofort ein.
Franz verließ den Operationswagen und durchquerte die letzten Waggons, um die Insassen zu zählen, die in dreistöckigen Betten übereinander lagen. Viele der schmalen waren doppelt belegt. Insgesamt lebten in den Wagen des Lazarettzuges noch 347 Soldaten, viele Mannschaftsdienstgrade, einige Unteroffiziere, eine Handvoll Offiziere niederen Ranges.
Günther war unterdessen zu einem Pumpenhaus gelaufen, um Wasser zu holen, damit die Verwundeten ihren Durst löschen konnten. Dort hörte er Hilferufe. Zu seiner Überraschung entdeckte er in einem Kellerraum einen Unterarzt, zwei Pfleger und zwei Schwestern, die man dort eingesperrt hatte. Ohne Worte zu verlieren, liefen diese sofort mit gefüllten Eimern zum Lazarettzug, um den Dehydrierten des Zuges das ersehnte Wasser zu bringen.
Während dessen betrat Franz wieder den ersten Waggon und sprach dort einen Mann an, der matt in der Koje seines Hochbetts lag:
„Von welcher Einheit sind Sie?“
„Armee-Nachrichten-Regiment 570.“
„Und die anderen?“
„Aus jedem Dorf ein Köter, Herr Oberleutnant.“
„Von woher kommen Sie?“
„Aus einem Behelfslazarett ein paar Fahrtstunden nördlich von hier. Wir wurden vor zwei Tagen verladen. Seitdem haben wir kaum was getrunken. Bitte geben Sie mir Wasser. Ich verdurste.“
„Wasser ist unterwegs. Wer hat euch hierher gebracht?“
„Ich weiß es nicht.“
„Warum hat man euch hier abgestellt?“
„Ich weiß es nicht.“
„Sollt ihr von hier aus weiter fahren?“
„Ich weiß es nicht.“
„Warum habt ihr keine Lokomotive?“
„Wir haben keine Lokomotive?“
Neben dem Waggon schlug eine Granate in die Donau ein. Kaum 50 Meter entfernt stieg eine Wassersäule auf. Die Druckwelle ließ die Scheiben klirren und die Wände der Waggons erzittern. Ein zweiter Einschlag folgte, vielleicht 30 Meter entfernt. Schließlich ein dritter Einschlag, weniger als 20 Meter vom Zug entfernt. Die Trommelfelle knallten. Einige Scheiben zerbarsten, Glassplitter regneten auf die Betten.

 

 

 

Manuskript 2 – „Friseure, ein jüdisches Ohr und ein Lancia“

Der Protagonist Schebela stirbt mit 39 Jahren in Berlin und findet sich im Jenseits wieder – in einem Kino, in dem er sein eigenes Leben von der Geburt bis zum Tod auf der Leinwand verfolgt. Er sieht seine Jugend, seine Begegnungen, seine große Liebe Patrice und seine seltsame Verbundenheit mit Erich Maria Remarque, dessen verschollenen legendären Lancia – ein Geschenk Samuel Ullsteins – er in einer Brandenburger Scheune fand. Als die Kinovorstellung endet, begibt sich Schebela auf die Suche nach dem Schriftsteller, um ihm von seinem Lancia-Fund zu erzählen. Er begegnet im Jenseits, einer modernen Spielart des Infernos aus der Göttlichen Komödie von Dante Allighieri, realen und mythischen Personen und Wesen der jüdischen Geschichte und findet Remarque nach einer Reise durch faszinierende Welten der Hölle schließlich in den Elysischen Feldern – in bester Gesellschaft beim Skat mit einem vergessenen Komödianten, mit dem Jugendfreund Friedrichs des Großen und einer weiteren Persönlichkeit, die hier nicht verraten wird. (293 Normseiten)

 

(Leseprobe, ab Seite 91, Kapitel 6:)

Einige Tage später rief Murat ihn an:
„Hey, Schebela, Ich fahre heute raus nach Stolzenhagen und wollte fragen, ob du mich begleitest. Dort soll in einer Scheune eine echte Schönheit stehen.“
„In Stolzenhagen? Wo liegt das?“
„Direkt hinter Wandlitz. Da, wo die Bonzen wohnten. Du weißt schon, Volvograd. So haben es die Ossis genannt.“
„Und was soll da sein?“
„Ich habe einen Tipp bekommen, dass dort jemand ein Traumauto zu stehen hat und nicht weiß, wohin damit. Heute Nachmittag fahre ich hin. Du musst mitkommen. Wenn ein Türke vor dem Haus steht, machen die ihre Tür doch gleich wieder zu. Außerdem sehen vier Augen mehr als zwei. Ich komme um 17 Uhr bei dir vorbei.“
Am Nachmittag holte Murat ihn mit seinem alten Jeep ab, der einen Anhänger zog. Es regnete. Die Hitze der ersten Junihälfte war einem verregneten Waschgrau mit frischen Temperaturen gewichen. Sie fuhren los, und bald verschwanden die monotonen Berliner Straßenzüge zugunsten des weiten Blaus und des lebendigen Grüns der märkischen Landschaft.
Nach einer Stunde Fahrt hatten sie ihr Ziel erreicht. Stolzenhagen hatte schon bessere Tage gesehen. Die Häuser reihten sich wie blinde Perlen hintereinander auf, ein zerfurchtes Band uralten Kopfsteinpflasters zog sich durch das Hufendorf. Ein Schäferhund schlug an, als sie aus ihrem Auto stiegen. In der Bushaltestelle schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite rauchten gelangweilt zwei Dorfjugendliche, die kaum älter als zehn Jahre waren.
Schebela und Murat standen vor einem baufälligen Gehöft am Rande der Dorfstraße. Der Bauernhof sah so aus, als wäre er seit Jahren nicht mehr bewirtschaftet werden, aus dem modrigen Fachwerk rutschten bröckelnde Lehmgefache. Im Hof verrostete ein Aktivist Traktor aus glorreichen sozialistischen Zeiten, daneben stand ein ähnlich betagter Hänger. Die Fenster im oberen Stockwerk des Hauses waren vernagelt.
„Wie kommst du darauf, dass hier etwas zu holen sein soll?“, fragte Schebela.
„Es ist nur eine Ahnung, aber meine Türkennase juckt. Ein neuer Lehrling von mir kommt aus diesem Kaff. Er ist hier groß geworden. Neulich saßen wir beim Bier zusammen. Wir kamen auf klassische Scheunenfunde zu sprechen und Sylvio meinte, dass er als Kind beim Spielen in einer der Scheunen ein uraltes Fahrzeug gesehen hat. Er hat geschworen, dass das Fahrzeug uralt gewesen sein soll. Ein bisschen wie ein tiefer gelegter Ford T.“
„So so, ein tiefer gelegter Ford T.“
Schebela schüttelte den Kopf.
Sie betraten den Hof und gingen zur Haustür. Dort las Schebela den Namen, der auf dem Holzschild stand. Pielka. Er klingelte, während Murat sich im Hintergrund hielt. Nichts geschah. Er klingelte ein zweites Mal. Und ein drittes Mal. Endlich öffnete eine ältere, untersetzte Frau in einem zerschlissenen Küchenkittel. Lockenwickler hingen in ihrem wirrweißen Haar.
Aus verschlagenen Augen blickte sie Schebela und Murat misstrauisch an und raunzte:
„Wat jibt’s denn?! Wat wollt ihr?!“
„Guten Tag, Frau Pielka“, sagte Schebela freundlich, „Wir haben gehört, dass Sie ein altes Auto in der Scheune haben, das nicht mehr gebraucht wird.“
„Ach ja? Wer sagtn ditte?“, argwöhnte die Alte.
„Na, der Sylvio Frenzel. Der hat hier im Ort gewohnt, erinnern Sie sich? Vor kurzem ist er nach Berlin gezogen und jetzt arbeitet er bei uns.“
„Der Sylvio? Der is ja nun nich jrade der Hellste. Der ist doch zu blöd zum Milch holen und lässt dit Geld inner Kanne liegen.“
„Bei uns stellt er sich eigentlich immer ganz geschickt an. Und er hat viel von ihnen geschwärmt, Frau Pielka“, meinte Schebela mit weicher Stimme.
„Von mir jeschwärmt? Ihr könnt mich mal anne Füße fassen! Ne alte Frau so zu verklapsen, schert euch fort!“, fluchte die Bäuerin und schob die Tür wieder zu. Schebela hatte damit gerechnet. Schnell stellte er seinen Fuß auf die Schwelle und sagte mit seinem charmantesten Lächeln:
„Doch, doch, Frau Pielka. Der Sylvio hat immer gesagt, also, die Frau Pielka, die ist verdammt clever. Die weiß, wo eine Mark zu holen ist. Die verkauft dem Teufel noch Feuerzeuge. Stimmt’s, Murat?“
Murat nickte und zog beiläufig ein Bündel Geldscheine aus der Tasche, das er mit geübten Fingern auffächerte.
Der alten Pielka war es nicht entgangen. Sie schien plötzlich unschlüssig und überlegte einen Moment:
„Hm, kann schon sein, det ick da wat habe“, brummte sie, „Mein Mann hat mal erzählt, dass er hier vor Uhrzeiten nen altet Auto unterjestellt hat. Wollter irjendwann flott machen. Is’ aber Jahrzehnte her.“
Ihre Augen glitzerten gierig:
„Billich wird dit nicht für euch, dit kann ich euch flüstern. Hier waren schon einige da. Und die waren alle interessiert.“
„Natürlich, Frau Pielka“, nickte Schebela, „Dürfen wir uns denn das Auto mal anschauen?“
„Na, von mir aus.“
Die alte Frau suchte im Flur nach einem Schlüsselbund, trat aus dem Haus und zwängte sich in ein Paar Gummistiefel hinein. Wortlos stapfte sie zur Scheune und wies die beiden Männer mit einem genervten Nicken des Kopfes an, ihr zu folgen. Die Alte öffnete ein Vorhängeschloss und schob das Tor zur Seite. An zwei verwaisten Schweinekoben und mehreren Pferdeboxen vorbei gingen sie nach hinten, wo hinter offensichtlich vor Jahrzehnten ausrangierten Küchenmöbeln ein wahrer Berg an Sperrmüll lagerte.
Sie zeigte auf den Haufen:
„So, da drunter is die Karre. Aber et sollte mir wundern, wenn der Rost und die Ratten nich schon allet zernagt hätten.“
Schebela betrachtete den Schrott, der bis zum Scheunendach ragte. Stühle, Heizkörper, Rohre, kaputte Garderoben, Fliesenbruch, Unmengen von Kartons, Kleidersäcke, Bretter und Fahrräder aus den Anfängen des Drahteselbaus. Auf allen Gegenständen lagerte zentimeterdicker Staub. Er wechselte einen kurzen Blick mit Murat, der dasselbe dachte. Wenn sich darunter ein Auto verbarg, hatte es seit einer Ewigkeit niemand mehr gesehen.
„Darunter soll ein Auto sein? Was denn für eins?“, fragte Murat.
„Eins mit Rädern“, grunzte die alte Frau ungehalten, „Nen Auto eben.“
Listig fügte sie hinzu:
„Müssta halt selba kiekn. Ihr werdets nur rauskriejen, wenn ihr anfangt, uffzuräumen. Tut ma den Jefalln und räumt den Schrott gleich uffn Hänger. Ruft mir, wenn ihr fertig seid. Und macht mir ja nix schmutzig!“
Kichernd zog sie davon.
Murat seufzte:
„Wehe, darunter ist nur ein alter Wartburg. Dann kann sich Sylvio gleich morgen eine neue Lehrstelle suchen.“
Sie begannen mit der Arbeit.
Nach einer halben Stunde war ein großer Teil des Unrats abgetragen. Mehrere Pferdedecken, die ein großes Objekt verhüllten, kamen unter halb verrotteten Kartons zum Vorschein. Als Murat eine der Decken anhob, erblickte er ein Speichenrad. Hektisch arbeiteten sie weiter und kurze Zeit später war es soweit. Schebela und Murat schlugen die Decken zurück. Eine Staubwolke erhob sich, die sie husten ließ und die den Geschmack verstrichener Jahrzehnte zwischen den Zähnen zurückließ.
Als sich der Staub wieder gesenkt hatte, erblickten Schebela und Murat das Heck eines echten Oldtimers. Langsam und ehrfürchtig gingen sie um den atemberaubenden Veteranen herum. Es war ein lang gestreckter Roadster von monumentaler Größe. An einigen Stellen war unter trübem Schmutz die tiefschwarze Lackierung zu erkennen. Vom geschlossenen, dunkelgrauen Verdeck waren in dem korrodierten Gestänge nicht mehr als einige verbrannt aussehende Fetzen zu erkennen. Der Kofferraum stand offen. Er war leer. Die durch ein schmales Trittbrett verbundenen Kotflügel liefen in geschmeidigen Wogen nach vorn und brachen sich am Scheitelpunkt vor einem mächtigen, maschendrahtbezogenen Kühler. Darunter hing ein vor Dreck starrendes Nummernschild. Die Reifen hatten sich nahezu aufgelöst und säumten die eleganten Speichenräder wie zerfressene Nerzmäntel. Zwei bauchige Rundscheinwerfer prägten die Fahrzeugfront.
Sie strichen ungläubig mit ihren Fingern über das uralte Automobil. Schebela fand als erster seine Sprache wieder:
„Ein Italiener?“
Murat nickte. Er machte sich bereits am Kühler zu schaffen. Mit Spucke und seinem T-Shirt rieb er vorsichtig das Emblem frei. In einem abgerundeten Wappen kam eine blaue Fahne auf weißem Grund zum Vorschein.
„Ein Lancia“, meinte Murat atemlos. „Und zwar ein ganz besonderer. Ein Lancia Lambda, so etwas wie ein Mythos. Ein Meilenstein aus Stahl. Das erste Fahrzeug der Welt mit selbsttragender Karosserie, Einzelradaufhängung und VR-Motor. Niedriger Schwerpunkt. Geringes Gewicht. Sensationelle Straßenlage.“
„Lancia Lambda“, wiederholte Schebela andächtig, „Wie alt mag der sein? 70 Jahre?“
„Ja, das kommt gut hin“, nickte Murat.
Schebela pfiff durch die Zähne:
„Was ist er wert?“
„Ein kleines Vermögen bestimmt“, meinte Murat, „Wahrscheinlich ein großes.“
Sie schauten sich den Fahrzeuginnenraum an. Alle Armaturen und Schalter waren vorhanden, auch wenn sie unter dem Staub kaum noch zu entdecken waren. Der Tacho zeigte unglaubliche 36.412 Kilometer an. Das Furnier des verbauten Holzes löste sich an einigen Stellen. Die roten Ledersitze waren zerschlissen, Sprungfedern ragten aus dem Polstermaterial hervor. Murat öffnete die Motorhaube und warf andächtig einen Blick auf das prächtige Aggregat:
„Der Motor sieht gut aus! Innenraum mäßig. Karosserie auf den ersten Blick okay, bis auf die Beulen wegen des abgestellten Schrotts. Die Türaufhängungen sind allerdings hinüber. Total ausgeleiert, standen ja die ganze Zeit offen, schau’ dir die Spaltmaße an, da kannst Du einen Schraubenschlüssel durchwerfen. Das Verdeck ist im Arsch. Und das Fahrwerk, das weiß der liebe Gott.“
Murat schaute Schebela an:
„Ich will dieses Auto unbedingt.“
Wenig später klingelten sie erneut bei der alten Pielka. Die Alte öffnete und ihr Gesicht verzog sich zu einem schadenfrohen Grinsen, als sie die beiden verschmutzten Interessenten erblickte:
„Na, hat sichs jelohnt?“
„Für Sie schon“, antwortete Schebela, „Ihr Schrott ist auf dem Hänger. Aber uns hat es nicht viel gebracht. Das Auto ist gerade noch gut genug für die Schrottpresse. Zu lange Standzeit.“
Die alte Pielka lachte verächtlich:
„Zu lange Standzeit? Dit könnta jemanden erzählen, der dit Licht mitn Hammer ausmacht. Dit Ding ist wat wert. Also, wieviel?“
„Wir wären bereit, 2.000 Mark zu zahlen“, meinte Murat.
Frau Pielka drohte Murat mit der Faust:
„Türkenbengel, verkoof ma nich für doof. Ick hab schon Jeschäfte jemacht, da warst du nochn scheelet Grinsen im Gesicht von dein Vater. Ick jeh selber ma kiekn.“
Sie ging mit den beiden zurück in die Scheune und betrachtete neugierig das alte Fahrzeug. Offensichtlich hatte sie es noch nie zuvor gesehen.
„Seit wann steht das Auto hier?“, wollte Murat wissen.
„Keene Ahnung.“
„Und woher kommt es?“
„Woher soll ick dit wissen? Bin ick Jesus? Ha’ ick nen Dornenkranz uffer Murmel?“
„Schon gut“, beschwichtigte Murat, „Was verlangen Sie?“
„20.000.“
„Das ist ja wohl ein Apothekenpreis.“ Schebela winkte ab, „Wir wollen nicht den Bauernhof kaufen, sondern nur das Auto. Es ist ja noch nicht mal ein deutsches Auto, sondern nur ein Italiener. Eine Art Fiat, ein besseres Pizzablech auf Rädern. 5.000 Mark, unser letztes Wort.“
„Kleener, ick weeß, wat dit Auto wert is. Piss mir nich’ inne Tasche und sag, dit is Regen. 15.000.“
„10.000 und abgemacht.“ Schebela hielt der alten Frau die Hand hin.
„Abjemacht.“ Frau Pielka schlug ein.
„Nur Baret ist wahret. Her mit der Kohle.“
Murat zählte der alten Stolzenhagenerin 10.000 Mark in die Hand. Seine Finger zitterten leicht, er konnte seine Aufregung kaum verbergen. Sie waren soeben stolzer Besitzer eines Lancia Lambda geworden. Besitzer eines automobilen Traums, der auf der ganzen Welt nur noch wenige Dutzend Mal existierte.

