Fuchsrot und Feldgrau Leseprobe

 

Nach wahren Begebenheiten

I

Der Fuchs war hart und kalt. Walodja fand ihn, als er aus dem Versteck im Wald kam. Vermutlich lag das Tier schon seit zwei oder drei Tagen hier im Unterholz zwischen den Kiefern und Birken im halbhohen Gras. Walodja beugte sich hinunter und betrachtete den Kadaver. Langsam fuhr er mit dem Fingerrücken über den Winterpelz und fühlte den sehnigen Körper darunter.
Die Rute des Tieres war buschig, zwei schwarze Ringe durchzogen ihre Mitte. Walodja roch den scharfen Duft, den der Fuchs in seinem Todeskampf verströmt hatte. Eine Mischung aus Urin, Kot und Veilchen. Die Zunge des Fuchses war bereits abgefressen, ebenso die Nase. Auch die Augen fehlten, Maden wanden sich in den leeren Höhlen. Die Zähne des Fuchses zwischen den stumpfgrauen Lefzen waren abgenutzt, einige fehlten, das Zahnfleisch war brandig.
Der Fuchs war ein betagter Einzelgänger im Sonntagsanzug gewesen. Ein besonders schönes Tier, ein erfahrener Räuber. Walodja verspürte Mitleid mit der Kreatur.
Dort, wo der Draht den Hinterlauf des Fuchses bis auf den Knochen durchgescheuert hatte, erkannte er Nagespuren. Vielleicht stammten sie vom Fuchs selbst, der sich zu befreien erhofft hatte, indem er seine abgestorbene Pfote abbiss.
Walodja bedauerte den Tod des Tieres. Doch er war auch stolz auf seinen Vater, der die Falle umsichtig gestellt hatte. Es ist nicht leicht, einen erfahrenen Fuchs zu fangen. Und es war wichtig, dass der Fuchs ihnen nicht noch mehr Hühner nahm, der Winter war hart gewesen, wie immer.
Viel Regen und damit Schlamm hatten die kalten Monate gebracht, hier, in der Region Krasnodar unweit der Taman-Halbinsel zwischen Asowschem und Schwarzem Meer, wo die Nordhänge des Kaukasus schon längst in dicht bewaldete Hügel übergegangen waren, die sich zu den Dörfern hin in den Feldern der fruchtbaren Ebene verloren.
Es war warm. Der Frühling schenkte der Natur seit Wochen heitere Tage. Die Sonne war kräftig und ließ die Knospen aus den schwarzen Äckern schießen. Überall blühte es in der Pracht, die diese Region schon seit Jahrtausenden verwöhnte.
Walodjas Vater Kolja hatte die Drahtschlinge drei Tage lang hinter dem Schuppen im Morast liegen lassen und seinen Kindern eingeschärft, sie nicht zu berühren. Nichts sollte nach einem Menschen riechen.
Der alte Fuchs war vorsichtig gewesen. Vor zwei Wochen hatte er ein Huhn geholt. Fünf weitere hatte er totgebissen, wohl, um sie später nachzuholen. Die restlichen Hühner waren verschont geblieben, weil ihr Gackern Walodja geweckt hatte. Mit Gebrüll hatte er den Fuchs in das Dunkel der Nacht vertrieben.
Am Morgen hatten sie das Loch auf der Rückseite des Hühnerzauns gefunden. Der Fuchs hatte sich dort hindurch gegraben, wo die Erde weich gewesen war. Walodjas Vater war der Spur der Hühnerfedern vom Stall bis zum Waldrand gefolgt und hatte sich entschieden, die Falle hier, auf der Anhöhe unter den Zweigen, zu platzieren. Als Köder diente ihm eines der totgebissenen Hühner.
Das Huhn hatte seinen Zweck erfüllt. Es befand sich im Vergleich zu seinem toten Feind bereits drei Tage weiter in seinem Verwesungsstadium. Als plötzlicher Wind den käsigen Gestank des Tieres aufwirbelte, erhob sich Walodja.
Aus dem Pelz würde sein Vater eine Mütze für Allotschka anfertigen. Er würde wunderbar zum roten Haar seiner Schwester passen. Eine Mütze mit einem langen Fuchsschwanz, den sie wie einen Schal tragen könnte. Sie fror oft, weil sie so dünn war.
Walodja trennte den Hinterlauf des Fuchses mit seinem Messer ab und warf ihn fort. Er nahm den Fuchs an seiner Rute und schaute den Hang hinab zum Hof. Eine Kate mit Strohdach, ein Stall, ein Schuppen. Seine Mutter winkte und er reckte triumphierend den Fuchs in die Höhe. Der Hund der Familie, ein Mischling, der auf den Namen Towarisch hörte, schlug aufgeregt an und riss an der Kette, mit der er und seine Hundehütte verbunden waren.
Der Wind hatte weiter aufgefrischt. Wolken, die Regen in sich trugen, kamen rasch näher. Walodja hörte das Donnern und Grummeln im Himmel. Gehörte es zu einem Gewitter oder waren es die Geräusche der Front, die nur noch wenige Meilen entfernt war? Irgendwo zwischen Starotitarovskaja und Temryuk sollten sich die Armeen gegenüberstehen, raunte man sich im Dorf zu. Die Deutschen würden bald fliehen müssen und seien nervös. Die Rede war von Trupps, die alles töteten. Von Dorfstraßen, durch die das Blut von einer Häuserwand bis zur nächsten floss. Die Leute wussten von Dingen zu berichten, die so schlimm waren, dass man sie nur im Flüsterton ertrug.
Walodja fand seinen Vater im Schuppen, wo dieser gerade einen Stuhl reparierte. Stolz reckte er den Fuchs empor: „Schau, Vater, wir haben ihn!“
Kolja blickte erfreut auf: „Wie schön. Es wurde Zeit.“
Er schaute sich den Fuchs an und strich über das Fell: „Was für ein elegantes Tier, nicht wahr? Jetzt wird es als elegante Mütze weiterleben. Komm, wir zeigen den Pelz Allotschka und deiner Mutter.“
Sie betraten das Wohnhaus. Hinter dem Flur schloss sich ein einziger größerer Raum an, der Küche, Esszimmer und Schlafzimmer in einem war. Das Bett der Eltern war von dem der Kinder durch eine Decke getrennt. Kolja gab seiner Frau, die am mächtigen Ofen stand und eine Kascha kochte, einen Kuss. In den Duft von Zwiebeln und Buchweizengrütze mischte sich der Rauch der Kochstelle. Walodja nahm sich vor, nach dem Essen den Abzug zu reinigen, der sich mit Ruß zugesetzt hatte.
Allotschka saß am Tisch und war sehr beschäftigt. Walodja hatte seiner Schwester vor einigen Tagen aus Holzresten Buchstaben geschnitzt, die sie nun mit Farbe einpinselte. Die Stempel presste sie auf ein Stück Papier. Die Augen in ihrem Gesichtchen loderten grün zwischen den üppigen Locken hindurch. Sie war so konzentriert, dass sie sich auf ihre Zungenspitze biss.
Plötzlich hob sie den Kopf und strahlte: „Für dich, Papa!“
Sie zeigte ihr Bild. Allotschka hatte einen Fuchs gemalt, der ein Huhn davontrug, und sorgsam ihren Namen darunter gestempelt. Walodja war wie bei jedem ihrer Bilder überrascht. Wie talentiert sie war. Für ein kaum sechsjähriges Mädchen konnte sie gut zeichnen, viel besser als jeder Erwachsene, den er kannte. Auch ihr Lehrer sagte, dass aus Allotschka einmal eine Künstlerin werden würde.
Kolja nahm das Bild in die Hand und betrachtete es eingehend: „Das ist wirklich sehr hübsch geworden, Allotschka.“ Er legt es zurück auf den Tisch und streichelte das Haupt seiner Tochter: „Wir werden es zu deinen anderen Bildern hängen.“
Walodja hob den erlegten Fuchs empor: „Schau, für dich, Allotschka! Hier ist er.“
Kurz leuchteten ihre Augen auf, doch dann schaute sie betrübt den Fuchs an: „Eigentlich bin ich traurig, dass er tot ist.“
„Ich auch. Aber es sind schwere Zeiten. Und wir brauchen unsere Hühner.“
Natürlich, das verstand sie. Ihr Bruder versuchte, ihre Laune wieder aufzubessern: „Aus dem Pelz macht dir Vater eine Mütze, nicht wahr?“
Walodja schaute Kolja an, der Vater nickte: „Die Mütze wird dich wärmen, mein Töchterchen. Und so kann dir der alte Fuchs noch ein Gefährte sein. Ich werde die Mütze schön groß machen, denn du wächst ja noch. Dann kannst du sie ein Leben lang tragen. Wer weiß, vielleicht bist du irgendwann einmal eine große Malerin? Gefeiert in Krasnodar, in Kiew oder vielleicht sogar in Moskau! Dann schlenderst du mit dem Pelz um den Hals als Dame über den Roten Platz und an den feinen Geschäften vorbei und alle Moskowiter werden staunen.“
„Ach Papa, meinst du wirklich?“ Noch heller strahlten ihre Augen und gebannt betrachtete sie den Pelz.
