Über mich

 

In kurzen Worten:
https://de.wikipedia.org/wiki/Axel_Lawaczeck

 

Wie ich zum Schreiben kam:

Mein Vater, Ehm Welk und ich

Freude. Da erhielt ich doch am 15. August 2024, einen Anruf, dass ich den Ehm Welk Literaturpreis gewonnen habe. Was mir das bedeutet? Hm, wie könnte ich das vollumfänglich sagen, schwierig in wenigen Worten … und während ich im Stillen für mich nach Adjektiven, Freudenausdrücken suche, mit diesem Preis als Glücksgefühl, so fällt in den hellen Moment ein grauer Schleier, der noch dunkler und zum Schatten wird, darin Fasern tiefen Erinnerns an einen Augusttag im Jahr 2000, 24 Jahre zuvor. Das Seltsame daran ist, dass ich es erwartet habe und dankbar zulasse, dass mein Blick sich eintrübt und verschwimmt.
Ehm Welk. Dramatiker, Schriftsteller, Journalist, Uckermärker, Angermünder, vieles mehr. Lebte von 1884 bis 1966. Die Heiden von Kummerow – sein bekanntestes Werk unter vielen anderen, ein faszinierender und lebenskluger Einblick in ein märkisches Dorf in der Kaiserzeit, sicherlich eines der humorvollsten deutschen Bücher überhaupt.
1979 war ich zehn Jahre alt. Wir lebten damals in Südniedersachsen, genauer gesagt, in Eddigehausen, einem Dorf bei Göttingen. Oben auf dem Berg zum Dorf gibt es eine Burgruine, Goethe soll dort unter einer alten Eiche gedichtet haben, aber was heißt das schon, der ist ja überall gewesen. Sämtliche Stoffe der Kinder- und Jugendbücherei im größeren Nachbarort Bovenden hatte ich längst hinter mir gelassen und so stand ich eines Tages auf der Suche nach Lesefutter etwas ratlos im Wohnzimmer zum ersten Mal vor der Bibliothek meiner Eltern.
Mein Vater trat hinzu, erkannte meine Absicht und griff zielsicher in ein Regal:
„Lies das. Wird dir gefallen.“
Skeptisch schaute ich auf den Titel im gelben Gewebe ohne Umschlag, der auf dem Rücken noch dazu in Fraktur beschrieben war:
Die Heiden von Kummerow? Worum geht es da?“
„Um lustige Streiche in einem Dorf. Erinnerst du dich an den Film, den wir neulich gesehen haben? Don Camillo – das ist so ähnlich. Aber auch ganz anders. Da geht’s um einen Jungen, Martin Grambauer, ich glaube, zehn Jahre alt, genauso wie du.“
Etwas ratlos betrachtete ich den nichtssagenden Einband:
„Und wo liegt Kummerow?“
„Im Osten. In der DDR. Brandenburg. Aber es spielt in einer Zeit davor, als Deutschland noch einen Kaiser hatte. Das Buch hat mir schon dein Großvater zum Lesen gegeben. Dies hier ist allerdings eine jüngere Ausgabe. Habe ich mal zu Weihnachten geschenkt bekommen.“
„Ich kann ja mal reinschauen …“
„Tu das. Vielleicht wirst du nicht alles verstehen, aber das macht nichts. Wenn du damit durch bist, wirst du auch dies hier lesen wollen.“ Er strich mir über den Kopf und gab mir ein zweites Buch. Die Gerechten von Kummerow.
1980 war die DDR von Eddigehausen so weit entfernt wie Venezuela oder Grönland, und das, obwohl wir im sogenannten Zonenrandgebiet lebten. Die Bundesrepublik endete direkt hinter Duderstadt, kaum 30 Kilometer weiter von uns im Osten. Dahinter ein Todesstreifen mit Selbstschussanlagen, das wusste jeder, wir hatten es in der Grundschule gelernt, sollten die Grenze sogar einmal im Kunstunterricht malen. Die bei uns empfangbaren Fernsehsender DDR1 und DDR2 waren für uns pure Exotik, auch wenn dort immerhin öfter die Abenteuer der Olsenbande über den Bildschirm flimmerten, bei denen wir uns auf dem Teppich kugelten, mächtig gewaltig, Egon. Wahlweise wurden im ostdeutschen Fernsehen Produktionserfolge aus Kombinaten oder Fußballergebnisse von Mannschaften wie Lokomotive Stendal, Aktivist Schwarze Pumpe, Rotation Babelsberg oder Turbine Weimar verkündet. Doch dann also die Bücher von Ehm Welk – dieses literarische Entdecken gab mir dank meines Vaters zum ersten Mal das Gefühl, dass jenseits der Grenze Menschen lebten, die genau so waren wie wir. Und obwohl ich das natürlich schon wusste, nach der Lektüre spürte ich es auch.
Mein Vater, Jahrgang 1935, geboren am dritten Oktober. Nach der Wiedervereinigung – und bevor er seine Sprache verlor – pflegte er scherzhaft zu sagen, es wurde höchste Zeit, dass die Politik meinen Geburtstag würdigt und zum allgemeinen Feiertag erklärt.
Geboren wurde mein Vater in Worms. Frühe Fotos zeigen ihn nach dem Umzug der Familie auf dem Balkon einer großbürgerlichen Hannoveraner Wohnung: Er sitzt auf dem Schoss seines älteren Cousins Karl-Theodor. Ein anderes Bild zeigt die gesamte Familie beim sonntäglichen Flanieren in den Herrenhäuser Gärten.
1943 kam eine Künstlerin in die Wohnung meiner Großeltern, um die mittlerweile drei Kinder zu portraitieren. Marie Eichwede, so lautet ihre Signatur. Spürt man ihr ein wenig nach, erfährt man, dass sie 1875 in Posen geboren wurde, 1914 in Leipzig ausstellte und in Dresslers Kunsthandbuch aus dem Jahr 1921 aufgeführt ist. Sie starb nur wenig später nach ihren Zeichnungen, vielleicht sind die entzückenden Portraits meines Vaters und seiner beiden Geschwister ihre letzten Arbeiten gewesen. Nun hängt ihr Portrait vom Vater in meinem Arbeitszimmer und er schaut mir beim Schreiben dieser Zeilen über die Schulter. Zur Entstehung der Pastellfarbenzeichnung ist er acht Jahre jung, brav gescheitelt, mit einem wachsamen und freundlichen Blick in die Welt. Das Haus ganz in der Nähe des Maschsees mit der Adresse Auf dem Emmerberge 5 wurde nur Wochen später, im Herbst 1943, im Bombenhagel, zerstört. Zehn Tage zuvor war die Familie ausgezogen, dem Großvater waren seit dem immer stärker geführten Bombenkrieg der Alliierten die Innenstadtlagen nicht mehr sicher genug.
Kurz vor Kriegsende lebte mein Vater mit Eltern und Geschwistern in Lutterhausen bei Northeim; ab 1947 in Hillerse, einem anderen Nest in der Nähe, am Kirchberg 1 mitten im Dorf. Nachmittags taten mein Vater und seine beiden Brüder regelmäßig das, was auch in Kummerow auf der Tagesordnung stand: Das Kühehüten. Die Kühe von Otto Winter weideten unten am Bahndamm nach Höckelheim, unweit der dort fließenden Leine, durch deren Wassermassen im Frühjahr und Sommer die Wiesen oft sumpfig waren. Ein paar Pfennige gab es fürs Aufpassen und es wird nicht anders zugegangen sein als vier Jahrzehnte zuvor bei den Kummerower Jungen, wenn Kuhhirte Krischan zu den Ostertagen den Ort ansteuerte. Wenn die Jungen durstig waren, legten sie sich unter die Euter der Kühe und melkten sich die körperwarme und fettreiche Milch direkt in den Mund. Die Wertschätzung eines Tieres lernten mein Vater und seine Brüder auf dem Hof von Otto Winter, brachten mit ihm die Ernte ein, kümmerten sich um das Vieh. Egal, wie hart und lang der Tag des Landwirts Otto Winter gewesen sein mochte, wie sehr man Hunger hatte oder unter Durst litt, natürlich wurden die Pferde und Ochsen zuerst versorgt.