Es dauerte eine Weile, bis Schebela und Murat den Oldtimer mit der Winde des Jeeps auf den Anhänger gezogen hatten. Mittlerweile war es dunkel geworden. Als sie die Arbeit beendet hatten, klingelten sie noch einmal bei der alten Pielka.
Unwirsch machte sie die Tür auf:
„Wat is denn nu schon wieder? Ick dachte, ihr seid endlich weg.“
„Wir haben im Fahrzeug keine Unterlagen gefunden“, sagte Murat, „Und da dachten wir, wir fragen noch mal nach. Haben Sie vielleicht doch noch irgendwo eine Besitzurkunde rumzuliegen, eine Rechnung oder einen Namen, irgendetwas?“
Die alte Frau schaute erst Murat und dann Schebela an, zu dem sie schließlich sagte:
„Sach ma, bei dein Kumpel fällt der Jroschen aber in Pfennije, wa? Dit ha’ ick euch doch jetz schon dreimal jesagt: Ick habe nüscht.“
„Wirklich gar nichts? Nicht einmal eine Adresse?“
„Ihr könnt wirklich nerven. Wenn ick jetz nochma kieken gehe, lassta dann ne alte Frau in Ruhe?“
„Versprochen.“ Schebela nickte.
„Na, denn kommt mit.“
Die alte Frau trat erneut aus dem Haus und ging mit ihnen über den Hof. Zur Rechten im Halbdunkel der Scheune befand sich eine unscheinbare Tür, die sie aufschloss. Sie betraten eine bestens eingerichtete Werkstatt. Die alte Frau seufzte:
„Hier hat der alte Pielka selig immer jewerkelt, bisser 1975 unsern Gasofen reparieren wollte. Bumm. Dabei war er so’n patenter Bursche. Wenn er bloß nich immer so viel jesoffen hätte.“
Sie zückte ein Taschentuch und schnäuzte sich die Nase. Sie zeigte auf einen der schlichten Metallspinde, der an der Wand stand:
„Kuckt ma da rin. Dit war sein Autoschrank. Wenn überhaupt, dann ist da noch wat drin.“
Schebela und Murat öffneten den Schrank. Darin verstaubten einige Lampen und Blinker, die von Wartburg und Trabant stammen mochten. Eine vergilbte Bedienungsanleitung für einen Borgward Lloyd 300, diverse Werkzeuge und zwei Autobatterien. Sicherungen und Dichtungsringe. Außerdem ein Pappkarton, in dem Schrauben, Schlüssel, Nägel und Metallreste lagerten. Murat und Schebela wühlten darin herum, konnten aber nichts Besonderes entdecken. Schebela schob den Karton zurück. Dabei bemerkte er, dass etwas zwischen Karton und Schrankwand klemmte. Er tastete im Dunkel des Schranks herum und zog schließlich ein Lederetui hervor. Er öffnete es und heraus fiel ein alter Schlüssel. Murat musterte ihn und erkannte darauf das fein ziselierte Logo der Firma Bosch.
„Ist das der Zündschlüssel?“ fragte Schebela.
Murat nickte:
„Ich glaube schon. Er sieht zwar aus wie ein alter Lastwagenschlüssel. Aber das war früher so üblich. Sicherlich original.“ Murat steckte das Etui und den Schlüssel ein und lächelte die alte Frau an:
„Besten Dank für Ihre Mühe, Frau Pielka. Sie haben uns wirklich weiter geholfen.“
Die Alte wehrte beschwichtigend ab: „Nu mach’ ma hier nich den Lohenjrin. Und seht zu, det ihr Land jewinnt. Ick will in Bett.“
Schebela und Murat fuhren zurück nach Berlin. Schebela rief Patrice an und erzählte ihr von ihrem Fund. Sie luden das rostige Schmuckstück in Murats Werkstatt in Kreuzberg ab. Anschließend gingen sie in der Oranienstraße essen. Sie zogen weiter und im SO36 beschlossen sie, das ergraute Autojuwel gemeinsam aufzuarbeiten, zu verkaufen und den Erlös auf den Kopf zu hauen. Es war ein wunderbarer Anlass, sich zu betrinken. Sie stießen auf italienische Autos und das Wohl der alten Pielka an.

Nach einer intensiven Bestandsaufnahme waren Schebela und Murat zuversichtlich, den Lancia Lambda innerhalb der nächsten Monate restaurieren zu können. Murat setzte sich mit Sattlereien und Verdeckspezialisten in Verbindung und kontaktierte Lancia-Fanclubs.
Patrice besuchte die beiden in der Werkstatt und bestaunte den Wagen mit gebührendem Respekt. Das historische Fahrzeug weckte auch ihre Neugier. Eines Tages saß sie am Werkstattcomputer und surfte im Internet, während Schebela in Autobildbänden blätterte und nach alten Aufnahmen von Lancia Lambdas suchte. Plötzlich stand sie hinter ihm und umarmte ihn:
„Hast du nicht gesagt, dass wir füreinander bestimmt sind?“, flötete sie in sein Ohr.
„Ja, und?“ Er musste lachen, weil sie ihn kitzelte.
„Dafür habe ich gerade einen weiteren Beweis gefunden. Weißt du, wer vor ungefähr siebzig Jahren einen Lancia Lambda fuhr?“
„Keine Ahnung.“
„Erich Maria Remarque.“
„Quatsch.“
„Doch, ernsthaft“, fuhr Patrice fort, ging zum Computer zurück und las auszugsweise aus einem Online-Artikel vor, „Remarque war begeistert von Automobilen. In den 20er Jahren hat er als Werbetexter unter anderem Comics für Continental gezeichnet und Kurzgeschichten rund um das Auto geschrieben. Im Jahr 1930 hat ihm der Ullstein-Verlag als Option für das nächste Werk nach seinem Welterfolg Im Westen nichts Neues einen nagelneuen Lancia Lambda geschenkt. Und jetzt halt dich fest: Seit den späten 30er Jahren gilt das Auto als verschollen, und zwar in Berlin. Vielleicht ist es der Lancia, den ihr gefunden habt?“
Schebela winkte ab und lachte. Als Patrice sich verabschiedet hatte, ging er in die Werkstatt, in der Murat mit zwei seiner Angestellten damit beschäftigt war, den Motorblock aus dem Lancia zu heben. Gemeinsam wuchteten sie das Monstrum mit der Winde aus dem Chassis. Während Murat und seine Kollegen dem italienischen Motorenbau in ehrfürchtigen Lobpreisungen huldigten, öffnete Schebela die Fahrertür und nahm hinter dem Lenkrad Platz. Das patinierte Leder knarrte, verbogene Sprungfedern bohrten sich in sein Gesäß. Seine Hände strichen über das hölzerne Lenkrad und über den Schaltknauf aus gebürstetem Aluminium. Vor ihm am Armaturenbrett steckte der Zündschlüssel im Schloss, an dem das große lederne Etui baumelte, rechts daneben befand sich der Startknopf. Sein Blick glitt über die Uhr mit den feinen römischen Ziffern und über die filigranen Kippschalter. Er betrachtete die lederne Ablagetasche, die sich in der Fahrertür befand. Sie hatten den Wagen schon mehrmals nach kleinsten Spuren und Hinweisen abgesucht, die Aufschluss über die Herkunft des Fahrzeugs geben könnten.
Plötzlich fiel ihm ein, dass sie zwar überall, aber nicht im Etui nach weiteren Spuren gesucht hatten. Er bohrte seine Hand tief in das enge Schlüsselfutteral und fingerte darin herum, während er Murat zusah, der sich mit schwerem Werkzeug über das antike Triebwerk hermachte.
Dann ertastete er ein Stück Papier. Neugierig zog er es hervor. Er faltete den Schnipsel auseinander, der kaum größer als ein halber Bierdeckel war. Offensichtlich war es der Rest eines Geschäftspapiers. Rechts oben auf dem fleckigen Papier konnte er den eleganten Briefkopf eines Unternehmens und ein handschriftlich mit Tinte eingetragenes Datum erkennen. Das Papier stammte vom Karosseriebetrieb Voll & Ruhrbeck aus Charlottenburg und war am 12. Februar 1931 ausgestellt worden. In der gleichen Handschrift war noch eine Adresse zu erkennen, durch die die Abrisskante des Papiers lief. Mit Mühe entzifferte Schebela die Zeichenfolge serdamm 114. Er dachte kurz nach. Natürlich. Kaiserdamm Nummer 114.
Schebela sprang aus dem Auto:
„Murat, ich habe eine Adresse.“
Murat versuchte gerade mit brachialer Gewalt, festgewachsene Verschraubungen am Motorblock zu lösen. Schweiß glitzerte auf seiner Stirn.
„Was für eine Adresse?“, keuchte er.
„Schau selbst. Ein alter Briefbogen, von Voll & Ruhrbeck, aus Charlottenburg. Sagt dir das etwas?“
Murat setzte verblüfft den Schraubenschlüssel ab und wischte mit dem Ärmel über sein Gesicht:
„Natürlich. Voll & Ruhrbeck war vor dem Krieg einer der berühmtesten Karosseriebetriebe Europas. Früher ließen sich reiche Kunden für ihre geliebten Spielzeuge ein eigenes Blechkleid entwerfen. Voll & Ruhrbeck hat in den 30er Jahren den legendären Wasserfall-Kühler des Bugatti 57 C gebaut.“
„Auf dem Zettel steht die Adresse Kaiserdamm 114. Ich fahre hin. Kommst du mit?“
„Keine Zeit“, antwortete Murat knapp, „Viel Erfolg.“
Schebela fuhr bis zum Ernst-Reuter-Platz und bog in die Bismarckstraße ein, die in den Kaiserdamm überging. Bald hatte er sein Ziel erreicht. Er stellte sein Fahrrad vor dem Haus ab und betrachtete den unscheinbaren, rotbraun gestrichenen Altbau, dessen Fassade von vier Loggien geprägt war. Er warf einen Blick auf das Klingelschild und studierte die Namen. Doch was sollten sie ihm schon verraten? Er seufzte und trat einige Schritte zurück, um das Haus noch einmal zu betrachten. Erst jetzt fiel ihm das Metallschild auf, das einen knappen Meter unter der Hausnummer angebracht war:
„Hier wohnte 1925 der Schriftsteller Erich Maria Remarque, der bis 1931 in Berlin lebte. In dieser Zeit entstanden die Antikriegsromane „Im Westen nichts Neues“ und „Der Weg zurück“. Remarque wurde am 22.06.1898 in Osnabrück geboren und starb am 25.09.1970 in Locarno.“
Schebela bekam weiche Knie. Er zündete sich eine Zigarette an und inhalierte tief, während vor ihm der Verkehr den Kaiserdamm abwärts Richtung Zentrum brauste. Die Situation war nun eine andere, Spekulation wich der Gewissheit. Mit großer Wahrscheinlichkeit hatten sie den Lancia Lambda von Erich Maria Remarque gefunden, einem der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er griff nach seinem Mobiltelefon, rief Patrice an und erzählte es ihr.
„Oh“, sagte sie und lachte, „Das ist schön. Dann nennen wir euren Lancia Karl, das Chausseegespenst.“
Schebela wusste, dass sie sich auf das Buch Drei Kameraden bezog, in dem Karl, ein struppiger Rennwagen, eine bedeutende Rolle spielte.
„Findest du diese Zufälle nicht seltsam? Erst dein Name und mein Vorname. Dann das Auto. Und jetzt schon wieder Remarque?“
Sie gluckste:
„Es gibt keinen Zufall. Was wir Zufall nennen, ist nur der Zufluchtsort der Unwissenheit.“
„Das hast du schön gesagt.“
„Nicht wahr? Leider ist es nicht von mir, sondern von Spinoza.“
„Du überraschst mich immer wieder, meine Schöne.“

Schebela fuhr zurück in die Werkstatt und setzte sich dort erneut an den Computer. Er brachte in Erfahrung, dass Remarque ein Faible für die italienische Nobelmarke gehabt zu haben schien. Nach dem geschenkten Lancia Lambda hatte Remarque einen weiteren Lancia bestellt. Dieser zweite Lancia war ein Lancia Dilambda. Er hatte mehr Dampf unter der Haube, den er aus acht Zylindern mit insgesamt vier Litern Hubraum sog. Mittlerweile war dieser Lancia Dilambda wieder in seiner Heimat gelandet, er stand bei einem Automobilliebhaber in Norditalien. Im Jahr 1998 war der Lancia Dilambda anlässlich des hundertsten Geburtstages von Remarque im Foyer des Hotels Remarque in Osnabrück, der Geburtsstadt des Autors, ausgestellt worden.
Einige Tage später lag ein Brief im Briefkasten der Werkstatt, der Schebela elektrisierte. Er kam aus Osnabrück und war vom Erich Maria Remarque-Friedenszentrum abgeschickt worden. Er enthielt eine Broschüre, die Schebela dort angefordert hatte. Die im Jahr 1998 aufgelegte Schrift setzte sich mit den Automobilen des Schriftstellers auseinander. Die Nationalsozialisten hatten den Lancia Lambda beschlagnahmt, als Remarque nach der Machtergreifung Hitlers aus Deutschland in die Schweiz geflohen war, wo er viele Jahre zuvor eine prächtige Villa am Ufer des Lago Maggiore in Porto Ronco erworben hatte. Damals hatte er die Flucht aus Berlin mit dem größeren Lancia Dilambda angetreten, während der Lancia Lambda zurückbleiben musste. Die Nationalsozialisten forderten Geld für die Auslösung des Fahrzeugs. Remarque zahlte, aber er konnte seinen Lancia nicht abholen, da ihm seine sichere Verhaftung gedroht hätte. Die Nationalsozialisten nahmen schließlich sogar Remarques Schwester in Haft und ließen sie ermorden, da sie ihres Bruders nicht habhaft wurden. Schließlich verloren sich die Spuren des Fahrzeugs in den Wirren der Berliner Vorkriegszeit. Seitdem galt das Geschenk des Ullsteinverlags als verschollen. Ein Satz in dem Artikel ließ Schebela aufspringen: Zugelassen war der Wagen mit dem Kennzeichen IA 69865.
Schebela rannte in die Werkstatt, um sich das Kennzeichen ihres Oldtimers anzuschauen, das abgeschraubt und unbeachtet in einem Regal lag. Er wusch es vorsichtig mit warmem Wasser ab und stellte fest, was er längst wusste. Der Lancia Lambda von Frau Pielka aus Stolzenhagen war das Auto von Erich Maria Remarque, dessen Auflage seines berühmtesten Werkes nur noch von der Bibel übertroffen wurde. Der Lancia Lambda aus der Stolzenhagener Scheune trug das Kennzeichen IA 69865.
Als Murat in der Werkstatt eintraf und er ihm von seiner Entdeckung erzählte,  fielen sie sich jauchzend in die Arme. Sie tanzten durch die Werkstatt und schrien vor Freude. Als sie sich wieder beruhigt hatten, begannen sie zu grübeln. Es blieben Fragen, auf die sie keine Antworten fanden. Wie kam der Lancia Lambda nach Stolzenhagen? Wann und warum? Schebela und Murat stellten weitere Recherchen hinten an. Sie wollten nicht zu viel Staub aufwirbeln. Es war sehr wahrscheinlich, dass die Besitzverhältnisse rund um das Fahrzeug völlig unklar waren. Damit würden sie riskieren, ihr Schmuckstück zu verlieren. Sie konzentrierten sich also auf die Restauration des Fahrzeugs.
Murat und zwei seiner Gesellen zerlegten und überarbeiteten den Motor vollständig, Verschleißteile wurden ausgetauscht. Sie merkten bald, dass es schwierig war, an Ersatzteile zu gelangen. Viele Teile mussten sie neu anfertigen.
Schebela ging einem der Meister bei den Karosseriearbeiten zur Hand. Die Substanz der Bleche war nicht schlecht, aber die linke A-Säule war vom Winker abwärts verrottet. Ein steter Wassertropfen, durch ein Loch im Scheunendach ermöglicht, hatte ganze Arbeit geleistet. Sie entfernten die verrosteten Stellen und fertigten neue Bleche an, sie verzinnten und schliffen.
Das Getriebe, die hydraulisch gedämpfte Teleskop-Federbeinachse und die hintere Starrachse wurden generalüberholt, ebenso das Getriebe und die Schrauben- und Blattfedern. Sie widmeten sich den feinen Jäger Instrumenten. Tachometer und Uhr, Drehzahlmesser und Öldruckanzeige wurden penibel gewartet, gereinigt und poliert.
Eine Sattlerei aus dem Harz war mit der Reparatur des Verdecks und des Verdeckgestänges beauftragt worden. Sie schickte einen Fachmann, der direkt vor Ort viele Tage mit der Maßanfertigung verbrachte. Als Murat und Schebela sahen, dass er hervorragende Arbeit leistete, beauftragten sie ihn damit, auch die Sitze neu aufzupolstern und die Türen mit Leder zu verkleiden.
Ende November ging die Karosserie in eine benachbarte Lackiererei, in der man den originalen Farbton auftrug. Im Dezember trennte sich Murat schweren Herzens von einem seiner geliebten Muscle Cars, um das Lancia-Projekt weiter finanzieren zu können. Sein 1971er Dodge Polara V8 in Hellgrün Metallic wechselte den Besitzer. Murats Laune besserte sich erst wieder, als im Januar 2001 der Kühler des Lancias, die Lampenringe und Schrauben, Griffe, Radkappen und Fensterholme eintrafen, die in einem Kreuzberger Galvanisierbetrieb neu verchromt worden waren.
Am 3. Februar 2001, einem schneeverregneten Samstag, war es endlich soweit. Die Restaurierungsarbeiten waren abgeschlossen. Schebela und Murat hatten eine Feier in der Werkstatt vorbereitet. Es gab ein Buffet mit italienischen Spezialitäten. Dazu Birra für die Herren, Prosecco für die Damen, Grappa für alle. Die Gäste standen im Kreis und schauten erwartungsvoll auf die Plane, unter der der Lancia Lambda auf seine Enthüllung wartete. Patrice war auserkoren, das Tuch zu entfernen. Einer der italienischen Lehrlinge hatte die Stereoanlage eingeschaltet, aus den Boxen dröhnte zu Ehren des Firmengründers Vicenzo Lancia Fratelli d’Italia, die italienische Nationalhymne. Nach einer kurzen Ansprache Murats zog Patrice die Plane fort.
Er sah aus wie neu. Der schwarze Lack des Lancia Lambda glänzte wie heißes Erdöl, der Chrom blitzte. Die knallroten Polster verströmten den Duft von edlem Connolly-Leder, wunderbar geborgen unter dem anthrazitfarbenen Verdeck.
Murat und Schebela klappten das Verdeck nach hinten. Sie nahmen hinter dem Lenkrad Platz. Murat kontrollierte den Öldruck, drehte den Schlüssel herum und drückte den Startknopf. Es gab einen ohrenbetäubenden Knall, der die Sektgläser auf den Tischen zum Vibrieren brachte. Grauer Qualm schoss aus dem Auspuffrohr und unter der flach geschnittenen Motorhaube des legendären Veteranen erwachte ein kraftvoll rasselndes, durstiges Biest. Schebela schaute Murat an und musste grinsen. Zum ersten Mal sah er seinen Freund weinen.
Sie tauften den Lancia auf den Namen Karl das Chausseegespenst und gossen etwas Champagner über die Motorhaube. Aufgrund des schlechten Wetters verzichteten sie auf eine Ausfahrt. Allerdings hatte Murat noch etwas bekannt zu geben. Er stand vom Fahrersitz auf und bediente die Hupe, deren markerschütternder Klang alle Gäste verstummen ließ. Er war längst nicht mehr nüchtern, allein vom Röhren des bissigen Vierzylindermotors, den er jetzt abstellte, war er berauscht:
„Ich danke Euch allen, die Ihr mit eurem Einsatz und eurem Können diesen heutigen Tag möglich gemacht habt. Und ich möchte euch etwas Tolles mitteilen. Ich habe unseren Lancia beim Concorso d’Eleganza in der Villa d’Este am Comer See angemeldet. Im April präsentieren wir unser Chausseegespenst auf der berühmtesten Autoschau der Welt. Alles andere als die Coppa d’Oro wäre eine Riesenenttäuschung!“
Die Gäste applaudierten jubelnd. Schebela stand nun ebenfalls auf. Er legte seinen Arm um Murats Schultern, hob sein Glas und sprach:
„Ich möchte einen Toast ausbringen. Trinken wir auf den Mann, der bereits vor über 70 Jahren die sportliche Eleganz dieser automobilen Schönheit zu schätzen wusste. Auf den Mann, der das Auto vor langer Zeit mit schwerem Herzen zurücklassen musste und für den wir herausfinden werden, wie es damals verschwand. Trinken wir auf Erich Maria Remarque.“
Sie kippten die Gläser.