Als sie das Tier berühren wollte, hielt ihr Vater sie davon ab: „Fass ihn lieber nicht an, mein Liebling. Er war alt, er wird immer noch einige Flöhe tragen.“
Nun mischte sich Koljas Frau Jelena ein, die beständig in der Grütze rührte, damit sie nicht anbrannte: „Warum bringt ihr ihn dann in die Stube, ihr Nichtsnutze?“
„Es war meine Idee“, entschuldigte sich ihr Mann, ehe der Sohn antworten konnte. „Ich wollte Allotschka nur einen Gefallen tun.“
„Wie kann man nur so dumm sein! Männer sind doch wirklich zu nichts zu gebrauchen!“
Kolja sah, dass Allotschka schon wieder in ihr Gemälde vertieft war. Er zwinkerte Walodja zu, drehte sich zu seiner Frau und zog sie an sich. Beherzt umfasste er ihre Taille: „So, so, ich bin also zu nichts zu gebrauchen? Bist du dir da ganz sicher?“
„Hör auf damit, nicht vor den Kindern!“ Kichernd entwand sie sich seinem Griff und deutete an, ihm den Kochlöffel über den struppigen Scheitel zu ziehen. Walodja lachte.
Kolja hob die Hände und begann ebenfalls zu lachen. Allotschka prustete los. Sie mochte es, wenn ihre Eltern sich neckten.
„Also, raus mit euch! Und nehmt das Viech mit!“, rief Jelena.
„Du möchtest mitkommen? Bitte sehr!“ Kolja tat so, als würde er sie an der Hand aus der Stube ziehen wollen. Jelena lachte und gab ihm einen Klaps auf die Finger: „Genug jetzt! Raus!“
Lächelnd schob sie ihren Mann und ihren Sohn samt Fuchs aus dem Haus.
Kolja und Walodja gingen über den Hof und betraten erneut den Schuppen. Aus der Schublade eines Schranks holte der Vater ein Messer und strich mit dem Daumen über die Klinge. Sie schien ihm stumpf zu sein und er begann, sie am Schleifstein zu schärfen. Funken sprühten. Über die Schulter hinweg rief er seinem Sohn zu: „Häng den Fuchs mit dem Kopf nach unten am Deckenbalken auf. Du kannst auf den Stuhl steigen. Ich habe ihn repariert.“
„Nicht nötig. Ich komme auch so an den Balken.“
Auf den Zehenspitzen stehend band Walodja den Kadaver unter der Decke fest.
Kolja drehte sich um und betrachtete seinen Sohn: „Du bist groß geworden, mein Junge! Siehst du, Walodja, jetzt muss ich bald zu dir aufschauen. Kocht deine Mutter zu gut?“
Walodja grinste ihn an: „Ach, Vater, es ist nicht schwer, jemanden zu überragen, der kaum größer ist als ein Ziegenbock.“
Kolja kniff seinen Sohn in die linke Wange, so, wie er es schon immer getan hatte, seitdem er auf der Welt war: „Du bist genauso frech wie deine Mutter. Komm, jetzt hilf mir mit dem Fuchs.“
Mit geübten Schnitten begann er, das Fell an den beiden Hinterläufen abzutrennen. Dann legte er das Messer beiseite und griff fest zu, um die Haut mit den Händen abzuziehen, was ihn Kraft kostete.
„Warum machst du nicht mit dem Messer weiter, Vater?“
„Wenn man mit dem Messer arbeitet, ist schnell ein Loch in die Haut geschnitten. So ist es anstrengender, aber es wird schöner.“
Kolja hielt inne und wischte sich den Schweiß von der Stirn: „Ein Pelz wärmt dreimal, hat dein Großvater gesagt. Schon beim Jagen. Dann beim Verarbeiten. Später beim Tragen. Er hat mir gezeigt, wie es geht. Ein Gerber auf der Durchreise hat es ihm beigebracht.“
„Was machst du, wenn das Fell abgetrennt ist?“, fragte Walodja, während er einen Eimer unter den Kadaver stellte. Nur wenig Blut tropfte.
„Wir trocknen es an der Luft, mit der Hautseite nach außen, im Schatten. Es darf keine Sonne darauf fallen, sonst wird die Haut zerstört.“
Schwer atmend zog Kolja den Pelz des Tieres Stück für Stück hinunter. Als er verschnaufen musste, fragte er Walodja: „War etwas Ungewöhnliches im Wald?“
„Nein.“
„Wer hat dich abgelöst?“
„Nadja, wie immer.“
Kolja nickte und griff wieder fest zu. Weiß schimmerten seine Fingerkuppen unter dem großen Druck. Die Unterhaut des Tieres wölbte sich immer mehr nach außen, nach unten und begann, den Fuchskopf zu umhüllen.
Ein Lächeln umspielte Koljas Lippen und sein Sohn bemerkte es: „Was amüsiert dich so?“
„Nichts, wie kommst du darauf?“
„Du lächelst vor dich hin.“
„Tue ich das?“
„Ja.“
„Es ist nichts weiter.“
Walodja betrachtete mit hochgezogenen Brauen seinen Vater, der den Blick seines Sohnes auffing und beiläufig fragte: „Nadja ist hübsch, nicht wahr?“
Walodja stieß seinen kichernden Vater in die Rippen. Der gab ihm einen Klaps. Glaubte sein Sohn wirklich, er habe seine Zuneigung zur Tochter des Hofes auf der anderen Seite des Dorfes verbergen können? Alle im Dorf wussten davon.
Kolja konnte es nicht lassen, Walodja weiter aufzuziehen: „Im letzten Jahr hat sie sich zu einer richtigen Dame entwickelt.“
„Findest du?“
„Natürlich. Du nicht?“
„Kann schon sein. Nadja sieht nicht übel aus.“
„Nicht übel? Ein Mittagessen mit Fleisch ist nicht übel. Ein Blitz, der das Haus verschont, ist nicht übel. Eine Wunde am Fuß, die nicht eitert, ist nicht übel. Nadja ist hübsch!“
„Von mir aus auch hübsch.“
„Sogar sehr hübsch.“
„Wenn du es sagst.“
„Eine richtige Schönheit.“
„Vater!“
Kolja ließ vom Pelz ab und schaute seinem Sohn ins Gesicht: „Mag sie dich auch?“
„Ich weiß es nicht … Es kann sein, also … ja.“
„Das freut mich für dich.“
Kolja wandte sich wieder dem Fuchs zu und Walodja musterte ihn: „Vater?“
„Ja?“
„Du kannst jetzt aufhören zu grinsen, als hätte ein Ochse gekalbt.“
Kolja lachte: „Ich werde es versuchen … Also gut, wie geht es der Kuh von Igor und Olga?“
Der Fuchs war nun schon fast gänzlich von seinem Fell getrennt und sah nicht mehr aus wie ein Fuchs. Muskeln und fahle Knochen. Blaue Knorpel. Geronnenes But. Wenig gelbes Fett inmitten blanker Sehnen. Der Kadaver roch kaum.
„Das Euter ist immer noch entzündet. Aber sie hat wieder gefressen.“
„Das ist ein gutes Zeichen. Und wie geht es den Schweinen?“
„Sie sind ohne Probleme durch den Winter gekommen. Und eine der Sauen scheint trächtig zu sein.“
„Das ist sehr gut.“
Walodja nickte.
Das Dorf hielt drei Kühe, ein halbes Dutzend Schweine, einige Ziegen und Gänse tief im Wald hinter dem Sumpf in einer Schlucht versteckt, die kaum zugänglich war. Die Deutschen durften nichts davon wissen. Die Leute aus dem Dorf wechselten sich ab, um die letzten verbliebenen Hoftiere zu bewachen. Es gab Wölfe und Luchse hier. Seit kurzer Zeit verirrten sich gelegentlich sogar kaukasische Bären bis in die Tiefebene zwischen den Meeren. Der Lärm der näher rückenden Front trieb sie vor sich her.
Mit einem Ruck trennte Kolja Körper und Fell des Fuchses. Das Fell legte er auf dem Stuhl ab, während Walodja die Schnur löste, um den Kadaver vom Balken zu nehmen. Der Fleischklumpen fiel neben dem Eimer auf den Lehmboden. Kolja hob ihn auf und trennte den Kopf ab. Aus dem Balg zog er die knöcherne Rute des Fuchses. Den Korpus überreichte er seinem Sohn: „Nimm den Leib des Fuchses und zieh ihn in großem Abstand von unserem Haus einmal um unseren gesamten Hof.“
„Warum?“, fragte Walodja überrascht.