Als nach der Dorfschule die Aufnahme meines Vaters an der weiterführenden Schule, dem Corvinianum Northeim, scheiterte, verbrachte er ein Jahr auf dem Pädagogium in Bad Sachsa, doch die Währungsreform 1948 machte den Internatsaufenthalt dort unbezahlbar. Seine verbesserten Leistungen führten ihn danach doch noch auf die ehrwürdige Northeimer Schule, eines der ältesten Gymnasien des deutschen Sprachraums. Naturwissenschaftliches lag ihm, wohl war er auch künstlerisch ambitioniert. Als die Klasse im Kunstunterricht einen Akt aus Ton zu formen hatte, konstatierte der Klassenlehrer beim Anblick des Werks meines Vaters: „Mäßigen Sie sich, Lawaczeck, ich sehe nur Brust!“ Seine erste Freundin war bei den jungen Männern Northeims als Paula Pulchra bekannt und begehrt. Pulchra – lateinisch, die Schöne. So lässt sich die Kultiviertheit einer jungen Generation aus einem einzelnem Spitznamen heraus ableiten. Eigentlich hieß sie Waltraud Brückner. Sie begleitete meinen Vater zu seinem Abiturball, war wohl seine erste große Liebe, die sich irgendwann im Sande verlief. Später hat sie in Paris geheiratet und ist dort geblieben.
Vor Paula die Tochter von Rechtsanwalt Jaring, mit der er die Tanzstunde absolvierte. Nach Paula die hübsche Tochter eines reichen Schraubenfabrikanten aus Osterode. Mein Vater entwickelte sich zu einem Beau. Die Mädchen mochten ihn, sein feines Gesicht, sein blauschwarzes Haar, sein freundliches und zugewandtes, sein selbstbewusstes und gleichzeitig bescheidenes Auftreten. Noch Jahrzehnte später pflegte Sunhild, Lieblingscousine meines Vaters, ihren Running Gag, indem sie bei Familientreffen an mein Kinn griff, meinen Kopf prüfend in alle Richtungen und ins Licht drehte, um dann bedauernd zu seufzen: „Nichts zu machen, dein Papa sah viel besser aus.“
Noch vor dem Abitur wäre mein Vater beinahe Fußballer geworden. Er war talentiert, galt im Landkreis als bester Mittelläufer, eine Art Libero. Er stand kurz vor einem Vertrag beim SC Göttingen 05, der sich damals mit dem Hamburger SV und anderen Vereinen in der Oberliga maß. Talentspäher waren auf ihn aufmerksam geworden, man holte ihn eigens mit dem Auto zum Training ab. Mit viel Übersicht ordnete und zog er die Fäden des Spielgeschehens, groß und schlank war er, mit zurückgekämmt kurzen dunklen Haaren, so dass einige Zuschauer, die seine Einsätze im Mittelfeld verfolgten, später sagten, er hätte mit der gleichen Eleganz gespielt wie der junge Franz Beckenbauer.
Jahrzehnte später bolzten wir Kinder der Familie manchmal mit Onkeln und Cousins im parkähnlichen Garten meiner Großeltern. Mein Vater nahm sich dabei zurück, ließ uns gewähren, kichernd kämpfte er mit uns um jeden Ball. Einmal, als der Ball mit einigem Wumms auf sein Tor zukam, sprang er nach vorn mit einer Mühelosigkeit, die ich bis heute ganz klar vor mir sehe und schlug den Ball hinter dem Rücken mit den Hacken weg. In Ledersandalen, Kragenhemd und Jeans machte er also einen Scorpion Kick, so wie der kolumbianische Torhüter René Higuita 1995 in einem Fußballspiel gegen England. Wer sich darunter nichts vorstellen kann – man findet die Aktion als Filmschnipsel im Internet.
Aus seiner Fußballerkarriere wurde jedoch nichts. Irgendwann während der Abiturprüfungen fragte mein Großvater meinen Vater am Abendbrottisch: „Willst du eigentlich dein Leben lang Fußball spielen oder etwas Sinnvolles studieren?“
So begann er, Maschinenbau in Braunschweig zu studieren wie schon viele vor ihm aus der Familie. Schwingt hier ein weiteres zartes Band zwischen Ehm Welk, meinem Vater und mir? Immerhin lebte Ehm Welk ebenfalls mehrere Jahre in Braunschweig, und ich später auch.
Seine Doktorarbeit schrieb mein Vater in Göttingen, als ich gerade zur Welt gekommen war. Nach dem Studium eine erste berufliche Station bei einer Pumpenfabrik in Frankenthal, danach der Wechsel zur Aerodynamischen Versuchsanstalt nach Göttingen. Dort seine Karriere in der Wissenschaft: Er stieg auf bis zum Leiter des Instituts für Strömungsmechanik, war Direktor der Hauptabteilung Windkanäle für europäische Großforschungsprojekte wie den Airbus, im Vorstand des Karman Instituts Brüssel, im Aufsichtsrat des Deutsch-Niederländischen Windkanals in Emmeloord, im Aufsichtsrat des Europäischen Transsonischen Windkanals ETW in Köln. Mitglied im American Institute of Aeronautics and Astronautics, beständiges Reisen nach Oxford, Cambridge, Brüssel, Aachen, Ankara, Cape Canaveral, Boston, Tullahoma, San Francisco.
1977 reiste mein Vater zum ersten Mal beruflich nach Indien. Am Wochenende zuvor besuchten wir seinen Bruder in Northeim, die Familie spazierte am Waldrand entlang. Dort fand ich die seltene, farbenprächtig blau-schwarz gebänderte Feder eines Eichelhähers. Ich gab sie meinem Vater: „Als Glücksbringer. Damit dir in Indien nichts passiert.“ Er bedankte sich und legte die Feder in das Münzfach seines Portemonnaies. Jahrzehnte später habe ich sie dort noch gesehen, das struppige Etwas als Feder kaum noch zu erkennen.
Oft war er also beruflich unterwegs. Doch wenn ich ihn brauchte, war er da. Einmal während einer großen Sinnkrise während meines ersten Studiums, einmal nach einem schweren Autounfall, den ich verschuldet hatte. Auch sonst war er eigentlich immer bei mir, bei uns, auch wenn es mir nicht bewusst war. Ich sehe es heute in den Fotografien und umfangreichen Diakästen, die er von mir und meinem zwei Jahre älteren Bruder produzierte. Urlaube in Schweden und Frankreich. Familienfeiern in den Siebzigerjahren. Konfirmationen. Feste. Skiurlaube.
Ich erinnere mich an einen Skiurlaub in Österreich während der Osterferien, April 1981. Untergebracht waren wir in großer Gruppe, fünf Paare mit insgesamt 14 Kindern, in einem Hotel oben am Berg, dem Wagrainer Haus. Wie viele aus unserer Gruppe hatte ich einen Tag pausiert vom Skifahren, es hatte ohnehin kaum noch Schnee gelegen. Mit einer großen Schneeschaufel war ich auf dem Hof der Unterkunft beschäftigt, wollte aus Schneeresten einen Berg für einen Iglu zusammentürmen. Ein junger Mann, Angestellter des Hauses, stürzte sich auf mich, schrie Unverständliches auf mich ein und schlug mir hart ins Gesicht, so dass ich nach hinten zu Boden fiel. Ich lief weinend ins Hotel, wo ich meinen Vater bei Zigarette und Kaffee antraf. Dieser las daraufhin dem jungen Mann in derartiger Intensität die Leviten, dass der den Wortlaut wohl noch auf seinem Totenbett rezitieren kann. Ich gebe das Gesagte hier nicht wieder, vielleicht lesen ja auch mal Kinder diese Erzählung …
Was mein Vater besonders mochte: Nach dem Bürotag oder einer Dienstreise die Angestelltenuniform an den Haken hängen und sofort mit ollen Klamotten in den geliebten Garten. Nach den Tomaten schauen. Was die Bäume so machen. Ob die Clematis noch kommt. Ein paar Steine umsetzen. Ein bisschen gießen oder mähen. Vielleicht ein Bier oder einen Landwein auf der Terrasse trinken. Was er außerdem liebte: schlabbrige Frühstückseier. Harzer Roller und norwegischen Braunkäse. Wildbret und Rehpastete zubereiten. Selbstgestrickte Jacken. An alten Lampen herumlöten und heimwerkern. Obst ernten im Garten seiner Mutter und Frankfurter Grüne Sauce, alle sieben Gewürze baute er in unserem Garten an. Filme mit Louis de Funès und Didi Hallervorden. Fernsehserien wie Männer ohne Nerven und Tom und Jerry. Bücher von E. W. Heine, den er aus Braunschweiger Studienzeiten kannte. Romane von Erich Maria Remarque. Zigaretten aus dem Haus Bergmann. Sein blaues klappriges Mofa, das ihn im Schritttempo zum Tennisplatz fuhr. Schuberts Der Hirt auf dem Felsen. Bellmans Weile an dieser Quelle. Opern mit Dietrich Fischer-Dieskau. Hochalpines Skifahren in der Schweiz. Das Weihnachtsoratorium. Mercedes. Deutschlandfunk. Kirchen und Kathedralen. Rummikub. Tischfußball mit Lineal und Münzen und später Tippkick. Doppelkopf in Willy Schinkels Kneipe. Und natürlich: seinen Schützenverein.