An sonnigen Märztagen machten sie einige Probefahrten, die reibungslos verliefen. In dicke Jacken gehüllt, mit Mützen und Handschuhen saßen sie im Lancia und ließen sich von begeisterten Autofahrern anhupen und von fröhlichen Passanten zuwinken. Schebela und Murat, die hinter dem breiten Lenkrad saßen, bekamen mächtigen Muskelkater. Sie verstanden nun, warum Chauffeure früherer Tage ein breites Kreuz und starke Arme hatten. Die Lenkung war schwergängig, es kostete viel Kraft, das Gefährt um die Kurven zu wuchten.
Ende März beherrschten Routine und Tagesgeschäft wieder das Geschehen in der Werkstatt.
Der Lancia Lambda wartete in Bestform auf seinen bevorstehenden Schaulauf in Italien. Schebela beschloss, einen weiteren Versuch zu starten, um den Weg des Lancia Lambda in die Stolzenhagener Scheune zu rekonstruieren.
Über einen Bekannten erhielt er Zugang zum Stadtarchiv Berlin, in dem er sich Hinweise über die Lagerung der von den Nationalsozialisten beschlagnahmten Güter erhoffte. Dort hörte man sich Schebelas Ansinnen interessiert an und erzählte ihm, dass sämtliche Akten und Dokumente des Stadtarchivs ab Juli 1943 an verschiedensten Orten außerhalb Berlins untergebracht worden waren, damit sie nicht im Feuer der Bombenangriffe vernichtet werden konnten. Darunter hatte der Aktenbestand der Zeit vor 1945 gelitten. Einige der Unterlagen waren erst im Laufe der 60er Jahre wieder an ihren angestammten Platz zurückgekehrt. Der Archivar machte Schebela nicht allzu viel Hoffnung, führte ihn aber zu den Räumen der Beständegruppe E, in der unter anderem die Nachlässe namhafter Berliner Familien und Unterlagen über prominente Bürgerinnen und Bürger archiviert waren.
Drei Tage verbrachte Schebela im Archiv. Als er schon entnervt aufgeben wollte, wurde er doch noch fündig. In einem dünnen Ordner entdeckte er einige Dokumente aus der Vermögensverwertung-Stelle. Sie hatte sich in der Straße Alt-Moabit 143 befunden und war über das Reichsfinanzministerium und die Finanzämter mit der Liquidierung jüdischer und staatsfeindlicher Vermögen beauftragt gewesen. Er stöberte eine kurze Verwaltungsvorschrift auf, die nur für den Dienstgebrauch bestimmt war und in der die Durchführung der zwangsweisen Sicherstellung devisenwerter Besitzstände jüdischer Berliner Familien durch die Gestapo in feinstem Amtsdeutsch geregelt war, akkurat unterschrieben und abgestempelt vom SS-Obersturmbannführer Steinbrenner. Besonders interessant erschien Schebela eine Liste mit zwei mutmaßlichen Lageradressen im Anhang, die er sich notierte.
Er überprüfte die Anschriften. Die erste Adresse existierte schon längst nicht mehr. Aus der Prinz-Albrecht-Straße, in der früher Gestapo und SS ihre Zentralen hatten, war mittlerweile die Niederkirchner Straße geworden. Dort, wo einmal ein Lagerhaus gestanden haben mochte, breitete sich heute eine Wiese des Dokumentationsprojektes Topografie des Terrors aus.
Die zweite Anschrift führte Schebela in die Bessemerstraße in Schöneberg zwischen S-Bahnhof Südkreuz und Arnulfstraße. Er radelte während einer Mittagspause dorthin. Als Schebela die richtige Hausnummer gefunden hatte, stellte er zu seiner Überraschung fest, dass das Gebäude die wechselvollen Zeiten unbeschadet überdauert zu haben schien. Die alte Halle im klassizistischen Baustil war wohl erst vor kurzer Zeit restauriert worden. Sie hatte große schmiedeeiserne Tore und bis auf den Boden reichende Fenster.
Das Gebäude war Teil eines Betriebshofs für Recyclingstoffe, in der Halle konnte Schebela zusammengepresste und gestapelte Papierballen erkennen. Der Weg an der Fassade entlang führte ihn zum Pförtnerhaus. Der Mann dort konnte ihm nicht weiterhelfen. Über die Geschichte der Lagerhalle wusste er nichts zu berichten.
Der Zufall kam Schebela zur Hilfe. Er ging zu einem Kiosk in der Nähe, wo er sich ein Päckchen Zigaretten und einen Kaffee holte, der wahrscheinlich bereits seit den Morgenstunden auf der Heizplatte stand und bekömmlich wie ein Tritt in die Nieren war. Er ließ sich davon nicht stören, stellte sich an einen der Kiosktische, trank die Lorke und genoss seine Zigarette. Am Nebentisch standen drei ältere Herrschaften, die Rumverschnitt aus kleinen Flaschen stürzten.
Schebela grüßte sie, zeigte auf die alte Halle und fragte:
„Können Sie mir sagen, was dort früher gelagert wurde?“
„Warum willstn das wissen, Junge? Schnaps auf jeden Fall nich, dit wüssten wa“, antwortete der Dickste von Ihnen und seine beiden Zechkumpane lachten.
Der Dicke fügte hinzu:
„Davor waren die Berliner Verkehrsbetriebe drin. Es war ein Depot, die ham da ihre Streufahrzeuge jewartet.“
„Und davor?“
„Davor waren die Amis drin. Die ham da Parties für ihre Offiziere gefeiert.“
„Und davor?“
„Davor waren die Nazis drin. Naja. Dit is ja tausend Jahre her.“
„Und was haben die Nazis da drin gemacht?“
Der Dicke schaute Schebela mit gehobenen Augenbrauen an, dann zwinkerte er seinen Freunden zu:
„Kinder, seid ihr auch so durstich?“
Schebela verstand den Wink und bestellte am Kiosk vier Kurze. Mit den Rumfläschchen stellte er sich zu den drei Männern. Die Ringe der Verschlüsse knackten.
Der Dicke schaute Schebela prüfend an:
„Warum willstn wissen, was die Nazis da drin gemacht haben?“
„Ich habe einen Oldtimer gefunden und suche nach seiner Herkunft. Angeblich war er hier mal untergestellt.“
„Hört, hört. Was denn für ’ne Karre? Ich kenn’ mich ein bisschen aus.“
„Ein Lancia Lambda. Frühe 30er Jahre.“
Die Männer kippten ihren Rum und der Älteste meinte:
„Feiner Wagen. Kann schon sein, dass der hier mal stand. Ich bin hier groß geworden. Da drüben haben wir gewohnt, in der Eythstraße. Und es stimmt, die Nazis haben in der Halle Autos gelagert. Richtig feine Autos. Maybach, Mercedes, Horch und so. Mensch, wat haben wir jekiekt. Ich war damals ungefähr zehn. Den ganzen Tag haben wir uns hier rumgedrückt in der Hoffnung, mal wieder eine von den Luxuskarossen zu sehen und so. Solange, bis die Wachen uns verscheucht haben.“
„Was geschah mit den Autos?“
„Immer mal wieder ist eines abgeholt worden. Sie wurden auf geschlossenen Hängern rausgebracht. Jeder hier wusste, was das für Autos waren und so. Die gingen entweder gleich an irgendwelche Nazibonzen oder kamen unter den Hammer.“
Der Dicke holte eine weitere Runde Rum, während sein Bekannter fortfuhr:
„Am 6. März 1944 griffen die Amerikaner mit über 650 Fliegenden Festungen und Liberator-Bombern an. Es war der erste Tagesangriff der Amerikaner überhaupt. Deshalb hat er alle überrascht und so.“
Der Mann zeigte auf das Gebäude:
„Ursprünglich war die Halle doppelt so lang. Sie hat an dem Tag einen Volltreffer gefangen. Rumms. Danach fehlte die linke Hälfte und so. Bei uns Zuhause sind noch die Scheiben aus dem Kitt gebröselt, so laut war dit. Naja, wir Jungs sind natürlich sofort raus aus dem Keller, als der Angriff vorbei war und zur Halle und so. Die brannte lichterloh und wir sahen, wie einige der Autos aus dem noch intakten Teil der Halle rausgefahren wurden. Der Dachstuhl brannte bereits. Es hatte Tote und Verletzte gegeben. Später haben wir gehört, dass an dem Tag einige Fahrzeuge einfach verschwunden sind. Auch viele Gemälde sind abhanden gekommen und so. Da haben ein paar Leute schnell geschaltet und die Sachen vom Hof gebracht und irgendwo untergestellt und so.“
„War das nicht gefährlich? Die hätte man doch an die nächste Wand gestellt, wenn man sie dabei erwischt hätte.“
„Ach, woher denn? Hier herrschte das blanke Chaos und so. Auf die Autos wurde sowieso nicht geachtet. Das Retten der Gemälde hatte Vorrang, da man sich von ihnen mehr Devisen versprach. Sie waren leichter zu verticken als Autos. Ein Bild im Wohnzimmer ist diskreter als ein Benz in der Auffahrt.“
Seine beiden Begleiter nickten andächtig:
„Da sagste was Wahres, Manni.“
Schebela bedankte sich für die Information:
„Sie haben mir sehr weitergeholfen.“
Der alte Mann blickte sinnierend über den Betriebshof der Halle:
„Dabei war es eigentlich ein Fehlschuss. Die wollten ja den Rangierbahnhof Tempelhof und die Bahntrassen treffen und so. Kannste direkt rüberspucken von hier. Das Bahngelände fängt direkt hinter der Hecke an.“
Schebela orderte drei weitere Fläschchen, bedankte und verabschiedete sich.

Am nächsten Morgen reparierten Schebela und Murat die Hydraulik der Hebebühne. Dabei erzählte Schebela seinem Partner, was er am Tag zuvor in Erfahrung gebracht hatte, um hinzuzufügen:
„Wir müssen nochmal zu Frau Pielka.“
„Zu der Alten? Nie im Leben“, protestierte Murat.
Schebela grinste:
„Raue Schale, harter Kern. Ich glaube sogar, sie mochte dich.“
Murat seufzte:
„Und was versprichst du dir davon?“
„Vielleicht erfahren wir doch noch, woher ihr Mann den Lancia hatte.“
Murat resignierte und willigte ein. Am Nachmittag fuhren sie erneut nach Stolzenhagen. Sie parkten auf dem Hof der alten Pielka und klingelten an der Haustür. Die betagte Bäuerin öffnete ihnen. Für einen kurzen Moment glitt Wiedersehensfreude über ihr Gesicht, doch schnell fand sie zu ihrem barschen Ton zurück:
„Kiekma an, der Kruzitürke mit sein Dolmetscher. Wat willer denn?“
„Hallo, Frau Pielka, wir haben noch eine Frage. Die ist allerdings sehr privater Natur.“
„Na, denn fragt ma. Vielleicht hab ick ja ne Antwort.“
„Frau Pielka, hat Ihr Mann während des Zweiten Weltkriegs für die Gestapo gearbeitet?“
Die Frau lachte verächtlich:
„Der alte Pielka? Der war doch sogar für den Verein zu blöd. Obwohl die bei der Jestapo ja ooch nich grad dit Pulver erfunden haben. Praktisch veranlagt, ja, dit war er, der alte Pielka. Aber Denken, dit war nich so sein Metier. Wenn ick dem jesacht hab, koof Lachsschinken, isser in Fischjeschäft jegangen.“
„Dann war ihr Mann an der Front, oder?“
„Nee, der war wehruntauglich. Der hatte ‘ne Brille, mit der konntste im Sommer Felder anzünden, so dick warn die Jläser.“
„Aber was hat er denn während des Krieges gemacht?“
„Naja, für die Jestapo war er zu blöd. Da hab ick zu ihn jesacht, denn jeh doch zum Finanzamt. Da’ isser jenommen worden. Hat in ’nem Lager gearbeitet, bis zum Schluss.“
„Und wo war das?“
„Mensch, wat ihr allet wissen wollt… Hm, wo war denn ditte? Na, ick jloob, da wo die janzen warmen Brüder wohnen. In Schöneberg, wa.“
Schebela und Murat sahen sich an und nickten triumphierend. Schebelas Augen leuchteten:
„So könnte es gewesen sein. Er hat den Lancia, der hier untergestellt worden war, entwendet, als nach dem Bombentreffer die Lagerhalle brannte. Murat, erinnerst du dich daran, dass das Verdeck verbrannt war? Der Mann am Kiosk hat erzählt, dass das Dach der Halle damals in Flammen stand. Vielleicht ist brennendes Holz auf das Verdeck gefallen und der Lancia hat Feuer gefangen. Der alte Pielka hat den Lancia aus der Halle gefahren und im allgemeinen Durcheinander nach Stolzenhagen gebracht.“
„Wat is denn mit euch los?“ Die alte Pielka verstand kein Wort. „Ick will euch wat sagen, eh ihr mir jleich die janze Nachbarschaft zusammenschreit, kommt ma rin und trinktn anständijen Schnaps mit ’ner alten Frau.“
Sie drehte sich um und schlurfte durch den dunklen Flur ihres Hauses. Schebela und Murat folgten ihr überrascht. Sie nahmen im Wohnzimmer Platz. In einer Ecke des Zimmers lief ein uralter Ostfernseher mit verwackeltem Bild. Sie trat mit geübtem Schwung dagegen und das Gerät verstummte.
Schebela und Murat räumten zwei Ohrensessel frei und nahmen darauf Platz, während Frau Pielka aus einem Bauernschrank eine Flasche Zinnaer Klosterbruder und drei zahnputzbechergroße Gläser holte, die sie großzügig füllte.
Sie prosteten einander zu.
„Auf den alten Pielka“, sagte sie und die weißen Borsten auf ihrer Oberlippe zuckten.
„Auf sein Wohl“, sagte Schebela.
„Und darauf, dass er doch nicht so blöd war, wie Sie sagen“, fügte Murat hinzu.

 

Manuskript 3 – „Goethe im Swingerclub“

Zwei Freunde, einer heterosexuell, der andere homosexuell, verwüsten im Drogenrausch einen Swingerclub im Thüringer Wald (242 Normseiten). Dazu der Lektor eines renommierten Verlags: „Ich habe Ihr Buch mit Vergnügen gelesen. Nicht der omnipräsente Sexismus und die brachiale Plumpheit oder der Marihuana-Fetisch haben mir imponiert, sondern Ihr Umgang mit Sprache, Ihre Stilsicherheit, Ihr Humor. Ich fragte mich bereits nach den ersten Seiten, weshalb ein Autor mit Ihrem Handwerkszeug einen solchen Schundroman schreibt (…)“

 

 

(ab Seite 20:)

Goethe im Swingerclub

Kapitel 3

„Man kann ein Auto nicht wie ein menschliches Wesen behandeln – ein Auto braucht Liebe.“

Walter Röhrl

 

