Angelegenheiten bedacht gewählter Worte

Erzählt sei die Geschichte des jungen Arztes Maximilian van Mechow, der am 23. September 1891 in der Pathologie der Berliner Charité eine dem Befund nach unerklärliche innere Leichenschau durchführte.
Van Mechow obduzierte den Körper eines Wilddiebs und Mörders, der kurz zuvor im Landarbeits- auch Zucht- und Irrenhaus von Altstrelitz verstorben war. Wie dem Bericht des überstellenden Gefängnisarztes zu entnehmen war, sei der Wilderer Hanke plötzlich während des Hofgangs zusammengebrochen und habe, die Hände in seine Nierengegend gepresst, derart vor Schmerzen geschrien, dass man zunächst an ein gespaltenes Gemüt gedacht habe. Später, als die Kräfte ihn verließen, habe Hanke, bezeugt von zwei Wärtern, Verse in einer nicht verständlichen Sprache gemurmelt. Gleichzeitig habe Hanke begonnen, stark aus den Augen zu bluten.
Wohl an dem Blutverlust, vielleicht aber auch durch verborgene Geschehnisse in corpore, sei er schließlich am gleichen Tage in der Abendzeit verstorben. Man sei zwar aufgrund der Insassen des eigenen Hauses mit den Abwegigkeiten menschlichen Irrsinns hinreichend vertraut, doch sei der Fall insgesamt so ungewöhnlich, dass man nun um die profunde Expertise der Doctoren und Excellenzen des Königlichen Charité-Krankenhauses zu Berlin bat, dies umso mehr, da einige Wochen zuvor auf nahezu identische Weise das Leben des Wilderers Schwarz geendet hatte, dem Spießgesellen Hankes. Dieser habe ebenfalls und aufgrund des gleichen Deliktes – dem gemeinschaftlich begangenen Mord an Hegemeister Breuker aus der Herzoglichen Domäne Teschendorf, so geschehen im Sommer 1886 am Wanzkaer See westlich von Blankensee – in selbigem Altstrelitzer Zuchthaus eingesessen. Der Wilderer Schwarz sei schon beerdigt worden, doch der zweite Todesfall in nunmehr kurzer Zeit habe zu großer Nervosität im Zuchthaus geführt. Umso dringlicher und unter Versicherung des allerhöchsten Respekts gegenüber den Ärzten aus der Reichshauptstadt sei das Ansinnen um kollegiale Unterstützung zu verstehen, von der man sich eine medizinische Erklärung erhoffte.
Van Mechow vermutete aufgrund der gelblich braunen Haut des Toten ein Versagen der Nieren. Er öffnete den Leib und durchtrennte mit einer Säge Brustbein und Rippen. Mit großer Sorgfalt entnahm er die inneren Organe sowie die großen Gefäße und betrachtete sie. Der Befund war in toto unauffällig, bis er zu den Nieren vordrang und erschrak. Er rief seine Kollegen, die in die Bauchhöhle des Wilderers schauten und sich bekreuzigten. Die Nieren des Wilderers waren verbrannt. Kohleartig trocken und schwarz staubend zerfielen sie unter den behutsamen Händen van Mechows.
Später öffnete van Mechow den Schädel des Verstorbenen und stellte fest, dass der Sehnerv von der Netzhaut abgetrennt war, als sei er mit stumpfer Kraft abgerissen worden. Der Glaskörper selbst war jedoch unversehrt geblieben, ebenso die sie umgebende Uvea und die Tunica interna bulbi.
Van Mechow, von gesegneter Nervenstärke und nicht übermäßig von den vielfältigen Abgründen menschlichen Sterbens erschüttert, verfasste ein Schreiben an den zuständigen Arzt des Landarbeits- auch Zucht- und Irrenhauses von Altstrelitz, das aufgrund des darin festgehaltenen erratischen Befundes solcherart Wellen schlug, dass das Documentum schließlich sogar den Weg auf den Schreibtisch seines obersten Dienstherrn, Rudolf Virchow, fand. Dieser bat persönlich noch einmal um einen Vortrag der sonderbaren Ergebnisse und ließ später die derart auffälligen Präparate – zwei von innen heraus zerstörte Nervi optici und zwei Briefchen Asche – seiner pathologisch-anatomischen Sammlung zuführen, wo sie bis zum heutigen Tage bestaunt werden können. Die inneren Verletzungen des Wilderers blieben unerklärlich.

Mehr als zwei Jahrzehnte später wurde van Mechow wieder an den seltsamen Tod des Wilderers erinnert, als er – mittlerweile zum ärztlichen Direktor einer Klinik in Potsdam berufen, glücklich verheiratet und mit fünf Kindern gesegnet – im September 1912 anlässlich einer Gesellschaftsjagd am Tollensesee verweilte. Obgleich seit Wochen von einem fiebrigen Infekt geplagt, hatte er sich dieses Jagdvergnügen am Wochenende nicht nehmen lassen wollen.
Man hatte eine fabelhafte Strecke von Rehen und Schwarzwild verblasen, und als man abends im Liepser Schlösschen zu Prillwitz in waidmännischer Eintracht und großer Runde zusammensaß, mit Treibern und Jägern bei einem deftigen Eintopf mit viel Einlage und dazu einem Selbstgebrautem, kam das Gespräch auf das Metier des Försters zu sprechen, der beständig gewahr sein müsse, seinem Erzfeind, dem Wilderer zu begegnen. Jeder wusste ein Schurkenstück zu berichten, und van Mechow dachte an den Wilderer, den er vor langer Zeit obduziert hatte. Ungute und überraschend klare Erinnerungen stiegen in ihm empor wie Fäulnisgase im Sumpf. Den Förster Uhland zu seiner Linken, einen gestandenen Reviermann mit klarem Blick, fragte er also:
„War es nicht hier in dieser Gegend, dass einmal ein Hegemeister namens Breuker zu Tode kam durch die Wilderer Hanke und Schwarz?“
Förster Uhland zuckte zusammen:
„Ja, in der Tat. Es ist sehr lange her. Und es ist erstaunlich, dass Sie sich noch daran erinnern. Breuker hatte den beiden damals schon lange nachgestellt, und deshalb brachten sie ihn um. Wie einige aus dem Dorfe berichteten, habe man in jener Nacht im Norden ein kaltes Licht aufblitzen sehen und es gleich für ein schlechtes Zeichen gehalten.“
„Es wird ein Wetterleuchten gewesen sein.“
„Aber es gab weit und breit kein Gewitter.“
Van Mechow winkte ab:
„Es sind Dörfler, gefangen in ihrem Aberglauben. Man sollte nicht zu viel hineinlesen. Wie genau kam Breuker zu Tode?“
„Aus dem Hinterhalt schossen sie ihm mit einem Drilling eine Ladung Schrot in die Nieren.“
Van Mechow beugte sich nach vorn:
„In die Nieren, sagen Sie? Das ist interessant. Wissen Sie, der Zufall wollte es, dass ich einen der beiden Mörder obduzierte. Daher ist mir der Fall vertraut. Hanke starb an vollends zerstörten Nieren. Auch Schwarz soll auf ähnliche Weise zu Tode gekommen sein.“
Förster Uhland winkte kaum überrascht ab:
„Nun, so ist es wohl die gerechte Strafe. Es waren rohe Gesellen. Wie die Tiere hausten sie in ihrer Kate im Wald, hier ganz in der Nähe. Gelegentlich tauchten sie in den Dörfern auf, drangsalierten die Bauern, stahlen Essen oder belästigten die Frauen. Notorische Verbrecher, das waren sie. In Groß Nemerow haben sie ein Hausmädchen auf obszöne Weise genötigt und fast zu Tode gewürgt, dabei war es noch ein Kind. In Stargard nagelten sie junge Katzen an einen Staketenzaun. Den Pastor von Möllenbeck knüppelten sie nieder. Seine Ziegen und Hühner haben sie erschlagen, aus purer Lust am Töten.“
„Warum hat sich niemand dagegen gewehrt?“
Der Förster schwieg eine Weile, das Thema schien ihm nicht zu behagen. Van Mechow beschloss, nicht zu insistieren, doch Förster Uhland meinte schließlich:
„Es ist schon lange her. Die Menschen hatten Angst. Und sie haben noch immer Angst.“
„Wovor? Hanke und Schwarz sind längst tot.“
Förster Uhland schaute van Mechow mit prüfendem Blick in die Augen:
„Der Hanke behauptete damals, er sei im Besitz des sechsten und siebenten Buches Mosis.“
„Tatsächlich?“
Van Mechow verzog belustigt das Gesicht. Von dem Buch hatte er schon einmal zu seinen Studienzeiten gehört. Es galt als ein verrufenes Grimoire okkulter Sprüche, als kabbalistisches Vielerlei und satanisches Traktat, als eine entfesselte Magie der Worte. Aus dem Mittelalter sollte es stammen, doch es könnte angeblich noch viel älter sein, vielleicht stamme es gar aus den Papyri Graecae Magicae des vierten Jahrhunderts. Damals, im akademischen Circulum, hatte es geheißen, mit dem Buch könne man Krankheiten heilen, Frauen schwängern, Wolllust wecken und Feinde verfluchen.
Förster Uhland war nicht entgangen, dass der Doktor aus Potsdam amüsiert war, doch er blieb ernst:
„Es gibt niemanden mehr bei uns im Dorfe, der darüber lacht, Herr van Mechow.“
„Verzeihen Sie, ich wollte nicht respektlos erscheinen.“
„Fritz Breuker, der Sohn des alten Hegemeisters, hat endlich als junger Forstanwärter die Mörder seines Vaters im Ziemenbachtal verhaften können.“
„Und so kamen die beiden ins Zuchthaus von Altstrelitz.“
„So ist es. Allerdings erzählt man sich, dass der junge Breuker über das allzu milde Urteil des Güstrower Schwurgerichts sehr erbost war. Die Hinrichtung mit dem Beil hatte er den Mördern seines Vaters sprichwörtlich an den Hals gewünscht. Doch die beiden Verbrecher beriefen sich darauf, dass sich der Schuss versehentlich gelöst habe.“
„Was geschah dann?“
„Ich weiß nicht recht, ob es gottgefällig ist, über solche Dinge zu sprechen.“
„Ich bitte Sie, erzählen Sie!“
Förster Uhland stürzte sein Glas, winkte der Bedienung für ein Neues, schaute den Arzt aus Potsdam lange an und seufzte schließlich:
„Dort, wo es an Ausleuchtung mangelt, sprießen Fragen wie Pilze in einer feuchten Sommernacht, nicht wahr? So will ich Ihnen etwas Helligkeit verschaffen, auch wenn nicht alle Geschehnisse rund um den abscheulichen Mord am Hegemeister restlos aufgeklärt werden konnten. Viel Hörensagen ist dabei.“
„Nun, Gerüchte haben oft einen wahren Kern.“
Förster Uhland nickte nachdenklich:
„Man erzählt sich, dass Fritz Breuker dem Hanke das sechste Buch Mosis abgenommen hat, welches dieser in seiner Tasche bei sich trug. Auch wir haben natürlich vom seltsamen Sterben der Förstermörder im Altstrelitzer Zuchthaus gehört. Bei uns im Dorf denkt seit diesen Tagen jeder, dass der junge Breuker sich in den alten Sprüchen versucht hatte.“
Der Förster senkte die Stimme:
„Angeblich hat ihm der alte Apotheker aus Punschendörp geholfen, die Zutaten für einen Zauber zu besorgen. Im Gegenzug hat ihm der Fritz wohl versprochen, dass er ihn mithilfe des Buches von der Französischen Krankheit befreien könne.“
„Von der Lues? Wie soll er das angestellt haben? Das ist schlicht unmöglich.“
Jetzt flüsterte der Förster nur noch, obwohl niemand ihrer Konversation folgte, im Gegenteil, die Umsitzenden am Tisch stimmten in prächtiger Laune ein Loblied auf den Heiligen Hubertus an, so dass van Mechow die Worte des Alten kaum verstand:
„Man muss sich eingraben. Bis zum Hals muss man nackt und eine Nacht lang in Pferdeäpfeln stehen.“
„Und dann?“
„Dann, heißt es, sei es eine Angelegenheit bedacht gewählter Worte. Worte, die in eben jenen Büchern stehen.“
„Aha.“ Van Mechow schwieg, wider Willen beeindruckt. Weil die Neugier in ihm zu stark war, fragte er:
„Hat das Sprüchlein beim Apotheker gewirkt?“
Förster Uhland kratzte sich am Bart:
„Vielleicht. Sie wissen ja, man erzählt sich vieles. Angeblich zeugte er noch im hohen Alter ein Kind mit der buckligen Magd des Nachbarn, gepriesen als Wunder des späten Augustsaftes, und das klaffende Syphilitenloch auf seinem Nasenrücken sei verschwunden.“
„Das ist mehr als erstaunlich! Man müsste ihn der Charité vorstellen!“
„Er lebt nicht mehr, er starb vor einigen Jahren.“
„Und der junge Breuker?“
„Auch er ist tot.“
„Woran starb er?“
„Vielleicht an seinen eigenen Versen? Sei er gewiss, ich bin selbst kein abergläubischer Mensch. Auch meine Mutter war es zeit ihres Lebens nie. Doch sie sagte mir, dass dies ein Buch ist, das man nicht anfassen sollte. An diesem Buch sei nichts Gutes, und wer die Schöpfung versucht, wer namenlose Kräfte weckt, in dem er sie beschwört, muss immer damit rechnen, dass die Kräfte sich gegen den Recitator der Formeln selbst richten, sofern sie nicht mit genügender Inbrunst und einer tiefen Verkommenheit der Seele ausgestoßen werden.“
„Was ist mit dem jungen Breuker geschehen?“
„Er hat sich vor neun Jahren umgebracht. Jahrelang bekamen er und seine Frau keine Kinder, obwohl sie sich sehnlichst eines wünschten. Dann brachte seine Frau innerhalb von einem Jahr zwei Jungen tot zur Welt, denen die Köpfe fehlten. Breuker erschoss sich mit der Jagdwaffe seines Vaters.“
„Hat man denn das sechste und siebente Buch Mose bei ihm gefunden?“
„Ja. Ein zerlesenes Pamphlet voll wüster Kritzeleien, Rezepturen und Verse, gebunden in rotes Leder. Es war nur der erste Teil vorhanden, also das sechste Buch. Ein Knecht, der es mit seinen Fingern berührte, erlitt eine Blutvergiftung in der Hand.“
„Das wird ein Zufall gewesen sein. Die Sepsis ist die Berufskrankheit der Knechte wie der Gerber. Gibt es das Buch noch?“
„Nein. Wir trugen es mit einer Schaufel in den Kirchhof und verbrannten es dort.“
Van Mechow war gebannt von den Schilderungen, die seinem Streben nach der Vernunft aller Dinge zuwider liefen:
„Und das siebente Buch Mosis? Wo ist es verblieben?“
Förster Uhland hob abwehrend die Hand:
„Befassen Sie sich nicht damit. Es wird Ihnen kein Glück bringen. Niemandem hat es Glück gebracht.“
„Hat man das fehlende Buch gefunden?“
„Nein. Es hat auch niemand danach gesucht.“
„Wo genau befindet sich denn die Kate der Mordbuben? Sie sagten, es sei hier ganz in der Nähe gewesen?“
„Ihr Unterschlupf ist nicht weit von hier gelegen, gerade gegenüber von hier über die Lieps hinweg auf der Halbinsel Nonnenhof am Nordufer, wohl am Bacherswall. Aber Sie sollten nicht dorthin gehen, Herr van Mechow. Es ist kein guter Ort. Unweit liegen die Gräulichen Gruben, wo man früher die Pesttoten ablud. Und angeblich stand  dort vor ewigen Zeiten Riedegost, die Tempelburg der Slawen. Es soll dort spuken. Es heißt, dass dort nicht einmal Vögel brüten.“
Van Mechow winkte ab:
„Seien Sie beruhigt. Ich bin ein Mann der Wissenschaft, nicht des Hokuspokus.“
Der alte Förster war erleichtert, und später, als infolge zugesprochenen Alkohols die Herrschaften müde wurden, verabschiedeten sie sich voneinander und zogen sich in ihre Schlafräume des Schlösschens zurück.