An fast jedem Freitagabend in meiner Kindheit und Jugend klingelte es pünktlich um 18 Uhr, dann stand sein engster Freund in der Tür, Johannes Koch, Tierarzt, bis zum Feierabend ebenfalls immer mit vollem Terminkalender. Er wohnte mit seiner Familie nur drei Häuser weiter. Wie mein Vater konnte auch er mit Wichtigtuern, Geldfixierten, Eitlen und Großmäulern nichts anfangen, beide tauchten mit Wonne in den Keller des örtlichen Schützenvereins ab, dort galt weder ein Beruf etwas noch ein Vermögen noch ein Titel, allein eine Grundanständigkeit des Herzens war hier die Zugangsvoraussetzung, die kein gesellschaftlicher Status ersetzen konnte. Dort wurde mit Kleinkaliber, Luftpistole, Luftgewehr geschossen, man ließ den Stress der Woche hinter sich, rauchte, trank Bier, sprach über Politik, wohl eher über die kleine konstruktive als über die große, jahrzehntelang hat mein Vater für die SPD im Ortsrat gesessen.
1977 klingelte es eines Abends an unserer Haustür. Ich öffnete, vor mir standen der Präsident des Schützenvereins Heinrich Hardege, der Ehrenpräsident des Sportvereins Otto Glunz, selbstverständlich Johannes Koch und andere Honoratioren des Dorfs. Na, ist dein Vater da, Axel? Man war bereits bestens gelaunt, nüchtern war keiner, und als mein Vater hinzutrat, teilte man ihm mit, er sei Schützenkönig geworden. Mein Vater, dem es beim Schießen immer nur um die Geselligkeit und weniger um gute Resultate gegangen war, konnte es nicht glauben. Ihr wollt mich doch hochnehmen?! Nein, nein, kein Zweifel, alle anderen haben noch schlechter geschossen! Darauf stieß man an, ein fröhlicher Abend entspann sich, und ich, der ich gerade in die dritte Klasse gekommen war, saß mit glänzenden Augen daneben. Zur Kirmes im Herbst des Jahres stoppte dann einige Wochen später der Kirmesumzug, bestehend aus ungezählten geschmückten Traktoren, anderen Fahrzeugen und musizierenden Spielmannszügen direkt vor unserem Haus. Die Schützenscheibe mit dem gemalten Abbild eines Rehbocks wurde meinem Vater feierlich und unter Zuhilfenahme salbungsvoller Worte des Ortsbürgermeisters überreicht, ein Tusch, und als mein Vater zu großen Tabletts greifen musste, um unter den Umstehenden Dutzende von Schnäpsen auszuschenken, drückte er mir die Holzscheibe, diesen unerhörten Schatz, einfach so zum einstweiligen Halten in die Hand.
Die Scheibe aus Eddigehausen existiert noch immer wohlbehütet. Sie hängt im Arbeitszimmer meiner Mutter direkt über dem Foto, das meinen Vater im Jahr 1986 gemeinsam mit Queen Elizabeth II. zeigt, die ihm anlässlich ihres Besuchs in einer europäischen Forschungsanlage die Hand schütteln durfte.
Johannes Koch, der Schützenbruder und Lebensfreund meines Vaters – es wird Zeit, dass ich nun, mit dem Abstand von Jahrzehnten, ein Ordnungsdelikt beichte, bei dem ich von ihm gedeckt wurde. 1985 war ich 16 Jahre alt und feierte bei meinem Kumpel, nennen wir ihn B., denn ich will niemanden belasten, in unserem Dorf eine größere Party. Alkoholinduziert kamen wir gegen Mitternacht auf die wegen ihres Unterhaltungswertes unter Dorfjugendlichen allgemein geschätzte Idee, alle Straßenlaternen des Dorfs vorübergehend zu auszulöschen, was durch einen beherzten Tritt gegen die Elektronikplatte des Masten keine unlösbare Herausforderung darstellte; viele Männer meiner Generation werden das bestätigen. Die Empirie hatte uns gelehrt, dass die Laternen nach einiger Zeit wieder rosafarben ansprangen und bald zu alter Leuchtkraft zurückfanden. So fiel in dieser Nacht unter großem Gekicher das Dorf einer umgreifenden Verdunklung anheim. Straßenweise arbeiteten wir unseren ehrgeizigen Plan ab, bis aus dem Ortsteil des alten Dorfs – dort bei der Mehrzweckhalle befand sich der Schützenkeller – mehrere Männer mit großen Hunden auf uns zu rannten und uns zuschrien, sie würden ihre Köter, kroatische Alleszerfetzer, auf uns hetzen. Rückblickend und Jahrzehnte verspätet um Nachsicht bittend möchte ich feststellen, dass wir uns das auch verdient hatten. Wir ernüchterten sehr plötzlich und liefen um unser Leben. Als ich am mir gut bekannten Haus von Dr. Koch vorbei sprintete, irgendwo hinter mir das kehlige Bellen von sicherlich garagengroßen Bestien, die uns in Stücke reißen würden, dachte ich, das ist meine Rettung: die Hundehütte, in der Dr. Koch seinen allseits gefürchteten weißen Hirtenhund Dina verwahrte – denn das Kabuff des ewig kläffenden Haushüters war ja gar nicht besetzt! Herrchen und Hund schienen auf Gassitour zu sein: Hinter dem Holzverschlag könnte ich mich sehr gut verstecken und einige Minuten bis zum Ende allen Aufruhrs verharren. Nun, vielleicht dachte ich doch nicht so nüchtern, wie ich es mir einredete. In jedem Fall trat gleich darauf Johannes Koch gemütlich pfeifend und mit ordentlicher Schlagseite auf sein Grundstück, um seinen Hund Dina, der bereits nervös schnüffelte, genau in dem Verschlag anzuketten, hinter dem ich hockte.
Ob Dr. Koch, Dina oder ich: Ich weiß nicht mehr, wer von uns dreien in dieser Nacht dem Herzinfarkt am nächsten war, als ich mich zu erkennen gab. Johannes Koch und Dina schauten mich völlig verdattert an, der Hund vergaß sogar zu bellen. Schnell merkte ich, dass jemand in meinem unmittelbaren Umkreis noch weniger nüchtern war als ich, denn Dr. Koch grinste mich mit aus der Achse gerutschten Blicken an, während er etwas schleifend formulierte:
Na sowas, der Axel, das ist ja eine hicks Überraschung … was machst du denn hinter meiner Hundehütte? Grüße mal deinen alten Herrn, mit dem bin ich gerade beim Schießen gewesen, aber viel getroffen haben wir nicht, falsches Zielwasser … irgendwer hat die Laternen ausgetreten, hast du was damit zu tun?
Ähem, tja, also, ich …
Natürlich nicht. Und jetzt ab nach Hause ins Bett.
Er lächelte nur und fingerte nach seinem Haustürschlüssel, während er sich mit der Schulter am Türrahmen abstützte und eine Melodie summte. Jetzt also, vierzig Jahre später: Vielen Dank dafür, lieber Herr Dr. Koch.
Meine Schlussfolgerung in jener Nacht war, dass sicherlich auch mein Vater am nächsten Tag Kopfschmerzen haben würde. Genau so trat es ein, erst nach dem Mittag wurde er erstmals in der Küche zum Fassen von Alka Seltzer gesichtet. Er murmelte etwas von Laternenaustretern und verzichtete an diesem Tag auf jede Art von Geräuschen.
Doch, andererseits gilt auch: Richtig betrunken habe ich meinen Vater nie erlebt. Seine Lieblingsgetränke entstammten allesamt französischer Provenienz, Rotweine aus dem Bordeaux, Cognac und, besonders geschätzt, der Calvados. Einen Urlaub verbrachten wir – vielleicht war ich neun Jahre alt – mit der Familie seines Bruders in St-Guénolé, einem kleinen Fischerort an der südwestlichen Küste der Bretagne. Ich erinnere mich an hohe Wellen am Strand, grau und schwarz, rollend und kalt. An den Händen unserer Väter gingen wir vier Cousins in die Brandung, und nur während der Flut, die Ebbe war zu gefährlich. Nach jedem Brecher, der über uns zusammenschlug, zählten die Väter, ob noch alle Kinder da waren, so viel Salzwasser wie dort schluckte ich nie wieder in meinem Leben.