„Damit alle anderen Füchse riechen, dass hier nichts als der Tod auf sie wartet.“
„Und wenn der Geruch Bären und Wölfe anlockt?“
„Du musst den Körper weit entfernt von unserem Hof im Wald ablegen. Dort mag er noch andere Tiere sättigen.“
„Warum hast du den Kopf abgeschnitten?“
„Wir brauchen das Hirn später noch.“
„Wofür?“
„Um damit den Pelz zu gerben.“
Walodja verzog das Gesicht, doch dann überwog die Neugier: „Bringst du mir bei, wie es geht?“
„Natürlich. “
„Wann können wir den Pelz weiter bearbeiten?“
„Wir lassen ihn zwei Tage trocknen. Dann weichen wir ihn wieder ein und entfernen die letzten Fleischreste, auch die Unterhaut.“
„Ich möchte dabei sein, Vater.“
„Gern. Wenn du zurückkommst, reinige deine Hände. Faulendes Fleisch kann töten. Immer wieder sterben Gerber an der schwarzen Milz.“
Walodja griff nach dem Kadaver und Kolja nahm das feuchte Fell vom Haken. Er prüfte es und entfernte sorgsam letzte Fetzen Muskelgewebe und Fett, bevor sie ins Freie traten.
Während Kolja den Balg unter dem Vordach des Schuppens in den Wind hing, ging Walodja los: „Bis gleich, Vater.“
„Bis gleich, mein Sohn.“
Die Wolkendecke riss auf. Das Licht der Aprilsonne fiel wie eine Welle über den Hof und tauchte ihn in goldenes Licht.

  

Dienstag, 22. August 1944

Im Nachhinein wusste Franz nicht mehr, was ihn geweckt hatte. War es das Dröhnen und Rollen der Front gewesen, die rasch näher kam? Kaum mehr als zehn Kilometer trennten das Lazarett noch von den 203-mm-Haubitzen der Russen, die monoton in die Stadt feuerten. Oder doch der Lärm draußen auf dem Hof? Hatte er da gerade das Prusten einer Lokomotive gehört – spielte ihm sein Fieber Streiche? Alles war möglich in diesen Tagen und Nächten. Am wahrscheinlichsten war, dass ihn der Schmerz aus dem Schlaf gerissen hatte. Sein verfluchtes Bein. Seit mehr als einem Jahr machte es ihm zu schaffen.
Die Pferdedecke, auf der er vor sich hin dämmerte, war durchgeschwitzt. Das lag nicht nur an der Hitze des Hochsommers, die ihn drückend umfasste, sondern auch an der Infektion, die in seinem Körper brandete. Seit zwei Wochen lag Franz im Lazarett von Galatz unweit des Schwarzen Meeres direkt an der Donau. Drei verbretterte Baracken unweit des Güterbahnhofs, unerträglich heiß unter einfachen Blechdächern, überfüllt mit mehr als tausend Verwundeten und Kranken. Die Kaimauer des Docuri-Hafens mit seinem brackigen Wasser befand sich nur einen Steinwurf weit entfernt. Bis vor kurzem hatten die Hallen offensichtlich der Motoreninstandsetzung und Bootsreparaturen aller Art gedient. Auch Fischereinetze hatte man hier geflickt und eingelagert. Es stank nach Schweröl und Fischresten.
Er spürte das Klopfen oberhalb seines linken Knies, dort, wo ein Granatsplitter im Sommer des letzten Jahres eine Wunde gerissen hatte und nun die erneute Entzündung tobte. Der Splitter hatte damals den Muskel durchtrennt und eine Kerbe in den Knochen darunter geschlagen. Nur kurz hatte Franz sich durch seine aufgerissene Hose hindurch überrascht die Wunde anschauen können, um festzustellen, dass das Ergebnis aussah wie die Schnitzerei eines Verliebten, der den Namen seiner Angebeteten in Baumrinde verewigt hatte. Dann war er umgeknickt. Erst auf dem Hauptverbandplatz war er wieder zu sich gekommen.
Der Granatsplitter hatte die Arterie knapp verfehlt. Ein Glück in jeder Hinsicht. Franz Verletzung war von der Art, wie sie sich viele seiner Kameraden wünschten. Ein Heimatschuss, hieß es zunächst. Man beneidete ihn darum, auch wenn seine Schmerzen, verursacht durch die schlecht heilende Wunde, anhaltend groß waren. Wann immer der Oberstabsarzt bei seiner Morgenvisite die Verletzung untersuchte, schüttelte er nur den Kopf und sagte, es geht entweder die Sepsis oder das Bein. Franz dachte an das Kratzen der Knochensäge. An die Schreie der Operierten, wenn wieder amputiert werden musste und Schmerzmittel fehlten. Bei jeder Visite versuchte er, einen schmerz- und fieberfreien Eindruck vorzugaukeln.
Das Bein blieb dran. Entzündungen und neue Lazarettaufenthalte folgten. Hinter der Kniescheibe steckte noch immer ein Teil des Splitters. Die Ärzte hatten ihn nicht entfernen können.
Franz hievte sich in eine sitzende Position. Die Verdorbenheit der Luft nahm ihm den Atem. Eiter, Urin, Kot. Schweiß. Reste von verkochtem Essen. Er reckte seinen Arm, versuchte, das Fenster am Kopfende seiner Pritsche zu öffnen und seufzte erleichtert, als es ihm gelang. Der schwache Luftzug, der durch die vors Fenster genagelten Bretter drang, schob den von Keimen gesättigten Raumdunst über die Tragen. Pestschwären, angereichert vom Stöhnen und Weinen der Männer, die sich auf blutstockigen Laken wälzten.
Franz schaute zu seiner Rechten, wo Günther Hörcher lag und schlief. Mit dem jungen Leutnant aus Stuttgart hatte er sich in den letzten Tagen angefreundet, er erinnerte ihn an seinen Bruder Björn. Wo Björn wohl gerade steckte? Zuletzt hatte er von ihm im Februar gehört, als der kleine Bruder von der Westfront, an der Marne in Frankreich, geschrieben hatte.
Günther Hörcher hatte im März Erfrierungen an den Füßen erlitten, als er mit seiner Einheit, der Aufklärungs-Abteilung 5 der 5. Infanterie-Division, bei Staraja Russa südlich des Ilmensees überwintern musste. Dort oben, im Nordwesten Russlands zwischen Leningrad und Moskau, waren die Winter von unbarmherziger Kraft. In einer harten Nacht waren sieben Männer auf Vorposten über Nacht erfroren. Günther hatte überlebt, weil ein Artilleriegeschoss ganz in seiner Nähe eingeschlagen war und ihn geweckt hatte. Die Wunden waren langsam verheilt, doch eine hinzugekommene Gelbsucht, die dem geschwächten Körper nur langsam entwich, hatte den Stuttgarter auf einer erratischen Reise durch mehrere Lazarette bis in das Hafenlazarett von Galatz gebracht. Mittlerweile war der Schwabe wieder zu Kräften gekommen, seine Tage verbrachte er mit ausgedehnten Streifzügen durch das Hafenareal. Sicherlich würde er bald wieder an die Front geschickt.
Neben Günther Hörcher wälzte sich Gerhard Bauerkämper, ein Fähnrich aus Lippstadt vom Panzer-Armee-Nachschub 4, unruhig von links nach rechts. Seitdem er vor zwei Wochen auf eine Kastenmine getreten war, fehlten ihm der rechte Unterschenkel und die linke Hand. Zischelnd sprach er im Schlaf von seinem Vater und trat mit seinem Stumpf in die Luft.
Einige Tragen weiter lag der Obergefreite Josef Meinsen vom Ost-Pionier-Bataillon 454, der seltsam aussah mit seinem halbseitig geschorenen Bart. Der junge Meinsen war immer stolz gewesen auf seinen Bartwuchs, der ihn, den erst 23-Jährigen, der seit fünf Jahren im Krieg war, deutlich älter aussehen ließ. Vor zwei Tagen hatte ihm in den Hügeln Moldawiens ein Granatsplitter einen Teil der Hüfte und ein gutes Stück seines Darms weggerissen, gerade, als er sich morgens rasiert hatte. Zwei Sanitäter hatten die Blutung etwas stillen können und ein Stabsarzt hatte ihn notoperiert. Das verabreichte Morphium hatte nicht lange vorgehalten. Dann war das Fieber gekommen, das ihn von innen verbrannte. Einen Tag lang hatte er im Lazarett nach seinen Eltern gerufen, erst laut, dann immer leiser. Gestern hatte er im Wahn geflüstert und gebetet. Franz beobachtete, wie sich seine Brust nur noch unregelmäßig hob, und wusste, dass Meinsen den nächsten Tag wohl nicht mehr erleben würde.
Wieder zwei Tragen weiter machte Franz Hauptmann Gernot Petersen aus, ehemals Führer einer Kompanie der Heeres-Flak-Artillerie-Abteilung 279. Ein Schrapnell hatte ihm beide Augen zerstört. Der Arzt hatte ihm geraten, nicht zu weinen, weil dadurch seine Verletzung zu stark bluten würde.