Am nächsten Morgen erwachte van Mechow früh. Die Kutsche zur Bahnstation in Blankensee würde nicht vor Mittag eintreffen, und so konnte er doch, entgegen seiner Worte des Vorabends und entgegen seiner hartnäckigen Erkältung, der Neugier nicht widerstehen. Ohne zu wissen, was ihn in der sicherlich längst verfallenen Kate der Wilderer und Mörder erwarten sollte, so er sie überhaupt entdecken sollte, begab er sich auf den Weg.
Die Sonne schob sich schnell am Himmel aufwärts, ihm wurde warm. Auch merkte er jetzt wieder das leichte Fieber seines Katarrhs, das ihn nicht loslassen wollte, so dass er zu schwitzen begann. Zwischen Kiefern hindurch führte ihn sein Weg am Ufer entlang eines Gürtels aus mannshohem Schilfgras, das gelegentlich von modrigen Stegen durchbrochen war. Im Rund breitete sich die Lieps vor ihm aus, das Inselchen Kietzwerder zu seiner Rechten ließ er schnell hinter sich. Die Wiesen waren aufgeweicht, leise gurgelte es unter seinen Schritten.
Mücken ließen sich auf van Mechow nieder und versenkten ihre Stachel in seiner Haut. Über ihm in den Spitzen des Röhrichts wippten Rohrkolben im Spiel der Windböen, umschwirrt von Libellen. Bachstelzen und Kiebitze riefen ihm, aufgebracht ob der Störung und unsichtbar im Dickicht, ihre Beschimpfungen zu, eine aufgescheuchte Blässralle schrie ihn wütend an, verfolgt von einer Schar zerzauster Küken, schnell verschwand sie mit ihrer Brut in Binsen, Schwertlilien und Kalmus. Frösche glitten glucksend von Seerosenblättern. Einige Male war ihm, als sei hinter ihm ein Geräusch zu vernehmen, ein Knacken von Zweigen, das Rascheln alter Blätter. Doch wenn er innehielt, so war nichts mehr zu hören. Also ging er weiter, bis er den Alten Graben erreichte, hinter dem sich die bewaldete Halbinsel anschloss. An einer seichten Stelle überquerte er den Graben und wanderte am Ufersaum entlang zur Spitze der bewaldeten Landzunge.
Doch so lange er auch jenseits des Schilfs suchte, er konnte keine Kate entdecken. Also zwängte er sich weiter durch das Unterholz, das nordwärts in eine Senke führte, und als er wieder besser voraus schreiten konnte, wurde es still. Vögel verstummten, sogar das Spiel der Wellen verlor sein Glucksen, und der Wind raschelte nicht mehr in den Blättern. Plötzlich fuhr zwischen den Blättern der Bäume hindurch ein gleißender Strahl in seine Augen und blendete ihn. Ihm war, als tropfe Licht schmelzend an den Zweigen herunter. Es fiel auf seine Schultern und wurde ihm zu einer Angst, die ohne Namen war. Etwas strich vor ihm über seinen Weg, kaum mehr als ein Schemen. Es berührte ihn eisig an der Brust und van Mechow erschrak heftig. Er geriet ins Stolpern, hielt sich an einem jungen Trieb fest, der nachgab und ihn stürzen ließ. Er rollte die Senke hinab und schlug hart mit dem Kopf auf.
Als van Mechow wieder zu Bewusstsein gelangte, bemerkte er, dass er in einem Geviert verrotteter Balken lag, umgeben von totem Schilf, das wohl einmal zu Reetgarben gebunden war. Sein Kopf war gegen einen Stein geschlagen, seine Stirn blutete. Als er den Stein wütend wegstieß, fasste er darunter in eine graue Masse zerfaserten Papiers inmitten roten Leders. Van Mechow sprang auf, wischte angeekelt seine Hand ab und rannte zum Forsthaus zurück. Dort verband man seinen Kopf. Später brachte ihn der Kutscher zum Bahnhof. Gegen Abend erreichte er sein Zuhause. Seine Frau erschrak ob der Kopfverletzung, doch van Mechow winkte nur erschöpft ab und ging zu Bett. Am nächsten Morgen schauten die Kinder in das elterliche Schlafzimmer, um nach dem Befinden des werten Herrn Vaters zu schauen, doch van Mechow wachte nicht mehr auf.
Man führte sein Ableben auf die allgemeine körperliche Überlastung und ein verschlepptes Lungenleiden zurück. Einige Tage später ließ seine Witwe eine Traueranzeige veröffentlichen, und sie entschied sich für einen Bibelvers aus dem zweiten Buch Mose, Kapitel 23, Vers 20: Ich aber will einen Engel vor dir einhergehen lassen um dich unterwegs in meine Hut zu nehmen und ich will dich mit einem Licht an die Stätte geleiten, die ich festgesetzt habe.

 

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(Publikumspreis beim Berliner Literaturpreis “Wortrandale 2019”)

Der Scheißesauger von San Francisco

Heute, am 3. März 2021, steuere ich im Grau des erwachenden Tages das Fischerboot meines Großonkels zwischen Segelbooten hindurch aus dem Hafen von Bodega Bay.
Es ist fast windstill. Gelegentlich klopft Takelage an Masten. Alle zehn Sekunden ertönt ein Nebelhorn in weiter Ferne. Das Brummen des Motors irrt als Echo zwischen den Hügeln der Bucht umher. Neben mir an der Pinne der Esperanza sitzt Maria. In ihren Augen, die den Horizont mustern, spiegelt sich die Gewissheit, dass die Welt sich heute verändern wird.
Zuvor war ich bereits einige Male hier gewesen, zum Angeln mit Onkel Esteban. Von San Francisco aus ist es nur ein kurzer Weg von anderthalb Stunden Fahrt mit dem Auto. Mit Seelachsködern haben wir Heilbutt gefangen. Schöne Fische, mit Unterbäuchen so weiß und glatt wie Porzellan. Damals hatte man im Hafen zu jeder Zeit das Schreien der Raubmöwen gehört. Die Felsen links und rechts der Rinne waren mit Seelöwen gesäumt gewesen, die uns zum Geleit blökten. Doch jetzt ist kein Tier zu hören oder zu sehen. Wir spüren die Feuchte des Pazifiks im Gesicht und tuckern wortlos an morschen Stegen entlang, auf denen sich ausrangierte Krabbenfangkörbe türmen.

Sieben Jahre ist es her, dass ich als gerade erwachsener Mann die Grenzmauer, die zwischen Tijuana und San Diego weit in das Meer hineinführt, umschwommen habe. Wer wie ich im mexikanischen Grenzland seine Kindheit verbringt, stirbt entweder im Rausch oder im Bandenkrieg. Meine Mutter hatte anderes für mich gewollt, und seit meinen frühesten Tagen hatte sie mich beschworen:
„Wenn du groß bist, gehst du zu meinem Onkel Esteban nach San Francisco. Er wird sich um dich kümmern.“
„Aber ich kenne ihn doch gar nicht, Mamá.“
„Das spielt keine Rolle. Familie ist Familie. Außerdem hat er ein großes Herz, auch wenn er manchmal etwas wunderlich ist.“
„Warum ist er manchmal etwas wunderlich?“
„Er hat nicht geheiratet. Er geht nicht in die Kirche. Er hat keine Kinder. Das ist seltsam. Außerdem hat er manchmal Halluzinationen. Er kann in die Zukunft sehen.“
Mit diesen Worten küsste meine Mutter das Kreuz ihrer Halskette.
„Wie soll das möglich sein?“, fragte ich.
„Niemand weiß es. Vielleicht hängt es mit seiner Arbeit zusammen.“
„Warum? Was macht er?“
„Er arbeitet in der Kanalisation von San Francisco. Den ganzen Tag atmet er Dämpfe und Gestank, das verändert die Menschen. Aber er sagt, es stört ihn nicht. Onkel Esteban ist ein feiner Mensch. Vielleicht hat er Arbeit für dich.“
Ich suchte also nach meiner Ankunft im gelobten Land Onkel Esteban in San Francisco auf. An einem Hinterhaus in der Guerrero Street in Mission Dolores klingelte ich. Ein mageres Männchen mit weißen Haaren und blitzenden Augen öffnete mir. Er umarmte mich, als ich mich ihm vorgestellt hatte:
„Antonio, wie schön! Du kannst bei mir wohnen, so lange du willst. Ich zeige dir die Stadt und ich besorge dir Arbeit.“
„Aber ich bin illegal hier, Onkel Esteban.“
„Na und? Dort, wo ich arbeite, ist das kein Problem.“
Onkel Esteban bot mir eines seiner beiden winzigen Zimmer an und ich zog gerne ein. Am nächsten Morgen nahm er mich mit zu seiner Arbeitsstelle, dem San Francisco Wastewater Department. Wir betraten den Betriebshof in Bayview und er stellte mich einigen Männern vor, die mit wenigen Antworten zufrieden waren. Unterschriften waren nicht notwendig. In einem Personalraum wurde ich mit Arbeitskleidung ausgestattet. Wir bestiegen einen Truck, der mit Tank und Saugrüssel ausgestattet war. Der Fahrer Ernesto, ebenfalls ein Mexikaner, grinste mich wortlos an. Während der Fahrt zum ersten Einsatz erzählte mir Onkel Esteban, was zu tun war:
„Die Kanalisation von San Francisco ist alt. Je fetter die Menschen essen und je mehr Dinge sie durch ihr Klosett entsorgen, umso größere Berge aus Fett, Klopapier, Feuchttüchern und Müll entstehen. Nicht jedes Restaurant verfügt über Fettfänge, und auch private Haushalte kippen ihre Fettreste in die Abflüsse. Es kommt zu betonharten Verstopfungen, die manchmal die Rohre brechen lassen. Dann kommen wir, saugen die aufgelaufene Scheiße aus den Rohren und entfernen die Fettberge. Es kommt auch vor, dass die Rohre von Fettdieben beschädigt werden. Sie stemmen solche Fettklumpen mit Bohrhämmern heraus, reinigen sie oberflächlich und verkaufen sie auf dem Schwarzmarkt. Manchmal landen solche Fette wieder in Fritteusen von Straßenimbissen.“
„Wie hältst du den Gestank aus, Onkel Esteban?“, fragte ich.
„Man gewöhnt sich daran. Und jeder Stadtteil riecht anders. Embarcadero riecht fischig. Der Financial District riecht nach Ratten. Unter Haight Ashbury richtet es süßlich. Der Mission District riecht nach Jalapeños.“
Ich begann zu arbeiten und wurde Scheißesauger. Meinen Lohn bekam ich abends bar in die Hand ausbezahlt. Mit dem Geld konnte ich ausgehen. Ich trieb mich in Chinatown und Little Italy herum oder begleitete Onkel Esteban, wenn dieser mit seiner Mariachi Band durch die Bodegas und Cantinas der Stadt zog. Da ich für einen Mexikaner groß gewachsen und – dank meiner überaus schönen Mutter – in aller Bescheidenheit recht ansehnlich bin, hatte ich bald viele Freundinnen. Ich gestehe, ich verlor zeitweilig den Überblick, war gelegentlich wund gescheuert. Namenlose Frauen, an die mich am nächsten Tag nur noch ihr Parfum auf dem Kissen erinnerte, teilten mein Bett mit mir. Es waren verheiratete Frauen darunter, die neue Abenteuer jenseits erkalteter Ehebetten suchten, dankbar und gierig zugleich. Kolleginnen aus der Verwaltung meiner Firma, an deren weicher, heißer Haut ich lag. Geschäftsfrauen, die mir ihre Phantasien ins Ohr flüsterten. Blasse Studentinnen auf der Jagd nach den Liebesschwüren eines Latinos, obwohl sie um die Lüge wussten.
Schüchtern war ich nur bei der einen, von der ich mehr wollte. Sie hieß Maria. Fast täglich sah ich sie, weil sie im Supermarkt neben dem Haus von Onkel Esteban an der Kasse arbeitete. Ihr Mund war geschwungen wie ein Jagdbogen, ihre Haut von der Farbe reinen Caramelos, ihre Brüste gleich Hügeln der Sierra und ihre Augen von einem Grün, dass mir die Sprache verschlug. Maria wohnte im Haus ihrer verstorbenen Eltern, nur einige Meter weiter in meiner Straße. Ich wusste es, weil ich sie einmal durch die nicht vollständig geschlossenen Lamellen ihres Fensterladens hindurch nackt gesehen  hatte.
Einmal fragte sie mich, während sie meine Einkäufe mit langgliedrigen Fingern in die Kasse tippte und mit der anderen Hand eine Strähne ihrer schwarzen Haare zurück strich:
„Stimmt es, dass du als Scheißesauger arbeitest?“
Hinter mir in der Schlange standen zehn Hausfrauen, deren Unterhaltungen umgehend verstummten. Ich wollte vor Scham vergehen, errötete und brachte nur ein Nicken zustande, während sie mich aufmerksam betrachtete und für einen Idioten halten musste.
Am gleichen Abend traf ich Onkel Esteban, als er in der Küche saß, kiffte, ein Guitarrón zwischen seinen Knien hielt und Volkslieder aus Guadalajara zupfte. Ich wollte ihn nach Maria fragen, als er mich anschaute und sagte:
„Du willst mit mir über Frauen sprechen, Antonio, nicht wahr?“
„Woher weißt du das, Onkel Esteban?“, fragte ich überrascht.
„Ich habe es nicht gewusst. Nur gespürt.“
„Onkel Esteban, warum kann ich alle Frauen haben, die ich nicht brauche, und die eine, die ich brauche, bekomme ich nicht?“
Er lachte und sagte:
„Weil du ein verliebter Trottel bist. Die Liebe macht dich schwach und ehrfürchtig zugleich. Sex ist für einen Mann nur das Stillen von Durst, Liebe aber ist größer. Sie ist ein Versprechen auf nicht endende Lust.“
„Warst du auch schon einmal so verliebt, dass du nicht sprechen konntest?“
„Nein. Darauf warte ich noch immer. Vielleicht bin ich zu wählerisch.“
„Was kann man gegen Schüchternheit tun?“
„Nichts. Der Moment, in dem sich alles ändert, kommt von selbst. Oder nie.“
Also schmachtete ich Maria weiter an und war nicht in der Lage, mich ihr zu offenbaren. Umso wilder trieb ich es mit anderen Frauen.
Eines Abends klopfte Onkel Esteban an meine Zimmertür. Er trat ein und sagte:
„Vamos, Antonio, ich zeige dir den schönsten Platz von San Francisco.“
„Onkelchen“, sagte ich, „Den kenne ich sicher schon. Ich bin bereits überall gewesen, bei den Painted Ladies am Alamo Square, am Baker Beach und auf den Twin Peaks. Ich habe mich durch die Betten der malerischsten Hausboote in Sausalito gebumst und mit den Schwulen im Castro auf den Dächern getanzt.“
„Ach was“, winkte Onkel Esteban verächtlich ab, „Komm‘ mit!“
Mit seinem Pick-Up fuhren wir auf der Taylor Street nordwärts am Nob Hill vorbei. Plötzlich bog Onkel Esteban links ab und kam vor einem unscheinbaren Mäuerchen am höchsten Punkt des Broadways zum Stehen. Hier, auf halber Strecke zur Jones Street, war die Straße unterbrochen, weil sie dort zu steil für Autos war. Der Ausblick auf die Bucht, die leuchtende Bay Bridge, viktorianische Prachtbauten und das Gefunkel der Hochfinanz war atemberaubend.
„Habe ich zu viel versprochen?“, fragte Onkel Esteban und rollte mit seinem Fahrzeug bis dicht an die Mauer, so dass wir noch nicht einmal aussteigen mussten, um uns an der Schönheit der Stadt zu besaufen.
„Ab und zu fahre ich hier hoch und rauche etwas Gras“, sagte Onkel Esteban und zog einen Joint hervor. Wir kurbelten die Fensterscheiben herunter, ließen den Wind unser Haar zerzausen und rauchten andächtig. Dann fragte ich:
„Wie kommt es, Onkel Esteban, dass bei uns im San Francisco Wastewater Department nur Mexikaner arbeiten, nicht aber Gringos? Warum machen wir alle dreckigen Arbeiten, als seien wir weniger wert?“
Onkel Esteban lachte:
„Das siehst du falsch. Wir sind nicht die Diener, sondern die Herrscher dieser Stadt. Wir halten die Lebensadern von San Francisco sauber. Wir sind die Maurer, die Schlachter, die Bäcker. Unsere Töchter putzen. Unsere Mütter kochen. Und schau‘ dich um im Land, vom Sonoma County bis runter nach Santa Barbara bestellen wir die Felder. Wir sind das Weinwissen Kaliforniens. Fahre einmal im September den Silverado Trail entlang, und du wirst allein unsere Landsleute bei der Weinlese sehen, eingepackt gegen die sengende Sonne bei 100 Grad Hitze. Im Frühjahr sind wir es, die die Hölzer veredeln. Wir sind es, die spüren, welcher Stock und welche Rebe wieviel Wasser brauchen. Wir streicheln das Weinlaub und sprechen mit den Trauben. Kalifornischer Wein – das ist längst mexikanischer Wein.“
Onkel Esteban nahm einen Zug und blies seinen blauen Atem aus dem Auto:
„Gesellschaften ändern sich, mein Großneffe, irgendwann werden Minderheiten Mehrheiten sein. Schau dir an, wie viele Kinder, deren Eltern aus Chihuahua, Puebla oder Jalisco kommen, allein in Napa leben. Und täglich werden wir mehr. Eine Mauer kann uns nicht aufhalten. Viele klettern auf die Autozüge, die deutsche Luxusautos aus mexikanischen Fabriken in den Norden bringen. Auch das gehört, wenn nicht zum amerikanischen, dann doch zum mexikanischen Traum.“
„Wie wird es dann in San Francisco sein?“, fragte ich.
Onkel Esteban zuckte mit den Schultern:
„Wir sind nur Ameisen und glauben, unser kleiner Waldhügel sei die Welt. Und selbst die Ameisen sind vermutlich klüger als wir. Wird die Menschheit im Dreck krepieren oder wird sie sich ihr Elíseo erschaffen? Schau dir allein an, wie es zugeht, wenn die Angelcharterboote abends am Pier anlegen und die Skipper den Fang ihrer Kunden ausnehmen und filetieren. Mit Schwung werfen sie die Innereien ins Hafenwasser, wo zwischen Colabechern, Plastiktüten und Schiffsdiesel Seelöwen auftauchen, um sich ihren Teil vom Angelausflug abzuholen. Man könnte weinen ob der vom Menschen besudelten Kreatur.“
„Ja, aber was heißt das für uns? Wie geht es weiter, Onkel Esteban?“ „Mach‘ dir keine Sorgen“, zwinkerte Onkel Esteban zufrieden und betrachtete die Wolkenfetzen, die der Westwind zwischen den Häusern hindurch blies, „In jedem Fall wird es anders kommen, als wir es erwarten. So ist es immer.“
Heute, am 3. März 2021, steuere ich im Grau des erwachenden Tages das Fischerboot des Onkels meiner Mutter zwischen Segelbooten hindurch aus dem Hafen von Bodega Bay.
Vor einigen Stunden hat mich Onkel Esteban geweckt:
„Du musst aufstehen und die Stadt verlassen. Ich habe ein schlechtes Gefühl. Die Erde wird in Bewegung geraten. Ich spüre es. Es wird so gewaltig sein, dass du nur auf dem Ozean sicher bist. Nimm‘ mein Boot und fahre hinaus.“
Ich war schlaftrunken und verwirrt. Onkel Esteban zog meine Decke fort und schüttelte mich:
„Du darfst keine Zeit verlieren. Besorge unterwegs Wasser und Lebensmittel für einige Wochen. Dann fährst du nach Bodega Bay und nimmst mein Boot. Versprichst du mir das?“
„Natürlich“, sagte ich, als ich sah, dass der alte Mann es ernst meinte, „Aber, wenn es so schlimm wird, warum kommst du nicht mit?“
Onkel Esteban gab mir die Schlüssel seines Pick-Ups:
„Ich gehe jetzt hoch zum Broadway, rauche und schaue von dort aus zu, wie der große schöne Haufen San Francisco fortgespült wird.“
Wir umarmten uns zum Abschied. Kurze Zeit später klopfte ich an das Fenster von Maria. Sie öffnete mir:
„Ah, der Scheißesauger“, sagte sie, „Was willst du?“
„Wenn ich dir sage, dass die Welt bald untergehen wird und ich dich retten möchte, kommst du dann mit?“
„Du kannst ja sprechen“, sagte sie.
Dann schaute sie mich nachdenklich an. Etwas war in meiner Stimme, das sie überzeugte. Sie nickte und zog sich an. Aus ihrem Supermarkt nahmen wir Wasser und Lebensmittel mit. Sie griff nach einer Flasche Tequila:
„Es ist langweilig, beim Weltuntergang nüchtern zu bleiben.“