Mein Wecker klingelt und ich ersticke ihn mit meinem Kissen. Ich schüttele mich. Was habe ich eigentlich geträumt? Heftig, heftig. Mittelalter meets Egoshooter. Erstaunlich, wie sehr sich das Zocken in meinen Hirnwindungen verselbständigt, wenn ich träume. Das habe ich fast jedesmal, wenn wir uns zu LAN-Sessions treffen. C’est la guerre. Wenn wir Ego-Shooter spielen, bevorzugen wir die Klassiker. Das ist langsamer, fokussierter, pixeliger, spannender, strategischer. Gutes altes Old School. So wie neulich eben Return to Castle Wolfenstein. Manchmal spielen wir auch Doom. Oder Quake Arena. Oder Duke Nukem. Da sind wir fast schon traditionell, wir sind wertekonservative Gambler.
Duke Nukem spiele ich am liebsten mit Bela. Bela träumt davon, die Waffen von Duke Nukem in das Spiel Return to Castle Wolfenstein zu integrieren. Stell’ Dir doch mal vor, Achim, sagt er immer, Heinrich VIII. (das ist der übermächtige Gegner des letzten Levels, für Routiniers dennoch eine Lachpille) mit einer Schrumpfkanone auf Apfelgröße zu schrumpfen und ihn dann zu zertreten, wie geil ist das denn? Wir haben großen Spaß daran, die Zitate des Duke Nukem während eigentlich unpassender Momente in unseren Alltag einzuflechten. Neulich sagte Bela, als wir ins Kino gingen, zu jemandem, der irrtümlich auf seinem Platz saß, mit tiefer gelegter Stimme:
„What are you? Some bottom-feeding, scum-sucking algae eater? Eat shit and die.”
Weil der Angesprochene ein humorloser Native Speaker mit Taekwondo-Kenntnissen war, verlor Bela Sekunden später einen Zahn (Alter, wie bift Du denn drauf, verftehft Du keinen Spaf?).
Wir sind uns einig, dass Ego-Shooter für kleine Jungs gefährlich sein können. Solche Ballerspiele können schon mächtig verblöden. Und die Unterschiede zwischen Realitas und Virtuellem werden durch beunruhigende Nachbilder der Imagination geschliffen. Stumpfen Ego-Shooter ab? Selbstverständlich tun sie das, Kinder sind definitiv gefährdet. Sozial isolierte Tastenjunkies können durch Egoshooter eine heftige Lebensunwucht erleiden, zumal die digitale Absorption des eigenen Lebens die Außenwelt verkümmern lässt. Manchmal habe ich so starke Nachbilder, dass sie mir den Atem nehmen. Neulich zum Beispiel habe ich direkt nach dem Spielen noch eingekauft. Und ich gehe durch die Gänge des Supermarkts und überlege mir (keine Sorge, ein rein spielerischer Gedanke), mit welchen Waffen und in welcher Reihenfolge ich alle Kunden am besten eliminieren könnte. Welche Regale geben mir Deckung? Wo könnte eine geheime Tür sein, hinter der sich Treasures oder Ammunition befinden? Und dort hinten, das alte Pärchen beim Tiefkühlpizza-Eisschrank, verwende ich eine Handgranate oder benutze ich doch lieber meine Maschinenpistole? Die Frau an der Kasse, mit einem Karabiner? Vielleicht finde ich in diesem Level irgendwo in der Getränkeabteilung einen Flammenwerfer? Das Gehirn kann nicht anders, als räumliche Impressionen mit virtuellen Handlungen zu gespenstischen Interferenzen zu verweben. Das ist fucking freaky.
Vor allem aber bleibt die drängende Frage: Was bitte schön hat Alice Schwarzer in meinen Träumen verloren? Ich habe sie nicht eingeladen, wo kommt sie her? Das habe ich bestimmt der Behaarten und meinen nachlässig verdeckten Erinnerungen an ihren sexuell frustierten Freundinnenkreis zu verdanken. Wenn ich meinen Kumpels erzähle, dass ich von Alice Schwarzer geträumt habe, kündigen sie mir die Freundschaft auf. Sie sind der Meinung, dass Emanzipation nur die Illusion hässlicher Frauen ist, sie könnten die attraktiveren Vertreterinnen ihres Geschlechts auf einer hastig mit brüchigem Sozialbeton gewalzten Umgehungsstraße überholen. Emanzipation ist weniger die Auseinandersetzung zwischen Mann und Frau als vielmehr der Konflikt zwischen schönen und hässlichen Frauen. Wir Männer sind Tiere und Frauen sind auch nicht besser. Look schlägt Brain. Das sehen alle Männer so, auch wenn viele es in Gegenwart ihrer Freizeitpädagogik, Literatur und Sozialwissenschaften mit Nebenfach Kochen und Reiten studiert habenden Freundinnen entrüstet von sich weisen würden (Schatz, ehrlich, das lehne ich ab – ist doch total frauenfeindlich – scheiß Chauvis – auch hässliche Frauen können ihren Reiz haben – lieber natürliches Übergewicht als eine künstliche Sanduhrfigur – ich liebe jedes Deiner 91 Kilos – Schminke und Make-up bei Frauen sind affig und ein Rückfall in den unaufgeklärten Hedonismus patriarchal indoktrinierter Steinzeitclans – zählen denn innere Werte gar nichts mehr in dieser oberflächlichen Zeit – natürlich, ich massiere gerne Deine fast schwielenfreien, von männlichen Schuhdesignerdiktatoren eingepferchten Füße – darf ich Dir noch grünen Tee nachschenken?). Eierlose Gesellen. Habe ich wirklich gerade Alice Schwarzer im Schlaf verbrannt? Manchmal träumt man wirklich den letzten Scheiß. Obwohl …
Jetzt aber endlich aufgestanden. In der Küche koche ich mir einen Kaffee, wanke zur Toilette, nehme Platz, greife nach einem Comic und rauche eine Zigarette. Der Mensch braucht seine Routinen.
Ich rauche nicht mehr soviel wie früher. Kiffen ja, immer, proud gold status member of Belas Dopeclub, aber beim Rauchen passe ich mittlerweile auf. Bin ja nicht mehr 20. Ich dusche, ziehe mich an und verlasse das Haus. Die Sonne scheint, es ist schon sehr warm. Nicht schlecht.
Ich gehe zum Parkplatz meines Autos. Dort parkt meine alte Caravelle. Gedankenverloren fingere ich in den Tiefen meiner Hosentasche nach dem Schlüssel. Plötzlich werde ich von der Seite geblendet und kneife die Augen zusammen. Überirdische Schönheit hat sich neben meinen verbeulten Bus verirrt.
Da steht er, herabgefahren über die steilen Serpentinen des Olymp, das erste Auto aus der Garage des Zeus. Ein Wagen, so schön, dass sich die kleine Seitenstraße in seinem pornoesken Glanz badet. Das Auto ist lang gestreckt und lässt seine verchromten, gummibelippten Doppelstoßstangen in der Morgensonne nachlässig funkeln wie ein solariengegerbter Lude seinen steinbesetzten Chronometer helvetianischer Provenienz. Und wenn der Wagen auch barock und gediegen wirkt, so hat er doch die Muskulatur eines austrainierten Athleten. Kein Gramm Fett am Leib, nur Muskeln und Kabelstränge. Im Innern schlägt hinter gewölbtem Blech das Herz einer Bestie. Hail to the King, Baby. Das würde Duke Nukem sagen, und wer würde ihm widersprechen wollen? Acht Zylinder, einander in verschworener Bruderschaft zugetan. Ein Monsterblockmotor, der einem düsteren Corral gleich 286 nervöse Pferdchen einpfercht. Ein Hubraum, der dem Inhalt von mehr als vier Magnumflaschen Champagner entspricht.
Der Bolide trägt ein französisches Kennzeichen mit weißen Buchstaben auf einem schwarzen Schild. Er schaut mich aus gelb glitzernden Augen an, die denen eines Tigers ähneln. Ich erinnere mich an frühe Sommerurlaube mit den Eltern in der Bretagne. Ende der 70er Jahre, irritierende irisierende Nachtfahrten im goldenen Licht des Gegenverkehrs. Damals war ich fasziniert. Ein lässiges Land, in dem nicht nur die Frauen, sondern sogar die Autolichter so viel sinnlicher sind.
Ich gehe vor dem Fahrzeug leicht in die Knie, und das nicht nur, um mit zarten Fingern die Radläufe auf Rostanfall (albern, ich weiß, aber ich liebe es, wenn diese Bögen pickelfrei sind) zu überprüfen. Hosianna und Halleluja. Preiset den Herrn. Singt ihm Choräle. Baut ihm Kathedralen. Wenn es einen Grund gibt, Kirchensteuer zu zahlen, dann dafür, dass Gott einst schwäbischen Ingenieuren auftrug, diese Baureihe zu krönen. Ein unwiderstehlicher Impetus mit 14-Zoll-Fuchs-Felgen, das Urmeter für ein Wort, das es in dieser Bedeutung nur im Englischen gibt: Understatement.
Sein maßgeschneidertes Blechkleid ist mit einer Lackierung versehen, die nicht einfach nur ein Farbton, sondern eine Zeitreise in jene Epoche ist, in der man den Jet Set noch mit rassigen Gespielinnen des Aga Khan, französischer Riviera und lebensleichten Aristokraten verband und nicht mit vierteltalentierten Fernsehsternchen, lobotomiert wirkenden Parvenus und kretinoiden Rohstoffmilliardären. Voilá, Ikonengold Metallic.
Ich schaue durch das dezent getönte Glas der Seitenscheibe und blicke auf eine Welt aus rotem Leder, in der elektrische Fensterheber und die Steuerknöpfe der verstellbaren Rückbank kleine, funkelnde Inseln bilden. Ich versetze mich in die Zeit der Schlaghosenära und in das Innere dieses fahrenden Salons, erahne den wie von Grenouille komponierten Duft gegerbter Tierhäute, in den sich durchaus Noten von Pfefferminz, englischem Pfeifentabak und ein Hauch Chanel No. 5 (selbstverständlich nur an der Kopfstütze des Beifahrersitzes) schleichen dürfen.
Ein anderer Mann geht am Fahrzeug vorbei. Ein älterer Herr. Er führt einen Dackel spazieren. Er sieht mich in das Fahrzeuginnere spähen und nickt bestätigend. Er verweilt kurz und deutet mit einem vielsagenden Lächeln auf die rechte Seite des Kofferraumdeckels, auf der die Typenbezeichnung des Fahrzeugs angeschlagen ist. Es ist nur eine kleine Geste und sie verrät doch alles. Der Mann ist ein Connaisseur, ein Liebhaber automobiler Unvernunft, ein Eskapist der schnöden Alltagsmobilität. Wir grinsen uns an, als schauten wir gemeinsam der Venus im Bade zu.
Es gibt einen Kurzfilm des französischen Regisseurs Claude Lelouch, der nur entstanden war, weil dieser nach dem Dreh von Ein Hauch von Zärtlichkeit in Paris noch einige Rollen mit unbelichtetem Filmmaterial übrig hatte. Der Kurzfilm heißt Cétait un rendez-vous. Er ist ohne einen einzigen Schnitt gedreht worden. Die auf die Front eines Rennwagens montierte Kamera filmt an einem Sonntag im August des Jahres 1976 eine atemberaubende Fahrt durch das frühmorgendliche Paris. In weniger als acht Minuten legt der Fahrer die Strecke von der Porte Dauphine über den Arc de Triomphe bis zur Basilika Sacré-Coeur zurück, für die man üblicherweise eine gute Stunde braucht. Er faucht an Bussen vorbei, fliegt über Gegenfahrbahnen und weicht Hindernissen aus wie Larry Holmes den kurzen Geraden von Michael Spinks. Als der Fahrer den Parkplatz erreicht, von dem aus dem Betrachter das Panorama des erwachenden Paris zu Füßen liegt, springt er aus seinem Wagen, gerade noch rechtzeitig, um seine dort auf ihn wartende Angebetete in die Arme zu nehmen. Ein Mann. Eine Frau. Ein Ziel.
Lange Zeit vermutete man einen der Rennsportheroen jener Tage hinter dem Volant. Namen wie Jacques Laffite, Jacky Ickx oder Emerson Fittipaldi fielen, wann immer Männer von diesem Film schwärmten, der Frauen eher ratlos und gelangweilt zurück ließ. Als Fahrzeug verdächtigte man einen Ferrari 275 GTB, der die Passanten bleich zur Seite springen ließ und dessen Röhren in den engen Pariser Straßen rund um Montmartre verhallte wie ein böser Dämon. Doch der italienische Sportwagen hätte aufgrund seiner brettharten Federung gar keine wackelfreien Bilder einfangen können. Das ging nur mit diesem Fahrzeug mit Hydropneumatik und serienmäßig eingebauter Grandezza, das ich gerade bewundere. Lelouch steuerte es damals selbst, in silbergrau, es war sein eigener Wagen. Zu seinen beiden Beifahrern, die damals angespannt auf der Rückbank kauerten, sagte er, bevor er sein privates Rennen durch das öffentliche Paris begann: Wir haben die Götter des Films entweder mit uns oder gegen uns. Die Götter waren mit Lelouch. Und sie waren gleich zweimal mit ihm: Denn am nächsten Tag fuhr der Franzose die gleiche Strecke noch einmal im gleichen Tempo mit einem Ferrari ab, um die Bilder der ersten Fahrt mit dem Originalton des Sportwagens koppeln zu können.
Gut 30 Jahre später fuhr Lelouch die Strecke übrigens erneut, im Rahmen eines um Jahrzehnte verspäteten Making-Of, in dem er einem Reporter erklärte, wie der Film im Jahr 1976 entstanden war. Es ist schwer zu sagen, was beim Betrachten dieses neuerlichen Films mehr Spaß macht: Der alte Mann, der wider alle Verkehrsregeln auch 30 Jahre später den Wagen lustvoll durch das erschreckte Paris jagt oder der leichenblasse Reporter auf dem Beifahrersitz, der sich bei dieser Fahrt in den Haltegriff des Dachhimmels verkrallt wie eine Katze in das letzte ihrer neun Leben.
Der Tacho steht bei unfassbar wenigen 58.612 km. Das Fahrzeug ist also nahezu jungfräulich. Wer mag der Glückliche sein, der sich bei diesem Fahrzeug das Recht der nahezu ersten Kilometer sicherte? Auf der rechten hinteren Seitenscheibe hängt im Innenraum ein Zettel: Zu verkaufen. Darunter steht eine Telefonnummer. Auch das noch. Ich notiere sie mir, als könnte ich mir dadurch einreden, dass ich das Geld dafür hätte. Was mag dieses Auto kosten? 30.000 Euro? 50.000 Euro? Niemals werde ich mir diesen Traum leisten können. Ich seufze und steige in meinen VW-Bus. Die Arbeit ruft und so lasse ich ihn mit einem letzten wehmütigen Blick in den Rückspiegel hinter mir, den Mercedes 450 SEL 6.9.

 

Kapitel 4

„Frauen arbeiten heutzutage als Jockeys, stehen Firmen vor und forschen in der Atomphysik. Warum sollten sie nicht irgendwann auch rückwärts einparken können?“