Mein Vater, der die Schrecken des Krieges als Kind erdulden musste, war ein Humanist. Er erinnerte sich noch an in Lumpen gehüllte Trecks von marschierenden Gefangenen, außerdem an Bombardierungen der Gleise zwischen Göttingen und Northeim, an Feuerschein am Horizont, wohl Richtung Kassel. Sein Weltbild wie auch das von Ehm Welk und meines ähnelten sich wohl, so wie auch das Misstrauen gegenüber jeder Obrigkeit, das bereits in Kummerow jederzeit angebracht war. Und was die großen Konflikte angeht: Kriege beginnen mit Sprachlosigkeit, wenn sich das Miteinanderreden durch ein Übereinanderreden ersetzt, wenn nicht mehr das Gesagte, sondern das Kolportierte die Überhand gewinnt. Auf unserem Rückweg von der Bretagne nach Deutschland besuchten wir den Soldatenfriedhof von Verdun, liefen an einem Wald aus bis zum Horizont reichenden Kreuzen vorbei. Wir Kinder gruselten uns im Beinhaus von Douaumont, darin die Knochen von mehr als hunderttausend nicht identifizierten Toten.
Zwischen den Gräbern sprangen wir umher und berechneten, wie alt – nein, wie jung – die hier zur letzten Ruhe Gebetteten waren, wie in jedem Krieg gestorben für korrupte Eliten, machtbesoffene Generäle und skrupellose Waffenschieber.
Als wir Kinder über das Areal sprangen und uns erschrocken die Zahlen zuriefen, sprach ein alter Franzose, der uns als Deutsche erkannte, meinen Vater an:
„Pourquoi êtes-vous ici à Verdun?“
„Pour demonstrer nos enfants l‘idiotisme de la guerre et pour l‘amitié de nos pays“, antwortete mein Vater und der Franzose ergriff ihn bewegt am Arm und beide schüttelten sich ohne ein weiteres Wort die Hände.
Es gab eine weitere Episode in diesem Urlaub, die mir schon als jungem Menschen den Begriff und Wert eines geeinten Europas vermittelten. An unserem letzten Restaurantabend hatten die Eltern kein Bargeld mehr, nur noch Schecks. Es war Samstag Abend, alle Banken hatten geschlossen. Hinter unserem Tisch saßen zwei amerikanische Pärchen zu Tisch, die nach dem Essen der Bedienung zuriefen, sie würden gerne mit Traveller‘s Cheques bezahlen.
„Mais non, ce n‘est pas possible“, kam die kurz angebundene Antwort, so dass meinen Eltern etwas mulmig wurde. Mein Onkel stand auf, ging zur Bedienung, hielt ihr einen Scheck entgegen und fragte auf französisch:
„Madame, acceptez-vous ce chèque? Le montreriez-vous au chef?“
Doch der Küchenchef hatte den Scheck schon von aus der Küche erspäht und rief laut:
„Bien sûr, pas de problème, c‘est un eurochèque!“
1980 im Sommer wurde eine der modernsten Windkanal-Prüfanlagen der Welt auf dem Noordoostpolder bei Emmelord eingeweiht: der Deutsch-Niederländische Windkanal, ein riesiger glitzernder, rechteckig geschlossener Ring aus Aluminium, hoch wie drei Häuser. Der Kanal war zur Begehung freigegeben worden, unter hunderten Interessierten schoben auch mein Bruder und ich uns staunend durch die Versuchsanlage, bewunderten den baumhohen Propeller, zwischen dessen gewaltigen Antriebsflügeln man problemlos hindurch schritt. Danach ein Festbankett, ich lud mir den Teller mit Erdbeeren voll, ordentlich Schlagsahne darauf, die sich Minuten später zur Belustigung meines Vaters als feine Meerrettichcreme entpuppte. Mein Vater, mein Bruder und ich verbrachten noch eine Woche im überlassenen Landhaus eines holländischen Kollegen auf Zeeland in der Nähe von Vlissingen am Meer, meine Mutter hatte wegen eines Sportunfalls nicht mitreisen können. Wir besichtigten das hübsche Domburg, badeten in der Nordsee, ernährten uns in dieser Zeit ausschließlich von Spiegeleiern, Toast und Gummibärchen. Mein Vater hatte sich gut auf den Urlaub vorbereitet und trug in seiner Jackentasche ein Kartenspiel bei sich, zu dem man drei Spieler braucht und dessen Regeln er uns in diesen Tagen beibrachte. Ich spiele es heute, nach 44 Jahren, noch immer gern und regelmäßig – Grüße an dieser Stelle an meine Skatfreunde Alex, Uli und Johannes. Jeden Abend saßen wir damals in der gemütlichen Küche hinter dem Deich, reizten, spielten, fluchten und triumphierten, ein Vater mit seinen Söhnen, 13 und 11 Jahre alt.
1984. Sommerferien, meine Mutter laborierte noch immer und schon wieder an ihrer langwierigen Knieheilung. Also fuhr wieder mein Vater mit seinen beiden Söhnen los. Diesmal lautete eines seiner Ziele Vercelli, ein Städtchen im Piemont zwischen Mailand und Turin. Wir fuhren über den Brenner nach Mailand, bewunderten dort den Dom. Nachmittags saßen wir zu dritt auf einer belebten Piazza, alles dort in Norditalien war so unfassbar mondän, zu viel für ein niedersächsisches Landei. Was wollt Ihr trinken, fragte mein Vater, als die Bedienung ankam. Campari, sagte ich, was sonst. Mein Vater grinste: Willst du ihn pur oder gemixt? Nur mit Eis, bitte.
So saß ich mit gerade 15 Jahren in Mailand an einem Sommerabend auf einer Piazza und trank meinen allerersten Campari und noch heute liebe ich die Bitternoten, für die ich jeden Aperol stehen lasse. Während ich an meinem Glas nippte, schaute ich schüchtern all den schönen Mädchen und Frauen nach, die ich in solch großer Anzahl und Eleganz nie zuvor gesehen hatte und es machte mich schwindeliger als der Campari selbst.
Von Mailand aus fuhren wir weiter und besuchten in Vercelli einen seiner Kommilitonen aus Braunschweiger Zeiten, mit dem er damals zusammen gewohnt hatte. Dietrich Graf von Hardenberg war Vertreter von Claas Landmaschinen für Italien geworden und lebte mit seiner Familie in einem Gutshof mit großem Park. Dort in der Po-Ebene beim Grafen quälten uns Kinder allerdings die Mücken, auf die wir allergisch reagierten. Wir bekamen Quaddeln groß wie Tischtennisschlägerflächen, die wir uns blutig kratzten. Von Vercelli aus reisten wir bald weiter über Courmayeur, bestaunten den Mont Blanc, umfuhren den Genfer See, erreichten schließlich über Besançon und Belfort das elsässische Colmar. Dort bewunderten wir den Isenheimer Altar von Matthias Grünewald aus dem 16. Jahrhundert und die Schönheit elsässischer Fachwerkkultur. Zurück nach Göttingen fuhren wir über die Deutsche Weinstraße. Im Radio verfolgten wir zu dritt gebannt ein Feature über die Jugend des späteren Friedrichs des Großen, seine traumatischen Jugenderlebnisse, als sein Vater Friedrich Wilhelm II. den besten Freund des Prinzen, Hans Hermann von Katte, hatte hinrichten lassen, um den Sohn zu bestrafen. Wir Söhne, die wir sonst bei den langweiligen Politbeiträgen, die vorn aus dem Radio unseres Mercedes Strichachters dudelten, die Augen verdrehten und Popmusik einforderten, baten zum ersten Mal unseren Vater, das Radio lauter zu drehen, so spannend kamen uns die unerhörten Vorgänge in der Festung von Küstrin vor. Als wir nach Göttingen zurückkamen, gab mein Vater mir ein weiteres Buch aus der elterlichen Bibliothek, doch für Der Vater von Jochen Klepper war ich damals noch zu jung. Über das Verhältnis des preußischen Soldatenkönigs zu seinem Sohn Friedrich II. – ich las das Werk Jahre später, heute ist das epochale Buch von 840 Seiten eines derer, die mich in meinem Leben am meisten beeindruckt haben, was wohl auch im Schicksal und in der Persönlichkeit des Autors begründet ist. Der Vater erschien 1937, ein leuchtendes Manifest in dunkler Zeit, ebenso wie das im selben Jahr erschienene Heiden von Kummerow.