Wir fuhren los, über die Golden Gate Bridge auf dem Highway 1 Richtung Norden. Bei Rohnert Park bogen wir nach Westen ab, dem Pazifik entgegen. Die Rinder auf den Weiden, die wir passierten, schienen nervös zu sein und muhten ohne Unterlass. Im Hafen von Bodega Bay verstauten wir unsere Vorräte auf der Esperanza, starteten den Motor und begannen, durch das glitzernde Schwarz der Bucht zu gleiten. Bald hatten wir das offene Meer erreicht. Während Maria die Tequilaflasche öffnete, brach tief unter uns auf dem Meeresboden die San-Andreas-Verwerfung mit einer Intensität auf, die sämtliche Seismografen der Welt zunächst als Messfehler außerhalb alles Denkbaren verwarfen.

 

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(Eingereicht beim Münchner Literaturwettbewerb 2019, Thema “In einem Monat, in einem Jahr”)

Mein Herz zu brechen war verzeihlich

Nun, da ich schon seit Jahrzehnten am Fenster sitze und in den Himmel über Rikers Island schaue, habe ich viel Zeit, um mich an mein Leben zu erinnern. Es war ein weiter Weg von der Kindheit in České Budějovice bis zur Gefängnisinsel zwischen Queens und der Bronx. Ein Weg, der mich den Olymp streifen ließ und der im  Tartaros endete, weil die Melodie in der Partitur meines Schicksals von der Eifersucht komponiert wurde.
Adam und ich wurden am selben Tag in einem Hospital von České Budějovice unweit des Piaristenplatzes geboren. Da dies im sehr heißen Sommer des Jahres 1950 geschah, standen alle Fenster der Wöchnerinnenstation offen, als könne allein das gleichmütige Rauschen von Moldau und Maltsch, die sich nur einen Steinwurf weit entfernt in ihrem gerade vereinten Bett vergnügten, die Gesichter unserer Mütter kühlen. Süß erklang das Animando der Moldau, in hellen Arpeggien strömte darüber die Maltsch, die sich ihren Akzent des Gratzener Berglandes auf ihrer Reise durch das Südböhmische bewahrt hatte.
Meine Mutter erzählte mir, der ich einige Stunden nach Adam zur Welt kam, später von seiner Geburt. Sie sagte mir, dass Adam nicht geschrien, sondern gesungen habe. Es sei eine Melodie voller Schönheit gewesen, und da sie selbst als Violinistin eines Tanzorchesters der Musik kundig war, hatte es sie an die ersten Geigenklänge des Nymphenreigens aus Smetanas Moldau erinnert. Eine Stimme, so vollkommen, dass sie sogar noch schöner geklungen habe als die meinige, also immerhin die Stimme ihres Sohnes. Noch auf ihrem Sterbebett sprach sie vom großen Wunder, dass die beiden talentiertesten Stimmen des Landes am selben Tag auf derselben Station zur Welt gekommen waren.
Noch vor unserer Einschulung schickten uns unsere Mütter zur gesanglichen Ausbildung. Unser Lehrer zeigte uns, wie man die Gewalt der Bruststimme zähmt. Er brachte uns bei, die Kopfstimme schweben zu lassen. Er lehrte uns das Atmen und bescherte uns immer wieder ein derart schmerzendes Zwerchfell, dass wir uns gelegentlich übergeben mussten. Wir verknoteten unsere Zungen in kauderwelschianischen Sprachübungen und kletterten auf seinen Tonleitern bis zur Erschöpfung empor. Adam erreichte dort gar das fünfgestrichene cis. Ein von mir nie zuvor gehörter Klang, es mutete an, als würde man einen Diamanten aufsägen. Mit diesem Ton war Adam dem höchsten Ton des Flügels, mit dem man uns die Tonfolgen vorgab, sogar um einen Halbton überlegen. Ein Umstand, der unseren Gesangslehrer veranlasste, ungläubig mit seiner Stimmgabel die Stimmung des Flügels zu überprüfen.
Bald sangen wir Liturgien in den Chören von České Budějovice. Unsere ungestümen Soprane kaperten im Handstreich jedes Kirchenschiff. Man schmeichelte uns, dass uns eine große Zukunft vorbestimmt war.
Als sich die Mutatio hinterhältig in unsere Stimmen schlich, brachen unsere Höhen und die Tiefen kippten. Unser Gesangslehrer befahl uns, leiser zu singen, um die sich verändernden Stimmlippen nicht zu sehr zu beanspruchen. Gleichzeitig unterrichtete er uns in Musiktheorie, brachte uns das Klavierspiel bei und lehrte uns den Aufbau eines sinfonischen Orchesters. Gelegentlich verwöhnte er unsere Hälse mit warmer Milch, in die er Honig, Thymian und Kardamom einrührte.
In diese Zeit fielen unsere ersten Erfahrungen mit Mädchen. Der unwiderstehliche Adam, mit schwarzen prachtvollen Locken und von schlanker Statur, war so zart und so männlich zugleich, dass ich in seinem Abglanz zahllose Amouren mit all jenen übrig gebliebenen Schülerinnen, Studentinnen, Hausfrauen und Witwen erleben durfte, die Adam allein aus zeitlichen Gründen nicht zu beglücken im Stande war.
Oft lag eine dieser von ihm abgewiesenen Grazien neben mir, dem Vierschrötigen mit dem fahlen Haar. Und während meine Hand über ihren Rücken glitt oder ich die Anmut ihres Busens bewunderte, seufzte sie, ach, warum ist Adam nicht hier, der Wunderknabe, und ob ich ihn wohl bei passender Gelegenheit auf ihre fraulichen Qualitäten aufmerksam machen könnte? Ich hätte gekränkt sein sollen, doch auch ich liebte Adam, nicht nur dafür, dass an Mädchen und Frauen zu keiner Zeit ein Mangel bestand, auch wenn mir manches Bekenntnis einen Stich versetzte.
Mein Leid dieser Tage, das Darben des Guten im Schatten des Besseren, sehe ich heute klarer denn je. Obgleich ich vieles erreicht hatte, so war ich doch mein Leben lang nur ein Salieri, der sich gegen einen Mozart stemmte. Mein ordentliches Talent, mein braver Fleiß, meine gewissenhafte Arbeit, was war dies gegenüber der Naturgewalt, die der Schöpfer in Adams Körper einzupflanzen beliebt hatte? Sein stimmliches Volumen schien sich mit jeder gesungenen Note noch zu potenzieren, sein gleißender Sopranissimus – einem heißem Schwerte gleich – blieb ihm gar erhalten, während ich Höhe für Höhe abfiel, um schließlich in tiefen Basslagen zu verharren.
Als Adam und ich kurz vor unserem achtzehnten Geburtstag standen, stellte unser Gesangslehrer fest, dass er uns nichts mehr beibringen könne. Er meldete uns am Landeskonservatorium der Hauptstadt an, von dort aus sollten wir die Bühnen der Welt erobern. Berufen seien wir beide, Adam aber sei auserwählt, ein Orpheus zu sein, der Felsen zum Weinen bringe. Zum Abschied schenkte er jedem von uns eine Stimmgabel, die ich fortan immer bei mir trug.
Im ehrwürdigen Pražská konzervatoř in Prag reifte unser beider Sangeskunst. Auch meine stimmliche Potenz als Oktavist, der ich die Kontraoktave unter der Baritonlage umfänglich beherrschte, sprach sich herum. So bekamen Adam und ich – er der begehrte Tenor, ich sein  geduldeter Sancho Panza – gemeinsam erste Einladungen an größere Bühnen.
1971 führten wir in Brno mit dem Tschechischen Sinfonieorchester das Gerusaleme distrutta von František Josef Dusík auf, im gleichen Jahr feierte man uns in Ostrava für unsere Darbietungen als Ferrando und Don Alfonso in Mozarts Così fan tutte. Dort geschah es, dass ich der nahezu unwirklichen Attraktivität, die Adam auf Frauen allen Alters und aller Schichten ausübte, erneut und auf eindrucksvolle Weise gewahr wurde.
Nach dem Abgang suchten wir die Garderobe auf, die wir uns brüderlich teilten. Vom Auftritt verschwitzt und aufgekratzt hasteten wir durch die Gänge unter der Bühne und berauschten uns an den Klängen, an denen wir soeben hatten teilhaben dürfen. Noch immer sangen die Geigen in unseren Ohren. Vor der Tür zu unserer Garderobe stand eine ausgesucht schöne Frau mit der Figur eines Mannequins und mit langem blondem Haar, das über ihren Ledermantel fiel. Sie war wohl doppelt so alt wie wir und sie lächelte Adam an. Für mich hatte sie keinen Blick, so dass ich ihre Makellosigkeit umso ungenierter bewundern konnte. Sie schlug ihren Mantel auf, darunter trug sie nichts. Adam nahm sie ohne ein Wort an ihrer Hand und führte sie in unsere Kabine. Ich blieb draußen. So war es abgesprochen, weil es bereits öfter vorgekommen war. Doch in Ostrava öffnete sich die Tür erneut. Adam schob, um mit der blonden Schönheit allein zu sein, eine protestierende Brünette aus der Garderobe, die dort auf ihn gewartet hatte. Sie flehte ihn an, bleiben zu dürfen, sie könne ihm wie der Frau dienen, doch er lehnte lächelnd ab. Er gab ihr einen Kuss auf die Wange, drängte sie in meine Arme und pries meine Qualitäten als Sänger und Liebhaber, so dass sie sich von mir trösten ließ.
Im Jahr darauf fuhren wir zu ersten Auftritten in sozialistische Bruderländer. In Breslau und Warschau sangen wir polnische Lieder aus dem Opus 74 von Fryderyk Franciszek Chopin.
Im November 1972 verbrachten wir unvergessliche Tage in Moskau. Es war bereits so kalt, dass die Moskwa ihr aufgetürmtes Eis unter den Brücken der Metropole entlang schob. Im Bolschoi-Theater präsentierten wir das Stück unseres eigenen Lebens, Mozart i Saljeri von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow. Adam sang als Tenor den Mozart, ich gab den Salieri als Bariton, und es war auf solch absurde Weise auch unser beider Leben, welches wir intonierten, dass ich mich fragte, ob Adam, dem Hintersinnigkeiten aller Art fremd waren, dennoch auch das Gleichnis unseres Lebens in dieser Oper erkannte. Tagsüber schlenderten wir gemeinsam durch die Ulitsas der Stadt und verinnerlichten mit weißen Atemfahnen unsere Noten im gesummten Dialog. Nachts stürzten wir uns wie junge Hunde in das Gemenge des Molochs.
Die Nächte im Hotel Rossija waren ein einziger Exzess. Wieder kam uns Adams vortrefflicher Charme zugute. Die Deschurnaja, die, wie in der Sowjetunion üblich, auf der Hotel-Etage alle Türen und Schlüssel des Flures wie ein Zerberus bewachte, schmolz dahin, als sie Adam um ein Autogramm bat und dieser ihr daraufhin das Nessun dorma aus Puccinis Turandot vortrug. Nessun dorma – niemand schlafe. Dies stand über all unseren Nächten in Moskau, in denen uns herzlich egal war, dass jede der Grazien, die unsere Deschurnaja unermüdlich durch unsere Betten schleuste, für irgendeinen Geheimdienst des Landes ihre langen Beine spreizte. Unsere Deschurnaja brachte uns, nur damit Adam ihr noch einmal etwas vorsänge, Wodka, Tee und scharf eingelegte Gürkchen, die jeden Kopfschmerz der Nacht wegbliesen. Wund kehrten wir nach Prag zurück.
Im Sommer des Jahres 1974 sollte sich unser Leben ändern wie nie zuvor, als Adam und ich vom Direktor des Konservatoriums in sein Büro bestellt wurden. Er bat uns, Platz zu nehmen und zeigte auf sein Telefon:
„Könnt ihr euch vorstellen, wer mich vor einigen Tagen anrief?“
Adam und ich schauten uns fragend an und schüttelten die Köpfe.
„Natürlich, wie solltet ihr es auch wissen? Rafael Kubelík.“
Adam und ich waren sprachlos. Rafael Kubelík, gebürtig aus dem böhmischen Býchory, jetzt der musikalische Direktor der Metropolitan Opera in New York!
„Da staunt ihr, nicht wahr? Ich habe ihm eine Aufnahme mit euren Stimmen geschickt. Nun möchte er mit euch arbeiten. Es ist alles arrangiert. Ihr werdet drei Monate in New York verbringen. Ob ihr wiederkommt, liegt in euren Händen. Ich will, dass eure Stimmen frei sind. Dass die ganze Welt ihre Schönheit vernimmt und dass ich davon in den großen Zeitungen lesen kann. Falls ihr also während eures Aufenthalts in New York beschließt, nicht zurückkehren zu wollen, könnte ich das nicht verhindern. Im Little Bohemia an der Upper East Side lebt ein Mann namens Štěpánek, der bereits mehreren Landsleuten geholfen hat, die unruhigen Wochen nach ihrem Abtauchen zu überstehen. Eure Flüge gehen morgen.“ Mit diesen Worten entließ er uns.
Am 14. August 1974 glitt für Adam und mich, wir waren gerade 24 Jahre jung, zum ersten Mal der Vorhang der Metropolitan Opera New York beiseite. Eine halbe Tonne aus goldenem Damast, mit Kordeln aus purer Seide und mit herrlichen Pailletten versehen, schob sich vor uns entlang und offenbarte den allerprächtigsten Blick in dieses Opernhaus, in dem viertausend Menschen den Klängen der verkauften Braut von Bedřich Smetana entgegensahen.
In diesem Stück war ich als Bassist der Micha, ein Bauer, natürlich, aber immerhin reich, während Adam als Tenor den Hans gab, meinen Sohn, den Glücklichen, der nach fröhlichen Verwicklungen die hübsche Marie zum Altar führen darf – eine Rolle, die ihm passte wie seine eigene Haut. Und als im zweiten Akt der Furiant ertönte und der Reigen der im Taktwechsel Tanzenden und Springenden die Röcke und Haarschleifen fliegen ließ, während sich in den glücklichen Gesichtern der Zuschauer die Freuden böhmischer Kirchweih spiegelten und die Kesselpauken unsere Eingeweide durchdrangen, fühlte ich mich freier als je zuvor in meinem Leben. Der vollendete Klang von Gesang und Orchester füllte mühelos den Saal. An den Rängen stieg die Lebensfreude unserer Musik empor, sie durchdrang die Logen, umspielte die Lüster, funkelte im Deckenglanz und durchfuhr die Herzen. Die Feuilletonisten der Stadt überschlugen sich tags darauf in ihren Lobpreisungen, stehende Ovationen wurden zu unserem Begleiter.
Nach dem Ende unseres Engagements in der Stadt an Hudson und East River suchten uns die Aufpasser der tschechischen Botschaft vergeblich. Einige Wochen verbrachten wir in Abgeschiedenheit. Wir badeten am herbstlichen Orchard Beach in der Bronx, besuchten tschechische Gottesdienste in Astoria und verschlangen köstliche Pelmeni in Little Odessa.
Später, als man uns nicht mehr suchte, zogen Adam und ich nach Manhattan. Wir wurden Teil des festen Ensembles der Metropolitan Opera. Am Wochenende schwammen wir im Nachtleben der Stadt, um in alle Ströme der Musik abzutauchen. Im Copacabana in Harlem rieben wir uns beim Cha-Cha an namenlosen Gazellen, angestachelt von entfesselten Bläsersätzen und synkopierenden Two-Beat-Rhythmen. Im Black Flamingo huldigten wir dem Soul, im CBGB prügelten wir uns beim Pogo mit den Ramones und den Dead Boys. Am Wochenende besuchten wir irgendwelche Kennedys in den Hamptons und betranken uns dort mit Starlets und koksenden Gouverneuren. Aquam foras, vinum intro – raus das Wasser, hinein den Wein.
Dann, im Mai 1975, verliebte ich mich zum ersten und einzigen Male in meinem Leben. Ich traf sie im The Loft. Adam war gerade auf der Tanzfläche im Discofunk mit der noch unbekannten Grace Jones vereint und ich trank an der Bar einen Wodka, als mir eine Frau den Rauch ihrer Zigarette ins Gesicht blies. Ich war sofort fasziniert von ihr. Sie war delikat und feingliedrig, und in ihrem von nussbraunem Haar gesäumten Gesicht leuchteten grüne Augen über hohen Wangenknochen wie Smaragde. Zwischen den Lippen ihres dunkelroten Mundes hielt sie eine Zigarettenspitze. Sie zog an ihrer Zigarette, um mich erneut anzupusten und dann spöttisch zu fragen:
„Du bist also dieser eine Sänger aus Prag, nicht wahr?“
„Nein, ich bin der andere Sänger aus Prag.“
Sie beugte sich zu mir vor, ich roch ihren Duft nach Tuberosen und Patchouli, während sie einen Kuss auf meine Wange hauchte:
„Ich bin Csilla Baronin Bakalarz-Zákos von Torda.“
„Das klingt wie eine unanständige Cousine der Csárdásfürstin“, antwortete ich.
„In der Tat“, sagte sie und schaute mich mit großen Augen unverwandt an. Sie näherte sich wieder meinem Kopf, biss zart in mein Ohrläppchen und summte in mein Ohr einen Titel aus der Operette Imre Kálmáns:
„Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht … “
Ich muss wohl sehr benommen gewesen sein, denn sie zog mich einfach fort. Wir liebten uns mehrfach in dieser Nacht. Später hatte ich meine Stimmgabel aus meinem Jackett geholt, das Geschenk meines Gesangslehrers. Da Csilla mir wie das reinste und edelste Geschöpf vorkam, mit dem ich jemals Decken und Kissen zerwühlt hatte, und weil ich wirklich verliebt war, hatte ich, als sie schläfrig wie eine satte Katze auf der Seite lag und Champagner trank, die Stimmgabel am Bettpfosten angeschlagen und dann an ihre nackte Brust gehalten. Als ich die Stimmgabel daraufhin an mein Ohr führte, um den Klang ihres Herzens zu hören, war ich kurz irritiert gewesen, weil der Ton seltsam geklungen hatte, so, als trüge er eine unwesentliche Verunreinigung in sich. Doch sie hatte nur gelacht, mir die Stimmgabel abgenommen und ebenfalls am Bettrahmen angeschlagen. Dann hielt sie mir das schwingende Metall an meine Brust und an mein Ohr, und der gleiche Ton wie bei ihr erklang. Leidlich klar, nicht wirklich unrein, aber eben auch nicht vollkommen. Und das – das passte zu mir. Ich war so fasziniert von ihr, dass ich ihr sagte, dass ich sie heiraten will, sofort. Sie hatte nur gelacht.
Csilla lernte Adam eine Woche später kennen und sie verliebten sich ineinander. Csilla bat mich, sie nicht mehr besuchen zu wollen und von meinen weinerlichen Anrufen abzusehen, die sie nur ermüden würden. Das hätte ich verwunden, doch als sie mich bei unserer letzten Aussprache verspottete und sagte, ich sänge ohnehin kaum besser als eine kranke Amsel, tötete ich sie, indem ich meine Stimmgabel in ihr Auge rammte. Mein Herz zu brechen war verzeihlich. Meine Musik zu schmähen nicht.