Bill Vaughan

Wenig später stehe ich im Stau Richtung Friedrichshain. Langsam quälen sich die Autos vorwärts, über die Frankfurter Allee hinweg, an der Ampel mit den kastrierten Grünphasen vorbei. Summer in the City. Ich habe die Scheibe hinunter gekurbelt. Aus den Boxen dröhnen unsere Songs, die wir neulich im Studio aufgenommen haben. Ich bin immer noch nicht ganz zufrieden. Der Bass ist zu leise, die Gitarren sind zu laut und mein Gesang klingt beschissen. Es ist immer seltsam, die eigene Stimme zu hören.
Als ich auf dem Betriebshof ankomme, ist bereits die Hölle los. Normaler Wahnsinn. Ich jobbe bei einer Firma, die Umzüge und Kurierdienste anbietet. Spedition Speedy. Harald, mein Chef, kommt auf mich zu und wirft mir ein Klemmbrett mit Auftragszettel und einen Schlüssel zu: „Hallo Achim, Du musst nach Potsdam, einen Umzug kalkulieren. Du fährst mit dem Passat. Nimm die Neue mit, dann kann sie noch was lernen. Sie kommt gleich. Sie hat ja sowieso nur Augen für Dich. Mir ist ein Rätsel, was Mandy an Dir findet. Na, mir soll’s egal sein. Aber macht mir keine Schweinereien unterwegs, sonst schmeiße ich das Flittchen raus.“
„Bloß kein Neid, Chef. Nur weil sie wie eine Schlampe heißt, muss sie noch keine sein.“
Er grinst:
„Ich habe nichts gegen Schlampen. Im Gegenteil. Schließlich habe ich gerade eine geheiratet.“
Seitdem Harald vor einigen Monaten seine zweite Frau Veronika geheiratet hat, lebt er wieder auf. Veronika akzeptiert seine Macken. Harald hat einen Putzfimmel (es gibt schlimmeres für eine Frau) und er ist Trainspotter, verbringt also seine Wochenenden damit, an irgendwelchen Brandenburger Bahndämmen zu irgendwelchen Unzeiten irgendwelche Zugnummern zu notieren (es gibt schöneres für eine Frau). Doch Veronika ist entspannt. Das tut Harald gut. Sie nimmt ihn, wie er ist.
Haralds erste Ehe muss allerdings die Hölle gewesen sein, ungefähr so romantisch wie ein Herbstmanöver der US Navy Seals. Harald hat mal erwähnt, wenn es nach ihm ginge, sei seine erste Frau Rita es nicht wert, mit einem Schwein zu schlafen. Und Bela, der Haralds erste Frau anlässlich eines Sommerfestes der Spedition einmal kennengelernt hatte, hat ihm ausdrücklich widersprochen und gesagt, im Gegenteil, seiner Meinung nach sei sie es sehr wohl wert, mit einem Schwein zu schlafen. Bei der Scheidung hat Rita Harald das Fell über die Ohren gezogen und ihn dann fachmännisch ausgeweidet. Sie hat ihm alles abgeknöpft, seine geliebte Stereoanlage, seinen alten VW-Porsche, sogar seine minitrix-Modelleisenbahn aus den 60er Jahren. Jetzt spielt ihr neuer Freund mit Haralds alter Eisenbahn.
Harald reißt mich aus meinen Gedanken:
„Was ist los, träumst Du? Erde an Achim, Du musst anschließend mittags nach Oberschöneweide. Du fährst mit Bela. Nehmt den Iveco. Schaut nach, ob die Ameise hinten drauf ist.“
„Geht klar, Harald.“
„Und keine Drogen unterwegs, klar?“
„Klar, Harald.“
Er beäugt mich misstrauisch:
„Nicht, dass ich wieder Beschwerden bekomme wie letzte Woche.“
„Ehrensache, Harald.  Kommt nicht mehr vor.“
Ich freue mich auf beide Touren. Bela ist mein bester Kumpel. Wir kennen uns seit dem Kindergarten. Er arbeitet schon lange bei der Spedition und er hat mir diesen Job vermittelt. Und Mandy ist wirklich heiß. Sie ist eine Studentin mit schmaler Taille und gebräunter Haut, mit langen Beinen, mit üppigen Brüsten, mit Benzin im Blut. Trotz ihres Vornamens ist ihr Pferdeschwanz nicht blondiert, sondern kastanienbraun. Sie trägt eine strenge Brille, um sich allzu blöde Sprüche vom Leib zu halten. Das mag an der Humboldt-Universität funktionieren, wo sie und ihre Kommilitoninnen in Seminaren über frühgeschichtliche Menstruationsrituale diskutieren. Doch auf dem Hof einer Spedition ist es zum Scheitern verurteilt. Genau so gut könnte man versuchen, einen Sexshop mit einem Bierdeckel zu verdecken.
In der Firma trägt Mandy zur Freude aller Kollegen einen sehr engen Blaumann, der ihre Reize hervorragend zur Geltung bringt. Mandy ist das, was Bret Easton Ellis in American Psycho als Hardbody beschrieb.
Ich weiß, was Mandy an mir mag, sie hat es mir gestern gesagt. Sie sagte: „Ich mag Deine Hände, Deine Schultern, Deinen Mund und Deinen Geruch. Ich wohne in der Rigaer Straße 118, Hinterhaus. Die unteren Türen sind immer offen. Der Schlüssel liegt unter der Fußmatte. Wenn Du Lust auf Vögeln hast, komm’ vorbei.“
Die Rigaer Straße ist ganz in meiner Nähe. Ich wäre auch bereit, längere Strecken in Kauf zu nehmen, um auf dieses großzügige Angebot einzugehen. Doch da meine Eltern mich zur Höflichkeit erzogen haben und weil ich weiß, was sich gehört, bin ich nicht gleich gestern mit der Tür in ihr Haus gefallen. Heute ist auch noch ein Tag.
Natürlich weiß ich, was Mandy außerdem attraktiv an mir findet. Bestimmt nicht, dass ich als Kurierfahrer jobbe. Es liegt an unserer Band. Ich bin Sänger in einer Punkrockband und ich schreibe auch die Texte. Wir heißen Smegma Inferno und wir sind, in aller Bescheidenheit, fast Stars. Seit zwei Jahren haben wir einen Vertrag mit einem Kreuzberger Independent Label, und mittlerweile füllen wir auch größere Clubs. Mit der Anzahl der Konzertbesucher steigt proportional die Anzahl der weiblichen Verehrer und zu allem entschlossener Groupies. Vielleicht sogar direkt proportional. Direkt proportional, was war das noch mal? Mein versoffener Mathelehrer Herr Berkbach kommt mir in den Sinn. Er war kein schlechter Lehrer gewesen, immer freundlich, immer nachsichtig, immer mit leiser Stimme, vielleicht etwas zu weich. Er hatte unter Depressionen gelitten. Als wir mitten im Abitur waren, hat ihn erst seine Frau verlassen. Eine Woche später hatte er einen Autounfall. Wieder eine Woche später war sein geliebter Hund überfahren worden. Berkbach, der Jäger gewesen war, hatte sich darauf hin mit einem Schrotgewehr in den Mund geschossen. Gerüchteweise hatte er, als er den Schuss abfeuerte, einen Schluck Wasser im Mund, um eine möglichst große Sauerei anzurichten. Angeblich war der Schädel im gesamten Wohnzimmer verteilt worden.
Ich setze mich hinter das Lenkrad des mir zugewiesenen Passat und warte auf Mandy, als mein Mobiltelefon klingelt. Ich schaue auf das Display. Die Vorwahl erkenne ich, die Nummer nicht. Es ist ein Anruf aus meiner alten Heimat. Es meldet sich Frank. Weia, ist das lange her, ein Kumpel aus weit entfernten Kindertagen, den ich aufgrund seines ausgeprägten niedersächsischen Idioms sofort erkenne.
„Achim, verkackte Lumpenpuppe, wie geht’s?“
„Hallo Frank. Nette Überraschung. Gut, und selbst?“
„Bestens. Junge, Junge, wie lange ist das her, dass wir uns gesprochen haben?“
Ehe ich antworten kann, gibt Frank selbst die Antwort:
„Über fünfzehn Jahre! 1998 bis Du von der Schule abgegangen, weißt Du noch? War das nicht wegen dieser Referendarin, die Du im Geräteraum gepimpert hast? Na, ist ja auch egal. Gestern saß ich mal wieder mit den alten Kumpels zusammen. Da dachten wir, also Matthias, Jens und ich, wir statten Achim, der alten Eierfeile, einen spontanen Besuch in der Hauptstadt ab. Was hältst Du davon?“
„Tja, eigentl …“
„Cool, abgemacht, freut mich, dass es passt. Wir kommen morgen gegen Acht. Matthias hat einen Termin in Kreuzberg, und danach ziehen wir ordentlich um die Häuser. Einen auf die guten, alten Zeiten trinken und so. Und vielleicht einen Aal verbuddeln, wenn Du weißt, was ich meine, hehe…“
Einen Aal verbuddeln? Den kannte ich noch nicht. Während ich überlege, ob ich wirklich bereit bin, meinen Sex mit Mandy auf den nächsten Tag zu verschieben, frage ich in sein öliges Lachen hinein:
„Was für einen Termin hat Matthias in Berlin?“
Frank kichert:
„Er nimmt an einem Rennen teil.“
„Matthias nimmt an einem Rennen teil? Ist der plötzlich unter die Sportler gegangen? Der war doch immer dick. Hat ja schon beim Pinkeln geschwitzt.“
„Er selbst rennt auch nicht.“
„Pferderennen? Wettet er in Hoppegarten?“
„Na ja. So ähnlich. Es geht zwar nicht um Pferde, aber man kann da auch wetten.“ Das Kichern verstärkt sich.
„Erzähl’ schon.“
„Nö. lass’ Dich überraschen. Gibt sogar einen Pokal zu gewinnen. Aber das will er Dir bestimmt selbst erzählen.“
„Wohnt er immer noch in Gifhorn?“
„Nein, er lebt in Hannover-Linden und hat dort eine Detektei. Läuft rum wie ein versiffter Aushilfs-Marlowe und ist immer noch dick wie eine Einbauküche, hat einen Arsch wie ein Trakehner.“
„Und Jens?“
„Jens ist in Bochum gelandet und arbeitet als Informatiker bei Opel. Kannst Du dich noch an Sybille aus dem Konfirmandenunterricht erinnern? So ne Unterbelichtete, mit ner Figur wie eine Hundehütte, in jeder Ecke ein Knochen. Sie sind tatsächlich verheiratet und haben einen Sack voll Blagen.“
„Und Du?“
„Ich wohne immer noch in Braunschweig. Mir gefällt’s hier. Ich habe ein Fitnessstudio in der Güldenstraße. Läuft super. Die Mädels stehen total auf mich. Ohne Ende willige Stuten. Na, wir plaudern, wenn wir uns sehen. Bis später. Tschö mit ö und tschüssikowski, alter Bettnässer.“
Frank legt auf. Ich seufze. Frank hatte sich kein bisschen verändert. Wir kennen uns seit Grundschulzeiten. Bei einer Kirmes auf unserem Dorf haben wir mal gemeinsam die Jacke voll bekommen, weil wir begonnen hatten, auf die Plastikaugen der Plüschtiere zu zielen. Beim ersten Treffer (das Auge zerplatzte in feinem Plastikstaub) winkte die Betreiberin, eine verwitterte Blondine, ihren Ehemann vom Autoscooter herüber, der seine maiglöckchengelben Zähne bleckte und uns schmallippig verkündete, dass er uns, sollten wir nochmal auf einen seiner Hauptpreise zielen, verdreschen würde, bis wir einen Regenbogen vor Augen hätten. Jeder vernünftige Junge hätte nach dieser Ansage aufgehört. Nicht jedoch Frank, den das noch zu motivieren schien. Als der nächste Riesenteddy über Kimme und Korn sein Augenlicht verlor, lernten wir, dass Schausteller zu ihrem Wort stehen.
Ich hänge noch meinen Erinnerungen nach, als sich die Beifahrertür öffnet. Ein sehr langes Bein in einem Overall schwingt hinein, gefolgt von einem zweiten Bein und von einem serpentinenhaften Oberkörper. Ihr Overall ist sauberer als meine Phantasie. Mandy schenkt mir ein bezauberndes Lächeln und zwinkert mir zu:
„Guten Morgen, Achim.“
Sie hat eine rauhe, dunkle Stimme. Ich möchte ihr dringend empfehlen, Telefonsex anzubieten. Statt dessen sage ich:
„Hallo Mandy. Du siehst mal wieder toll aus.“
„Ach was. Du willst mich ja nicht“, kokettiert sie und schnallt sich an. Der Gurt verschwindet, wie von einem Illusionisten fortgezaubert, im tiefen Delta ihres Busens.
„Doch, natürlich. Ich komme heute mitten in der Nacht zu Dir und vögle Dich durch, wirst schon sehen.“
Sie lacht und wir fahren los.

 

Kapitel 5

„Life is hard. And it’s even harder, when you’re stupid.“

John Wayne

Wir kommen in Potsdam an. Es ist eine vornehme Adresse in Groß Glienicke, ufernah, dort, wo die Prominenten wohnen. Eine zurückgesetzte Stadtvilla aus der Vorgründerzeit, efeuberankt, mit weitläufiger Parkanlage und prachtvoll begrünter Zufahrt, die in einem bekiesten Oval vor dem Haus entlang führt. Hier wohnt ein Anwaltsehepaar.
Ich parke und steige aus. Vor dem Haus am Fuße der imposanten Freitreppe wartet bereits der Kunde auf uns, missmutig und vorwurfsvoll auf die Uhr schauend. Er hält sich nicht lange mit lästigen Gepflogenheiten wie einer höflichen Begrüßung auf:
„Wir hatten uns für 9 Uhr verabredet. Jetzt ist es 9 Uhr und 13. Wie lange wird es dauern? Zeit ist Geld. Ich muss um elf Uhr in der Kanzlei sein.“
Ich mustere ihn nachdenklich. Mein Blick gleitet über seinen maßgeschnittenen Anzug, der erfolglos versucht, die teigige Figur mit dem leichten Ansatz von Männertitten zu verbergen. Über sein blau-weiß gestreiftes Hemd. Über seine Budapester Schuhe. Über seine randlose Brille. Über seinen klobigen Siegelring. Über sein fahlblondes Haar. Über seine alberne Krawatte und die goldene Krawattennadel in Form eines Segelbootes. Schließlich über sein rosiges Gesicht, das wenig mehr ist als ein liebloses Arrangement aus schmalen Lippen, klumpiger Nase und tief liegenden Augen. Die Haut seines Halses fällt in dicken Wellen über den zugezurrten Kragen seines Hemdes, gesprenkelt von kleinen roten Stippen (als hätte man Schweinsborsten gezupft), die auf eine scharfe Nassrasur schließen lassen.
„Ich wünsche Ihnen auch einen guten Morgen.“, antworte ich.
Er beachtet mich gar nicht, denn jetzt hat er Mandy entdeckt, die ebenfalls aus dem Auto gestiegen ist. Mandy gesellt sich zu uns und lässt die übergriffigen Blicke des Anwalts nonchalant an sich abperlen wie stinkendes Wasser.
Soll ich Ihnen etwas verraten? Ich mag keine Juristen. Wenn ich sie schon sehe, in ihren jagdgrünen Wachstuchjacken mit braunem Cord-Kragen, wird mir übel. Wo andere Menschen Mut haben, haben Juristen Bedenken. Wo andere Menschen Ideen haben, haben Juristen Schranken. Wo andere Menschen Moral haben, haben Juristen Paragraphen. Juristen sind Menschen, die immer nur wissen, wie und warum etwas nicht funktioniert. Sie haben nie etwas anderes gelernt, Konstruktives ist nicht Teil ihrer Natur, und Eindeutigkeiten gibt es nicht. Juristen sind schon lange nicht mehr die Vertreter einer allgemeinen Gerechtigkeit. Sie sind ein träges Schmiermittel des Kapitals, Sand im Getriebe des Gemeinwesens. Wir werden regiert von Juristen, die unsere Verwaltungen und Parlamente durchziehen wie Hausschwamm. Juristen sind Spaltpilze, eine Verneinung der Wertschöpfung, sie zerfressen unsere Gesellschaft, saugen sie aus, wachsen an Zwist, berauschen sich am Streit, verdienen am Unfrieden. Sie regeln uns zu Tode und lähmen uns durch neue Gesetze. Wäre ich Al-Quaida oder eine Nachwuchsterrororganisation, ich würde mehr Juristen ausbilden, um unsere Kultur zu zerstören. Der Weg in die Anarchie, in den totalen Zusammenbruch und in das ultimative Nichtsgehtmehr kann ein kurzer sein, wenn es zu viele Juristen gibt.
Die Haustür öffnet sich und die Ehefrau des Juristen läuft so behände, wie es ihr beträchtliches Übergewicht zulässt, die Treppe hinunter, um sich in ihr Audi Cabrio zu wuchten. Alles an ihr ist schwammig. Sie ist älter als er und trägt ein Marinekostüm mit zu großen, goldenen Knöpfen. Gnädigerweise ist ihr Rock recht lang. So sehe ich kaum mehr als die blauen Adern, die ihre geschwollenen Knöchel schmücken wie die Tribals eines besoffenen Tätowierers.
Mich durchschießt die Erkenntnis, dass diese Frau ein Arschgeweih tragen könnte. Irgendeine uninspirierte grafische Kotze (Machen Sie mir bitte ein freches Muster, Tätowierer, etwas von den Aborigines, das ist so schön authentisch), ein Friseusenstempel, hineingefräst in orangenhautbehaftete Hüften während kurzer Stunden, in der sie sich unter dem Einfluss von Prosecco und kichernden Freundinnen suggerierter Leichtigkeit und vermeintlicher Verwegenheit hingab, die sie so nie wieder in ihrem Leben spüren wird.
Die Frau startet den Motor, öffnet das Verdeck und ruft ihrem Mann zu:
„Denk’ daran, dass Thorben-Hinrich heute Abend vom Geigenunterricht abgeholt werden muss.“
Der Anwalt nickt und dieses genervte Nicken sagt ohne Worte alles über dieses Paar aus, das sich nichts mehr zu sagen hat. Ich erkenne, dass sie zum letzten Mal miteinander Sex hatten, als sie ihren Sohn zeugten. Er hat eine junge Geliebte in seiner Kanzleisozietät irgendwo am Savignyplatz und sie ein kleines Alkoholproblem. Dafür trifft sie gelegentlich einen Callboy, der Richard oder Stefano oder André heißen mag und eigentlich studiert, der sie nach einem guten Diner in einem diskreten Restaurant und nach anschließendem Theaterbesuch für 1000 Euro ordentlich durchknattert. Die Kontaktdaten des Gigolos haben ihr mit sehnsüchtigem Seufzen die pharmazeutisch gut eingestellten Freundinnen aus dem Golfklub gegeben. Sie alle sind seine Stammkundinnen und schwärmen davon, dass Richard oder Stefano oder André solch ein charmanter und aufmerksamer Zuhörer sei (und erst diese magischen Hände). Der Anwalt weiß von ihrem Beschäler (seine Worte) und er würde sich sofort scheiden lassen, wenn es nur nicht solch ein großer Vermögensverlust wäre. Die Anwaltsgattin weiß von seinem Flittchen (ihre Worte) und sie würde sich sofort scheiden lassen, wenn es nur nicht solch ein großer Prestigeverlust wäre. Einmal im Jahr jedoch, während ihres traditionellen Sommerfestes im Juni, schütten sie den Graben mit flüchtigem, muffigem Sand zu, von dem sie beide wissen, dass er schon am nächsten Tag von den Gegenwinden alltäglicher Antipathie wieder abgetragen sein wird. An diesem Abend herrscht schäkernde und perlende Harmonie zwischen den beiden, so dass die eingeladenen Nachbarsfamilien und Paare (ebenfalls alles Juristen, das erklärt ihre begrenzte Fähigkeit zur Empathie und die damit verbundene Unmöglichkeit, die Abgründe des Zerrüttetseins zu erkennen) denken: Wie schaffen die Beiden es bloß, als Paar so glücklich zu sein, während unser vermeintliches Idyll nur noch die erbärmliche Projektion auf einer nicht abbezahlten Fassade ist.
Und all dies steckt in diesem kurzen Nicken des Mannes, der mir plötzlich leid tut und wenn ich auch nicht weiß, was ich im und vom Leben will, so spüre ich doch genau in diesem Moment wieder einmal, was ich nicht will.
„Kommen Sie jetzt“, sagt der Anwalt und versucht ungeschickt, Mandy an der Hüfte zu berühren, als er uns in das Haus führt.
Wir gehen durch alle Räume des herrschaftlichen Anwesens und ich vermerke routiniert das Mobiliar auf meiner Liste, kalkuliere Raummeter, Regalinhalte und Umzugkartons. Als der Hausherr kurz wegen eines Telefonats im Nebenraum verschwindet, greift Mandy lächelnd nach meinen Händen und legt sie auf ihre Brüste:
„Möchtest Du auch hier mal messen?“
Ihre Brüste fühlen sich perfekt an, schwer und fest. Wie träge Jojos wandern sie im Rhythmus ihres Atems, der sich ein wenig beschleunigt, nach oben und unten.
Es dauert nur einen kurzen Moment und dennoch muss ich mich nach vorn beugen, um meine Erektion zu kaschieren, als der Hausherr wieder den Raum betritt. Mandy grinst mich an, während ich auf einem Stuhl Platz nehme und so tue, als ob ich die Summe aller Einrichtungsgegenstände überschlagen würde.
Eine halbe Stunde später sitzen wir wieder im Auto und fahren zurück zur Spedition. Keiner von uns sagt ein Wort. Ich denke an ihre Brüste unter meinen Händen und frage mich, ob sie an meine Hände auf ihren Brüsten denkt.

 

 

Manuskript 4 – „Jeder dem anderen ein Teufel“

Ein Kriminalroman, aktuell in Arbeit, geschätzte Seitenzahl von 400 Normseiten. Hans Raeder, Kriegsheimkehrer und junger Unterleutnant der neu gegründeten Volkspolizei, wird im Jahr 1947 nach Seegenow – ein ebenso entlegenes wie rückständiges Dorf des Stargarder Landes – geschickt, um dort einen rätselhaften Mordfall aufzuklären. Ein Mann, der erst vor kurzem im Dorf eintraf, wurde mit seinem gezähmten Mauswiesel erstickt. Die Russen der benachbarten Kaserne gewähren dem Polizisten nur wenige Tage zur Lösung des Falls. Die Dorfbewohner, gefangen in Aberglaube, Misstrauen und Feindseligkeit, schweigen. Ein Kind stirbt, vergiftet durch eine Knolle des Wasserschierlings, ein Bauer hat einen tödlichen Unfall, Dörfler berichten von einem Unglücksboten, einer verwachsenen Ziege, die in der Nacht erscheint. Die Spuren, die Raeder zusammenträgt, führen zu einem furchtbaren Ereignis, das vor langer Zeit das Dorf erschütterte.