1986 verbrachte ich während der Sommerferien zwei Wochen am Ijsselmeer mit Freunden aus der Schule. Sergio, Uwe, Sigurd, Christiane und ich zelteten auf dem Campingplatz De Holle Poarte bei Makkum. Ein gutes Surfrevier, dank flachen Wassers auch für Beachstarts geeignet. Uwe und Sigurd waren surfbesessen, wir anderen surften ein bisschen mit, wenn die Boards mal unbesetzt waren. Raumschots fahren, ins Wasser plumpsen beim Versuch einer verwackelten Halse, also das Board im Wasser in die gewünschte Fahrtrichtung drehen, hochklettern, Segel und Mast mit der Startschot aus dem Wasser ziehen und mit dem Wind zurückflattern. Morgens gab es holländischen Vanillepudding aus großen Gebinden, abends Ravioli, andere Pasta, Pils und Kippen. Tagsüber jonglierten wir, spielten Tennis, kickten mit unseren Hacky Sacks, granulatgefüllten Stoffsäckchen, die allein mit Beinen und Füßen in der Luft zu halten waren.
Eines Tages kam jemand aus der Campingrezeption zu unserem Zelt und sagte, wir sollen ins Café der Anlage kommen, wir hätten Besuch. Wir erwarteten niemand und waren neugierig. Als wir dort ankamen, saß an einem der Tische mein Vater und bot uns Platz an. Er hatte einen Abstecher von Emmeloord aus gemacht, während der Pause eines Arbeitstreffens am Deutsch-Niederländischen Windkanal. Eine Stunde waren er und sein Fahrer unterwegs gewesen, um zu uns zu gelangen. Der Fahrer saß am Nebentisch, winkte herüber, genoss seinen Kaffee und den Blick auf das graublaue Binnenmeer, über das bunte Dreiecke zogen.
Wir haben gerade eine Pause am Windkanal und da dachte ich mir, ich schaue mal vorbei. Wir müssen in einer halben Stunde wieder zurück. Möchtet Ihr was trinken oder essen? Mein Vater lud uns ein, plauderte mit uns, hörte interessiert zu, ließ uns 50 Gulden da, für Eure Urlaubskasse, habt noch viel Spaß. Ich brachte ihn zum Parkplatz. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie dankbar und bis zum Platzen stolz ich damals war, solch einen Vater zu haben und ich weiß nicht, ob ich es ihm jemals gesagt habe.
So erfolgreich mein Vater als Ingenieur war, so sehr scheiterte er als mein Nachhilfelehrer der höheren Mathematik. Auch meine Lehrerinnen und Lehrer, Frau Kunze, Herr Helmold, Frau Juraschek und Herr Schütz hatten nie eine reelle Chance, mir Dinge beizubringen, welche die Komplexität der Prozentrechnung überstiegen, da ich in meine Mathematikbücher schaute wie ein Schwein ins Uhrwerk. Das Rechnen mit Buchstaben erschien mir vollkommen sinnlos, man las sich ja auch nicht Zahlen vor, und bei Kurvendiskussionen dachte ich als Pubertierender eher an angehimmelte Mitschülerinnen. Wenn mein Vater – in seinem Wohnzimmersessel sitzend und ich neben ihm auf der Armlehne – seine Rechenbeispiele, Endlosgleichungen und Lösungsansätze mit Kugelschreiber und leichtem Schwung auf sein Endlospapier warf, dabei dozierte und bestimmt lieber längst in seinen Garten abgetaucht wäre, dachte ich eigentlich immer nur: Ich verstehe kein Wort von dem, was er sagt, aber er hat eine wirklich schöne Handschrift …
Manchmal besuchte ich ihn nach Schulschluss in seinem großen Büro. In seinem Vorzimmer saßen zwei Sekretärinnen, die eine sehr hübsch und die andere sehr streng. Dann aßen wir in der Kantine des Forschungszentrums zu Mittag, doch viel zu selten habe ich das gemacht, ich hätte das Angebot öfter nutzen sollen. Doch man ist so mit sich selbst und seinem Leben befasst, mit dem Strampeln in der Schule und bei den Mädchen, mit dem Erreichen des elterlichen Nestrandes, mit einem diffusen Wohin-soll-die-Reise-gehen, all diesen wichtigeren Dingen.
Nach der Wiedervereinigung wehte in seiner Berufswelt ein rauerer Wind, der Kostendruck nahm zu, die Politik kürzte Mittel für die Forschung. Anstrengende Jahre für meinen Vater, der Ressorts und Etats zu verteidigen hatte. Als er wieder einmal abgearbeitet nach Hause kam, fragte ich ihn, ob er vielleicht auch gerne etwas anderes studiert hätte.
Ja, Kunstgeschichte, war seine freimütige und überraschende Antwort.
Hätte man denn damit gut Geld verdienen können?
Geld ist nicht das wichtigste im Leben.
Einmal fand ich ihn auch an seinem Schreibtisch vor, als er sich einige Stichworte notierte und in einem Kästchen verstaute.
Was schreibst du da, Papa?
Ach, ein paar Erinnerungen. Ich hätte Lust zu schreiben. Vielleicht, wenn ich Rentner bin. Dann hätte ich mehr Zeit. Vielleicht über früher.
Was denn so?
Unsere Kindheit auf dem Dorf. Wie das Leben zu dieser Zeit war. Auch Streiche und Unsinn. Was man so macht.
Was habt ihr denn gemacht?
Mein Vater griff nach dem Zettel, an dem er gerade gearbeitet hatte und trug mir lose vor. Ich kann mich erinnern, dass wir Dorfkinder uns Anfang der Fünfziger Jahre in Hillerse sehr über die älteren Söhne von Pastor Fischer ärgerten, weil die uns öfter bei Kleinigkeiten verpfiffen haben, uns ärgerten, dauernd in die Suppe pinkelten. Und es wohnten damals auch einige Studenten rund um den Kirchhof, die besuchten die Universität in Göttingen und kamen sich sehr vornehm vor. Hielten uns Dorfjungen, dein Onkel war auch dabei, für blöde Hinterwäldler und ließen uns das spüren.
Im November war alles grau, dunkel, regnerisch. Wir beschlossen, den Schlauköpfen etwas zum Nachdenken zu geben. Der jüngste Pfarrersohn Christian, der unter seinen hochnäsigen älteren Brüdern litt, war auf unserer Seite, wusste, dass der Schlüssel zur Kirche im Flur des Pfarrhauses hing. Er stibitzte ihn, schloss damit die Kirche auf und wir stiegen in den Kirchturm hoch. Dort band ich mit einer starken Schleife eine feste Drachenschnur am Klöppel fest, an einem der Schleifenenden befestigte ich eine weitere Drachenschnur. Beide Schnüre warfen wir durch das Schallloch des Kirchturms nach draußen. Wir verließen die Kirche und schlossen ab, Christian verstaute den Schlüssel wieder am Brett im Pfarrhausflur. Dann nahmen wir hinter der Kirche die Enden der beiden Schnüre auf und kletterten damit auf eine benachbarte hohe Scheune. Von dort aus begannen wir, es war mitten in der Nacht, feste an der ersten Schnur zu ziehen, bis wir den Klöppel in Schwung gebracht hatten, der irgendwann gegen die Glocke rumste. Mächtig laut war das! Und alles klang hohl und hoch, weil der Klöppel immer nur gegen die eine Seite der Glocke schlug. Also kein gleichmäßiges Ding-Dong, sondern immer nur schrilles und hektisches Ding! Ding! Ding! Es schallte über den ganzen Kirchberg bis ins Unterdorf. Der Küster kam als erster über den Kirchhof gerannt, hörte oben im Turm die Glocke läuten und rüttelte an der verschlossenen Kirchtüre. Dann reckte er die Hände in den Himmel und rief: „De Herr hölpt uns bi! Dat lüüdt un de Kerk is to!“
Auch die Studenten waren aus ihren Betten gefahren und zum Kirchturm gelaufen, in dem es noch immer wild läutete. Mit Freuden waren sie bereit, die in der Kirche vermuteten randalierenden Frevler aus ihren Kleidern zu hauen.
Als auch Pastor Fischer in Nachthemd und Morgenmantel angehastet kam, zogen wir an der zweiten Drachenschnur, so dass sich die Schnur am Klöppel löste. Beide Stricke holten wir zu uns aufs Dach hoch und wickelten sie auf, kletterten von der Scheune und mischten uns unter all die anderen blassen Rätselnden, die etwas vom Geisterläuten riefen, einen dunklen Zauber vermuteten, weil doch unter Gottes weitem Himmel auch immer viel Platz für das Böse sei. Die Jungakademiker waren vor ein Rätsel gestellt, vermuteten einen Schaden des Uhrwerks oder eine Eule, die gegen die Glocke geflogen sei.