Seit der Gerichtsverhandlung – schuldig, euer Ehren – ist meine Zelle mein Zuhause. Lebenslang Rikers Island inmitten des East River, und die Flugzeuge des nahen Flughafens La Guardia dröhnen über mich hinweg. Man hat mich schnell vergessen, aber ich will mich nicht beschweren. Adam schrieb mir einige Briefe. Ich las sie nicht einmal. Heute, 44 Jahre nach der Tat, bleibe ich mir selbst unerklärlich. Adam habe ich überlebt. Er starb 1983 bei einem Verkehrsunfall. Wie profan für einen Menschen, dessen Stimme ein Gottesgeschenk war.
In meiner Zelle darf ich Schallplatten hören. Gelegentlich höre ich die Arie des Don Ottavio aus dem Don Giovanni, erster Akt, gesungen von Adam. Nur ihrem Frieden weih‘ ich mein Leben – wenn seine Stimme einsetzt, ist mir, als kröchen Mäuse und Ratten aus den Ritzen und Löchern der Wände meiner Zelle, um lautlos zu verharren. Mir ist, als unterbrächen Fliegen ihr Summen und Vögel setzten sich vor meinem Fenster nieder. Mir ist, als träten ob der Schönheit von Adams Gesang Tränen aus den Steinen meines Gefängnisses wie aus meinen Augen.

 

***

 

 

 

 

 

Also gut, reden wir über die dicke Hedwig

Immer, wenn das Thermometer springt, wenn Klimafühligkeit die Empfindsamen ächzen lässt, wenn Frost über das Land kommt oder Regen gegen die Fenster peitscht, massiert mein Großvater schmerzverzerrt seine Schulter und murmelt: „Alle Wetter, und das nur wegen der dicken Hedwig.“
„Opa“, frage ich dann, „Was ist mit der dicken Hedwig?“
„Nichts. Das sage ich nur so“, grummelt er dann und will nicht darüber sprechen.
Eigentlich ist mein Großvater nicht empfindlich. Dies mag seiner bäuerlichen Herkunft geschuldet sein. Robust und unerschrocken war er in jungen Jahren, manche sprachen gar von einer Kühnheit seines Wesens, die ihn bereits in seiner Jugend verrückte Dinge tun ließ.
Einmal, in den fünfziger Jahren, besuchte er gemeinsam mit einem Cousin das Baumblütenfest in Werder. Sie fuhren mit dem Fahrrad dorthin, und auf dem Rückweg vom Fest, während sie wieder nebeneinander her radelten, war er auf die Idee gekommen, man könne einmal versuchen, bei leichter Bergabfahrt mit überkreuzten Armen jeweils das Fahrrad des Anderen zu steuern. Dass sie zuvor dem Obstwein reichlich zugesprochen hatten, mag als eine der Ursachen für dieses abwegige Unterfangen gelten.
Man fand beide bewusstlos an einem Alleebaum. Beide hatten sich bis zum Aufprall geweigert, das Rad des Anderen loszulassen, aufgrund einer Dickköpfigkeit, die seit jeher in meiner Familie begründet liegt. Mein Großvater hatte ein Loch im Schädel, einen Beinbruch, multiple Verstauchungen und häufig wiederkehrende Kopfschmerzen davongetragen, doch er jammerte nie.
Später, in den sechziger Jahren, als die Zwangskollektivierung der ostdeutschen Landwirtschaft erst wenige Jahre zurück lag, fassten einige Funktionäre des Ortes zur Erbauung des sozialistischen Geistes den Entschluss, den Dorfausgang für den Tross der Erntefahrzeuge mit einem Plakat zu versehen, auf dem in großen Lettern stand:
„Ohne Gott und Sonnenschein,
fahren wir die Ernte ein.“
Einen Tag später hatte mein Großvater – seine Dickköpfigkeit hat bereits Erwähnung gefunden – sein eigenes Plakat gefertigt und über Nacht daneben gehängt:
„Ohne Sonnenschein und Gott,
geht die LPG bankrott.“
Schnell ergab sich aus diesem Affront eine handfeste Prügelei mit dem LPG-Vorsitzenden, so dass man beide Heißsporne zur Kühlung ihrer Mütchen für einige Monate nach Brandenburg an der Havel verbrachte, wo sie nach jeweils erfolgtem Ausheilen ihrer Blessuren einige Zeit hinter verschlossenen Türen bei gemeinsamen Schachpartien verbrachten, bis die politischen Kontakte des LPG-Vorsitzenden griffen, der sich aufgrund der neu gewonnenen Schachfreundschaft für meinen Großvater einsetzte. Die Schlägerei hatte meinem Großvater ein eingerissenes Ohr, einen Rippenbruch und einen Jochbeinbruch beschert, doch auch über diese Schmerzen verlor er kein Wort.
Umso erstaunlicher also war die Empfindlichkeit meines Großvaters, was seine Schulter betraf. Dies steigerte sich noch im Herbst, wenn zur Apfelzeit die Bäume rot leuchteten und die Nachbarn mit ihren Apfelpflückern in die Kronen der Bäume fuhren, um in den Wipfeln all die prachtvollen Goldparmänen, Muskatrenetten oder Hasenköpfe zu erhaschen. Als Großvaters Ungemach nun vor einigen Wochen immer mehr zunahm, bestand ich darauf, mit ihm einen Spezialisten in Berlin aufzusuchen. Er willigte ein, aber nur, wenn ich, seine Enkelin, ihn ins Behandlungszimmer begleitete: „Wer zum Quacksalber geht, soll Zeugen haben.“
Der erfahrene Orthopäde betastete die Schulter meines Großvaters und bestand zugunsten einer umfassenden Anamnese darauf, den Grund der kaputten Schulter meines Großvaters zu erfahren, so dass dieser schließlich widerstrebend einwilligte:
„Also gut, reden wir über die dicke Hedwig. Aber wenn Sie lachen, gehe ich sofort.“
„Warum sollte ich lachen? Ich bin Arzt. Nichts an einer Verletzung ist amüsant.“
Eine Viertelstunde später saßen wir wieder im Auto, und während wir nach Hause zurückfuhren, schüttelte mein Großvater den Kopf: „Siehst du? Ich habe es doch gleich geahnt. Jetzt müssen wir nach einem neuen Arzt suchen.“ Er musterte mich argwöhnisch:
„Lachst du etwa auch?“
„Natürlich nicht“, antwortete ich mit zusammengepressten Lippen und versuchte, nicht an jenen Junitag der Heuernte im Frühjahr 1971 zu denken.

Sie hatten die Mahd zunächst auseinandergestreut und einige Male gewendet, um sie dann zu einer großen Miete aufzutürmen. Dann war, wie in jedem Jahr zur Heuernte, aus dem Nachbardorf die dicke Hedwig gekommen, so hatte es mein Großvater dem Orthopäden geschildert. Niemand wusste, warum sie so dick war, doch man sprach von schweren Knochen, dem Stoffwechsel und den Drüsen, auch aß sie wohl gern. Um das enorme Gewicht Hedwigs zu verdeutlichen, konstatierte mein Großvater, dass sie damals so schwer gewesen sein muss wie die gescheckte Lotte aus Roskow, immerhin die meistprämierte Milchkuh der LPG.
Einmal im Jahr wurde Hedwig gebraucht, um mit ihrem Körpergewicht das Heu der Mieten zusammen zu drücken, damit es bei Sturm nicht davon flöge. Das heikle Unterfangen bestand also darin, die Schwerstgewichtige auf die Spitze der Miete zu befördern, was nur unter großer körperlicher Anstrengung fünf starker Männer und mit entsprechendem Gerät zu bewerkstelligen war. Man behalf sich mit Leitern und langstieligen Apfelpflückern, an denen sich die kichernde Hedwig festhielt, während unter ihr beherzt die Männer zupackten, um sie an ihrem gewaltigen Hinterteil auf den Scheitelpunkt der Miete zu schieben, wo ihr Körper den optimalen Anpressdruck entwickeln konnte. Auch im Jahr 1971 wäre vermutlich alles wieder gut gegangen, wenn nicht einer der Apfelpflücker – wohl von morscher Beschaffenheit – durchgebrochen war, so dass die dicke Hedwig den Halt verlor und alle fünf Männer unter sich begrub.
Eine Kuh wiegt bis zu 650 Kilogramm. Wir wollen zur Ehrenrettung der dicken Hedwig annehmen, dass mein Großvater mit dem Bezug zur besten Milchkuh Roskows einen unstatthaften Vergleich gezogen hat. Allerdings ist ihm zugute zu halten, dass sich die danieder gehende Hedwig für ihn vielleicht so angefühlt haben mochte, zumal nach den Regeln der Physik auch die Fallhöhe ein Aspekt massereicher Impulse ist. Ungeachtet von Milchkühen und naturgesetzlichen Gewissheiten wurde die Schulter meines Großvaters dadurch zertrümmert. Auch die anderen Männer bezogen umgehend Gipsbetten, im Gegensatz zur überraschten Hedwig, die als einzige weich gefallen war. Nach dieser Havarie schaffte die LPG im Folgejahr eine Heuballenpresse an.