 

(Leseprobe:)

Jeder dem anderen ein Teufel

PROLOG

Ich sehe alles ganz klar. Manchmal denke ich, dass es damit zusammenhängt, dass ich seit vielen Jahrzehnten nur noch ein Auge habe, und so bilde ich mir ein, damit vielleicht mehr gesehen zu haben als all die anderen Normalsichtigen, gerade, weil mir das eine noch verbliebene Auge den Blick auf die Welt so kostbar machte. Ohne dass ich jene Bilder, die von meiner Netzhaut in die Erinnerung herabfielen und dort krautende Wurzeln schlugen, als Kind hätte begreifen können. Vieles, was danach kam, verblasste im Einerlei der Lebensmomente, doch diese Handvoll an Tagen in jenen Julitagen des Jahres 1947 ist unauslöschlich geblieben. Ich war ein Kind damals, kaum älter als sieben Jahre, und doch kann ich mich an alles erinnern, was in Seegenow kurz nach dem Krieg geschah.
Als junger Mensch zu schweigsam. Als alter Mann zu geschwätzig. Lange dachte ich, der ich nun so lange nicht mehr darüber gesprochen hatte, es sei nur folgerichtig, die Erinnerungen mit in mein Grab zu nehmen, welches mir aufgrund meines Krankheitsverlaufes näher rückt, ohne dass es mich schrecken würde. Doch es sind die Toten von damals und jene Dinge, von denen mir der Unterleutnant erzählte, die mich nicht loslassen. Und wenn auch niemand seinen Dämonen entkommen kann, so mag es mir vielleicht doch gelingen, mich ihnen zu stellen, um meinen Frieden zu finden, um nicht in jeder zweiten Nacht schweißgebadet aufzufahren aufgrund jener seltsamen Gegenstände, die ich vor langer Zeit einmal in den Händen hielt und die mir damals so unbedeutend vorkamen. Vieles würde ich dafür geben, nicht alles gewusst zu haben. Narren schlafen besser.
Bisher habe ich nur mit einem Menschen über das Gewesene gesprochen, und dieser Unterleutnant ist seit 25 Jahren tot. Vor einigen Tagen hat mich der Brief der Kirche, den ich aus meinem Briefkasten zog, daran erinnert. Man hat angefragt, ob ich die Pacht des Grabes zu verlängern gedächte, und ich habe ihnen geantwortet, dass man das Grab nun auflösen kann. Ich denke, der Unterleutnant hätte es so gewollt, er war ein bescheidener Mann.
Plötzlich kommt mir der Gedanke, dass es ihm vielleicht nicht Recht sein könnte, dass ich Ihnen vom ihm erzähle, aber da es ihm zu seiner Ehre gereicht, werde ich mich über diesen Impuls hinwegsetzen, ja, ich erlaube mir sogar, die Geschichte aus seiner Sicht zu erzählen, nicht, um ihn zu desavouieren, sondern um sein Leben gebührend in Erinnerung zu rufen.
Wenn mir gelegentlich die Phantasie durchgeht, so mögen Sie es als künstlerische Freiheit meinerseits, als schmückende Dichtung verbuchen, doch das meiste ist Wahrheit. Zumindest Wahrheit nach meinem Verständnis, so wie ich sie erlebt habe und so wie der Unterleutnant mir Jahre später davon berichtete, als er jene merkwürdigen Tage erlebte. Seine Worte habe ich mir genau gemerkt, und da ich ihm so nahe und so dankbar war wie später niemals mehr einem anderen Menschen, nicht einmal meiner Frau und meinen Kindern, weiß ich, wie der Kern seiner Seele und das Innerste seines Erlebens bestellt waren.
Nicht für alles wird es möglicherweise eine Erklärung geben, die den Anforderungen der Ratio genügt. Und der Blick durch die Brille eines bereits verstorbenen Menschen mit dem einen verbliebenen Auge eines alten Mannes mag wie ein Schlieren werfender Fingerabdruck auf einem Glas ebenfalls zu Verzerrungen führen. Wie stets steht über allem, dass die Vernunft nur soweit schauen kann, wie das Licht der Aufklärung scheint. Wir alle müssen uns manchmal mit dem Unerklärlichen zufriedengeben, vom dem sich in jenen fiebrigen Sommertagen allerlei ereignete.