So groß waren Ratlosigkeit und Schrecken unter den Dorfbewohnern und Studenten, dass Konfirmand Wolfram Hanke, der eben noch mit uns auf dem Scheunendach gesessen und den Faden aufgespult hatte, sich sogar die Vermutung nicht verkneifen konnte: „Das waren doch bestimmt böse Buben aus dem Dorf! Wahrscheinlich mit einem Seil!“ Und der aufgebrachte Pfarrer schaute ihn an und sagte: „Auf solch eine saudumme Idee kannst auch nur du kommen!“
Kinder auf dem Kirchturm und vor Schalllöchern – da war doch auch mal was in Ehm Welks Kummerow gewesen! Richtig, damals hockten Martin, Johannes und Traugott neben der dicken Bullenglocke ihres Dorfturms vor ihren Löchern und blickten in die dunstige Ferne, beobachteten den Kantor auf seinem hastigen Weg zum Abtritt, spähten bis nach Randemünde, Stettin, Ostsee, Afrika und Amerika. Die Kinder kannten sich im Turm aus, waren angeleitet, das punktgenaue und missklangfreie Läuten durchzuführen. Im damaligen Kummerow wie auch im späteren Hillerse meines Vaters war das nicht anders: Dort saß bei Beerdigungen oben am Schallloch ein Konfirmand, der von seinem luftigen Platz aus bis zum Dorffriedhof schauen konnte. Zur richtigen Zeit gab der inmitten der Trauergemeinde stehende Küster ein Zeichen, indem er seinen Zylinder abnahm und damit winkte. Daraufhin zog der Späher am Schallloch an einem Draht, der durch den Turm hinunter führte und eine Fahrradklingel auslöste – das Zeichen für die unten am Glockenseil postierten Jungen, sich mit all ihrem Gewicht in das Seil zu werfen, um das pünktliche Geläut zu starten. Heute übernimmt schnöde Elektronik solche Verrichtungen; seit Einkehr moderner Zeiten werden in staubigen Kirchturmspitzen, an Glockenseilen und unter Schalllöchern nur noch selten Kinder gesichtet.
Ich fragte meinen Vater, ob sie nach dem erstmaligen Geisterläuten einen zweiten Versuch starteten.
Ja, es gab einen zweiten Versuch. Aber den mussten wir abbrechen. Der Küster hatte mit einem Knüppel auf der Lauer gelegen.
Und kam es irgendwann raus?
Im folgenden März stand die Konfirmation an und die Jüngeren von uns waren besorgt, man könnte ihnen Segnung und Zugang zur Gemeinde verwehren. Deshalb beichteten wir es Pfarrer Fischer, am Silvestertag 1952 im Pfarrhaus von Hillerse. Er hatte schon angefangen, selbst an Spökenkiekereien zu glauben und lachte erleichtert mit. Nur seine älteren Söhne waren schwer beleidigt.
Mir gefiel die Geschichte und ich sagte zu meinem Vater: Ja, schreib das bitte auf, das wäre wirklich schön, wenn man das später irgendwann mal lesen könnte!
Mein Vater blätterte ohne Ziel in den Unterlagen seines kleinen Zettelkastens:
Tja, lauter Erinnerungen, alles ewig her. Ob das mal jemand lesen will? Eine Jugend auf dem Dorf nach dem Krieg. Wir waren ja drei Brüder und haben jede Menge Blödsinn gemacht. Ludwig, der Dorfpolizist aus dem Nachbardorf Höckelheim, pflegte immer zur Behandlung in die Praxis unseres Vaters herüber zu radeln. Mit Tschako und Schlagstock auf dem Gepäckträger, mit hochgeklammerten Uniformhosen und Mantelspitzen, um sich nicht in Speichen oder Kette zu verheddern. Unserer leidgeprüften Mutter, die ihn bei seinem Näherkommen stets besorgt beäugte, rief er oft schon von weitem beruhigend zu: „Diesmal ist nix.“
Nach der Behandlung fragte unser Vater ihn dann routinemäßig: „Und, ist was?“, und meistens war dann doch was.
„Einer von deinen Jungs hat eine Anzeige bekommen. Autofahren ohne Führerschein.“
„Welcher denn? Ortwin, Rüdiger?“
„Nein, Immo.“
„Aha. Na, in 14 Tagen hat er ja eh die Führerscheinprüfung.“
„Gut, dann lass ich die Anzeige einfach noch zwei Wochen liegen. Bis zum nächsten Mal, Doktor …“
1949 sind wir immer mit dem Zug zur Schule nach Northeim gefahren. In Sudheim sind wir zugestiegen. In der Zeit kamen die Schweizer Kracher auf, ziemlich große Knallkörper mit gewaltigem Krachen und Blitzen. Zehn Pfennig das Stück. Einmal haben wir damit die Bahnwärterhäuschen entlang der Strecke beworfen und die Bahnbeamten dort dachten vermutlich, der Krieg sei wieder ausgebrochen. Schon in Sudheim wurden wir von Sheriff Ludwig in Empfang genommen, einer der Wärter hatte uns angezeigt. Im Sonntagsanzug sind wir zu ihm hin und haben um Entschuldigung gebeten. Doch der blieb hart. Daraufhin hat der Besitzer der Leinemühle eingegriffen. Der war kein Kummerower wie der im Land am Bruch verhasste Düker, sondern hieß Paul, und er hatte ein großes Herz für uns Dorfkinder, vermutlich fühlte er sich an den Blödsinn seiner Kindheitstage erinnert. Müller Paul ist persönlich zum Eisenbahner gefahren und hat ihm Bescheid gestoßen: „Mensch, nu nimm die Schietanzeige zurück! Kannst doch den Jungs nicht die Zukunft versaun!“
Müller Paul – einmal, das war 1961, bekam er einen neuen Mühlstein. Der alte wurde ausrangiert. Wir waren schon Mitte zwanzig, hatten unseren Eltern ein neues Haus gebaut. Den Stein wollten wir haben, um damit am Abhang des elterlichen Grundstücks mit Blick über das Leinetal den Tisch einer Grotte zu errichten.
Der Paul lachte nur: „Ihr spillerigen Studenten, Ihr scheißt Euch voll bis unter die Arme! Der Mühlstein wiegt eine Tonne! Aber wenn Ihr ihn haben wollt, bitte, dann holt ihn euch!“
Eine furchtbare Arbeit. Viel Physik haben wir gebraucht und einen DKW-Schnellaster.
Den Mühlstein kenne ich noch. Rund und behauen, uralt. Als Kinder tobten wir in der Gartengrotte meiner Großeltern herum, manchmal hockten wir auf dem gewaltigen Stück, bliesen um die Wette auf Grashalmen, einmal baute uns dort mein Vater eine Weidenpfeife, wie man sie auch in Kummerow fertigte. Heute steht der Stein auf der Terrasse meines Onkels in Northeim, er hat daraus einen Brunnen gebaut.
Einmal in der Woche kam das Wanderkino Schwandt aus Höckelheim. Vorführung nur, wenn fünf oder mehr Zuschauer anwesend waren. Der Schwandt fuhr vor, baute seinen Projektor und eine Leinwand im Kneipensaal bei Borgholte auf, den gibt es auch längst nicht mehr. Da schauten wir Filme wie „Grün ist die Heide“ oder „High Noon“. Alles so lange her – ob es jemanden interessiert? Vielleicht mal dich und deinen Bruder. Oder wenn ihr selbst mal Kinder habt.
Mein Vater kam nie dazu, all diese Dinge seiner Kindheit ausführlich aufzuschreiben, denn sein erstes Leben endete am 18. Oktober 1993, zwei Wochen nach seinem 58. Geburtstag. Ich selbst war 24 Jahre alt und hatte gerade ein Studium an der Kunsthochschule in Braunschweig begonnen, als ich einen Anruf bekam. Mein Vater hatte einen Schlaganfall erlitten, in der Frühe vor dem Aufstehen. Ein schwerer Hirninfarkt, seine Chancen standen nicht gut. Überlebt hat er wohl nur aufgrund fantastisch schneller medizinischer Erstversorgung. Ich fuhr sofort nach Hause und besuchte ihn auf der Intensivstation des Göttinger Klinikums. Dort kämpfte er um sein Leben, das an Kabeln, Schläuchen, Maschinen und seidenen Fäden hing. Als er langsam stabilisiert werden konnte, trat das Ausmaß der Schädigungen durch die Blutung im Kopf hervor. Halbseitig gelähmt, Sprachzentrum zerstört. Es war fraglich, ob er, dem Sprache und Schrift so viel bedeuteten, jemals wieder würde gut kommunizieren können.