Mein Großvater bemerkte mein Grienen, schaute beleidigt aus dem Autofenster und schwieg. Regen setzte ein, Tropfen platschten schwer auf die Windschutzscheibe. Mein Großvater rieb seine schmerzende Schulter und murmelte: „Alle Wetter, und das nur wegen der dicken Hedwig.“

 

***

(Preisträger beim Putlitzer Preis 2019 mit dem sechsten Platz, Thema “Alle Wetter”)

Dort, wo der Schilfgürtel durchbrochen ist, beginnt der Sand

August 2017
Allen Regenschauern zum Trotz sind sie nun endlich am See. Die Wiesen dampfen in der Augustsonne. Das Kopfsteinpflaster – seit jeher ausgelaugt von sowjetischen Panzerkolonnen, die hier vor Jahrzehnten in Richtung Dölln zum Manöver rollten – führt zwischen Kuhweiden und Weizenfeldern hindurch. Im Licht der Sonne gleißende Entwässerungsgräben durchziehen das Feuchtland. Jungstörche staksen umher und tunken ihre frischroten Schnäbel in belebte Pfützen. Gelegentlich ziehen Kranichpaare mit weit vernehmlichen Rufen über den uckermärkisch getupften Himmel.
Dort, wo der Himmel endet und der Wald beginnt, liegt der Belzower See. Man erreicht ihn über den Sommerweg, der von der zerrütteten Straße abführt und noch schlechter zu befahren ist.
Eine Wiese breitet sich vor dem See aus, versehen mit einer Feuerstelle, Bänken, einer Rutsche und vermoostem Klettergerüst. Zur Linken fällt das Grün ab. Dort, wo der Schilfgürtel durchbrochen ist, beginnt der Sand. Ein Badesteg führt in den See, dessen Wellen aufgrund des Regens der letzten Wochen über die Laufplanken lecken. Ein Pfad in der Uferböschung führt zu einer Ruine unweit des Sees, die einmal eine Kapelle gewesen sein mag. Auf einer Decke sonnen sich eine Mutter und ihre jugendliche Tochter. Der Vater kommt soeben aus dem Wasser:
„Ihr müsst hineinkommen, das Wasser ist herrlich!“
„Viel zu kalt“, mault die Tochter, „Bleiben wir noch lange? Hier habe ich kein Netz. Mir ist langweilig.“
„Selbst schuld, wenn du nicht reingehen willst.“
„Mir ist Natur eben nicht so wichtig wie dir, Papa. Ich gehöre in die Stadt.“
„Wenn das Gutshaus einmal fertig saniert ist, wird es dir gehören.“
„Ja, in fünfzig Jahren vielleicht. Das ist viel zu viel Arbeit für uns, Papa.“
„Man muss einfach nur anfangen. In dem Haus haben schon zig Generationen unserer Familie gelebt.“
„Und wenn schon.“
Jetzt erst bemerkt die Tochter, dass ihr Vater etwas in seiner Faust umschließt:
„Was hast du da, Papa?“
Der Vater öffnet seine Hand:
„Beinahe hätte ich meinen Ring verloren.“
Der Vater hält den Ring empor:
„Wusstet ihr, dass der Ring genau in diesem See schon einmal verloren ging? Das war irgendwann während des Krieges, und meine Großmutter ist damals als junges Mädchen dabei gewesen. Deshalb ist sie mit mir, kurz nachdem die Mauer gefallen war, hierher gefahren, um nach dem Ring zu suchen. Verrückt, nicht wahr?“
Neugierig richtet sich seine Frau auf der Decke auf und blinzelt in die Sonne:
„Davon hast du nie etwas erzählt.“
„Wirklich nicht? Das war kurz vor Weihnachten 1989. Schweinekalt war es. Aber Großmutter wollte nicht länger warten. Es ging ihr damals schon nicht mehr gut.“

Dezember 1989
Mond und Morgenröte mischen Silber und Glut am Himmel, als das Auto auf den See zurollt, über den hart gefrorenen Sommerweg hinweg. Endlich da. Oft haben sie sich verfahren, weil es in der DDR weder Straßenbeleuchtung noch Beschilderungen zu geben scheint. Doch auf den letzten Kilometern kann sich die Großmutter wieder an alle Wege und Kreuzungen genau erinnern. Als sie auf der Wiese am See angelangt sind, schaltet er den Motor aus und eine Weile bleiben sie im Auto sitzen, während die Landschaft im Licht der Morgensonne weitere Konturen erhält. Die Fahrt war anstrengend gewesen, er hat den Führerschein erst seit kurzem.
Viele Stunden sind sie aus dem Westen hierher gefahren. Es war seine Idee gewesen, so früh aufzubrechen. Um keinen Ärger am See zu bekommen. Es gab noch immer Volkspolizisten, das war ihm nicht geheuer.
Seine Großmutter schaut auf die Liegewiese am See. Zur Linken fällt das Grün ab. Dort, wo der Schilfgürtel durchbrochen ist, beginnt der Sand. Ein Badesteg führt in den See. Am hinteren Ufer steht schwarz der Wald.
„Es ist so unwirklich“, meint sie, „Zum letzten Mal war ich hier als junges Mädchen. Jünger als du heute.“
„Das ist lange her.“
„Es hat sich kaum etwas geändert. Ich erkenne jeden der großen Bäume wieder. Dort im Unterholz ist der Pfad, der zur Kapelle führt. Dort haben meine Eltern geheiratet.“
„Und früher gehörte euch hier alles?“
„Ja. Auch der See.“
„Dann seid ihr reich gewesen.“
Die Großmutter lacht:
„Nicht doch. Wir hatten kaum mehr als alle anderen im Dorf. Wir haben hart gearbeitet auf den Feldern. Und wenn wir uns als Kinder etwas herausnahmen, hat uns der Vater schnell zurechtgestutzt.“
„Wie lange ist es her, dass du zum letzten Mal hier warst?“
„Vierundvierzig Jahre. Es war im letzten Kriegsjahr, kurz vor unserer Flucht.“
Die Großmutter schaut ihn an:
„Und jetzt? Willst du es wirklich tun?“
„Natürlich. So haben wir es besprochen.“
„Wenn mir mehr Zeit bliebe, könnten wir bis zum Sommer warten.“
„Im Sommer ist die Badestelle vielleicht zu voll. Und ich freue mich, wenn ich dir diesen Wunsch erfüllen kann.“
Die Großmutter strafft ihre schmalen Schultern:
„Also gut.“
Sie steigen aus dem Auto, und er entnimmt dem Kofferraum das Gerät, das er benötigt. Sie gehen über die Wiese zur Badestelle, über angefrorenes Gras, auf dem sich Aushübe von Maulwürfen türmen. In einer verlassenen Feuerstelle glänzen Kohlereste. Die Kälte der Nächte hat die Bäume bereits entlaubt, überall liegen vom Bodenfrost geweißte Blätter. Es riecht nach Schnee.
Die Wellen schieben tote Blätter und Gräser über den Sand. Während die Großmutter den Steg betritt, legt er das Gerät ins Gras und streift seine Kleidung ab. Er zieht eine Badehose an und schreitet langsam in den See. Er verzieht das Gesicht und atmet durch:
„Was genau ist damals passiert, Großmutter?“
„Es war ein Sommertag im Kriegsjahr 1944, und wir haben hier gebadet, nicht weit weg vom Ufer. Später vermisste mein Vater – also dein Urgroßvater – seinen Hochzeitsring. Er hat ihn wohl beim Hineinlaufen verloren. Also haben wir den ganzen Nachmittag mit Tauchen verbracht. Vermutlich haben wir den Ring dadurch immer tiefer in den Grund getreten. Ich habe Vater versprochen, dass ich den Ring für ihn finden werde. Er tröstete mich und sagte, es gäbe heutzutage Wichtigeres als ein Schmuckstück. Er könne sich den Ring nachfertigen lassen, wenn der Krieg zu Ende wäre. Ich habe den ganzen Sommer und den ganzen Herbst nach dem Ring getaucht. Ein paar Monate später mussten wir das Gut verlassen.“
„Wie sah der Ring aus?“
„Aus Gold. Schlicht, ohne Stein. Die Vornamen meiner Eltern waren eingraviert und ihr Hochzeitsdatum.“
Er greift nach seiner Metallsonde und schaltet sie ein. Die Maschine beginnt zu piepsen und er dreht an einigen Reglern. Mit zusammengebissenen Zähnen geht er Schritt für Schritt in den See und der Sondenkopf taucht ins Wasser. Mit kreisenden Bewegungen fährt der Enkel mit der Sonde über den Grund. Er sucht akribisch und gleichmäßig, doch die Sonde bleibt stumm. So sucht er eine Weile, die Großmutter beobachtet ihn gebannt. Schließlich zeigt sie vom Steg herab vage auf ein Areal vor ihr: „Vielleicht war es weiter hier?“
Ihr Enkel nähert sich der gezeigten Stelle und plötzlich fängt die Sonde an zu piepsen. Das Wasser ist hier nur knietief. Sie ruft aufgeregt:
„Könnte es der Ring sein?“
„Ich glaube nicht. Das Signal klingt zu tief. Ich vermute, es ist ein Kronkorken oder etwas Ähnliches.“
Er tastet im Schlick umher. Weich quillt es zwischen seinen Fingern hindurch, und als er etwas Hartes spürt, greift er zu. Im Licht betrachtet er das Stück Draht, steckt es in die Tasche und sondelt weiter. Wenig später piepst die Sonde erneut.
„Ist es diesmal der Ring?“
Der Enkel schüttelt den Kopf:
„Nein. Die Sonde ist auf unterschiedliche Metalle kalibriert. Ich kann anhand des Klanges hören, was ich gefunden habe. Es war ein tiefer Ton, also ist es wieder Blech oder Eisen. Bei Gold gibt es einen sehr hohen Ton.“
Der Enkel wühlt erneut im Boden des Sees und eine Münze kommt zum Vorschein, die seit Jahrzehnten im Sediment liegt. Es sind 50 Pfennig aus der Weimarer Republik. Er steckt die Münze ein.
Später muss er pausieren, es ist einfach zu kalt. Als er auf dem Steg hockt, reibt die Großmutter seine Beine warm. Danach unternimmt er einen letzten Versuch. Diesmal ganz dicht am Ufer. Wieder piepst es. Diesmal ist der Ton sehr hoch. Der Enkel greift wieder in den Schlamm.
Als sie später im Auto sitzen, können sie ihr Glück noch immer nicht fassen. Immer wieder bestaunt die Großmutter den Ring. Sie weint. Auch er ist ergriffen. Der Hochzeitsring seines Urgroßvaters. Später steigt er noch einmal aus dem Auto, holt einen Fotoapparat aus dem Kofferraum und knipst einige Aufnahmen vom Belzower See. Für Mama, sagt er. Beim nächsten Mal ist sie bestimmt dabei. Die Großmutter nickt. Auch sie hätte ihre Tochter gerne dabeigehabt.
„Deine Mutter hat oft die Aufnahme vom See bestaunt, die bei uns im Wohnzimmer hängt. Ein Berliner Künstler hat den Abzug vor mehr als 60 Jahren hergestellt. Ich sehe sie noch vor mir. Hochschwanger mit dir. Das muss also 1970 gewesen sein. Oft hat sie vor dem Bild gestanden und sich vorgestellt, sie wäre jetzt dort. Sie sagte immer, das Foto ist so, dass sie direkt in den See hineinspringen möchte.“

Mai 1970
„Das Foto ist so, dass ich direkt in den See hineinspringen möchte.“
Prall wölbt sich der Bauch ihrer Tochter unter dem fröhlich gemusterten Umstandskleid. Es kann nicht mehr lange dauern bis zu ihrer Niederkunft. Sie steht im Wohnzimmer vor dem Buffet aus der Gründerzeit, über dem eine schlicht gerahmte Aufnahme des Belzower Sees hängt. Eine Schwarzweißaufnahme im großen Format. Sie zeigt eine Wiese am See. Zur Linken fällt die Wiese ab. Dort, wo der Schilfgürtel durchbrochen ist, beginnt der Sand. Ein Badesteg führt in den See. Am hinteren Ufer des Sees steht dunkel der Wald.
„Wer hat das Foto eigentlich gemacht, Mama?“
Ihre Mutter stellt sich hinzu und betrachtet ebenfalls die Aufnahme.
„Es ist von einem Berliner Künstler und Landschaftsfotografen, der eine ganze Serie von Aufnahmen in der Uckermark gemacht hat, um den Gutsleuten und wohlhabenderen Bauern Abzüge zu verkaufen. Ich wusste auch mal seinen Namen, aber mittlerweile habe ich ihn vergessen. Er steht auf der Rückseite, auf einem Aufkleber. Du kannst das Bild abhängen und nachsehen, wenn du magst.“
Ihre Tochter schüttelt den Kopf:
„Ach, das ist nicht nötig. Wann wurde das Foto gemacht?“
„Wohl vor über 35 Jahren, irgendwann vor dem Krieg. Meine Mutter erzählte mir, dass Vater es zunächst nicht kaufen wollte. Er meinte wohl: Soviel Geld für ein Stück Papier? Und das für einen See, den ich mir jeden Tag im Original anschauen kann? Meine Mutter hat den Abzug trotzdem gekauft, hinter seinem Rücken. Als Vater es erfuhr, musste er lachen. Er konnte ihr ohnehin keinen Wunsch abschlagen. Er hat sie wohl sehr geliebt.“
Ihre Tochter lächelt:
„Seid ihr oft am See gewesen?“
„Natürlich. Er war nicht weit von unserem Gut entfernt. Im Sommer waren wir jeden Tag dort draußen. Es gab eine eigene Badestelle für Kinder im halbhohen Wasser, wo wir uns gegenseitig das Schwimmen beigebracht haben. Auch ein Boot hatten wir. Wir sind oft zum Angeln rausgerudert. Plötzen, Forellen, Hechte und Aale haben wir gefangen. Mutter hat sich immer sehr über die Abwechslung in der Küche gefreut.“
„Das glaube ich.“
„Mitten im See gibt es sogar einen Berg, der bis knapp unter die Wasseroberfläche reicht. Dort kann man sich hinstellen, so dass es aussieht, als würde man auf dem Wasser stehen. Manchen Besuchern aus Berlin haben wir damit einen mächtigen Schreck eingejagt. Wenn man dort stand, konnte man gut nach Barschen angeln. Deshalb nannten wir den Berg den Barschberg.“
Die Tochter starrt fasziniert auf die Fotografie:
„Das klingt toll. Möchtest du noch mal dort hin?“
„Ja, schon. Aber ich weiß nicht, ob ich dort willkommen wäre. Der See ist zwar noch derselbe. Aber die DDR liegt auf einem anderen Kontinent. Wir mussten fliehen, als die Russen kamen. Wer damals blieb, wurde erschossen. Heute hätte ich Angst.“
„Weißt du noch, wann du zum letzten Mal dort gebadet hast?“
„Das war Ende Oktober 1944. Wir tauchten damals nach einem Ring, den mein Vater im See verloren hat.“
„Habt ihr ihn gefunden?“
„Nein.“
„Vielleicht kann man ihn irgendwann noch einmal suchen.“
„Wer weiß? Sicherlich ist er längst tief im Schlamm versunken.“
„Wie ging er verloren?“
„Als wir mit unserem Vater im Wasser getobt haben.“
Sie erinnert sich an alles. So viele, auch bedeutendere Tage und Momente ihres Lebens, sind ohne Nachhall verstrichen. Doch dieser eine Ausflug zum See, dieser eine Julitag, an dem doch eigentlich gar nichts geschah, hat sie ihr Leben lang begleitet.