Gegenüber Fähnrich Klaus Wilhelm. Einer aus Franz’ Jäger-Division, aus dem 204. Regiment. Der redselige Mann aus Franken war ein großer Athlet, der oft davon geschwärmt hatte, in seiner Jugend gemeinsam mit Max Morlock Fußball bei Eintracht Nürnberg gespielt zu haben. Nach dem Krieg hatte er Fußballer werden wollen. Bei Kostromka war er unter Artilleriebeschuss geraten und hatte beide Beine verloren. Er hätte sie ohnehin nicht mehr bewegen können, da er vom Hals abwärts gelähmt war.
Einige Pritschen hinter ihm lag ein Gefreiter aus Herne, der durch den Einschlag einer Granate verschüttet worden und zu lange ohne Sauerstoff geblieben war. Schlaganfall. Man hatte ihn an sein Krankenlager gefesselt, nachdem er versucht hatte aufzustehen und stattdessen über einem frisch Operierten der Brückenkolonne B 138 zusammengebrochen war. Der Mann war unter ihm verblutet.
Auf die so frei gewordene Trage hatte man einen Rottenführer der Waffen-SS gepackt, dem der linke Arm fast abgerissen war. Vermutlich hatte er, als er befürchtete, von Russen gefangen genommen zu werden, durch Selbstbeschuss versucht, seine Blutgruppen-Tätowierung auf dem Oberarm zu entfernen – Mitglieder der Waffen-SS wurden sofort exekutiert. Doch dann wurde er nicht gefangen genommen, sondern gerettet. Nun lag er da, haderte mit seinem Schicksal und musste immer noch aufgrund der desertationsverdächtigen Verletzung um sein Leben fürchten.
Franz fasste sich an sein pochendes Knie, massierte es geistesabwesend. Draußen auf dem Hof waren Schritte zu hören. Franz schloss die Augen. Er dachte an den jungen Major der Luftwaffe, der neben dem SS-Mann lag. Dieser hatte vor einigen Tagen die Notlandung seiner Jagdmaschine unweit von Ploiești mit Beinbrüchen überlebt. Man hatte ihn mit einem Mannschaftstransportwagen bergen können, doch das Fahrzeug war unter Beschuss geraten. Die Fahrer waren aus dem Wagen gesprungen. Auch der Major hatte es trotz seiner Frakturen geschafft, von der Ladefläche zu rutschen und davonzurobben. Doch aufgrund der erlittenen Verletzungen hatte er seine Füße nicht flach auf den Boden pressen können. Ein Geschoss hatte ihm daraufhin ein Stück des Knöchels abgerissen. Wenig später hatten sie ihn gemeinsam mit seinen ursprünglichen Rettern ein zweites Mal geborgen und ins Lazarett von Galatz gebracht. Der Major hatte sich noch scherzhaft als rumänischen Achilles bezeichnet und dann von der schrägen Nachtmusik berichtet, die ihm, dem Jäger, selbst zum Verhängnis geworden war – eine Luftkampftaktik, mit der man feindliche Bomber, ungesehen von hinten unterfliegend, vom Himmel schoss. Seine Beinbrüche waren geschlossen geblieben und wären vermutlich gut verheilt. Doch die Schussverletzung hatte sich entzündet. Seine Erzählungen verebbten, als das Fieber kam. Sulfonamide gab es längst nicht mehr. Sein Tod stand kurz bevor.
Neben ihm vegetierte seit gestern ein Rumäne, der mit Lungenschuss angeliefert worden war. Das Rasseln seines Atems verriet, dass auch für ihn jede Hilfe zu spät kam. Der Weg zum Friedhof war oft begangen, der Tod ein routinierter Besucher.
Franz kratzte sich hinter den Ohren, wo ihn die Läuse besonders piesackten. Verfluchte Mistviecher. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Er ließ den Blick noch einmal durch den nachtdunklen Korridor der Baracke schweifen. Jeder Quadratmeter war belegt. Die Insassen des Lazaretts dämmerten vor sich hin und träumten im besten Fall davon, das Elend dieses Vorhofes der Hölle gegen die Heimat einzutauschen, nicht wissend, dass diese ebenfalls schon dem Ende geweiht war.
Franz stöhnte und sank auf seine Decke zurück. Wieder ließen ihn Geräusche vom Hof des Lazaretts aufhorchen. Startende Motoren. Stimmen, die sich Anweisungen zuzischten. Durch die Ritzen seines vernagelten Fensters sah Franz nicht mehr als Linien schwarzen Himmels. Was hatte der Lärm zu bedeuten? Er beschloss, nachzuschauen, trotz seines Fiebers.
Ächzend griff er nach seiner Krücke, stemmte sich aus dem Krankenbett und quälte sich in seine Lederstiefel. Er war zu ungeduldig, bewegte sich zu hastig. Die Wunde über seinem Knie platzte wieder auf. Eiter drang unter dem Verband hervor und lief heiß am Schienbein hinunter. Als Franz aufstand, spürte er die sämige Flüssigkeit zwischen seinen Zehen.
Das diffuse Licht in der Baracke wies ihm nur undeutlich den Weg zur Tür. Grummeln und Verwünschungen drangen aus den Pritschen, gegen die Franz mit seiner Krücke stieß. Endlich hatte er sich einen Weg durch das Lazarett gebahnt. Er trat auf den Hof und traute seinen Augen nicht. Direkt gegenüber, vor der Halle der provisorischen Lazarettleitung, wurden hektisch die wenigen Fahrzeuge beladen, die dem Lager noch geblieben waren. Ein schwerer Mercedes Laster war schon bis an den Rand bepackt, Sanitäter sprangen auf die Ladefläche und schoben die Kisten umher, um jede Ritze auszufüllen.
Im Licht der Mondsichel und einiger Sterne erkannte Franz das schweißglänzende Gesicht von Stabsarzt Krüger, der Aktenbündel und einen Mikroskopkoffer im Beiwagen seines Kradgespanns verstaute.
Franz humpelte auf ihn zu und packte den Mann am Ärmel: „Gustav, was ist los hier? Was machst du?“
Krüger fuhr zusammen: „Franz! Du gehörst ins Bett.“
„Was um Himmels Willen geschieht hier?“
„Das siehst du doch. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern. Die Rumänen werden sich in den nächsten Tagen ergeben. Was meinst du, was dann hier los ist? Die Russen sind im Handumdrehen da. Die hängen uns alle auf.“
„Wo ist der Chef?“
„Der hat sich als erster verpisst. Ist vor einer halben Stunde mit seinem Fahrer und einer Schwester getürmt. Diese Arschlöcher. Im Opel Olympia, sie hatten sogar noch zwei Plätze frei.“
„Ihr könnt uns doch nicht im Stich lassen! Ohne Ärzte, Pfleger und Schwestern sind wir verloren.“
„Das sind wir alle, sobald der Iwan da ist, Franz. Wenn du schlau bist, haust du auch vorher ab. Schau auf deine Schulterklappen. Du bist Oberleutnant. Offiziere werden nicht alt in russischer Gefangenschaft.“
Krüger wandte sich ab, um eine weitere Tasche zu verstauen. Franz setzte ihm nach und packte den Stabsarzt am Revers, ohne sich von seinem protestierenden Bein irritieren zu lassen. Er schüttelte Krüger durch, so gut das mit nur einer Hand ging. „Gustav, hier liegen 1.300 Verwundete! Die kannst du doch nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Hier sterben jeden Tag 20 Männer!“
Krüger versuchte, sich aus dem Griff zu befreien: „Mensch, lass mich los! Die krepieren sowieso alle, auch ohne mich!“
Die Männer rangen in einem ungleichen Zweikampf, denn trotz seiner kräftigen Statur war Franz aufgrund seiner Verletzung kein ebenbürtiger Gegner. Um sie herum warf das Personal des Lazaretts letzte Habseligkeiten in die Gespanne und Kübelwagen, die mit laufendem Motor auf ihre Passagiere warteten. Offensichtlich war die Flucht in der Nacht gut vorbereitet worden.
Krüger schlug auf Franz ein: „Franz, du Arschloch, lass mich los! Ich hab drei Kinder, die will ich wiedersehen!“ Er löste sich aus der Umklammerung und gab dem Verletzten einen harten Stoß.
Franz stolperte und fiel. Seine Krücke prallte mit Wucht auf den Verband seines Knies, als er auf dem Boden aufschlug. Ein Schmerz, als habe man die Zinken einer Gabel in die Wunde gerammt. Franz verlor das Bewusstsein, Ohnmacht knüppelte ihn nieder. Sein Körper war dankbar für die Güte.
Gegen halb fünf am Morgen setzte Getöse ein. Alle Waffen der Artillerie schienen sich zu einem Konzert am Donauufer verabredet zu haben. Tödlicher Hagel ging über Galatz nieder. Haubitzen, die allen als Stalinorgeln verhassten Katjuschas und Flugabwehr im Erdbeschuss ließen auch das Lazarett erbeben. Die Sparren der Baracken ächzten, wenn die Erschütterungen zu nah kamen. Mörtel rieselte aus dem Dach auf die Verletzten herab, die sich fatalistisch in die Möglichkeit eines bevorstehenden Volltreffers ergaben.