Mein Vater ohne Sprache. Vollständige Aphasie. Als er nach Tagen wieder bei Bewusstsein war, versuchte er sich mitzuteilen. Setzte zum Sprechen an, doch es kam nichts aus seinem Mund heraus. Heute weiß ich, dass er noch jedes Wort wusste, es klar vor seinem inneren Auge sah, doch er konnte es nicht aussprechen, so dass auch wir nicht wussten, wie sehr sein Gehirn beeinträchtigt war. Keine Sprache, kein Austausch, keine Klarheit. Die Verzweiflung darüber merkte man ihm an, sah sie auch, sobald er den Mund öffnete, denn sein angezeigter Puls sprang innerhalb von wenigen Sekunden von 70 auf 200 Schläge und höher. Doch dann, einige Tage später nach Zuständen purer Verzweiflung, kam er auf einen Einfall, der mich bis zum heutigen Tag beeindruckt, um zu signalisieren, seht her, ich bin noch da – und mein Hirn arbeitet. Sein Sprachzentrum war zerstört, doch hatte er wohl durch Ausprobieren herausgefunden, dass sein Hirnareal zur Verarbeitung von Musik noch funktionierte. Er konnte noch Melodien summen, weil das in einem anderen, intakten Bereich abgespeichert war. Als er den nächsten Besuch bekam, summte er drei Melodien. Die französische Nationalhymne, die englische Nationalhymne, die deutsche Nationalhymne. Diese drei Melodien, in dieser Reihenfolge – für ihn, der die europäische Idee so sehr liebte und verinnerlicht hatte, kein Zufall.
In den nächsten Jahren versuchte er, die Sprache von neuem zu erlernen. Einiges kam wieder, doch ihm hat es nie genügt. Viele Reha-Aufenthalte schlossen sich an. Oft besuchte ich ihn in der Hardtwald-Klinik im nordhessischen Zwesten. Er hatte den Schlüssel zum Arbeitszimmer des behandelnden Arztes erfragt, weil dort ein Computer stand, mit dem er auch am Wochenende Sprache und Schrift verbessern wollte. Schreiben musste er nun mit links. Jedes Mal, wenn ich sein neues Schriftbild sah, hatte ich mit den Tränen zu kämpfen. Seine schöne Schrift war unwiederbringlich verloren … Nun standen da in wackeligen Blockschriftbuchstaben Begriffe und Sätze wie: Haus. Stuhl. Tisch. Zwei Enten. Der Baum ist grün. Rechts, links. Oben, unten. Kalt. Warm. Es ist 1 Uhr.
Ein Satz hatte sich bei ihm festgesetzt und wenn er etwas mitteilen wollte, sagte er öfter Ja, das ist ganz gut: Daraufhin konnte man ihn mit Fragen, die er verneinte oder bejahte, zum gewünschten Aussageergebnis begleiten.
Wenn ihm etwas besonders gut gefiel, sagte er Ja, das ist ganz gut!
Wenn er nach etwas fragen wollte, sagte er Ja, das ist ganz gut?
Und wenn er nicht zufrieden war oder etwas genauer wissen wollte, sagte er Ja, das ist ganz gut, aber …
Einige Male saß ich mit ihm vor dem Computer, wenn das Programm Bilder zeigte, Worte sprach, ihn testete. Und manchmal fielen mir dabei die Augen zu, es war eine anstrengende Zeit für alle, ich bin viel zwischen Braunschweig, Göttingen und Zwesten gependelt, während ich mein Studium vorantrieb. Als er einmal bemerkte, wie ich vor dem Bildschirm einschlief, weil mein Kopf nach vorn fiel, lächelte er mich an, schaltete den Rechner aus und meinte, fast als Entschuldigung für seine Unermüdlichkeit Ja, das ist ganz gut …
Niemals ein Hadern von ihm, das mir aufgefallen wäre. Ich glaube, er war einfach dankbar für die Extrazeit, die ihm nach dem eigentlich tödlichen Hirninfarkt geschenkt worden war. Eine Wesensveränderung hatte sich außerdem eingestellt, nicht unüblich nach solch schweren gesundheitlichen Krisen. Er war weicher geworden, sentimentaler, schluchzte manchmal bei Meldungen im Fernsehen oder in der Zeitung, die er gewissenhaft jeden Morgen durcharbeitete.
Öfter gingen wir spazieren, oben am Feldrain der Hardtwald-Klinik entlang, später auch in Eddigehausen. In der gesunden Hand hielt er einen Stock. Den anderen, steifen Arm trug er angewinkelt, das betroffene Bein zog er in einer anstrengenden Bewegung nach. Ich kann mich erinnern, dass wir einmal im Winter losgingen. Kalt war es, Schnee und Eis lagen auf den Straßen, Vorsicht war geboten. Doch er wollte nach draußen, an die frische Luft, vom Gehweg aus auch einen Blick in seinen Garten werfen.
Als noch unvermutet starker Schneefall einsetzte und wir eingehakt gingen, sagte ich zu ihm im Scherz, weil ich kurz zuvor den Film gesehen hatte: „Das ist ja wie bei So weit die Füße tragen. Und wenn jetzt noch mehr Schnee kommt, gibt es vielleicht eine weiße Weihnacht – die letzte ist ja schon eine Weile her.“ Weil er krankheitsbedingt wenig sagte, sprach ich mehr. Nicht, weil es eine unangenehme Stille zwischen uns gegeben hätte, die gab es nie, sondern weil ich wollte, dass er an meinen Gedanken teilhaben konnte. So redete ich also vor mich hin, erzählte auch vom Studium, dem bevorstehenden Vordiplom, angedacht war eine größere typographische Arbeit, dreidimensional aus Holz. Wie ich das vielleicht am besten bearbeiten könnte und ob er, von dem ich in seinem Bastelkeller so vieles gelernt hatte, vielleicht eine Idee hätte, nimmt man massives Holz oder besser verleimte Schichtholzplatten? Als wir weitergingen, meinte er nach einigen Minuten unvermittelt Ja, das ist ganz gut aber …
Irgendeine Äußerung hatte ihn zum Nachdenken gebracht, aber ich wusste nach meinem Monolog beim besten Willen nicht mehr, worauf er sich bezog. Während des gesamten Spaziergangs rätselte ich, fragte ihn Ist es wegen meines Studiums? Bestimmtem Werkzeug? Wegen des Vordiploms? Weihnachten? Immer schüttelte er den Kopf, erst resolut und belustigt, doch mit zunehmenden Fragen resignativer, leise verzweifelte er in seiner Bekümmernis, sich nicht mehr mitteilen zu können. Immer niedergeschlagener wurde er, so dass er mir nach weiterem Rätseln meinerseits mit einer Geste mitteilte, ich solle nicht weiter fragen. Still gingen wir zum Haus zurück.
Unten ging ich in mein Zimmer, selbst unglücklich mit dem Gefühl, meinem Vater selbst bei einfachsten Sachverhalten nicht weiterhelfen zu können. Aber was sagt man schon, wenn man vor sich hinspricht und die Themen dabei wechselt. Ich schaute aus dem Fenster, sah die Schneeflocken wirbeln und wusste es plötzlich. Ich Idiot!
Ich rannte nach oben ins Esszimmer, wo mein Vater vor seiner Zeitung hockte und mit dem Finger unter Worten entlangfuhr, um ihre Buchstaben in eine Bedeutung zu bringen.
Es war wegen des Films, nicht wahr?! So weit die Füße tragen!
Mein Vater nickte, strahlte und schluchzte gleichzeitig.
Der Kriegsgefangene, der sich durch das winterliche Sibirien bis nach Hause durchschlägt! Nicken.
Die alte Verfilmung aus den Fünfzigerjahren? Mit Heinz Weiss in der Hauptrolle? Hast du den Film damals gesehen, wolltest du das sagen? Er nickte erneut, räusperte sich, legte seine Hand auf meinen Unterarm und sagte: Ja, das ist ganz gut!
Manchmal quälten ihn schlimme Spastiken im gelähmten Arm, den er dann mit seinem gesunden Arm anhob und emporstreckte, das Gesicht verziehend. Doch vieles machte er mit sich und meiner Mutter aus, die ihn hingebungsvoll pflegte und betreute, mit ihm auch auf Reisen ging.
Man sollte meinen, dass eine schwere Krankheit im Leben reicht, doch einige Jahre nach dem Schlaganfall erkrankte mein Vater auch noch an Krebs. Er kämpfte weiter, brachte Chemotherapien hinter sich, von unerhörter Tapferkeit und innerer Stärke war er, konnte aber die tückische Krankheit in ihm nicht mehr mit voller Kraft bekämpfen und wurde langsam schwächer.