Juli 1944
Es ist heiß. Ein flirrender Sonntag im späten Juli. Hitze steht ohne Brise über den Kornfeldern. Gerne wäre die Mutter mitgekommen, schon allein, weil es der letzte Tag des Heimaturlaubs ihres Mannes ist, doch ihre fünfte Schwangerschaft ist nicht frei von Komplikationen und so hat ihr der Arzt Ruhe verordnet. Sie rumpeln mit dem Heuwagen über das Kopfsteinpflaster, gezogen vom einzigen Pferd, das ihnen noch geblieben ist. Rexchen, ihr Hund, umspringt bellend das Gefährt, ihre Brüder Anton und Gerhard singen mit der älteren Schwester Luise das Lied vom rollenden Wagen. Sie ist die Jüngste und diejenige, die ihr Vater immer am liebsten auf dem Schoß hatte. Vater ist so vergnügt wie zuletzt vor dem Krieg. Sie fahren auf die Wiese am See, wo sie das Pferd ausscherren. Zur Linken fällt die Wiese ab. Dort, wo der Schilfgürtel durchbrochen ist, beginnt der Sand. Ein Badesteg führt in den See. Am entgegen liegenden Ufer steht leuchtend der Wald.
Ihre Geschwister hechten mit Kopfsprüngen vom Steg aus ins Wasser. Der Vater nimmt ihre Hand, sie stürmen los und werfen sich ins Nass. Wasser spritzt. Libellen umfliegen sie. Eine Ringelnatter schlängelt sich ängstlich davon. Anton und Gerhard wühlen Schlick vom Grund des Sees empor und bewerfen damit ihre krähenden Schwestern. Der Vater drückt lachend seine frechen Söhne unter Wasser, solange, bis sie sich prustend frei strampeln. Später schwimmt der Vater los, immer weiter hinaus, mit starken Zügen, bis sein Kopf nur noch ein tanzender Punkt auf den Wellen ist und sie ein wenig Angst bekommt. Danach liegen sie auf einer Decke und essen Stullen und Äpfel, und er streicht ihr die widerspenstigen Haare aus der Stirn und lächelt.
Dann der nächste Tag. Der Vater fährt fort. Sie bringen ihn zum Bahnhof nach Prenzlau. Er steigt in einen Zug voller Soldaten, er umarmt und küsst sie alle und möchte sie nicht mehr loslassen. Sein Rasierwasser bleibt in ihrer Nase, bis zum heutigen Tag. Kurz vor seiner Abfahrt streitet sie sich noch mit ihm, es ist so unwichtig, dass sie schon wenige Tage später nicht mehr weiß, worum es ging. Etwas spröde ist sie beim Abschied, nicht ahnend, dass sie ihren Vater nicht wiedersehen wird. Er gibt ihr einen Kuss auf die Stirn und nennt sie seinen Sonnenschein. Dann, als der Zug losfährt und er die Scheibe seines Abteils herunterzieht, um seiner Familie zuzuwinken, fährt es plötzlich in sie, die große Angst um ihren Vater, und sie fängt an, am Gleis entlang zu laufen, dem anfahrenden Zug hinterher. Wild winkt sie und schreit aus Leibeskräften und fragt sich ein Leben lang, ob der Vater sie noch gehört hat. Im Februar 1945 müssen sie den Gutshof verlassen, kurz bevor die Russen kommen. Sie lassen alles zurück und werden in der Nähe von Lüneburg sesshaft. Im Herbst 1949 besucht sie ein Soldat, der mit dem Vater in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen ist. Er berichtet, dass der Vater im Winter 1948 gestorben ist. Der Mann übergibt ihrer Mutter eine Blechbüchse, eine Art Suppennapf. Auf der Unterseite ist ein Bild in das Metall geritzt, das einen See und badende Kinder zeigt. Im Hintergrund ist das Türmchen der Kapelle am See zu sehen, in welcher der Vater seine Frau im Jahr 1923 geheiratet hat.

August 1923
Endlich ist sie sein. Das wurde auch Zeit. Verliebt war er schon vom ersten Tage an gewesen, als er sie zum ersten Mal erblickt hatte. Als Waisenkind war sie in seine Dorfschule gekommen, weil ihre Eltern in Berlin bei einem Kutschenunfall tödlich verunglückt sind, und weil ihre Mutter eine entfernte Cousine der Köchin im Gutshaus gewesen ist, die – selbst kinderlos geblieben – das Mündel gerne zu sich nimmt.
Trotz der Trauer um ihre Eltern ist sie ein fröhliches und besonders aufgewecktes Mädchen. Noch dazu aus der Hauptstadt, so dass die Jungen aus der Klasse noch einiges von ihr lernen können. Der Lehrer der Dorfschule, der ihnen allen recht zusetzt und ein überhartes Regiment führt – mit Vorliebe schwadroniert er vom Deutsch-Französischen Kriege, in dem sein Vater als Korporal bei der Schlacht von Mars-la-Tour im alleinigen Handstreich das Heer der Preußen rettet – er ist ihnen allen verhasst, und seine Hiebe mit dem Rohrstock sind gefürchtet. So stiftet sie also ihn, den Sohn des Gutsherrn an, den Rohrstock des Lehrers mit einer Zwiebel einzureiben, wie man es in Berliner Klassenzimmern zu tun pflege. Weißt du denn nicht, dass der Saft der Zwiebel das Holz mürbe macht? Er bricht dann beim ersten oder zweiten Schlag.
Es ist ganz ohne Zweifel eine Frage höherer Geschicklichkeit gewesen, während der Pause in das Klassenzimmer zu schleichen, wo der Herr Lehramtsassessor unter dem Katheder das Hiebinstrument verwahrt. Als der Junge gerade die Mitte des Stocks großzügig mit dem Saft der Zwiebel tränkt, betritt der Lehrer das Klassenzimmer, erfasst sogleich die Situation und spricht:
„Nun, dann wollen wir doch gleich mal gemeinsam überprüfen, ob der Stock noch hält.“
Tatsächlich, Zufall oder nicht, der Stock bricht schon beim ersten Schlag. Und während der Delinquent noch frohlockt und innerlich die berlinische Lebenserfahrung seiner Auserkorenen preist, greift der Lehrer in einen Schrank, sich für seine Weitsicht rühmend, beizeiten einen Vorrat an Rohrstöcken angelegt zu haben.
Er hat nicht einmal geschrien. Als er nach der Schule mit malträtiertem Allerwertesten zum Gutshaus wankt, fängt sie ihn hinter der Schmiede ab und er wird mit einem Kuss belohnt.
Diese Frau hat er nun, zehn Jahre später, heute, endlich, ehelichen dürfen, die Schönste von allen. Die Worte des Pastors hallen in seinem Herzen nach. Es hat den Bräutigam Überzeugungskraft gekostet, den vertrockneten Geistlichen zum Trauspruch aus dem Hohelied Salomos zu überreden: „Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, so dass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht ertränken können.“ Erst eine Spende für zu erneuerndes Kirchengestühl zerstreute letzte klerikale Bedenken.
Die Kapelle nimmt kaum mehr als ein Dutzend der engsten Verwandten auf, und draußen bis zum See stehen die Gäste, sich reckend, um ein Wort zu vernehmen, sich streckend, um einen Blick zu erhaschen. Doch nun ist das junge Paar allein. Denn als sie unter dem Jubel des Dorfes aus der Kapelle getreten sind, hat der Bräutigam sich von der Hochzeitsgesellschaft erbeten, für einen Moment mit seiner Braut allein sein zu dürfen.
Unter allerhand ungehöriger Zweideutigkeiten und viel Gelächter ist die Gesellschaft schließlich ohne das Brautpaar aufgebrochen. Fröhlich singend spaziert der Tross der Feingewandeten zurück zum Gutshaus, der festlich gedeckten Tafel entgegen, während in zurückbleibender Stille der Bräutigam nach der Hand seiner Braut greift.
Er führt sie zum See, wo sie über die Weite des Wassers schauen, bis hin zur dunkelgrünen Linie des Waldes, vor der das Schilf wogt. Dort, wo der Schilfgürtel durchbrochen ist, beginnt der Sand. Frösche dösen auf Seerosen. Bremsen und Mücken summen umher. Glucksend brechen sich Wellen am Ufer.
Eine Schwanenfamilie taucht aus dem Schilf auf, mit fünf jungen Schwänen, noch grau und linkisch, inmitten ihrer stolzen Eltern.
Er zeigt auf die Schwäne und sagt zu seiner Frau:
„Das sind wir. Bald.“
Er legt seine Hand auf ihren Bauch. Sie nickt und küsst ihn. So stehen sie noch eine Weile an der Wasserlinie, schauen über das Blau, lauschen den Kuckucken und Spechten im nahen Wald.
Als sie nach einiger Zeit durch den Vorgarten der Kapelle zurückgehen, zeigt er auf eines der Kreuze im Windschatten des Gemäuers, dort, wo seine Vorfahren begraben sind.
„Dein Vater“, sagt sie, und er nickt:
„Er ist vor zehn Jahren gestorben. Im gleichen Jahr, als du zu uns ins Dorf gekommen bist. Bestimmt hätte er dich gerne kennengelernt.“
Sie schaut auf sein Geburts- und Todesdatum:
„Er ist leider nicht alt geworden.“
„Er starb an einer Blutvergiftung.“
Sie gehen zum Gutshaus zurück, ihrer großen Feier entgegen. Unterwegs zeigt er auf das Kopfsteinpflaster:
„Diese Steine hat mein Vater verlegen lassen, vor über 25 Jahren. Er hat selbst mitgeholfen, wie er erzählte. Manchmal frage ich mich, welche dieser tausende von Steinen er wohl selbst in den Händen gehalten haben mag. Diesen hier zum Beispiel?“
Er zeigt auf einen tiefroten Granit im Kopfsteinpflaster, dessen eingesprenkelte Quarze im Sonnenschein glitzern.

Juli 1897
Er hält den tiefroten Granit in der Hand, dessen eingesprenkelte Quarze im Sonnenschein glitzern. Wie fügt er sich am besten in das Kiesbett zwischen die anderen Steine?
„Jeder Stein passt“, sagt sein Nebenmann, ein erfahrener Straßenbauer, „Man darf nicht zu lange überlegen.“
Es findet hohe Anerkennung bei den Arbeitern, dass der Graf nicht nur den Fortschritt der Arbeiten kontrolliert, sondern – aus gestalterischer Freude, wie er sagt – selbst gelegentlich mit Hand anlegt, wann immer es seine zahlreichen Pflichten zulassen.
Bereits im April haben die Arbeiten begonnen, gleich nach dem Frost, und mittlerweile hat das Pflaster fast den See erreicht.
„Wie lange wird die Straße insgesamt sein?“, fragt man den Grafen.
„Sie wird in den Wald bis zum Köhlerdorf führen. Von der anderen Seite, aus Neu-Selikow kommend, wird ebenfalls gebaut. Im Köhlerdorf wollen wir uns treffen.“
Schwül ist es und so heiß, dass ihnen der Schweiß in Strömen vom Leib fließt. Das Zirpen der Grillen im Weizen rauscht in ihren Ohren. Klatschmohn, Kornblumen und Schafgarben schmücken die Feldraine. Über ihnen tanzen Schwalbenschwänze und Pfauenaugen. Ein Ochsengespann poltert heran, das weitere Steine bringt. Der alte Kutscher zieht an einem Pfeifchen. Krautiger Duft umgibt ihn.
Der Graf richtet sich auf, schaut in den Himmel und fährt mit seinem Taschentuch über die Stirn. Sein Blick schweift über die Landschaft zum See. Zwischen den Büschen blitzt das Blau. Dort, wo der Schilfgürtel durchbrochen ist, beginnt der Sand.
Er ist zufrieden. Die Straße wird ihnen allen helfen. Zu oft war es vorgekommen, dass die Räder und Achsen der Erntewagen in den Ausspülungen des Sommerwegs gebrochen sind. In den Erntemonaten war der Stellmacher regelmäßig mit nichts anderem als mit der Reparatur von Rädern beschäftigt gewesen. Andere Dinge waren liegengeblieben.
In der Ferne über dem See türmen sich dunkle Wolken empor. Der Ochsenkarren hat die Straßenbauer erreicht und hält an. Der junge Gutsherr streicht dem Ochsen über die Nüstern und fragt den Kutscher, der vom Bock steigt:
„Meinst du, wir bekommen ein Gewitter?“
Prüfend und mit der Erfahrung des Bauern schaut dieser in den Himmel:
„Ja. Aber es wird südlich an uns vorbeiziehen. Das tut es immer, wenn das Gewitter im Osten entsteht. Vielleicht bekommen wir ein paar Tropfen ab. Mehr nicht.“
Unvermittelt zackt ein gewaltiger Blitz den Horizont in zwei Hälften und blendet alle. Ihm folgt ein Grollen, das krachend über den See rollt. Der Gutsherr zuckt zusammen und der alte Kutscher, der ihn von Kindesbeinen an auf seinem Bock mitgenommen hat und weiß, warum der Graf plötzlich fahl im Gesicht geworden ist, schaut ihn gütig an:
„Es wird nicht schlimm werden. Und nie wieder wird es so schlimm werden wie damals im großen Märzsturm.“

März 1876
Urplötzlich ist er aufgezogen. Und das im März. Der Himmel ist im Westen so schwarz, als wäre dort tiefste Nacht, während im Osten strahlender Tag ist. Krachend schlagen die Fensterläden des Gutshauses zu. Glas splittert. Die Mutter bekreuzigt sich und ruft ihm zu:
„Sturm kommt auf. Lauf zum Vater und sieh, ob du ihm helfen kannst! Und pass auf dich auf, Junge!“
Er läuft los. Hin zu den Feldern am See, wo der Vater und die anderen Bauern jetzt die Saat ausbringen wollen. Der Rückenwind lässt ihn fliegen. Er rennt über den auftauenden Grund des Weges. Schlammig ist der Boden. Mehrere Male rutscht er aus, einmal stürzt er.
Erste Tropfen fallen. Groß wie Taubeneier prasseln sie auf seinen Kopf und schlagen zwischen seine Schultern.
Als er auf den See zuläuft, sieht er, dass sein Vater und einige Bauern mit den Ochsengespannen unter einer ausladenden Ulme Schutz gefunden haben. Erleichtert rennt er auf sie zu. Er ist nur noch einen Steinwurf von den Männern entfernt, als ein Blitz in die Ulme fährt und sein Vater von einem herabstürzenden Ast begraben wird.
Der Sturm kostet allein im Dorf vier Menschenleben. Das Dach des Gutshauses ist abgedeckt. Überall liegt Ziegelbruch auf den Feldern. Noch in der Nähe des Sees findet er später Biberschwänze, die der Sturm bis dorthin geweht hat.
Einige Tage nach dem verheerenden Sturm sitzt er am See und starrt verweint auf das Wasser, das jetzt in völliger Ruhe wie ein schwarzer Spiegel ruht. Leises Plätschern am Steg. Dort, wo der Schilfgürtel durchbrochen ist, beginnt der Sand. Seine Mutter, die nach ihm sucht, findet ihn schließlich. Sie setzt sich neben ihn, umfasst seine Schultern und gemeinsam blicken sie auf den See.
„Was sollen wir jetzt tun, wo Vater tot ist, Mutter? Ziehen wir fort von hier?“
Seine Mutter schaut ihn erstaunt an:
„Nein, natürlich nicht. Wir machen hier weiter. Auch dein Vater würde es so wollen. Es liegt viel Arbeit vor uns.“
Sie breitet ihre Arme aus, als versuche sie, den See zu umfassen:
„Dies ist seit Jahrhunderten die Landschaft unserer Vorfahren. Und in weiteren Jahrhunderten wird es die Landschaft unserer Nachfahren sein. Wir alle tragen den See in unserer Seele. Ob es uns bewusst ist oder nicht.“