Eine halbe Stunde später war der Beschuss vorbei. Plötzliche Ruhe fiel über das Lazarett. Wenig später trat eine Handvoll der Verwundeten vor die Baracken, um Treffer und Schäden am Gebäude festzustellen. Im Hof fanden sie Franz. Sie trugen ihn zurück zu seiner Pritsche.

Galatz war im Jahr 1944 eine der fünf bedeutendsten Städte Großrumäniens. Gelegen in der Region der westlichen Moldau des Königreiches, ungefähr 100 Kilometer westlich vom Ufer des Schwarzen Meeres. Seit dem 17. Jahrhundert überragten die Kuppeln der St.-Georgs-Kathedrale die geschäftige Stadt am nördlichen Ufer der unteren Donau, in der größten rumänischen Werft wurden seit ewigen Zeiten Kriegsschiffe auf Kiel gelegt. Eine Textilfabrik und einige Mühlen, Sägewerke, Fischereibetriebe und landwirtschaftliche Märkte ernährten die Bevölkerung. Besondere Bedeutung hatte die Stadt wegen ihres Binnenhafens, des größten des ganzen Landes. Auch aufgrund der Eisenbahnanbindung war Galatz strategisch bedeutsam. Vom Personenbahnhof aus waren vor dem Krieg regelmäßig Nahverkehrs- und Schnellzüge nach Bukarest abgefahren. Doch die herrliche Bahnhofshalle war längst zerstört worden. Nur noch rußige Wände, zertrümmerte Rundbögen und Berge von Schutt kündeten von untergegangener klassizistischer Pracht. Auch die filigranen Wagen der städtischen Straßenbahn, deren Eröffnung im Jahr 1880 mit einem Volksfest gefeiert worden war, fuhren schon lange nicht mehr zwischen ihren beiden Stationen, den Haltestellen an der Donau und am Bahnhof.
Das Bombardement der letzten Monate hatte viele Häuser im Zentrum zerstört.  Wer konnte, hatte die Stadt verlassen, um auf dem Land Quartier und Essbares zu finden. Die Zurückgebliebenen hausten in den Kellern. Vor Kriegsbeginn hatte Galatz ungefähr 100.000 Einwohner gezählt. Doch viele Tausende der Juden und Roma hatten die Pogrome der Eisernen Garde und die Deportationen der Häscher von Marschall Ion Antonescu nicht überlebt. Bereits in den ersten Kriegsjahren hatte die rumänische Armee in Zusammenarbeit mit der Gendarmerie und der Geheimpolizei die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung im ganzen Land vorangetrieben. Die Juden wurden gesammelt und gezwungen, über den Dnjestr ostwärts nach Transnistrien zu marschieren, in die Region zwischen Moldau und Ukraine. Dort wurden sie von der deutschen Einsatzgruppe D in Empfang genommen, exekutiert, dann verscharrt oder verbrannt. Seit Beginn der Militärdiktatur und bis zum August 1944 war – ohne dass es dabei besonderen deutschen Drucks bedurft hätte – mehr als die Hälfte aller rumänischen Juden ermordet worden. 500.000 Menschen. Die rumänische Regierung war ein Verbündeter, auf den man in Berlin stolz war.
Das Feldlazarett im Hafen von Galatz war durch die herankriechende Hauptkampflinie unversehens zum Kriegslazarett geworden. Die russischen Einheiten hatten sich von Nordosten aus vorwärts gekämpft und waren den verbliebenen deutschen Kräften der Heeresgruppe Südukraine in jeder Hinsicht überlegen. Katjuschas orgelten ihre Melodien und ließen Granaten regnen.
Schon im April des Jahres hatte während der Krimschlacht östlich von Rumänien die Vernichtung der 17. Armee der Heeresgruppe Südukraine begonnen. 60.000 deutsche Soldaten gerieten in russische Gefangenschaft, ebenso viele deutsche und rumänische Soldaten starben. Allein Zehntausende, die über den Seeweg evakuiert werden sollten, ertranken nach Beschuss ihrer Schiffe im Schwarzen Meer.
Seit dem 20. August 1944 war die Operation Jassy-Kischinew in vollem Gange, die in kurzer Zeit zur gänzlichen Zerschlagung der Heeresgruppe führen sollte. Die Körper Hunderttausender Soldaten düngten bereits die moldawischen Wiesen, die ukrainischen Wälder und die rumänischen Felder. Innerhalb von fünf Tagen wurde der Großteil von 19 Infanteriedivisionen, einer Panzer- und einer Panzergrenadierdivision vernichtet. 150.000 Soldaten kamen um. 100.000 Männer gerieten in Gefangenschaft. Weitere 50.000 fand man nie wieder. Die 6. Armee, die in Stalingrad zermahlen und danach neu aufgestellt worden war, sollte in diesen Tagen südwestlich von Kischinew am Pruth zum zweiten Mal vernichtet werden. Die 8. Armee wurde in weiteren Kesseln zerrieben.
Zuvor hatte die Rote Armee weiter nordwärts die Operation Bagration gestartet. Diese Junioffensive sollte zur größten Schlachtenniederlage in der Geschichte aller Kriege führen. Beim Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte fielen innerhalb von wenigen Wochen 28 Divisionen der Wehrmacht. 28 Divisionen. Nahezu eine halbe Million Menschen. Und sie fielen nicht nur. Sie wurden erschossen, zerquetscht, zerfetzt. Sie verendeten, verreckten, im Moment des Todes erkennend, dass ihr Blut die Unterschrift für den Pakt mit dem Teufel gewesen war.
Auf jeden toten deutschen Soldaten kamen drei tote russische Soldaten. Gibt es eine andere Zahl, die das Leid der Angegriffenen und damit ihren Zorn besser legitimierte? Auf jeden toten deutschen Sohn drei tote russische Söhne. Auf jeden toten deutschen Vater drei tote russische Väter. Auf jeden toten deutschen Ehemann drei tote russische Ehemänner.
Wanderer, kommst Du nach Russland: In jedem Dorf brennende Häuser, in jedem Dorf tote Kinder und Frauen in Gräbern ohne Zahl. Mein ist die Rache, sprach der Herr. So teilten die deutschen Söhne und Väter ihr Los mit den Millionen von Söhnen und Vätern auf der anderen Seite der Front, als Bestätigung der uralten Erkenntnis, die noch nie einen Krieg zu verhindern geholfen hat: Die Soldaten sterben im Dreck, die Generäle im Bett.

Jemand strich Franz mit einem Tuch den Schweiß aus dem Gesicht. Er öffnete die Augen und sah in das Gesicht von Günther Hörcher, der ihn freudig begrüßte: „Franz, was machst du für Sachen? Hast du ein Klopfen gehört und dachtest, da draußen wartet ein hübsches Mädchen auf dich?“
Franz grinste benommen. Dann fiel es ihm wieder ein: „Wo ist die Lazarettleitung?“
„Alle weg.“
„Alle, auch das Pflegepersonal? Die Köche? Die Krankenwagen?“
Hörcher nickte, während Franz den Kopf schüttelte: „Dann werden wir hier krepieren.“
Hörcher nickte wieder und schaute auf seine geballten Fäuste. „Hast du noch jemanden getroffen, als du draußen warst?“
„Krüger. Ich hab versucht, ihn festzuhalten. Wir haben uns geprügelt. Dann bin ich gestürzt.“
„Warum hast du nicht Bescheid gesagt, als du raus gegangen bist? Ich hätte auch gerne ein Wort mit den Herren gesprochen.“
„Ich wusste nicht, was los war. Außer mir war keiner wach. Und mit Fieber denkt man langsam. Das beschissene Bein. Wie spät ist es?“
„Halb sieben.“
„Schon so spät?“ Franz richtete sich auf seiner Schlafstatt auf, sein Bein ließ ihn fluchen.
„Ruh dich noch ein bisschen aus.“
„Nein, wir haben keine Zeit zu verlieren. Wir müssen uns einen Überblick verschaffen.“
„Warum sofort? Warum wir?“
„Schau dich um. Wir sind die ranghöchsten einsatzbereiten Offiziere hier. Die Hauptleute Schmitz und Kopplin werden demnächst sterben und Major von Begedorf wird nie wieder laufen können.“
Hörcher strich sich über die raspelkurz geschorenen Stoppeln auf seinem Kopf. „Natürlich. Du hast recht. Daran hab ich gar nicht gedacht. Das heißt, dass wir hier jetzt das Sagen haben.“
„Hat sich schon herumgesprochen, dass man uns verlassen hat?“
„Natürlich. Es ging rum wie ein Lauffeuer. Zumindest bei allen, die ansprechbar sind. Viele hatten sich bereits gewundert, dass heute morgen keine Schwestern und Ärzte kamen.“
„Wie ist die Reaktion?“
„Eine Mischung aus Wut aus Verzweiflung. Einige haben mich gefragt, wie es jetzt weitergeht. Ich habe beschwichtigt, so gut es ging. Habe vermutet, dass man uns rausholen wird. Wenn wir hier bleiben, sind wir verloren.“
Franz nickte: „Wir müssen raus aus Galatz. Wenn die Russen weiter so feuern, sind wir in spätestens zwei Tagen erledigt. Was machen deine Füße?“
„Ich habe sie noch, das ist das einzige, was zählt. Wozu braucht man schon Zehen?“
„Und deine Gelbsucht?“
„Du weißt doch, die Krankheit ist jedem Soldaten willkommen: kein Hungergefühl mehr.“ Hörcher grinste.