Kapitel 1

„Was hat denn der Mann im Mund?“
Unterleutnant Hans Raeder trat an den Toten heran und beugte sich herab, um sich einen besseren Eindruck zu verschaffen. Die Dämmerung hatte schon eingesetzt, als das Licht seiner Taschenlampe über das Gesicht des Toten glitt. Weil die Hitze des Sommertages groß gewesen war und den Geruch des Todes über den Morast getragen hatte, summten im Licht der Taschenlampe hunderte Kadaverfliegen, die er mit einigen Handbewegungen zu verscheuchen suchte.
Raeders Müdigkeit war trotz des langen Tages verflogen. Sein Tag war lang gewesen und hatte bereits in aller Frühe um drei Uhr begonnen. Ab vier Uhr, vor Dienstbeginn und Dämmerung, hatte er mit einer Handvoll seiner neuen Kollegen begonnen, aus dem restlichen Bruchholz von Möbeln, das man neben dem Exerzierplatz aufgekippt hatte, Behelfstische und Bürostühle zu zimmern. Viel Baumaterial war ohnehin nicht mehr vorhanden. Nahezu alles Hölzerne war im letzten Winter verfeuert worden, als der monatelange Frost, der bereits im November 1946 alle Seen mit seiner Kälte versiegelt hatte, sämtliche Behausungen von innen mit fingerdickem Eis überzogen hatte, so dass die Tapeten darunter vollständig von rahmenlosem Wasserglas gefasst waren.
Erst am Palmsonntag, dem letzten Tag im März, hatte die Kälte das Land aus ihren blauen Klauen entlassen und der Frühlingssonne gewährt, das Land aufzutauen. Die Erde war aufgebrochen und die Süße sprießender Triebe hatte sich mit den üblen Ausgasungen vermengt, die wie Ungeziefer aus den offenen Fenstern der Wohnungen gekrochen waren, ein saurer Geruch nach Typhus und Fleckfieber, ein Reigen verkeimter Schwaden, die in sich den Eiter von Hungerödemen und die Fäule von Erfrierungen trugen.
Als man nach der winterlichen Starre im April wieder zu Kräften kam und begonnen hatte, erneut nach geeigneten Polizisten Ausschau zu halten, um die hoheitlichen Pflichten wahrnehmen zu können, hatte Raeder sich freiwillig gemeldet. Endlich, das war eine willkommene Gelegenheit, in Lohn und Brot zu kommen und vielleicht sogar seine Möglichkeit, den Dämonen des Krieges zu entfliehen, während andere seiner neuen Kollegen mit von den Schlachten unzerstört gebliebenen Idealen vom Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung träumen mochten.
Nach kurzer Überprüfung war er angenommen worden. Raeder war jung, körperlich unversehrt, von wachem Verstand und als einfacher Soldat der Wehrmacht während des Krieges nicht befördert worden. In der Kriegsgefangenschaft hatte er die russische Sprache erlernt, außerdem war sein Vater Sympathisant der Kommunisten gewesen, das genügte als Qualifikation.
Der Krieg war kaum beendet gewesen, als zwischen der KPD und der Sowjetischen Militäradministration für Deutschland bereits Einigkeit darüber erzielt worden war, dass zügig Polizeikräfte aufzubauen seien, um die öffentliche Sicherheit wieder her zu stellen. Seit zwei Jahren gab es nun also die Deutsche Volkspolizei, die dem zentralen Führungsorgan der Deutschen Verwaltung des Inneren unterstellt war. Während sich die Hierarchien wie aushärtender Mörtel festigten, um dem Land Strukturen der Ordnung zu geben, fehlte es noch immer an Räumen, Personal, Fahrzeugen, Uniformen, Schreibmaschinen, Waffen, an allem.
Raeders Dienststelle hatte vor kurzem einige hergerichtete Räume auf dem Gelände der Kaserne III in der Alsenstraße bezogen, in der während des Krieges eine Fliegerhorstkompanie und eine Luftwaffennachrichteneinheit untergebracht gewesen waren. In dem weitläufigen Komplex befanden sich einige der wenigen Häuser in Prenzlau, die nicht in jenen drei Nächten des April 1945 zerstört worden waren, als russische Artillerie und die Großfeuer der anschließenden Besetzung nahezu alle Häuser der nordbrandenburgischen Garnisonsstadt in den märkischen Staub stürzen ließen.
Ein anämisches Telefonnetz bestand zwischen den Dienststellen der Deutschen Volkspolizei, den entsprechenden Behörden des Innern und den sowjetischen Kasernen der Region. Gegen Mittag an jenem 10. Juli, als Raeders Hörsaal gerade an einer Schulungsveranstaltung zum Thema der Spurensicherung teilnahm, kam der Anruf aus der sowjetischen Kaserne in Meisneritz. Raeders Ausbilder, Hauptmann der Volkspolizei Wagner, griff nach seinen Krücken und humpelte – sein rechtes Bein war 1944 in der Normandie von einem MG abgetrennt worden – aus dem Hörsaal, um in das nebenan gelegene Dienstzimmer zu eilen. Raeder und seine Kollegen konnten durch die provisorische Abtrennwand hindurch, die kaum die Stärke von Sperrholz überstieg, dem erregten Dialog folgen, in dem Wagner zwischen den üblichen Ergebenheitsadressen gegenüber sowjetischen Kommandanturen und dem gewachsenen Selbstbewusstsein seiner neuen Dienststelle schwankte.
Ein Toter war gefunden worden, soviel war dem Gespräch zu entnehmen. Ein Toter unter befremdlichen Umständen, also mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Mord, und der sowjetische Kommandant ließ ohne ein Übermaß an Höflichkeit, soviel war allein der zunehmenden Lautstärke des Gesprächs zu entnehmen, nachfragen, ob die Kriminalpolizei in Prenzlau gefälligst die Umstände des Todes binnen kürzester Frist aufzuklären gedenke oder ob man die Aufklärung dieser Angelegenheit den sowjetischen Stäben vor Ort zumuten wolle, die mit Freude bereit seien, ganz ohne lästige Verfahren und in bewährter Routine jedem in Frage kommenden Verdächtigen die Gelegenheit zu einer weiten Reise nach Sibirien zu verschaffen.
Man schrie sich also in einem Streit, der in einem Kauderwelsch aus Deutsch und Russisch hin und her wogte, bezüglich entsprechender Zuständigkeiten an, bis der Anrufer mit Flüchen, die er mit Inbrunst aus den Abgründen seiner Muttersprache fischte, einhängte. Wagner seufzte und ließ sich, wie zu hören war, in einem nächsten Gespräch mit der SED-Kreisleitung verbinden, um sich der polizeilichen Autonomie seiner Dienststelle zu versichern. Die angehenden Kriminalpolizisten des Hörsaals nahmen aufgrund der floskelhaften Antworten, die Hauptmann Wagner in den Hörer gab, zur Kenntnis, dass dieser sich selbstverständlich für die Unterstützung aller Arbeiter und Bauern der Region im Namen der Partei bedankte, auch war zu erahnen, dass die Genossen Kreisfunktionäre sich in Mutmaßungen ergingen, dass der Täter zweifellos nur ein revanchistisches Subjekt niedrigster Sittlichkeit sein könne, und dass daher natürlich, ohne den Ermittlungsergebnissen vorgreifen zu wollen, ein Diversant oder ein imperialistischer Agent aus der amerikanischen Zone zu vermuten sei.
Im Anschluss an das zweite Telefonat hatte Wagner die Vorlesung vorzeitig beendet und Raeder gebeten, zu ihm zu kommen. Ohne Umschweife erklärte er ihm, worum es ging:
„Es gibt einen Toten. Viel wissen wir noch nicht. Seegenow heißt der Ort. Nie gehört. Irgendein Klein-Posemuckel hinter Meisneritz. Meisneritz kennt man ja. Das ist doch Ihre Ecke, nicht wahr?“
„Jawohl, Herr Hauptmann.“
„Sagt Ihnen der Ortsname Seegenow etwas?“
„Ja. Es sind kaum mehr als fünf Häuser, mitten im Wald.“
„Wahrscheinlich ist dort ein Mord geschehen. Die Sowjets wollten die Leiche längst entsorgen, sie haben kein Verständnis für die Methoden der modernen Kriminalistik. Doch seit dem 30. Juli des letzten Jahres haben wir erweiterte Befugnisse, die auch von den Sowjets zu akzeptieren sind. Wenn in Seegenow jemand einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist, dann ist unser K1 dafür zuständig, ob es den Russen passt oder nicht. Ich habe dem Kommandanten gesagt, sie sollen den Toten auf jeden Fall liegenlassen und nicht anrühren, bis wir uns selbst ein Bild gemacht haben. Deshalb ist er auch so laut geworden. Die Sowjets sind nervös, sie mögen keine Toten in der Nähe ihrer Kasernen. Also, Sie fahren hin. Das wird Ihr erster Fall.“
„Jawohl, Herr Hauptmann. Wen nehme ich mit?“
„Schauen Sie sich mal um, Raeder! Ich habe noch nicht mal genug Leute hier vor Ort. Sie werden allein damit fertig werden müssen. Und sehen Sie zu, dass Sie schnell Resultate liefern. Wenn Sie nicht den Täter finden, finden ihn die Russen. Und die fackeln nicht lange, das wissen Sie.“
Raeder nickte. Im Sommer 1946 waren betrunkene sowjetische Stabsoffiziere während einer ihrer Lustjagden in den weitläufigen Wäldern rund um die Kaserne von Meisneritz, bei denen sie auf alles schossen, was sich bewegte, zufällig über ein nur notdürftig verscharrtes Waffenlager mit 44er Sturmgewehren, einigen MG 42 mit Lafetten und Panzerbüchsen aus Wehrmachtsbeständen gestolpert. Vermutlich stammten die Waffen von einer der vielen versprengten Einheiten, die sich damals auf der Flucht vor der Roten Armee durch das schwer umkämpfte Gebiet schlichen. Vielleicht hatten sich die Soldaten leer geschossen oder man hatte sich vom Ballast befreien wollen, um schneller fliehen zu können. Lediglich einige Äste und Zweige waren über die Waffen geworfen worden. Als einer der sowjetischen Offiziere unglücklich darüber fiel, löste sich aus seiner Waffe ein Schuss, der ihm von unten Kinn und Gesicht wegriss, so dass er verblutete.
Niemand wusste, wer die Waffen dort zurückgelassen hatte. Doch auf Waffenbesitz stand die Todesstrafe, und die aufgebrachten Sowjets befürchteten, unweit ihrer Kaserne, die Vorbereitung einer Werwolfaktion. Da man keinen Schuldigen hatte ausfindig machen können, war kurzerhand der ehemalige Förster des Reviers, ein von Arthritis gebeugter und halbblinder Greis, verhaftet und, als er sich weigerte, mitzukommen, noch in seinem Wohnzimmer erschossen worden, um ein Exempel zu statuieren. Der Bruder des Försters hatte daraufhin die sowjetische Kaserne aufgesucht, um dort für den Mord an seinem Bruder eine Entschuldigung zu verlangen. Da er sich in seinem Zorn von der Wache, die ihn nicht verstand, nicht aufhalten lassen wollte und nach den Händen des Postens schlug, der nach ihm griff, hatte man ihn ebenfalls kurzerhand erschossen. Danach protestierte niemand mehr.
Wagner seufzte:
„Also, Raeder, zeigen Sie unserem großen Bruder, dass wir unser Land selbst im Griff haben.“
„Jawohl, Herr Hauptmann.“
„Und passen Sie auf, Raeder, alles ist politisch heutzutage. Auch die Kreisleitung will den richtigen Täter, und zwar schnell. Und niemand wäre dort ausgesprochen unglücklich, wenn sich herausstellen sollte, dass der Täter in den letzten tausend Jahren bevorzugt in braunen Teichen geschwommen ist, wenn Sie verstehen, was ich meine.“
„Vollkommen, Herr Hauptmann.“
„Sie werden mir regelmäßig Bericht erstatten. Sie können von der russischen Kaserne aus telefonieren. Kommandant Bakunin hat es mir eben zugesagt. Er ist mitunter grob und jähzornig, aber er ist in Ordnung. Ich habe ihm als Dolmetscher bis zum Januar letzten Jahres gedient. Er ist ein Bauer, trinkfest, mit Krume unter den Nägeln, nicht ohne Herz. Und er kommt aus einer großen revolutionären Familie.“
„Bakunin? Verwandt mit Michail Alexandrowitsch Bakunin?“
„Ja. Der große Anarchist, einer seiner Vorfahren. Vielleicht hat er sein Temperament von ihm geerbt, wir wollen hoffen, dass er keinen Unsinn macht. Umso besser ist es, wenn Sie noch heute mit Ihren Ermittlungen starten. Melden Sie sich gleich bei ihm, sobald Sie in Meisneritz angekommen sind. Und nun packen Sie Ihre Sachen. Um 15 Uhr nimmt Sie hier ein LKW mit.“
Wagner verabschiedete ihn und Raeder eilte, nachdem er von den Kollegen seines Hörsaals bei einer letzten gemeinsamen Zigarettenlänge über seinen Einsatz ausgefragt worden war, nach Hause, um in seinem Armeerucksack einige nötige Dinge zu verstauen. Darunter aus seinem privaten Besitz eine verbeulte Olympia Schreibmaschine, noch in Wehrmachtsgrau lackiert, die verbotene Doppelrune auf der hochgestellten 5 hatte er weggekratzt und abgefeilt, um keinen Ärger zu bekommen, und eine Schraub-Leica II, die ihm nun zum ersten Mal während seiner Polizeiarbeit dienen sollte. Ein Kamerad hatte sie ihm während des Russlandfeldzugs versprochen, falls er den Krieg nicht überstehen sollte. Er überlebte sein Versprechen nur um wenige Wochen, und Raeder hielt seitdem die Leica in Ehren. Raeder besaß außerdem noch einige Kleinbildrollfilme, die er wie einen Schatz hütete, dies umso mehr, als er im letzten Sommer von einem befreundeten Fotoenthusiasten erfahren hatte, dass die AGFA Filmfabrik Wolfen bei Bitterfeld demontiert wurde. Leider besaß Raeder keine Entwicklerflüssigkeit mehr für seine Filme und Fotopapiere. Er hatte sie bei Wagner bestellt, doch niemand wusste, ob und wann man das Material liefern würde.
Zum verabredeten Zeitpunkt hatte vor der Prenzlauer Kaserne II in der Alsenstraße ein mit Mehlsäcken beladener LKW gestanden, der seine Fracht vom Nebengleis des schwer beschädigten und deshalb stillgelegten Kreisbahnhofs von Prenzlau zum sowjetischen Stützpunkt nach Meisneritz zu bringen hatte. Der sowjetische Fahrer war ein Asiate, kaum mehr als ein Männchen, der ihn mit einem Gebiss, das ausschließlich aus Gold und Lücken bestand, angrinste und auf Sonnenblumenkernen kaute, die er ohne Unterlass aus seiner Hosentasche beförderte, während er, nicht frei von musikalischem Talent, Melodien ferner Provenienzen summte. Die Schalen der Kerne spuckte er zischend aus dem Fenster, was sein Summen kurz unterbrach.
Nur langsam waren sie vorangekommen. Die zerstörte Straße war schon vor längerer Zeit behelfsmäßig ausgebessert worden, indem man die Granattrichter mit Sand und Ziegelresten zugeschüttet hatte, doch viele der Krater waren bereits wieder ausgespült worden. Oft tauchte der LKW tief in die Löcher ein, so dass sie in ihrer Fahrerkabine durchgeschüttelt und an die Türen geworfen wurden.
Umsiedler zogen mit Kleinkindern und Koffern beladene Handkarren und schleppten sich seitwärts zum Straßenrand, um den LKW passieren zu lassen, dazwischen immer wieder Hamsterer, die sich nervös umschauten und schwer an ihren Werten trugen, die sie bei den Bauern in Nahrhaftes tauschen wollten. Alte Frauen mit leeren Gesichtern und Holzschuhen wankten hinterher, ein Tross der Verzweiflung zwischen Heimat und Hoffen. Auf Sozialisten, schließt die Reihen – gelegentlich hingen Spruchbänder über den Straßen und kündeten vom Junkerland in Bauernhand und vom langen Leben der siegreichen Roten Armee.
In der Baustraße von Prenzlau türmten sich seit jenen verheerenden Apriltagen der Zerstörung Gebirge von Schutt. Auf den wenigen noch stehenden Wänden drängten sich Buchstaben in hastig gekritzelter Kreide. Wer hat Anna Brix gesehen? Gustav und Elsa Merten leben. Nachricht für Erich Pikolek, wir gehen nach Belzig. Nur ein halbes Dutzend Häuser in der Straße hatte der sowjetischen Artillerie getrotzt, was noch an Wänden stand, glich aufgebohrten Zähnen. Die vom Beschuss fortgesprengten Fassaden offenbarten ihre Versorgungsstränge wie verödete Adern. Einiges war verbrettert worden, gelegentlich führten Zimmertüren direkt in den Abgrund. Die Kipploren der Trümmerbahn, mit denen seit Jahr und Tag Ziegelbruch, Mörtel und Putz der Steinwüstenei rund um den Marktberg abtransportiert wurden, wurden von einer Kleindampflok über dünne Gleise hinweg gezerrt, beschickt von aufgerissenen Händen, der Schleusenstraße entgegen, wo man einen Teil des Abraums in den Unteruckersee kippte. Dort auf dem Wasser fächerten sich in weißen und roten Schlieren die zu Mehl zerstäubten Häuser auf, durchpflügt von den Rinnen der wenigen Schwäne, die den Winterhunger der Bevölkerung überlebt hatten.
Hinter der Stadt in Richtung Woldegk schlossen sich Felder an, auf denen hunderte von Frauen das Unkraut jäteten und nach Kartoffelkäfern Ausschau hielten, von denen es hieß, der imperialistische Klassenfeind habe die Schädlinge aus der Luft abgeworfen, um den Sozialismus zu schwächen. Tief gebückt standen die Frauen im Grün der Pflanzen. Viele von ihnen waren jung, oft von der Schulbank gerufen, blondes Haar flatterte unter ihren Kopftüchern hervor, der Wind drückte den Stoff ihrer Röcke an die Hintern und formte ihre Schenkel aus. Der Fahrer konnte seine Augen nicht von den Kehrseiten der Frauen lassen und wäre beinahe von der Straße abgekommen, wenn Raeder ihn nicht unwillig in die Seite gestoßen hätte. Der Fahrer grinste Raeder zwinkernd an, murmelte etwas Unverständliches, schnalzte mit der Zunge und konzentrierte sich wieder auf die Strecke.
Raeder schaute aus dem Fenster und sah über die Weite seines Blicks zurück in seine Kindheit. Ausgerechnet Seegenow. Der Ortsname, den der Major beiläufig genannt hatte, hatte ihn getroffen wie eine verirrte Kugel, auch wenn er sich nichts hatte anmerken lassen. Ein Dorf, kaum würdig des 20. Jahrhunderts, als wäre es von der Zeit vergessen worden, fern der Vernunft und allen Fortschritts. Ein Ort, der so tief in den Wäldern lag, dass dort auch im Hochsommer kaum die Sonne schien, so wie damals, als er da gewesen war, nur einmal war es gewesen, vor fast zwanzig Jahren, als er ein Kind von acht Jahren war. Seltsam, nie wieder hatte er sich daran erinnert, bis zum heutigen Tage.
Damals hatte er seinen Vater begleitet, der sich auf der Suche nach einer neuen Anstellung befand. Sein Gutsherr hatte ihn, den Kutscher, zuvor entlassen, als ihm die Sympathien des Kutschers für die Kommunisten zugetragen worden waren. Raeders Vater war beim fünften Biere im Dorfkrug unvorsichtig geworden und ins Plaudern geraten, ein Wort gab ein Wort, aufrecht und stolz, wie er war, und der kleine Hans hatte fröhlich neben ihm gesessen. Bring’ mir den Vater nach Hause, bevor er sich um Kopf und Kragen redet, so hatte es ihm die Mutter aufgetragen. Doch zu hoch fuhren die Krüge, eine Runde trinken wir noch, man redete sich die Köpfe heiß, einen Scheidebecher zu guter Letzt, und ein missliebiger Nachbar merkte sich die Schwärmereien des Kutschers für die Ideen Thälmanns und Luxemburgs und kolportierte sie dem Mann, dem sie alle dienten. Zwei Tage später war der Gutsherr ins Kutscherhäuschen gepoltert, höchstpersönlich, er, der sich üblicherweise distanzierlich zu seinen Bediensteten verhielt, ganz plötzlich war er im Dampf der Steckrübensuppe in der Küche erschienen, als sie gerade zu Tische saßen und aßen, sein Gesicht war purpurn und seine Augen vor Wut geschlitzt wie Schnitte einer Schlachterklinge in schierem Fett, selbstgerecht hatten seine Besenreiserwangen gezittert, und zu allem Unglück hatte er sich noch seinen Kopf am Deckenbalken gestoßen, deren für Subalterne gedachte Höhe er nicht gewohnt war, kräftig blutete er aus einer Stirnwunde, suppend lief es ihm in die Augen und es speiste seinen Zorn. Er griff nach der Kutscherpeitsche, die in der Ecke lehnte, und für einen Moment schien es, als wolle er seinen langjährigen Kutscher für dessen verzagt demokratisches Erwachen züchtigen wollen, als wolle er ihm Striemen über den Körper zacken wie einem Köter. Doch dann schleuderte er die Gerte in die Küchenvitrine, wo sie das feine, das einzige Porzellan zerschlug, in höchster Erregung kreischte er, steck’ dir das spinnerte Zeug deiner vaterlandslosen Gesellen und Kaiserfeinde in den verfluchten Arsch, deine Finger sollen dir an der Leine verfaulen, niemals wieder wirst du meine Kutschen führen, du elender Taugenichts, du Schwein, du Hundsfott, undankbares Geschmeiß, scher’ dich fort zu deinen roten Teufeln! In Furor war es dem Gutsherrn aus dem empörten Mündlein über die Lippen gekommen, Speichelfäden waren ihm glitzernd wie silberne Uhrenketten über die Brokatweste geflogen, hinter der sein Bauch bebte, und es war ihm völlig einerlei gewesen, dass die drei Söhne des Kutschers es anhören mussten und dabei in Scham vergingen, da sie ihrem Vater nicht zur Hilfe kommen durften. Erst als Hermann, der Älteste mit 15 Jahren, den Stuhl zurückstieß, aufsprang und gellend schrie, dass es nun genug sei, während die Mutter ohne Unterlass schluchzte, kam der Gutsherr wieder zu sich und ließ von seinen Tiraden ab. Noch in der gleichen Nacht hatte die Familie das Gesindehaus verlassen müssen und war nach einer Nacht des Marschierens am nächsten Morgen in Boitzenburg angekommen, wo sie bei einer entfernten Verwandten der Mutter zu fünft eine Kammer bezogen. Als Raeders Vater dort im Städtchen einige Tage später zu Ohren kam, dass man sich in Seegenow als Tagelöhner in einer Köhlerei verdingen könnte, war er eines Morgens aufgebrochen und hatte Hans, seinen Jüngsten, mitgenommen. Groß musste die Verzweiflung des Vaters gewesen sein, der nun bereit war, den von ihm geliebten Duft des Stalls und der Pferde vom Gestank glimmender Kohle überwehen zu lassen, um die Familie zu ernähren. Der Marsch war weit gewesen, Stunden waren sie unterwegs, gelegentlich nahm sie ein Ochsenkarren mit, hier und da tranken sie aus den Quellen entlang des Weges. Als sie sich Seegenow näherten, dem von Stechginster zugewachsenen Trampelpfad folgend, der eher einem kaum belaufenen Wildwechsel ähnelte, war schon von weitem das Schwelen der Hölzer in den Meilern zu riechen, die unter Moosen, Gräsern und Erde den übelriechenden Vorhang Seegenows ausdampften. Im Wald kamen sie an stillen, vom Herbstlaub der Vorjahre bedeckten Köhlerplätzen vorbei, schwärzlich und beißend, und die versotteten Erdhaufen waren Raeder wie überschorfte Geschwüre des Waldbodens erschienen. Das Wasser des Sees, nur einen Steinwurf entfernt, hatte diese Erdbrände vor langer Zeit erstickt. Kurz vor dem Dorf passierten sie ein wüstes Gebäude, das von Fichten umstanden war. Nur noch eine nach innen geneigte Wand aus Feldsteinen stand, die auf wunderliche Weise der Schwerkraft trotzte. Der Innenraum, gesäumt von Resten einer Mauer, war eine seltsam leere Brache gewesen, in der keine Pflanzen zu wachsen schienen und in der lediglich Feldsteine der umgestürzten Wände im Sand ruhten. Neugierig hatten sie den Innenraum betreten und sich umgeschaut. Raeder war ein Hausbock zu seinen Füßen aufgefallen, ein ungewöhnlich großes Exemplar, fast von der Länge eines kleinen Fingers, der durch den Sand krabbelte. Intuitiv trat er auf den schwarz schimmernden Balkenfresser und hörte zufrieden das Krachen des Panzers. Daraufhin war zu seiner Überraschung ein zweiter Hausbock auf ihn zugeflogen, dem er angeekelt auswich. Der Bock landete direkt neben den Resten des ersten Insekts. Von dort aus tastete er mit seinen fadenartigen Fühlern um sich und versuchte, auf Raeders Holzschuh zu krabbeln. Auch ihn trat Raeder tot. In diesem Moment entdeckte sein Vater, dass das verlassene Gebäude, in dem sie sich befanden, das Schiff einer alten Kirche war, er erkannte es an der Altarnische in der noch stehenden Wand. Lass’ uns gehen, Hans, rief er seinem Sohn zu, das ist eine Kirche, und eine verlassene Kirche ist kein gutes Zeichen. Ein dritter Hausbock fiel vor Raeders Füße, und der vierte Hausbock landete in Raeders Haar. Drei weitere Käfer flogen ihn an, und plötzlich umgab ihn starker Fügelschlag. Immer mehr Käfer, Hunderte, so schien es ihm, fielen auf Raeder und seinen Vater herab, es regnete in schwarzen Tropfen aus den Wipfeln der Fichten, wurde zu einer Wolke, die nach Talg und Essig roch. Wild schlug Raeder um sich, spuckte heraus, was in seinen Mund geflogen war und eisenbitter schmeckte, und er rannte aus dem Geviert der Ruine, sein Vater folgte ihm, ebenfalls mit den Armen rudernd. Fürchterlich, rief der Vater, als sie ein gutes Stück gelaufen waren und keuchend innehielten, so etwas habe ich noch nicht erlebt, und er griff sich an den Hals, man soll es nicht für möglich halten, aber nun hat mich doch tatsächlich eines der Viecher gebissen. Raeder hatte nachgeschaut, und der lange Legestachel eines der Insekten hatte im Hals des Vaters gesteckt, den er herausgezogen und fortgeworfen hatte. Als sie weitergingen, um nach den Meilern der Köhler zu suchen, hatte er Angst bekommen und nach der Hand seines Vaters gegriffen, und er erschrak, weil die Hand seines Vaters, seines sonst so furchtlosen Vaters, nass vor Furcht gewesen war. Es ist ein Ort ohne Segen, murmelte der Vater immer wieder, ein Ort ohne Segen, ein Ort ohne Segen. Sie durchschritten das kleine Dorf, an geduckten Fachwerkhäusern und dem schmucklosen Vorwerk vorbei, noch immer in Gedanken bei dem Bockschwarm in der wüsten Kirche. Als sie bald darauf die Köhler im Wald antrafen, fragte der Vater nicht nach Arbeit. Stumm gingen sie an den qualmenden Hügeln vorbei, auf denen grimmig blickende Männer mit schwarzer Haut und schwarzer Kleidung standen und sie, auf ihre Stecken gestützt, misstrauisch beobachteten. Was hatte sich sein Vater nur dabei gedacht, hier arbeiten zu wollen? Raeder und sein Vater kehrten um. Die Männer auf den rauchenden Meilern waren Irrblickende, denen der Mangel an Atemluft die Sinne zerstörte, denen die ständigen Holzgase den Verstand vernebelten und die Lauterkeit erstickten. Die Mutter hatte es ohnehin nicht gewollt. Gefleht hatte sie, der Vater möge es woanders versuchen, ein Kutscher könne kein Köhler sein. Auf dem Rückweg nach Boitzenburg hatte sein Vater geweint, leise und derart, dass sein Sohn es nicht hören und sehen sollte, aber es war Raeder trotzdem nicht entgangen. Drei Wochen später bekam der Vater einen roten Ausschlag am Hals, dem Flecken und Beulen am gesamten Körper folgten, so dass der herbei gerufene Arzt nervös wurde und murmelte, vielleicht sei es die Bubonenpest, eigentlich müsse er es melden, aber es sei doch gar nicht möglich, die Bubonenpest habe es seit über hundert Jahren nicht mehr in der Region gegeben. Und siehe da, über Nacht verschwanden die Flecken wieder vollständig und tags darauf machte der Vater einen vollkommen gesundeten Eindruck, er lachte und scherzte, voll frischen Tatendranges wollte er wieder aufstehen. Am nächsten Abend aber stellte sich ein Fieber ein, das ihn binnen Stunden von innen verbrannte, er schrie ohne Unterlass und seine Fingernägel fielen ab. Der Arzt weigerte sich, zu kommen, und am nächsten Morgen waren die Augen des Vaters weiß, als er starb. Hans und seine beiden Brüder begruben ihn und sprachen mit niemandem über das, was geschehen war.
Der Fahrer hupte und schrie, als ein Eselkarren vor ihnen die Straße nicht freigeben wollte, und das brachte Raeder zurück. Er schüttelte sich, rieb sein Gesicht und blickte nach draußen.
Auf einigen Feldern wurde bereits das erste Heu gemäht. Schnitter schritten mit ihren Sensen durch das Gras, in ihren Kumpfen am Gürtel die Wetzsteine, das Metall ihrer Klingen blinkte mit regelmäßigem Schlag in der Sonne. Trommelheuwender der Jahrhundertwende, von dürren Pferdchen gezogen, wirbelten das feuchte Gras nach oben, während in größerer Ferne Störche über die abgeernteten Wiesen staksten und reiche Ernte an Fröschen, Hamstern und Mausgetier hielten.
Überall lag Staub in der Luft, es hatte viel zu lange nicht mehr geregnet. Sand, der über den Feldern aufgewirbelt war, knirschte zwischen den Zähnen und kitzelte in den Augen. Über der Landschaft ein uckermärkisches Himmelsgewölbe, reich an Wolkentupfern und Tiefblau, darunter der hohe Stand des Weizens, überflattert von Pfauenaugen und kleinen Füchsen, gesäumt von einem Sommergesprenkel aus Klatschmohn, Kornblumen und Rotklee.
Irgendwann bog der LKW nach links ab. Der Landstraße schloss sich ein Sommerweg an, dem die Panzer und Fahrzeuge der Roten Armee starke Verwerfungen zugefügt hatten. Nochmalig musste der Fahrer sein Tempo drosseln.
Nach wenigen Kilometern durchfuhren sie das stille Meisneritz. Das Dorf, soviel war zu erahnen, musste vor dem Krieg ein belebter Ort mit vielen Höfen und einem großen Gutshof gewesen sein, doch hier war kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Die Streuobstwiesen bestanden nur noch aus verkohlten Stümpfen, die nie wieder tragen würden. Alle Scheunen waren bis auf die Grundmauern heruntergebrannt, dazwischen militärische Schanzungen und ausgebranntes Kriegsgerät. Raeder wusste, was hier geschehen war. In den letzten Kriegswochen hatten versprengte Reste einer SS-Grenadier-Division – es mochten ungefähr zwei verbliebene Züge flämischer Freiwilliger gewesen sein – den Ort, zum eigenen Untergang bereit, gegen eine Übermacht der Roten Armee verteidigen wollen, doch ein nach ihren Maßstäben heroisches Ableben im Kampf von Mann gegen Mann war ihnen nicht vergönnt gewesen. Um Verluste eigener Soldaten zu vermeiden, entschied man sich auf Seiten der sowjetischen Führung für einen Luftschlag von Iljuscha Schlachtfliegern, deren Streubomben und Brandbomben die Kämpfer irrer Weltanschauung nichts entgegen zu setzen hatten. Als die Dörfler, die ihre Häuser unter vorgehaltenen Waffen hatten räumen müssen und in den Wald geflohen waren, zurückkamen, war das Dorf nicht mehr da. Dafür war die Rote Armee eingerückt. Weil einer ihrer vollbesetzten Lastwagen auf eine Mine auffuhr und alle Insassen dabei zerrissen wurden, erschoss man die zurückgekehrten Meisneritzer, nur einigen wenigen Kindern gelang es, in den Wäldern zu verschwinden. Die Leichen der Soldaten der Waffen-SS hatte man hinter der Kirche abgekippt, wo das, was nicht von Wildschweinen, Wölfen und Insekten gefressen worden war, seitdem verrottete und nur noch ein ineinander verschlungener Hügel weißer Knochen war. Im letzten Jahr war gestattet worden, dass zumindest die getöteten Dörfler beerdigt durften. Raeder sah die neuen Holzkreuze auf dem überwucherten Friedhof. Weil man in den Dörfern und der Umgebung viel darüber gesprochen hatte, wusste er, dass es 31 waren.
Katzen stromerten durch Meisneritz und huschten vor dem Laster über die Straße. Das Skelett des zerfetzten GAZ Lastwagens, der aus dem Weg gezogen war, war bereits von Brennnesseln und Schachtelhalmen zugewuchert. Der Ort, in dem die Vögel schwiegen und in dem Wind und Zeit still standen, schlug Raeder auf das Gemüt, auch der Fahrer stellte sein Summen ein.
Kurze Zeit später hatten sie die sowjetische Kaserne erreicht, in der vor und während des Krieges der Fuhrpark eines Panzer-Jäger-Regiments und einige Instandsetzungskompanien beherbergt waren. War es früher einmal eine verschlafene Garnison gewesen, so war es nun eine Kleinstadt im Nirgendwo. Die Rote Armee hatte den Stützpunkt mit zusätzlich errichteten Lagerhallen, Versorgungsgebäuden und Unterkünften ausgebaut. Am Schlagbaum wurde Raeder kontrolliert, ein kurzer Blick auf seinen Ausweis genügte den Wachsoldaten, offensichtlich war seine Ankunft angekündigt worden. Zwei Rotarmisten aus dem Wachlokal geleiteten ihn in das Hauptgebäude, einen Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert. Über Steinstufen, die von ungezählten Tritten nagelbewehrter Stiefelsohlen rund geschliffen waren, kamen sie in den zweiten Stock. Wandmalereien von Hakenkreuze zerschmetternden Soldaten vor Panzern, auf U-Booten oder in Flugzeugen schmückten die ehemals preußisch nüchtern gekalkten Wände. Vor einer Flügeltür am Ende des Ganges bedeutete man ihm, auf einer Bank Platz zu nehmen. Er wartete eine Weile, bis jemand herrisch auf Russisch rief:
„Der Polizist soll reinkommen!“
Raeder wurde die Tür geöffnet und er betrat einen karg eingerichteten Raum. Hinter dem Schreibtisch saß ein sowjetischer Oberstleutnant, musterte den Eintretenden und zog an einer Zigarre. Qualm hatte die Wände des Raums bereits braun gefärbt. In Schlieren, durchschnitten vom Licht der Nachmittagssonne, züngelte der Tabakdunst nach oben, als der Offizier den Stumpen im Aschenbecher abstreifte und ablegte.
Die gegenüberliegende Wand des Schreibtisches war mit einem Stalinportrait geschmückt, das von roten Fahnen umrahmt war. An Kartenständern hingen Landkarten unterschiedlicher Maßstäbe, auf einem weiteren Besprechungstisch stapelten sich Akten, Papier, volle Aschenbecher, Wodkaflaschen und Gläser. Inmitten des Sammelsuriums lag in einem Holster eine Pistole.
„Du bist also Hans Raeder, Unterleutnant der Volkspolizei.“, stellte Oberstleutnant Bakunin in einem Tonfall fest, der keinen Widerspruch duldete. Sein Deutsch war exzellent. Bakunin war ein untersetzter Mann, drahtig und mit breiten Schultern ausgestattet, die einem Boxer zur Ehre gereicht hätten. Seine Augen leuchteten eisblau. Raeder fühlte sich unwillkürlich an die Bergbäche des Nordkaukasus erinnert, als er im Kriegsgefangenenlager bei Nowotscherkassk zwei Jahre lang in den Wäldern schuftete. Über den Augen des sowjetischen Standortkommandanten wölbte sich eine durchgehende Augenbraue im gleichen Schwarz der Haare und des gestutzten Kinnbarts. Auf den Schultern der Feldjacke prangten Schulterklappen mit zwei silbernen Sternen und roter Paspelierung, was, wenn Raeder sich richtig erinnerte, der Farbe der Panzertruppen entsprach.
„Oberstleutnant Bakunin, wie ich annehmen darf?“
Bakunin lächelte und bot Raeder mit einladender Geste an, vor seinem Schreibtisch im Besuchersessel Platz zu nehmen:
„Wir haben hier ein Problem, Unterleutnant Raeder.“
„Man hat mich davon unterrichtet. Ich konnte mir noch kein Bild von der Situation machen, Herr Oberstleutnant.“
Raeder nahm Platz und stellte seinen Rucksack neben sich.
„Du wirst gleich ausreichend Gelegenheit dazu bekommen, Raeder.“
„Das ist gut, Herr Oberstleutnant.“
Der Offizier griff nach seiner Zigarre, lehnte sich zurück, inhalierte tief und ließ den Rauch in seinen Lungen. Dabei musterte er Raeder lange, bis er den Rauch unter die Decke stieß:
„Was hast du im Krieg gemacht?“
„Ich war Soldat, Herr Oberstleutnant.“
„Welche Einheit?“
„Panzer-Artillerie-Regiment 75.“
„Hast du in der Sowjetunion gekämpft?“
„Ja, Herr Oberstleutnant.“
„Wo?“
„Am Don, im Kaukasus, am Terek. Dann Rückzug über den Kuban bis nach Belgorod. Im Sommer 1943 waren wir in Kursk dabei, später in der Ukraine, Charkow und Tscherkassy. 1944 bin ich bei Kirowogrod in Gefangenschaft geraten. Damals waren wir der 1. Panzerarmee unterstellt.“
„Panzerarmee, so so. Ich bin selbst Panzerfahrer.“
„Ich habe es gesehen, Herr Oberstleutnant.“
„Wir haben viele von euch getötet. Ihr seid große Nazis gewesen. Ihr habt denselben Totenkopf getragen wie die Waffen-SS.“
„Ich selbst war kein Panzerfahrer. Und es ist ein anderer Totenkopf. Der Totenkopf der Panzerfahrer kam von den Fellmützen der kaiserlichen Leibhusaren. Das war im 18. Jahrhundert. Mit der Waffen-SS hat es nichts zu tun, Herr Oberstleutnant.“
Der Oberstleutnant schnitt ihm brüsk das Wort ab:
„Danke. Wenn ich mehr über deutsche Geschichte erfahren möchte, lasse ich es dich wissen. Was war dein Dienstgrad?“
„Schütze, Herr Oberstleutnant.“
„Auszeichnungen?“
„Panzerkampfabzeichen, Verwundetenabzeichen, Eisernes Kreuz zweiter Klasse, Herr Oberstleutnant.“
„Wofür das Eiserne Kreuz?“
„Für Abwehrkämpfe bei der Schlacht um Rostow.“
Der Oberstleutnant zog amüsiert die Augenbrauen hoch:
„Was du nicht sagst. Dann haben wir damals gegeneinander gekämpft. Ich war Zugführer einer Einheit der 37. Armee unter Lopatin. Wir haben euch mächtig verprügelt. Warum bist du nie befördert worden?“
„Es gab Schwierigkeiten mit einem Vorgesetzten, Herr Oberstleutnant.“
„Warum?“
„Mein Kompaniechef war ein Gutsbesitzer aus Pommern. Als Kind habe ich keine guten Erfahrungen mit Gutsbesitzern gemacht. Und mein Kompaniechef hatte starke Halsschmerzen, wenn Sie wissen, was das bedeutet, Herr Oberstleutnant.“
Bakunin schüttelte den Kopf:
„Was bedeutet es?“
„Er wollte das Ritterkreuz um jeden Preis am Halse haben. Er wollte es und ihm war jedes Mittel recht. Viele von uns hat er dafür in den Tod geschickt.“
„Hat er sein Ritterkreuz bekommen?“
„Ja. Zwei Tage nach seinem Tod.“
„Wie viele Russen hast du getötet?“
„Diese Frage habe ich mir nie gestellt, Herr Oberstleutnant.“
„Nun stelle ich die Frage.“
„Sie wollen eine Zahl?“
Raeder begann in Gedanken zu überschlagen.
Bakunin lehnte sich abrupt nach vorn und hörte auf zu lächeln:
„Ich will keine Zahl. Was sind Zahlen? Ich will sehen, ob du ehrlich bist. Ich vertraue dir, Raeder, nicht als Mensch, denn du bist Deutscher, aber von Soldat zu Soldat. Hol’ uns Wodka und zwei Gläser.“
Raeder ging zum Nebentisch, griff nach einer der Wodkaflaschen Marke Shustov und nahm zwei Stopkas vom Tisch, die er vor Bakunin auf den Tisch stellte. Dieser füllte geübt die Gläser, eines reichte er Raeder, das andere nahm er selbst:
„Trinken ohne Trinkspruch ist nur wahlloses Saufen. Trinken wir darauf, dass wir uns kennen gelernt haben.“