Dann das erste Augustwochenende im Jahr 2000. Ich hatte gerade einen neuen Job angefangen, arbeitete als Texter in Berlin. Regelmäßig fuhr ich nach Eddigehausen, um meinen Vater zu besuchen und wir alle ahnten, dass es vielleicht bald zum Ende kommen könnte.
Als ich in meinem Elternhaus am 5. August ankam, war er schon recht schwach, schlief auch viel, war meistens oben im Dachzimmer, wo für ihn alles ideal ausgebaut war. Ganz schmal war er geworden, entsetzlich schmal, er sah aus wie ein aus dem Nest gefallener Vogel. Sein Haar schlohweiß und schütter, früher ja ein dichtes Blauschwarz – an diesem Abend wollte er unbedingt noch einmal nach unten ins Wohnzimmer gehen, langsam über die Stufen herab, unterstützt und geführt von uns, weil er einen Film sehen wollte, der ihm im Fernsehprogramm aufgefallen war.
Ich setzte mich neben ihn und wir schauten den letzten Fernsehfilm seines Lebens an: Die Heiden von Kummerow und ihre lustigen Streiche, in der Verfilmung von 1967 mit Paul Dahlke als Pastor Breithaupt und Ralf Wolter als Krischan Klammbüdel. Mein Vater hielt mir die Fernsehzeitschrift hin, damit auch ich erfahre, was er gerade gelesen hatte, nämlich, dass dieser Film die erste offizielle filmische Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern gewesen sei. Wir sprachen darüber, dass beide Deutschlands nun schon so lange wieder eins sind, erwähnten wieder einmal den 3. Oktober, seinen Geburtstag. Er lachte viel während des Films, grinste, schluchzte auch mal leise, wenn sein Blick für Sekunden vom Fernsehgerät abwich und über das Wohnzimmer seines selbst gebauten Hauses glitt, das er vielleicht zum letzten Mal sah. Man kann nichts mitnehmen, das letzte Hemd hat keine Taschen, wie er einmal festgestellt hatte, und einmal sagte er auch: Nichts im Leben ist umsonst. Selbst der Tod kostet das Leben.
Als ich ihn am folgenden Wochenende wieder besuchte, lag er oben auf seinem Bett im Schlafzimmer und kam nicht mehr hinunter ins Erdgeschoss. Bei meinem letzten Abschied vor meiner Rückfahrt nach Berlin setzte er sich nochmals in seinem Bett auf. Ich küsste ihn, spüre noch heute seine verstoppelte Wange an meiner, sagte ihm, dass ich ihn liebe und ihm für alles danke, und er schaute mich noch einmal lange an, drückte meine Hand und sagte dann „Ja, das ist ganz gut!“
Mein Vater starb am 17. August 2000 vormittags. Ein Donnerstag. Ich war noch in Berlin, saß in meinem Büro, als der Anruf mich ereilte. Auf schnellstmöglichem Weg fuhr ich nach Eddigehausen. Mein Bruder, der ihn gemeinsam mit meiner Mutter und meinem Onkel in den letzten Stunden, Minuten und Sekunden begleitet hatte, erzählte mir, unser Vater habe noch einige Male die Hand gehoben und mit den Fingern bis drei gezählt, vielleicht, als wolle er damit fragen, wo der dritte – also ich – bin. Vielleicht hatte es aber auch eine andere Bedeutung.
Je länger all diese Dinge zurückliegen, umso tiefer schaue ich heute in meines Vaters Seele, die er immer etwas versteckt hielt, vermutlich, weil er selbst wusste, wie empfindsam sie war. Sie, der Sie jetzt einiges aus seinem Leben erfahren haben, werden objektiv zugeben müssen, dass er einer der besten Väter aller Zeiten gewesen ist. Hands down, Widerspruch zwecklos. Als ich wenig später an seinem Grab stand, sagte ich wortlos zu mir und zu ihm, fast versprach ich es: Ich werde es mal mit dem Schreiben versuchen, sobald ich etwas mehr Zeit finde, ich versuche, früher damit anzufangen. Das wollen wir doch mal sehen …
2009 begann ich, nach Häusern im Berliner Umland zu suchen. Die Summe aus dem Verkauf des elterlichen Hauses, vom Vater erbaut, hatte meine Mutter zwischen sich, meinem Bruder und mir gedrittelt. Es reichte nicht für eine Berliner Wohnung, aber doch vielleicht für ein kleines, möglicherweise baufälliges Häuschen auf dem Land. Und da ich mittlerweile selbst Vater von zwei prächtigen Kindern geworden war, wollte ich ihnen die Unbeschwertheit und Naturnähe verschaffen, die nur das Dorfleben für einen jungen Menschen bereithält. Dann ein Impuls aus der Uckermark: Dort hatte ein Freund von mir ein Haus aus einer Zwangsversteigerung erworben, eher eine Ruine. Ich fuhr aufs Land, besuchte ihn dort in seinem Dorf und las auf dem Ortsschild den Namen Biesenbrow und darunter – Ehm Welks Kummerow. Ehm Welk, in Biesenbrow geboren: An dieses Dorf hat er gedacht, als er Kummerow ersann, den Ort, in dem die Abenteuer spielten, die ich Jahrzehnte zuvor zum ersten Mal las. Das gibt’s doch nicht, dachte ich, und dann dachte ich wieder an die beiden Bücher meines Vaters aus meiner Kindheit. In Biesenbrow ein Häuschen, ja, das wär’s! Ich erkundigte mich, und tatsächlich, ein kleines Häuschen stand dort leer, im Hirtenende, eine Halbruine mit schadhaftem Dach. Neben dem Löschteich stand es, vielleicht so alt wie Martin Grambauer heute wäre, etwas gesackt und grau, hinter dem Haus Obstbäume und ein weiter Blick über Felder. Und wer sich mit Ehm Welks Kummerower Heiden auskennt, wird es wissen: Am Hirten-Ende, und nicht nur an dessen Ende, sondern extra noch ein Stück ab, lag das Armenhaus, eigentlich das frühere Hirtenhaus, aber seit fünfundzwanzig Jahren als Armenhaus genutzt, weil das erste Armenhaus einmal winters, als gewaltig viel Schnee fiel, zusammengesackt war und die Kummerower das erst nach Monaten bemerkt hatten, als der Schnee weggetaut war.
Ein Haus in der Straße von Johannes Bärensprung, es hätte mir so sehr gefallen. Ich kontaktierte den Besitzer, ein Kauf scheiterte aber an unterschiedlichen Preisvorstellungen. So kam es, dass ich nur ganz knapp kein Kummerower, pardon, Biesenbrower wurde und etwas weiter westlich in der Uckermark mit einer anderen Ruine vorliebnehmen musste.
Während ich diesen Text schreibe, die Bedeutung der Heiden von Kummerow für mein Leben ergründend, liegen neben mir die beiden Bücher von Ehm Welk, die mir mein Vater gab und in die ich zuletzt vor Jahrzehnten schaute. Ich habe sie gerade aus meinem Bücherregal hervorgezogen. Der elterliche Buchbestand war 2008 vor Verkauf des Elternhauses aufgelöst worden, natürlich hatte ich mir die beiden Bände gesichert. Ich sollte bei Gelegenheit mal wieder einen Blick hineinwerfen. Und während ich darüber nachdenke, sage ich mir, eigentlich könnte ich das auch jetzt gleich tun, und so nehme ich das obere erste weizengelbe Buch in meine Hand und schlage es auf. Dort, auf dem Schmutztitel existiert noch immer, fein wie eh und je, die elegante Handschrift meines Vaters, sein Name Ortwin Lawaczeck mit dem Datum 24 – 12– 66, ein Weihnachtsgeschenk für ihn ist es gewesen, und nach einem Vorwort von Ehm Welk beginnt der Roman mit den Worten:
Das silberne Schiff
Die Geschichte beginnt mit einer traurigen Angelegenheit, es ist nicht zu ändern. Mutter Harms wollte sterben. Und den Tod kümmerte es nicht, daß der Frühling dieses Jahr schon im März den jungen Saft in die alten Weiden am Mühlbach gejagt hatte und nun, zehn Tage vor Ostern, ihre Reiser reif machte zum Pfeifenschneiden. Der Tod vergaß darüber seinen Auftrag nicht.
Aber die Schuljungen von Kummerow kümmerte es. Einen von ihnen, Martin Grambauer, dermaßen, daß er nicht nur alle guten Vorsätze und ein halbes Dutzend Aufträge, sondern auch noch den Tod vergaß.

 

 

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