Franz stand auf.
„Brauchst du nicht deine Krücke?“, fragte Hörcher verwundert.
Franz schüttelte den Kopf und lächelte grimmig: „Wenn ich sie nicht mehr mitnehme, kann ich nicht mehr drüberfallen.“
Er quälte sich erneut in seine Stiefel und stand langsam auf. Als ihm schwindelig wurde, stützte ihn Hörcher. Dann traten die beiden Männer vor die Baracke.

II

Kolja zog den Fuchspelz unter den Augen seines Sohnes aus dem Zuber. Einen Tag hatte der Pelz im Wasser gelegen, immer wieder war er von Walodja durchgeknetet worden. Einige Male hatte Kolja das Wasser ausgetauscht, Essig dazugegeben, auch Kräuter, damit sich die Unterhautreste besser ablösen ließen.
In der Küche roch es nach Wald und Pflanzen. Kolja hatte in einem Tiegel einen Sud aus Fichtenborke, Eichenrinde und Kermekwurzeln angerichtet. Der Inhalt des Tiegels köchelte vor sich hin, immer dunkler, immer kräftiger werdend, bis er ihn vom Feuer nahm und draußen vor dem Haus erkalten ließ. Während er begann, mit der stumpfen Seite einer Klinge letzte Fleischreste von der Unterseite des Pelzes zu schaben, erklärte Kolja seinem Sohn die Bedeutung des Suds: „Die Haut eines Pelzes wird mehrmals gegerbt. Erst leicht, dann stärker. Wenn wir sie im ersten Schritt zu stark gerben, schließt sie sich, bevor die Gerbstoffe die gesamte Haut durchdrungen haben. Dann kann die oberste Schicht faulen.“
„Warum muss überhaupt gegerbt werden? Der Pelz sieht doch gut aus.“
Kolja spülte den Pelz noch einmal durch und streifte das Wasser ab: „Wenn wir ihn nicht gerben, wird er bald brüchig oder zerfällt. Die Haare haben keinen Halt und fallen aus. Sieh nur, wie schön er ist. Was für ein tiefes Rot!“
Er hielt den Fuchsbalg in die Sonne und einen Moment lang bewunderten Vater und Sohn das Farbspiel im Licht. Dann spannte Kolja den Pelz mit der Hautseite nach oben auf einen Holzrahmen. Aus dem Schuppen holte er den Fuchsschädel und eine Säge: „Wenn man den Schädel mit einem Hammer öffnet, spritzt das Hirn in alle Richtungen. Deshalb müssen wir sägen.“
Er schnitt das Fell über der Schädelplatte auf und setzte sein Werkzeug an. Schließlich konnte er ein knöchernes Dreieck abheben, durch das ein Löffel passte, mit dem er die Hirnmasse in eine Schüssel zog. Es hörte sich an, als würde man das Innere eines Hühnereis auskratzen.
Walodja hielt sich die Nase zu: „Wie hältst du das aus, Vater? Es stinkt furchtbar. So etwas Ekliges habe ich noch nie gerochen.“
Kolja näherte seine Nase der grauen Masse und atmete ein: „Ist es wirklich der Geruch? Oder ist es nicht eher das Gefühl, dem Tiefsten, Persönlichsten einer Kreatur zu nahe zu sein? Wir wollen mit Respekt und Demut arbeiten. Schließlich hilft das Gerben, zumindest der Hülle des Tiers ein langes Leben zu geben. Es ist eine sehr alte Methode. Als dein Großvater sie erlernt hat, wurde ihm erklärt, dass schon die Nomaden der Goldenen Horde mit dem Hirn erjagter Tiere ihre Felle gegerbt haben.“
„Tatsächlich?“
Kolja nickte: „Die Hirnmasse wird mit den Händen in die Haut gerieben.“
Er griff nach dem Holzrahmen, auf den der Pelz gespannt war, und reichte ihn seinem Sohn: „Du kannst anfangen.“
„Ich soll das Hirn auf der Haut verteilen?“
„Natürlich. Trage es kräftig auf.“
Skeptisch schaute Walodja auf die Schlingenmasse, die von Einsprenkelungen und Schlieren bedeckt war. Kaum mehr als die Menge eines Apfels. Mit Widerwillen griff er in die Schüssel und nahm das ganze Hirn in die Hand. Es war schwerer als er erwartet hatte und fühlte sich an wie vollgesogenes Moos. Ermunternd gab Kolja seinem Sohn einen Klaps und dieser begann, das Fuchshirn in die Pelzhaut zu reiben. Glänzend und schmierig blieb es haften.
Schon bald arbeitete Walodja so konzentriert, dass ihn der Geruch seines Werkstoffs nicht mehr störte. Sein Vater beobachtete ihn dabei, er war zufrieden.
„Was machen wir jetzt, Vater?“ Walodja hatte sein Werk vollendet und inspizierte es kritisch.
„Wir hängen den Pelz wieder zum Trocknen auf. Morgen werden wir die Hirnreste abkratzen und den Pelz in eine Grube legen. Zuvor bestreichen wir ihn mit unserem Sud. Er enthält viele Gerbstoffe, die die Haut des Pelzes ganz durchdringen. Wir werden ein Brett über die Grube legen und warten.“
„Wie lange wird der Pelz in der Grube liegen?“
„Einige Wochen. In dieser Zeit nimmt er auch die Duftstoffe und Öle des Suds in sich auf. Er stinkt dann nicht mehr.“
„Und dann ist er fertig gegerbt?“
„Dann ist er fertig gegerbt“, bestätigte Kolja lächelnd. „Wir werden die Hautseite mit einem Ei und Wollwachs einfetten und den Pelz über einem Brett geschmeidig machen.“
„Und dann können wir daraus eine Mütze für Allotschka nähen.“
Kolja nickte: „Richtig. Das wird deine Mutter tun. Ich hänge den Pelz jetzt wieder unters Dach. Und du musst dir gründlich die Hände waschen.“
Walodja stand auf, um am Brunnen Wasser emporzuziehen. Towarisch bellte und zog an seiner Kette, als er näherkam. Walodja ging zu ihm, beugte sich hinunter und streichelte ihn. Aufgeregt leckte der Hund seine Hände ab, an denen noch Fuchshirn klebte, und versuchte, an ihm hochzuspringen. Fast warf er Walodja dabei um und der Junge lachte: „Das riecht aufregend, nicht wahr? Nicht so stürmisch, mein Bester!“
Towarisch gehörte Walodja. Er hatte ihn als Welpen geschenkt bekommen, weil der alte Wachhund gestorben war und sie einen neuen brauchten. Auf einem Markt in Krymskaya hatte er ihn sich aus einem großen Wurf aussuchen dürfen. Das war vor acht Jahren gewesen. Die Hälfte seines Lebens hatte Walodja mit Towarisch verbracht.
Manchmal schimpfte Kolja, dass Walodja Towarisch verzogen habe. Für einen Wachhund sei das Tier zu gutmütig. Man müsse den Hund mit Schlägen scharf machen, damit er Diebe abschrecke, pflegte Kolja dann anzuraten. Worauf sich Jelena jedes Mal über ihren Mann lustig machte, der den Vorgänger von Towarisch ebenfalls zu einem wedelnden Lamm erzogen hatte. Potemkin hatte sie ihn genannt, weil er ihrer Meinung nach nur die Illusion eines Wachhundes war.
Walodja fuhr Towarisch durchs Fell, doch die Aufmerksamkeit des Tiers galt nicht mehr der schleimigen Masse an den Fingern seines Herrchens. Der Hund schlug an, weil sich ein feldgrauer Lastwagen mit schwarz-weißen Kreuzen auf den Türen ihrem abgelegenen Hof näherte. Jetzt hörte man ihn über die unbefestigte Straße rumpeln, eine Wolke aus Dreck und Ruß hinter sich herziehend, und die Soldaten, die auf der Ladefläche hockten, wurden durchgeschüttelt.
Kolja war aufgestanden, mit dem Pelzrahmen in der Hand. Angespannt sah er zu seinem Sohn: „Geh ins Haus zu deiner Mutter und Allotschka.“
Walodja lief los und schrie in das Haus hinein: „Sie kommen, versteckt euch!“
Towarisch bellte wie irr. Er sprang hoch, die Kette riss den jaulenden Hund zurück.