August 2017
Der Vater rupft einen Grashalm aus, beginnt darauf herum zu kauen und schaut sinnierend über den See:
„Eigentlich müssten wir zuallererst das Dach neu eindecken. Der Dachstuhl selbst ist noch in Ordnung.“
Seine Frau richtet sich auf:
„Es ist total verrückt, den alten Kasten zu sanieren. Es wundert mich nicht, dass alle anderen aus deiner Familie dankend abgelehnt haben. Nur Kosten und Arbeit, für was?“
„Für uns natürlich.“
„Du bist ein Spinner. Aber dafür liebe ich dich.“
Sie gibt ihm einen Kuss, während er weiter grübelt:
„Biberschwänze müssten her. Zweilagig. Die Betonziegel sind noch aus DDR-Zeiten. Sie ziehen zu viel Wasser und werden durchlässig. Im Winter frieren sie kaputt.“
Sein Blick wandert über den See, und im Waldstück zur Linken sieht er auf den Pfad, der zur Ruine der Kapelle führt:
„Wenn wir das Gutshaus saniert haben, werden wir die Kapelle wieder errichten. Schon mein Urgroßvater und seine Vorfahren haben darin geheiratet. So hat es meine Oma erzählt.“
„Wem gehört jetzt eigentlich die Kapelle? Gehört sie noch immer zum Gutshaus? Oder gehört sie der Kirche?“
„Keine Ahnung. Ich werde mal beim Amt nachfragen.“
„Ja, bei Gelegenheit. Das hat Zeit.“
„Papa, schau mal!“
Die Tochter zeigt auf ihr Knie, auf dem eine Libelle gelandet ist. Ihr Hinterleib ist von azurblauen und schwarzen Linien durchzogen. In ihren schillernden Flügeln fächert sich das Licht der Augustsonne auf.
„Eine Königslibelle. Die gibt es hier häufig. Hübsch, nicht wahr?“
Die Tochter nickt.
„Oh, schade, jetzt fliegt sie davon.“
Die Familie sieht der Libelle nach, die eine Weile im Wind tanzt und dann über dem See entschwindet.
Der Vater nimmt seine Tochter in den Arm und drückt sie:
„Und, ist doch schön hier, oder?“
„Ja.“
„Wir können jetzt auch zurückgehen. Von wegen Internet und so.“
Die Tochter steht auf und winkt ab:
„Das eilt nicht, Papa. Ich gehe erstmal schwimmen.“

 

***

(Beitrag zum Ehm-Welk-Literaturpreis 2018, Lesung im Mai 2019 anlässlich der Woche der Sprache und des Lesens im Rathaus Angermünde)

 

Die Ordnung meiner Welt

Am 22. Juli 1965 bekommen wir Besuch in unserem Schrebergarten. Das weiß ich noch genau, obwohl ich damals erst elf Jahre alt bin. Mein Papa steht von seinem Bänkchen auf und begrüßt Günter, seinen Nachbarn und Kumpel. Der tätschelt betrübt meine Wange und schenkt mir einen kleinen gelben Plastikdrachen. Dann wird er ernst und sagt zu meinem Papa, während seine Stimme ausrutscht: Schlagwetter auf Zeche Constantin. Die Grube brennt. Es gibt Tote. Ja, auch Harald. Wat ne Scheiße, sagt mein Papa und wankt, Günter muss ihn stützen. Es ist kurz vor ihrer gemeinsamen Schicht, die nun ausfällt, und beide sind weiß im Gesicht. Sie setzen sich an den Tisch, reden, weinen und trinken Schnaps, während ich versuche, mir vorzustellen, wie mein Onkel Harald unten in der Erde verbrennt.
Knapp zwei Jahre später wird Constantin der Große stillgelegt. Papa verliert seinen Job und fängt an, zu saufen. Nicht wie vorher, sondern noch heftiger. Er schlägt Mama. Nicht wie vorher, sondern noch heftiger. Er kommt dann von der Bude des Schlesiers, sieht Mama zitternd in der Küche sitzen und zieht wortlos seinen Gürtel aus der Hose. Manchmal schaffe ich es, mich in seinen Weg zu stellen, dann schlägt er mich und Mama kann sich irgendwo einschließen. Manchmal ist er schneller als ich, dann dreht er dazu das Radio auf und schlägt sie, weil sie Schuld an allem hat, wie er sagt, bis er weinend vor ihr kniet und fragt, ob sie ihm verzeiht, und sie tut es.
Als ich 20 Jahre alt bin, wird es besser für mich, weil ich mit Andreas zusammenkomme, meinem ersten und einzigen Freund. Das ist eine schöne Zeit, die schönste von allen. Andreas sagt zu meinem Papa, wenn du sie noch einmal schlägst, du Suffschwein, steche ich dich ab. Danach ist Ruhe. Wir ziehen in eine Wohnung nach Herne. Andreas verlässt mich 1976. Er hat eine neue Freundin, weil ich ihm zu dick bin, sagt er. Ich bleibe in der Wohnung, zwei Zimmer habe ich nun für mich ganz alleine.
Irgendwann 1978 klopft meine Nachbarin, eine entfernte Bekannte meiner Eltern, an die Wohnungstür. Da lasse ich schon lange keinen mehr rein, wozu auch. Hast du gehört? Dein Vater ist gestorben, sagt sie. Von mir aus, sage ich. Hat deine Mutter dir nichts gesagt? Ich habe nicht mehr viel Kontakt. Wollen wir nicht mal bei dir in der Küche einen Kaffee trinken, fragt sie und beugt sich vor in meinen Flur, um hinein zu schielen. Ich sage Nö und schiebe sie über die Schwelle. Hast es wohl nicht so mit dem Aufräumen, gibbelt sie. Halt die Klappe. Schlampe. Blöde Bratze.
Zur Beerdigung meines Papas gehe ich dann doch. Es ist ein regnerischer Herbsttag, und als der Wind durch die Bäume fährt und Blätter von den nassen Zweigen reißt, fällt mir plötzlich ein, wie Papa mit mir auf dem Tippelsberg Drachen steigen ließ. Das muss gewesen sein, als ich gerade in die Schule gekommen war. Ich weiß noch, wie meine Zöpfe fliegen und gegen meine Wangen schlagen, als ich laufe und lache und laufe. Ich stolpere über dicke Batzen Gras, aber ich falle nicht hin. In meiner Hand umklammere ich die Spule mit der Schnur, flipflap saust sie um den lila Plastikgriff. Papa hält den Drachen fest, einen gelben mit freundlichem Gesicht und roten Backen, und der Drachen hat einen Schweif aus blauen und grünen Schleifen. Dann lacht Papa laut, als er den Drachen loslässt, der nach oben in den Himmel schießt, und vielleicht ist Papa in diesem Moment sogar einmal glücklich gewesen.
Plötzlich muss ich flennen, ich kann gar nicht mehr aufhören. Niemand stört sich daran, es sind sowieso nur Mama, Günter und der Pastor da. Günter gibt mir ein Taschentuch und tätschelt meine Wange. Mama weint nicht. Fest presst sie die Lippen aufeinander, so dass ihr Mund zur Linie wird. Als die Grubenlampe auf Papas Sarg gelöscht wird, fällt mir ein, was ich machen könnte. Seitdem sammle ich Drachen. Günters Drachen aus meiner Kindheit ist der erste.
Es kommen bald kleine, große, bunte, graue Drachen hinzu, aus Plastik, aus Stoff, aus Metall, was ich kriegen kann, am liebsten gelbe Drachen. Ich sammle sie im Wohnzimmer im Regal, das schnell zu klein wird. Bald ist das Sofa voller Drachen. Jeder Drachen hat einen Namen und es dauert täglich Stunden, bis ich jeden einzelnen begrüßt habe. Irgendwann kann ich nicht mehr zur Arbeit gehen, weil meine Drachen so viel Zeit beanspruchen, also kündige ich bei den Stadtwerken, wo mich sowieso niemand vermisst. Zu den Drachen gesellen sich andere Tiere, niemand ist gerne allein, und ich habe viel zu geben. Ebenso benötige ich Platz für die Gratiszeitungen aus meinem Briefkasten. Manchmal denke ich, vielleicht fällt der Strom aus, und dann könnte ich mir einen Ofen einbauen lassen, und ich hätte jede Menge Brennmaterial, und es kostet noch nicht einmal Geld. Ich brauche ohnehin nicht viel Platz. Die Gänge zwischen den Stapeln genügen mir, ich bin nicht mehr so dick wie damals, als Andreas mich verließ.
Essen gibt es meistens aus Dosen. Zum Kochen komme ich nicht mehr, meine Wohnung braucht Zeit, und die leeren Konservendosen nutze ich, um daraus Hochregale zu stapeln. Ich lege Äste und Zweige darüber, die ich im Park abschneide. Dann brauche ich kein Bauholz zu kaufen. Einmal werde ich dort von Gärtnern beschimpft. Als ich ihnen erkläre, dass ich aus den Stöcken Regale baue, lachen sie nur und sagen, ich soll mich verpissen. Dabei kann ich doch auf den Regalen meine Post lagern. Ich öffne die Briefe nicht mehr, zu viel Unerfreuliches steht darin, man bedroht mich. Eigentlich würde ich die Briefe am liebsten wegwerfen, aber es sind meine, sie gehören mir, und ich kann es mir nicht leisten, Dinge zu verlieren.
Mit Mama telefoniere ich manchmal,  an Weihnachten oder wenn sie Geburtstag hat, doch oft streiten wir nur wegen früher. Dann, später, im Sommer 1986, liegt sie im Krankenhaus. Es geht ihr nicht gut, sagen die Schwestern, sie wird sterben. Vielleicht noch zwei Monate, sagen die Ärzte, irgendwas mit einer Raumforderung im Kopf. Mama liegt da und will meine Hand nehmen, also gebe ich sie ihr. Was sie sagt, kann ich nicht verstehen, es ist nur ein Nuscheln. Sie weint immerzu, wahrscheinlich wegen der großen Schmerzen, doch ich kann nichts tun. Wenig später stehe ich auch an ihrem Grab, und danach nehme ich die Blumen von ihrer Beerdigung mit. Meine Mutter braucht sie doch nicht mehr. Die Blumen lege ich zu den anderen Pflanzen in die Badewanne. Im Sommer sind die Fliegen ein Problem. Manchmal gibt es Beschwerden.
Aus Mamas Wohnung hole ich noch ein paar Dinge, die mich an sie und Papa erinnern. Alles, was ich in meinem Einkaufsroller transportieren kann, nehme ich mit. Irgendwann passt mein Schlüssel nicht mehr in das Schloss. Ein Mann öffnet die Tür und sagt, er ist der neue Mieter, und ich soll nicht mehr wiederkommen.
Vor kurzem besucht mich Günter. Ich kann ihn durch den Spion erkennen, obwohl er sehr alt geworden ist. Ihm mache ich auf. Er sagt, dass er jetzt ins Heim geht. Er hat noch alte Fotos von meinen Eltern entdeckt, damals aus dem Schrebergarten. Er gibt mir einen Schuhkarton mit Schwarzweißaufnahmen und verabschiedet sich. Nett ist er, wie immer. Deine Alten haben’s dir nicht gerade leicht gemacht, nicht wahr, sagt er. Ich nicke. Er schaut in den Flur. Räum mal wieder auf, sagt er freundlich, streichelt meine Wange und geht.
Neulich klingelt es, dann klopft es und als ich nicht öffne, wird die Tür aufgebrochen. Drei Männer in Schutzkleidung und mit Atemmasken kommen herein und ergreifen mich. Ich wehre mich, aber die Männer sind stärker. Draußen vor dem Haus gibt mir eine Ärztin eine Spritze und redet auf mich ein. Meine Nachbarn stehen um mich herum. Na endlich, sagen sie. Das wurde Zeit. Zwangsräumung. Weil die Decke darunter schon durchhing. Wegen der Last und der Feuchtigkeit, Gefahr im Verzug. Bricht ja irgendwann das ganze Haus zusammen. Die Wohnung vermüllt bis zur Decke, eine Schande. Das gibt’s doch nicht. Doch, und ein Gestank wie auf einer Müllkippe. Da müssen mindestens zehn Container kommen. Ein Fest für Kammerjäger. Dazu Hunderte von Drachen, überall. Wie kann man nur so leben? Warum hat die Alte nie aufgeräumt? Mich können sie nicht meinen. Auch wenn meine Wohnung vollgestellt ist, das bestreite ich gar nicht. Ich habe auch nicht Staub gesaugt, weil ich irgendwann den Staubsauger nicht mehr fand. Aber es ist doch Ordnung in meiner Wohnung. Meine Ordnung.
Jetzt bin ich in einer Klinik, auch wenn sie es anders nennen. Meine Wohnung fehlt mir. Vor allem meine Drachen. Einen gelben Drachen durfte ich mitnehmen, immerhin, den von Günter. Aber keinen zweiten. Das Sammeln ist vorbei, sagen die Schwestern.

 

***

(Wettbewerbsbeitrag zum Bonner Literaturpreis 2018 des Dichtungsring e. V., Thema „Aus dem Rahmen gefallen“)