Raeder erwiderte den Trinkspruch in tadellosem Russisch:
„Sa znakómstwa.“
Ein Grinsen verirrte sich in Bakunins Gesicht und eilte wieder davon, bevor es sich als Geste etwaiger Herzlichkeit deuten ließ. Hart schlug der sowjetische Offizier das Glas auf den Tisch:
„Meine Leute bringen dich jetzt nach Seegenow. Dort wirst du dir eine Unterkunft suchen. Es sind so viele Umsiedler dort, es kommt auf einen Menschen mehr nicht an. Wende dich im Dorf an den Dorfvorsteher. Er heißt Körendorff. Ein Großbauer, politisch unzuverlässig, denkt nur an sich. Ich halte nicht viel von ihm, aber er kennt sein Dorf und ist tüchtig. Außerdem kann dir Viktor helfen, das ist sein Hilfspolizist. Ein alter Russe, nach dem Krieg von 1918 hier hängengeblieben, du kannst ihm trauen. Nicht, weil er Russe ist, ich selbst traue auch einem Russen nicht über den Weg, sondern weil er ein gutes Herz hat. Du erkennst ihn an seiner roten Armbinde. Beide sind heute nicht da, sagte uns der Bauer, der den Toten gefunden hat, aber sie sollen angeblich in der Nacht zurückkommen. Bei uns wird Leutnant Semjonow dein Ansprechpartner sein. Er wird dich einmal am Tag in Seegenow aufsuchen und du wirst dich bereithalten und ihm Bericht erstatten. Ich rate dir, mich nicht anzulügen und mir keine Schwierigkeiten zu machen. Ich bin hier die höchste Instanz, egal was dein Chef behauptet. Wo ich bin, ist Stalin. Wo Stalin ist, ist die Sowjetunion. Und ich warne dich – wenn Du den Täter nicht findest, finden wir ihn.“
„Davon gehe ich aus, Herr Oberstleutnant.“
„Ich gebe dir drei Tage, bis du mir den Täter bringst.“
„Drei Tage sind sehr wenig, Herr Oberstleutnant.“
„Wir sind hier nicht auf einem Schwarzmarkt und feilschen um Zigaretten. Drei Tage, mehr nicht. Das ist alles. Du kannst gehen, Raeder.“
Raeder erhob sich:
„Auf Wiedersehen, Herr Oberstleutnant.“
„Doswidanje, Unterleutnant.“
„Ach, und noch etwas, Raeder!“
„Herr Oberstleutnant?“
„Warst du schon einmal in Seegenow?“
„Ja, als Kind, Herr Oberstleutnant.“
„Dann kennst du es. Dieses Dorf hatte schon immer zu wenig frisches Blut, deshalb braucht es eine harte Hand. Denke immer daran.“
Raeder nickte. Oberstleutnant Bakunin schenkte sich ein weiteres Glas Wodka ein und schaute nicht mehr hoch.
Raeder griff nach seinem Rucksack, verließ das Büro des Kommandanten und atmete auf. Ein Leutnant, schlank und großgewachsen, erwartete ihn bereits. Im Singsang des russischen Südens stellte er sich vor:
„Leutnant Semjonow, ich stehe zu Ihrer Verfügung.“
„Unterleutnant der Volkspolizei Raeder. Vielen Dank.“
„Folgen Sie mir. Ich bringe Sie nach Seegenow.“
Sie verließen das Stabsgebäude und überquerten den Hof der Kaserne. Vorhin war ihm wenig Zeit geblieben, jetzt konnte sich Raeder einen besseren Überblick verschaffen. Auf dem Hof parkten ein Dutzend Tanklastwagen, dahinter in den Wartungshallen wurden T34 Panzer gewaschen, auf Hebebühnen standen unterschiedlichste Halbkettenfahrzeuge, PKW und Laster. Drei schwere sowjetische Panzer vom Typ IS-2 dröhnten gerade aus ihren Garagen heraus, aus der Halle drang schwarzer Dieselqualm, schlug unter dem Hallendach hervor und wurde vom Wind fortgewirbelt. Hinter den Hallen schloss sich ein Exerzierplatz an, auf dem Kompanien gedrillt wurden, Befehle, denen die Soldaten stumpf folgten, flogen zwischen den Gebäuden. Aus übersteuerten Lautsprechern drangen Marschlieder.
Semjonow brachte Raeder zu einem Ford, der noch aus Wehrmachts-beständen stammte und mit Russengrün überstrichen worden war. Auf den Türen prangte der Rote Stern, während sich auf den Kotflügeln noch die taktischen Zeichen des Dritten Reichs abzeichneten. Sie stiegen zum Fahrer ein, der den Motor startete und den Ford wenig später aus der Kaserne steuerte. Semjonow griff in seine Hemdtasche und holte daraus eine Packung hervor. Lächelnd bot er Raeder eine Papirossa an:
„Möchten Sie rauchen?“
Raeder nickte und betrachtete die schwarzgrüne Schachtel, deren kyrillische Buchstaben goldfarben leuchteten:
„Gerne. Das ist eine Herzegowina Flor, nicht wahr?“
Semjonow nickte und Raeder fragte:
„Stimmt es, dass es die Lieblingsmarke von Stalin ist?“
Semjonow grinste:
„Die Herzegowina Flor ist ein übles Produkt der Bourgeoisie aus der Zarenzeit, als unser Volk geknechtet war. Wenn wir Russen oder der verehrte Genosse Stalin heute diese verachtenswerten Papirossi rauchen, dann nur, um sie zu vernichten.“
Raeder griff dankend zu, knickte den Filter, ließ sich Feuer geben und stieß den Qualm, der in seine Lungen stach, mit einem Husten aus:
„Was ist in Seegenow passiert?“
„Ein Bauer hat dort heute einen Toten gefunden.“
„Wann und wo? Und wer ist der Tote?“
„Der Mann wurde heute morgen in der Frühe gefunden. In der Nähe des Sees an der Straße, kurz bevor man in den Ort kommt. Man berichtete uns, dass der Tote jemand ist, der erst vor kurzem aus der Gefangenschaft zurückgekehrt ist.“
„Wie habt ihr davon erfahren?“
„Der Bauer, der ihn gefunden hat, besitzt ein Fahrrad. Er ist zu uns gefahren und hat von dem Toten berichtet.“
„Hat man den Toten bereits untersucht?“
„Nein. Unser Kommandant hat die Volkspolizei informiert. Sie wissen ja, die neuen Bestimmungen.“
„Wird der Fundort nicht bewacht? Wer passt auf den Toten auf?“
„Wir haben dem Bauern gesagt, er soll zurückgehen und den Toten bewachen. Wenn wir kommen und ihn nicht dort finden oder aber feststellen, dass er den Toten berührt hat, erschießen wir ihn. Ihr Deutschen haltet euch immer brav an solche Ansagen. Das ist praktisch. Es erspart uns Arbeit.“
Über Stock und Stein rumpelte der Ford nach Seegenow. Je weiter sie fuhren, umso enger schmiegte sich der Wald an sie an. Buchen, Eichen, Kiefern, Lärchen, ein Grün in allen Schattierungen, strich mit seinen Zweigen wie mit Fingern über die Front des Lasters und schloss sich dahinter wieder. Die Bäume standen so eng, dass der Himmel vor ihnen zwischen den Baukronen zu einem nur noch gelegentlich aufblitzenden Band schrumpfte. Schwarzes Wasser spritzte aus den Morastpfützen, die der allgegenwärtige Schatten vor dem Austrocknen schützte. Die Kühle des Waldes schwappte in das Innere des Fahrzeugs, und das Dröhnen des Getriebes schreckte einen Hasen auf, der vor dem Laster hersprang, bis er endlich eine Lücke im Unterholz gefunden hatte, in die er mit einem Haken verschwand. Spechte hämmerten in den Baumwipfeln, das Stakkato ihrer Schnabelschläge klang wie ein verschwiegener Code und trug in seinem Echo die Erinnerung an das Schwärmen der Hausböcke an Raeder heran, so dass er unwillkürlich nach oben schauen musste.  Ein Mann stand am Straßenrand. Der Bauer, der offensichtlich auf sie gewartet hatte. Seine Sense lag im Gras. Der Laster stoppte, unweit der wüsten Kirche, deren letzte Mauer immer noch stand. Von hier aus, am Fundort der Leiche, einige Hundert Meter vom Ortsausgang entfernt, konnte man zwischen Feldhügeln einige Dächer erahnen. Menschen standen dort auf der Straße, nur als starre Strichlein zu erkennen. Sie schauten neugierig herüber, doch sie trauten sich nicht, näher zu kommen. Seegenow. Sie waren angekommen. Raeder sah den Toten im Gras liegen. Er und Semjonow stiegen aus.

Kapitel 2

Rücklings und beide Arme von sich gestreckt lag der Tote im Gras neben dem Sommerweg. Hinter dem Toten im Blau des werdenden Abends war Sumpfland, das zum See hin von Altschilf überzogen war, gefolgt von Röhricht aus Wasserschwaden, Teichbinsen und Sauergras. Unken klagten und eine Rohrdommel balzte. Nebel umhüllte die Buchen, deren Zweige den Spiegel des Wassers durchbrachen. Fische malten Kreise auf den See, indem sie auf der Jagd nach Pferdebremsen, Libellen und Mücken durch die Oberfläche stießen.
Die Augen des Toten waren aufgerissen. Kleingetier hatte bereits an den Wimpern, der Nase und den Lippen geknabbert. Der Mund war ein vollgestopfter Schlund. Kehle und Zungengrund sahen aus wie von innen zerfetzt. Was war das, was sich im Mund des Toten befand?
Raeder beugte sich zum Mund des Toten herab. Der Gestank von Undefinierbarem, Alkohol und scharfem Urin war intensiv und Raeder verzog das Gesicht. Vorsichtig versuchte er, die aufeinander gepressten Kiefer, zwischen dem ein Stück Fell hervorschaute, auseinander zu ziehen, doch die Leichenstarre hatte dem Fleisch alle Beweglichkeit entzogen. Er berührte das, was aus dem Mund des Toten ragte:
„Im Hals steckt ein Stück Tier. Vielleicht auch ein ganzes. Könnte eine Ratte sein. Oder ein kleines Eichhörnchen.“
Raeder erhob sich und murmelte, mehr zu sich selbst:
„Deshalb stinkt es so nach Urin. Das kommt vom Tier.“