Der Laster fuhr auf den Hof und Kolja ging ihm entgegen. Wenige Meter vor ihm bremste der Wagen und Soldaten sprangen von der Ladefläche. Aus dem Fahrerhaus stieg ein deutscher Feldwebel. Er ging auf Kolja zu und rief: „Du da, gib uns Essen! Schweine. Kühe. Hühner. Gemüse. Weizen. Dawai, dawai!“
Kolja verstand ihn nicht. Er schüttelte den Kopf und antwortete auf Russisch, was wiederum der Feldwebel nicht verstand. Er gab Kolja eine Ohrfeige, die ihn fast zu Boden warf. Der Rahmen mit dem eingespannten Fell fiel ihm aus der Hand, die Fuchshaut löste sich, leuchtend wie ein Mohnblatt kam der Pelz zum Vorschein.
„Ich bin nicht hier, um zu diskutieren“, erklärte der Feldwebel.
Walodja kam aus dem Haus gelaufen, stolpernd vor Hast, um seinem Vater aufzuhelfen.
Der vierschrötige Unteroffizier winkte und zwei seiner Soldaten zogen einen Greis aus dem Fahrzeug heraus, der eine zerfranste Mütze aus Bisamrattenfell trug und verängstigt näherkam. Walodja kannte ihn. Es war Pjotr aus dem Dorf, der einige Brocken Deutsch sprach. Der Feldwebel sprach ihn mit kurzen Sätzen an und Pjotr übersetzte leise, fast entschuldigend für Kolja, der das Blut seiner aufgeplatzten Lippe ausspuckte: „Sie wollen Essen. Alles, was ihr entbehren könnt. Alles, was ihr habt. Und du sollst deinen Hund beruhigen. Sonst erschießt er ihn.“
Kolja konnte Pjotr nicht verstehen, da Towarisch noch immer wie verrückt bellte: „Was sagst du?“
Während Pjotr das Gesagte wiederholte, nahm der Feldwebel seine Pistole aus dem Halfter, ging zur Hundehütte, zielte aus kurzer Distanz und schoss. Pjotr zuckte zusammen.
Walodja schrie auf und lief zu Towarisch, der zusammengebrochen war. Die Kugel hatte den Kopf verfehlt. Sie war in die Schulter des Hundes eingedrungen und am Unterleib ausgetreten, wo sie ein Loch gerissen hatte. Blut lief über das kurze Fell an Schultern und Bauch und Towarisch leckte es ab. Walodja fiel auf die Knie und nahm den Kopf seines Hundes in die Hände. Er schaute Towarisch in die Augen, in denen sich Verwunderung und Todeskampf spiegelten.
„Töte ihn richtig!“, schrie Walodja, außer sich vor Entsetzen.
„Was sagt er?“, fragte der Feldwebel, der seine Pistole wieder verstaute.
Pjotr übersetzte und der Deutsche lachte: „Zwei Kugeln für einen Köter? Es ist schon schade um die eine.“
Walodja griff nach einem Knüppel, der an der Wand der Hundehütte lehnte. Hektisch fingerte der Feldwebel nach seiner Pistole: „Wenn du Dummheiten machst, knall ich dich ab, Junge.“
Walodja beachtete ihn nicht. Er ging zu Towarisch und hieb mit aller Kraft auf den Schädel des Hundes ein, um sein Leiden zu beenden. Noch einmal. Und noch einmal. Endlich verstummte das Winseln. Walodja warf den Knüppel fort und sank weinend zu Boden. Kolja legte ihm eine Hand auf die Schulter.
Unterdessen waren zwei der Soldaten in den Hühnerstall eingedrungen, die anderen stürmten mit vorgehaltenen Maschinenpistolen ins Haus. Die im Stall kamen nur Augenblicke später lachend wieder heraus, in jeder Hand trugen sie an den Klauen zusammengebundene, wild zappelnde Hühner. Sie schoben den protestierenden Kolja aus dem Weg und warfen die Tiere auf die Ladefläche des Lastwagens.
„Das sind alle unsere Hühner!“, schrie Kolja auf. „Lasst uns wenigstens die Hälfte.“
Pjotr übersetzte und der Feldwebel winkte ab: „Sag ihm, ich weiß genau, dass sie ihr Viehzeug versteckt halten. Das machen doch alle hier.“
Die Soldaten, die das Haus gestürmt hatten, traten wieder auf den Hof. Einer von ihnen hielt einen Topf mit frischer Grütze in den Händen, ein anderer trug Eier in einem Weidenkörbchen heraus, das Jelena zusammen mit Allotschka im Winter geflochten hatte. Außerdem raubten sie Brot, Getreide, Kohl, Kartoffeln und Salz. Der letzte der Männer zog Jelena und Allotschka an den Armen hinter sich her und rief: „Seht, hier hab ich noch zwei Hühnchen gefunden!“
Die Männer lachten.
Allotschka riss sich los, lief zu Kolja und klammerte sich an das Bein ihres Vaters. Der Soldat, der Jelenas Arm noch immer umklammert hielt, grinste: „Na, mir bleibt ja noch diese hübsche Babuschka.“ Er griff Jelena an die Brust und sie schlug nach seiner Hand, worauf der Mann kicherte.
Kolja stand wie versteinert. Aber Walodja sprang auf und lief auf den Deutschen zu. Er ließ sich nicht von den Rufen der Soldaten aufhalten, die ihre Karabiner emporrissen. Wie von Sinnen warf sich Walodja auf den Mann. Dieser ließ Jelena los und trat einen Schritt zur Seite, griff nach dem Lauf seiner Pistole und verpasste Walodja mit dem Griff einen harten Schlag auf den Kopf. Wie gefällt ging der Junge zu Boden. Jelena schrie auf und schlug nach dem Deutschen, verfehlte ihn aber. Dann kauerte sie sich neben Walodja, um den Kopf ihres Sohnes in ihrem Schoß zu bergen, und überschüttete dabei den Soldaten, der plötzlich verlegen wirkte, mit einem Wortschwall. Sie war außer sich.
Aus Walodjas Platzwunde sickerte Blut. Jelena wischte es fort, doch sofort füllte sich die Kerbe in der Schläfe wieder.
„In Ordnung, wir sind fertig hier! Aufsitzen“, rief der Feldwebel.
Die Soldaten sprangen auf die Ladefläche des Lastwagens. Der Unteroffizier schubste Pjotr zurück in die Fahrerkabine und setzte sich neben ihn. Nach einer Fehlzündung mit beißendem Qualm setzte sich das Fahrzeug in Bewegung. Es wendete in einem Halbkreis auf dem Hof und fuhr einige Meter, um dann plötzlich zu stoppen. Die rechte Tür öffnete sich und der Feldwebel sprang erneut aus dem Laster. Ohne die Familie eines weiteren Blickes zu würdigen, griff er nach dem Fuchspelz im Staub. Er hatte in die schmierige Unterseite gefasst, verzog angewidert das Gesicht und wischte sie dann an einigen Grasbüscheln ab.
Kurz sah der Feldwebel hoch, nickte Kolja mit einem Zwinkern zu, lachte und ging, den Pelz unter dem Arm zusammengerollt, zum Lastwagen zurück, der mit laufendem Motor gewartet hatte.
Als der Wagen schon fast hinter den ersten Bäumen des Wäldchens verschwunden war, warf einer der Soldaten mit einer nachlässigen Handbewegung ein Paar der zusammengebundenen Hühner von der Ladefläche. Im Federwirbel flatterten die Tiere zu Boden. Walodja wollte, gestützt von der Mutter, aufstehen, um sie zu holen. Doch Zorn stieg in ihm auf, in einem so mächtigen Gefühl, dass es über ihm zusammenschlug, ihm Atem und Kraft nahm. Kaum halb aufgerichtet, sackte er wieder in sich zusammen.
Allotschka lief zu den Hühnern, um sie zurück auf den Hof zu tragen.

Dienstag, 22. August 1944

Nur wenige Kilometer donauabwärts feuerte die Artillerie der Roten Armee unablässig auf Galatz und ließ Rauchpilze aus den Stadtvierteln wachsen. Zwischen den Detonationen konnte man das Singen einer unverzagten Amsel ausmachen.
Die Sonne stieg blass über den Hügeln des Hinterlands empor. Über der Donau trieben Nebelschwaden und hüllten die aus dem Wasser ragenden, zerborstenen Binnenkähne in erträglicheres Weiß. Langsam ließ die Wärme des Morgens die Kühle der Nacht verdampfen.
Franz und Günther Hörcher schritten langsam um die Lazarettbaracken herum. Als Franz in ein Schlagloch trat, stolperte er und fluchte. Mit schmerzverzerrter Miene griff er an sein Knie. Günther stützte ihn:
„Wollen wir zurück, Franz? Du brauchst noch Ruhe.“
Franz schüttelte den Kopf:
„Der Arzt sagte vor einigen Tagen, ich soll laufen, damit mein Knie nicht steif wird. Wie wäre es mit einer kleinen Ronde?“
„Einverstanden. Mittlerweile kenne ich mich hier ganz gut aus. Lass uns am Kai entlang bis zur Hafenverwaltung gehen. Gleich hinter dem Gebäude beginnt die Gleisanlage, von dort gehen wir zum Lazarett zurück. Das sind zehn Minuten, die schaffst du.“
Die beiden Soldaten gingen am Wasser entlang. Einige Möwen kreisten über ihnen und schrien. Kein Mensch war zu sehen.