I tasted freedom and I liked it

Barrakuda fällt mir immer dann ein, wenn ich versuche, mich an die Zeit zu erinnern, als ich meine Ideale nicht nur liebte, sondern lebte. So um 1980 muss das gewesen sein, im Hochsommer. Mal unter uns, um ganz ehrlich zu sein, danach kam ja nicht mehr viel von mir.
Damals geht mir Beate so dermaßen auf den Sack mit ihrer schlechten Laune und ihren Fressattacken. Ständig leidet sie unter Migräne. Sie hat die gesamte Wohnung verdunkelt, so dass ich gegen Möbel laufe. Von unserer Tour habe ich ihr nichts erzählt. Zuviel Gezeter, das braucht kein Mensch. Als ich am Morgen meinen Rucksack packe, die Kabel zusammensuche und meinen Ibanez Blazer im Case verstaue, steht sie in der Tür und fragt, während draußen mehrfaches Hupen ertönt, was das hier werden soll. Ich sage: „Ich bin weg. Ich gehe mit den Jungs auf Tour.“ – „Du willst mich hier alleine lassen mit dem Baby und den Kopfschmerzen?“ – „Ja.“ – „Du bist ein Arschloch.“ – „Ich tu’s, um Geld zu verdienen.“ Sie schnauft höhnisch: „Na klar. So wie ihr sauft, wirst du Geld mitnehmen müssen.“ – „Wenn du meinst.“ – „Wann kommst du zurück?“ – „Weiß nicht, in zwei Wochen oder so.“ – „Brauchst gar nicht mehr wiederkommen.“ – „Auch okay.“
Ich gehe in den Flur, ziehe meine Boots an und die Tür hinter mir zu. Ich höre noch, dass sie zum Kühlschrank watschelt und dort die Tür quietscht, dann bin ich weg.
Unten auf der Straße steht unser Bedford Blitz, schwarz, grün und lila besprüht mit dem Schriftzug unseres Bandnamens. Die Angefassten Bulletten, Bulletten mit doppeltem L, das sind wir. Hinter dem Lenkrad hockt Desperado, unser Gitarrist. Auf dem Beifahrerplatz die blonde Wuschelmatte vom schmächtigen Funghi, Sänger und Texter unserer Notenanarchie. Die Rückbänke des Transporters fehlen, wie immer, damit wir Platz für Equipment und Matratzen haben. Zwischen Verstärkern, Boxen, Drum Cases, Kabeln und Bierkästen hockt Chris und grinst. Er ist mit 27 Jahren unser Ältester, Gründer und Schlagzeuger unserer Band, Antichris genannt.
Wer wie wir aus einem Kaff bei Greven kommt, für den ist der Pott das Land von Manna und Ekstase. Die A 43 ist unsere Aorta, über die wir uns das Adrenalin ins Leben pumpen. Nach einer Stunde Fahrt sind wir da. Antichris hat hier und da angerufen und eine Handvoll Gigs klar gemacht.
Unser erster Auftritt ist in Gelsenkirchen, in einem Kulturzentrum im Lörenkamp, wir schieben uns mit unserem Zeug durch die feiernde Menge. Wir sind spät dran. Die Vorgruppe steht bereits auf der Bühne, eine lokale Truppe, die sich Schmierblutung nennt. Die Frontfrau trägt Glatze und Springerstiefel, die Beine in zerrissenen Strumpfhosen, obenrum eine offene Karoweste, darunter nix außer großen Brüsten. Sie steht starr auf der Bühne, als hätte man Zimmermannsnägel durch ihre Sohlen getrieben, schreit ihre Texte von verwesenden Bankern in das Mikrofon und kippt dabei Steinhäger aus der Betonbuddel. Ungefähr hundert Punks stehen vor der Bühne und zucken mit den Köpfen, ganz vorn wogt in den harten Riffs kreischender Stromgitarren unser aller Pogo. Rückkopplungen stechen mit Messern in unsere Ohren, ein Wirbel von explodierenden Rimshots hämmert auf die Trommelfelle.
Berauscht bauen wir in der Pause unser Set auf, aus den Boxen über uns wummern die Stiff Little Fingers, die guten alten Songs vom Inflammable Material. Unser Gig ist purer Furor. Wir spielen um unser Leben, Funghi kotzt sich durch die versengten Stimmbänder hindurch die Seele aus dem Leib, Desperado schneidet sich die Hände auf den Saiten blutig, feucht platzen die Blasen auf den Fingerkuppen meiner rechten Hand. Ahornholz staubt in winzigen Splittern über die Hängetoms, als Desperado seine Sticks auf den Crashbecken zerspant. Wir delirieren zwei Stunden lang auf der Bühne, vor uns ein einziges Brodeln, und nach dem Konzert am Morgen schlafe ich mit der Frontfrau von Schmierblutung, auf einem Golf ficken wir und verbeulen die Motorhaube.
Vor dem Konzert am nächsten Abend in Herten hat Funghi heftige Kopfschmerzen, die er mit Bier, Aspirin und einem mexikanischen Kahlkopf herunterspült. Weil ihn der psychotrope Pilz dazu animiert, ins Publikum zu pinkeln, ist das Konzert nach zehn Minuten beendet. Eine der ersten geworfenen Bierflaschen trifft ihn an der Stirn und erlöst ihn. Funghi blutet wie Sau. Kichernd nähen wir noch auf der Bühne die klaffende Platzwunde auf seiner Stirn. Antichris, schließlich studiert er manchmal Medizin, führt die Nadel, mit der er sonst seine Klamotten nach Konzerten zusammennäht. Wir bauen unser Set ab und trinken einige Biere, bis Funghi langsam wieder zu sich kommt und mit uns weiter trinkt. Er sieht schlimm aus. Später kriechen wir völlig zerstört in unseren Bedford.
Den Tag verbringen wir im Freibad von Herten, am späten Nachmittag fahren wir nach Bochum-Wiemelhausen, um im Volxzorn aufzutreten, einem illegalen Kellerclub unweit des Malakow-Turms. Es wird ein solides Konzert, wir bringen unser Repertoire ohne Ausfälle durch. Nach dem Auftritt schiebe ich mich zum Tresen durch, um Bier zu holen. Neben mir steht ein Mann, der mir begeistert auf die Schulter schlägt. Er ist bestimmt zehn Jahre älter als ich und hat eine tropfenförmige Figur, da seine schmale Brust in einen gewaltigen Bierbauch übergeht. Sein T-Shirt  ist ausgewaschen und der unter Spannung stehende Aufdruck Thekenfräsen ist nur noch schwach zu erkennen. Seine domestosierte Jeans ist an den Nähten aufgeplatzt. Er bestellt zwei Kurze und reicht mir eines der Gläser: „Wer austrinkt, muss auch einschenken können.“ Wir kippen, und während ich die nächsten Kurzen ordere, sagt er mit stolpernder Zunge: „Geile Mucke seid ihr am Machen. Wie heißt du?“ – „Mücke.“ – „Angenehm. Barrakuda. Einen sollen wir noch, oder?“ – „Immer.“ Heiß läuft der Korn durch meine gebeizte Röhre, und er fragt mich: „Weißt du, wie ich zum Punk gekommen bin?“ – „Keine Ahnung, ist doch egal.“ – „Das war 1976, im Dezember.“ – „Aha.“ – „Immer bei Thyssen am malochen, alles andere war mir nix. War aber auch Scheiße.“ – „Und was hat das mit Punk zu tun?“ – „Eines Tages gab mir ein Kumpel ein zerfleddertes Heft, was Zusammenkopiertes, Sideburns hieß das oder so ähnlich. Darin waren ein paar Gitarrengriffe zu sehen.“ – „Kenn’ ich, alter Hut, und darunter stand: Das sind drei Akkorde und jetzt gründet eine Band.“ Der Mann lacht und nickt: „Eine Band. Genau das haben wir gemacht. Hier, mein T-Shirt, die Thekenfräsen, das waren wir!“ – „Schöner Name.“ – „Und ’ne schöne Zeit.“ – „Ist doch noch nicht lange her.“ – „Wie man’s nimmt. Auf jeden Fall haben wir gesoffen wie die Stiere. Jeden Tag weiße Mäuse gesehen und Schlägereien gehabt, mit der Polizei und den Glatzen aus Unna.“ – „Spielt ihr nicht mehr?“ – „Bin raus, hab’ vor zwei Jahren in den Sack gehauen.“ – „Warum?“ – „Hatte Sorge, dass ich kaputt gehe. Zuviel Alk. Bin nach Usa gereist.“ – „Was wolltest du da?“ – „Weiß nicht. Das Land hassen.“ – „Und, hat’s geklappt?“ Der Mann zieht Zigaretten aus seiner Hose und bietet mir eine an, also rauchen wir und er pustet den Qualm stoßweise in die Luft, weil er lachen muss: „Kam alles anders. Hab’ mich dagegen gewehrt, aber scheiße, ich liebte es da, jeden Tag ein bisschen mehr. Vielleicht lag’s einfach nur am Wetter, Sonne und so. In Florida habe ich auf einer Krokodilfarm gearbeitet. In Georgia habe ich Erdnüsse auf der Plantage von Carter gepflückt.“ – „Beim Präsidenten?“ – „Allerdings. Und in Graceland habe ich Gras am Grab von Elvis ausgerissen und geraucht. Dann weiter auf der Mother Road, der Route 66, – Ey, noch zwei Kurze!! – ich bin die ganze Strecke getrampt, von Chikago bis nach Los Angeles. Über Bloomington und Springfield, Convay und Lebanon, Oklahoma City und Albuquerque. Dann am Pazifik nach Norden. In Big Sur habe ich Tannenzapfen so groß wie Basketbälle gefunden. Und in San Francisco habe ich monatelang in Haight-Ashbury gelebt. Einmal habe ich sogar mit Jerry García beim Bäcker über seine legendäre Gitarre geplaudert. Tatsache.“ – „Über die Tiger?“ „So sieht’s aus.“ – „Nicht schlecht.“ – „Ja, das war schon was.“ – „Kannst doch jetzt mit deiner Band weitermachen.“ – „Die gibt’s nicht mehr.“ – „Dann eben eine neue Band.“ – „Was weißt du schon? Ist doch Ewigkeiten her. Im Kalender vielleicht nicht, aber hier drin.“ Der Mann schlägt sich auf die linke Seite seiner Brust, „Schau mich an. Weißt Du, was ich heute mache?“ – „Keine Ahnung.“ – „Ich bin im Vertrieb. Weiße Ware, Kühlschränke und Waschmaschinen bis zur Rente. Dazu ein Reihenhaus in Mülheim. Ich bin ein Toter, so sieht’s aus.“ – „Selbst schuld, oder? Wie konnte das passieren?“ – „Ich hab ’ne Frau angebufft, als ich wieder zurück in Deutschland war. Kaum war das erste Kind auf der Welt, war auch schon das zweite unterwegs. Wir brauchten Kohle, also musste ich arbeiten gehen. Ihr Schwager hatte einen Tipp, wo gerade einer einen sucht. Und seitdem stehe ich jeden Montag auf der Matte und lass’ mir von meinen Disponenten den Arsch bis zum Stehkragen aufreißen. Egal. Prost.“ – „Egal. Prost. Scheiß’ drauf.“ – „Richtig, scheiß’ drauf.“ – „Weißt ja, was Phil Lynott gesagt hat.“ – „Phil Lynott von Thin Lizzy?“ – „Wer denn sonst?“ – „Was hat er gesagt?“ – „I tasted freedom and I liked it.“ – „Ach! Das gefällt mir. Das gefällt mir wirklich. I tasted freedom and I liked it … “
Wir trinken noch einen Kurzen, tschüss dann, ich suche meine Band und Barrakuda bleibt weiter am Tresen kleben.
Am nächsten Nachmittag fahren wir nach Essen. Es ist so heiß, dass der Asphalt Blasen wirft. Unser Bus durchschneidet flirrende Hitze, ein Tag wie gemacht für das Leben am Baggersee. Wir sind schweigsam, trinken Bier und lassen einen Joint kreisen. Ich sitze am Lenkrad, Funghi und Antichris dösen neben mir, Desperado schnarcht auf seinen Toms, Sabber läuft über seine Felle. Funghi legt ein Mixtape ein, während wir unsere Fensterscheiben hinunter kurbeln und die Heißluft des Sommers genießen, die durch unsere Haare rauscht. Aus den Boxen drängt Soundtracks zum Untergang 1, Störtrupp spielt Karriere. Ich denke an Barrakuda und Phil Lynott und Jerry García beim Bäcker und drehe den Lautstärkeregler nach rechts bis zum Anschlag, bis die Türen des Busses vibrieren und die Plastikbeplankung mitsummt.
In Essen treten wir bei Anarchie im Forst auf, einem unangemeldeten Open-Air-Konzert unweit des Baldeneysees hinter Fischlaken, gut versteckt in den Wäldern des Hardenbergufers. Die anderen Bands, die dort auftreten, sind Trebegang aus Dortmund, die Räudigen Raouls aus Hamburg, Sputum aus Köln, Royal Anarchy aus Holland. Überall stinkt es nach den Dieselabgasen der Stromaggregate. Hunderte von Punks haben es sich hier gemütlich gemacht, viele gehen schwimmen. Nackt hocken sie zwischen Bäumen, trinken seegekühltes Bier und freuen sich auf das Konzert. Wir treten als einer der Opener auf und spielen uns in Trance, traumatisierte Eichhörnchen fallen aus den Bäumen. Schnell kreuzt die Polizei auf und beendet die Lebensfreude, wir kommen rechtzeitig davon.
Nächster Auftritt in Wuppertal, bei einer Party im Keller eines Studentenheims der Bergischen Universität, ein Abend wie ein Irrtum. Sieben Punks schubsen sich verloren vor der leeren Bühne hin und her, während die Maschinenbaustudenten und angehenden Elektrotechniker am Rande stehen und sich am Pils festhalten. Als zwei Mädchen uns zurufen, wir sollen was von Rod Steward spielen, bauen wir ab und treten in der Toilette die Pinkelbecken runter. Einige Studenten erwischen uns dabei und es kommt zur Prügelei. Wir hauen den Herren Jungakademikern die Jacken in Flammen, doch auch Desperados Auge ist danach mächtig zugeschwollen, ich habe eine Platzwunde am Hinterkopf und Antichris hat mehrere verstauchte Finger, die ihn aber beim Trommeln nicht stören, meint er, als wir uns später betrinken.
In einer Turnhalle in Gladbeck ist das Konzert ähnlich erfolglos, aber wenigstens spendieren die Organisatoren danach Pasta und Schnaps. Es wird ein lustiger Abend mit drei Punketten aus Iserlohn, zwei heißen Trixie und Paula, Paula ist sehr hübsch, und die dritte habe ich vergessen. In Witten verdienen wir 500 Mark, weil uns jemand mit fünf Promille im Turm in den Bedford rauscht und wie wir keinen Wert auf Polizei legt. Nur ein Blechschaden, und den eingedrückten Kotflügel können wir selbst wieder aus dem Radlauf ziehen. Von Herne sind wir so deprimiert, dass wir unser Konzert dort absagen und uns lieber auf einem Parkplatz betrinken. Später fahren wir ins Krankenhaus, weil sich Funghis Stirnnaht entzündet hat und eitert.
Dann kommt das Ungewollt-Festival im Eschhaus Duisburg, wo wir nicht auftreten, sondern nur dabei sind, doch was heißt schon nur? Ab dem Mittag trinken wir mit Punks aus dem ganzen Land und schmücken den Hof des Hauses mit einer feinen Schicht grünbraunen Bierflaschenbruchs. Alle Großen sind da, KFC, Hass, Artless, die Idiots, die wilden Säue sollen auch noch spielen, und wir mittendrin. Im Eschhaus dampft es so sehr, dass immer wieder die Sicherungen herausfliegen und die vom Kippenqualm verblaute Luft schwitzend von der Decke tropft. Irgendwann ruft jemand Bullenalarm, und als wir neugierig rauslaufen, werden wir von Polizisten in Empfang genommen, die auf alles einprügeln, was mehr als eine Haarfarbe hat. Uns lässt man in Ruhe, vielleicht, weil man aufgrund unserer Blessuren aus Wuppertal denkt, man habe uns bereits großzügig bedient. Wir verschwinden wieder im Konzerthaus und Det Caruso von Artless – der Stecher von Prunella Pustekuchen, wie einer später zu berichten weiß – gibt uns allen heftig auf die Fresse und in die Ohren, während sich seine Combo ins Nirwana schrammelt und wir alle über den Lärmwolken schweben, eins werden mit dem Gott des Phons, weil in uns reines Glück mit der Lust am Wahnsinn kopuliert. Eschhaus Duisburg, hat meine Freiheit jemals weiteren Auslauf genossen?

Desperado ist nach der Wende nach Ostberlin gezogen und macht jetzt irgendwas Soziales mit Kindern. Funghi arbeitet als Techniker bei RWE und Antichris ist Orthopäde im Sauerland. Ich selbst habe Geschichte in Bochum studiert, bin Lehrer geworden, habe mit Beate drei Kinder. Ich gehe immer noch manchmal auf Konzerte, spiele auch selbst noch in einer Bluesrockband. Wir covern meist, spielen Songs wie Got my mojo working von Muddy Waters oder Zeug von Mayall nach, ich zupfe einen ganz gepflegten Walking Bass, macht auch Spaß.
Neulich in der Zeche Carl treffe ich einen, den ich von früher kenne. Andreas aus Wattenscheid, ganz schön grau geworden, war mal Gitarrist in einer Punkband, irgendwann sind die ins Metal abgerutscht. Wir kommen auf lustige Bandnamen zu sprechen, und mir fällt noch einer ein. Thekenfräsen, schon mal gehört? Jau, kennt er. Auch Barrakuda? Na klar, Barrakuda aus Mülheim, so ein Dicker. Spielte eine pissgelbe Flying V, guter Solist. War mal mit der Schwester einer Verflossenen zusammen. Harter Punk, nur viel zu weich. Hat sich irgendwann einen Schlauch in seinen Kadett gelegt, ist aber auch schon gut 30 Jahre her.

 

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(Wettbewerbsbeitrag zum Literaturpreis Ruhr 2017, Thema „Musik“ / Gelesen von Schauspieler Götz Otto am 1. Juni 2019 anlässlich des 125-jährigen Jubiläums der Münchner Philharmoniker)