Als sie die Gebäuderückseite der Hafenverwaltung erreicht hatten, griff Hörcher Franz plötzlich am Arm:
„Was ist denn das?“
Franz, der auf den unebenen Boden vor ihm geschaut hatte, hob überrascht den Kopf.
Vor ihnen stand ein feldgrauer Zug. Es waren mehr als 20 Drehgestellwagen. In der Farbe des letzten Krieges. Feldgrau. Auf jedem der Waggons prangte ein rotes Kreuz auf weißem Grund. Eine Lokomotive fehlte.
„Der war gestern noch nicht da“, rief Günther, „Der wäre mir aufgefallen!“
Wie, wann und warum war der Zug dort hingekommen? Die Beschilderung an einer der Fahrzeugtüren des ersten Wagens wies den Waggonverbund als „Lazarettzug 676“ aus. Franz öffnete die Tür. Der Gestank von Exkrementen und der rostige Geruch von Blut drangen ihm entgegen. So schnell sein Knie es zuließ, humpelte er die Stufen empor, Hörcher folgte ihm. Flach atmend nahmen sie das Innere des Waggons in Augenschein. Vielleicht war seine Ausstattung mal für Leichtverletzte gedacht gewesen, doch auf den Sitzbänken lagen jetzt Schwerstverletzte und Amputierte, auch der Gang war mit Tragen zugestellt. Franz und Hörcher zwängten sich durch zwei Dutzend verwundete Soldaten hindurch, links und rechts Bandagierte in Laken, deren Weiß den Farben von Eiter, Blut, Urin und Kot gewichen war. Vereinzelt reckten sich ihnen Hände entgegen. Doch die meisten Männer waren apathisch, vermutlich dehydriert, nur gelegentlich hörte man Krächzen.
Bei der nächsten Tür sprang Hörcher aus dem Waggon. „Ich hole Wasser!“, rief er. „Schau du, wie viele sonst noch im Zug sind!“
Franz nickte, betrat den zweiten Waggon und humpelte hindurch. Auch dieser war bis auf den letzten Platz belegt mit Halbtoten. Ebenso die weiteren vier Waggons. Eine rollende Küche schloss sich an. Man hatte sie genauso mit Verwundeten angefüllt wie den folgenden Schlaf- und Speisewagen für die Mannschaft und einen Materialwagen.
Der Waggon, in den sich Franz danach hievte, war ein fahrender Operationssaal. Vor einem der metallenen Tische stand ein Mann, der eine Schürze trug. Er drehte Franz den Rücken zu, verharrte in gebeugter Haltung, seinen Blick auf den Tisch gerichtet, auf dem ein zweiter Mann lag. Der Boden unter dem Stahltisch war in einer Pfütze von Blut verschwunden.
Als Franz an den Arzt herantrat, sah er, dass der Mediziner bis zu seinen Ellenbogen in der Bauchhöhle des Soldaten vor ihm steckte. Geronnenes Blut lag in Klumpen zwischen den Tüchern, die den Operationstisch säumten.
Jetzt erst bemerkte ihn der Mann. Er folgte dem Blick von Franz, der auf dem toten Soldaten und seinen Eingeweiden ruhte, und sagte entschuldigend: „Exitus in tabula.“
„Wie heißen Sie?“
„Dass ein Mensch so viel Blut in sich hat, nicht wahr?“
„Nennen Sie mir bitte Ihren Namen.“
„Er war eigentlich auf dem Weg der Besserung. Aber plötzlich bekam er eine Schwellung und die Naht platzte auf. Eine Entzündung, verbunden mit starken inneren Blutungen. Die Ruptur war zu stark. Ich musste ihn wieder öffnen.“
„Sie haben Ihr Bestes getan“, sagte Franz und berührte den Mann an der Schulter. „Wie ist Ihr Name?“
„Es ist nicht möglich, unter solchen Bedingungen einen Leberriss zu heilen“, schüttelte der Arzt den Kopf, während er noch immer in der Bauchhöhle des Toten verharrte: „Dabei sah es zunächst harmlos aus. Ein Rippenbruch. Beim Sturz von einer Behelfsbrücke.“
Franz versuchte es nochmals: „Bitte nennen Sie mir Ihren Namen.“
Brütend schaute der Arzt den Oberleutnant an. Sekunden verstrichen. Plötzlich schüttelte er sich, ein Schauer durchlief ihn, und in einer abrupten Geste schrak er auf: „Ich bin Stabsarzt Ross. Ärztlicher Leiter dieses Lazarettzuges.“
„Wie viele Menschen sind im Zug?“
„Meinen Sie, wie viele noch leben? Vor fünf Stunden waren es 356. Pro Stunde stirbt einer.“
„Haben Sie keine Pfleger und Schwestern hier?“
„Doch. Sie wollten Wasser holen.“
„Wann?“
„Es ist eine Weile her.“
„Und wo sind sie jetzt?“
„Ich weiß es nicht.“
Franz nahm seine Hand von der Schulter des Mannes, sah ihm prüfend ins Gesicht. „Wann haben Sie zum letzten Mal geschlafen?“
„Gestern. Oder vorgestern? Es gibt so viel zu tun.“
„Sind Sie Chirurg?“
„Ich bin Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Aber jeder Arzt wird im Krieg zum Chirurgen.“
Franz griff nach einem Handtuch, befeuchtete es mit dem Wasser aus einer in der Nähe stehenden Karaffe und wischte dem Arzt das Blut von den Unterarmen. Er nahm ihm die Schürze ab und führte ihn in ein Eck des Operationswaggons, das noch nicht von Blut bedeckt war. In einem der Schränke fand er eine Decke, die er dem Stabsarzt reichte.
„Legen Sie sich hin und ruhen Sie sich aus. Sie brauchen Schlaf, sonst brechen Sie zusammen. Dann nützen Sie niemandem mehr. Wir werden Sie wecken.“
Der Mann ließ sich zu Boden drücken. Er rollte sich wie ein Kind in die Decke und schlief sofort ein.
Franz verließ den Operationswagen und durchquerte die letzten Waggons, versuchte, dabei die Insassen zu zählen, die hier in dreistöckigen Betten übereinander lagen. Viele der schmalen Lager waren doppelt belegt. Insgesamt waren im Lazarettzug noch 347 Soldaten am Leben, viele Mannschaftsdienstgrade, einige Unteroffiziere, eine Handvoll Offiziere niederen Ranges. Schwer schnaufend nahm Franz die letzten Stufen ins Freie.
Hörcher war unterdessen am Zug entlang zu einem Pumpenhaus gelaufen, um dort Wasser für die Insassen zu holen. Als er sich dem Häuschen genähert hatte, hatte er zu seiner Überraschung Hilferufe gehört, die aus einem Schuppen hinter dem grauen Bau drangen. Die Tür war abgeschlossen gewesen, doch der Schlüssel hatte gesteckt. Als er die Tür geöffnet hatte, waren ein Unterarzt, ein Sanitäter und zwei Schwestern zum Vorschein gekommen, die man dort eingesperrt hatte. Sie gehörten zum Lazarettzug. Ohne viele Worte zu verlieren, halfen die Männer und Frauen Hörcher, Eimer zu befüllen und liefen zum Lazarettzug, um den Verwundeten das ersehnte Wasser zu bringen.
Franz betrat erneut den ersten Wagen und sprach dort einen Mann an, der matt und mit leerem Blick auf seiner Trage lag: „Von welcher Einheit sind Sie?“
„Armee-Nachrichten-Regiment 570.“
„Und die anderen?“
„Aus jedem Dorf ein Köter, Herr Oberleutnant.“
„Von woher kommen Sie?“
„Aus einem Behelfslazarett ein paar Fahrtstunden nördlich von hier. Wir wurden vor zwei Tagen verladen. Seitdem haben wir kaum was getrunken. Bitte geben Sie mir Wasser. Ich verdurste.“
„Wasser ist unterwegs. Wer hat euch hergebracht?“
„Ich weiß es nicht.“
„Warum hat man euch hier abgestellt?“
„Ich weiß es nicht.“
„Sollt ihr von hier aus weiterfahren?“
„Ich weiß es nicht.“
„Wo ist eure Lokomotive?“
„Wir haben keine Lokomotive?“
In die Donau schlug eine Granate ein. Kaum 50 Meter entfernt stieg eine Wassersäule auf. Die Druckwelle ließ die Scheiben aller Waggons klirren und die Wände erzittern. Ein zweiter Einschlag folgte, vielleicht 30 Meter entfernt. Schließlich ein dritter Einschlag, noch näher. Die Trommelfelle knallten. Einige Scheiben zerbarsten, Glassplitter regneten auf die Betten.