Männer in Badehosen

Von 16 Millionen Ossis war ich wohl der erste Ossi, der bereits im Sommer 1988 vom bevorstehenden Mauerfall im Folgejahr erfuhr. Das war damals am Plattensee. Ich habe nie ein großes Gewese darum gemacht, aber es ist eine wahre Geschichte. Ich schwöre es auf meine Eltern, und die sind mir heilig.
Geboren wurde ich 1959 im sächsischen Annaberg, dem Städtchen zu Füßen des Pöhlbergs. Dank meiner freiheitsliebenden Eltern entwickelte ich schon früh eine Abneigung gegen den miefigen Sozialismus meines Landes. Mein Vater war eigentlich Fotograf, aber er bediente ein Leben lang nur die gewaltige Reprokamera im VEB Verpackungsmittel Kombinat Annaberg-Buchholz. Mit seinen Reprografien wurden die Produktkataloge des Kombinats bestückt, mit denen man westliche Kunden auf der Leipziger Messe begeistern wollte, weil man sich von ihnen Devisen erhoffte. Mein Vater hatte wohl schon damals mit diesem Staat gebrochen, der sich, wie er es formulierte, im Hinterzimmer wie eine Nutte auftakelte, um sich im Schaufenster von der westdeutschen Industrie bumsen zu lassen.
Sein inneres Exil aus diesem Land, das er ablehnte, führte ihn in die private Aktfotografie. Eines seiner Modelle, meine Mutter, die nebenberuflich für die Zeitschrift Aus Garn und Wolle vor der Kamera stand, heiratete er schließlich. Ihre Flitterwochen verbrachten sie am Plattensee, der ihnen in seiner Lieblichkeit zeigte, wie das Leben sein konnte. Wenig später kam ich zur Welt.
Als mein Vater endlich bereit war, mit uns das Land zu verlassen, war plötzlich die Mauer da. Und so blieb für meinen Vater der Plattensee das Schlüsselloch, durch das er auf eine Welt schaute, die ihm selbst verschlossen blieb, weil er zu lange gezögert hatte.
Jeden Sommerurlaub verbrachten wir am Plattensee. Ostsee, Harz, Thüringer Wald? Drauf geschissen, sagte mein Vater. Er wollte lauwarmes Wasser spüren, das erst seine Knöchel, dann seine Knie, dann seinen Bauch umspielte. Er wollte einen Blick auf Berge haben, die im Hitzeflirren blauer werden, bis sie im Dunst verschwinden. Er wollte in einem Duft aus Seegras und Süßwasser, Rotwein, Letscho und Hackspießen stehen. So etwas gab es in der DDR nicht.
1963 erwarb mein Vater ein uraltes Segelboot. Und so klapperten wir damit alljährlich die Häfen am Nordufer des Plattensees ab, immer auf der Suche nach dem günstigsten Liegeplatz für unser Boot aus den 30er Jahren, eine Wanderjolle mit winziger Kajüte, die wir auf den Namen Remény, Hoffnung, tauften.
Oft ging ich als Kind an der Hand meines Vaters weit hinaus in das badewannige Wasser des Sees. So weit wir auch hineinschritten, das Wasser stieg kaum an uns empor. Unter der Oberfläche des glitzernden Wassers, dessen Sonnenreflexe auf meiner Netzhaut tanzten, sah ich gläserne Fische, die vor meinen Beinen zurückschreckten. Meine Füßchen streiften über von Strömungen geriffelten Sandboden. Wenn mir das Wasser bis zu den Schultern stieg, bedeckte es gerade die Hüften meines Vaters und durchnässte seine Badehose. Dann blieb er stehen, wir drehten uns um und freuten uns über das Treiben am Strand. Das war unser Ritual.
Alles war so anders am Balaton. Die Leute lächelten. Sie aßen Knoblauch und scharfe Würste. Sie tranken süße Weine und sangen oberkörperfrei in den Uferkneipen frivole Lieder, die über das Schwarz des nächtlichen Sees hallten. Gelegentlich saßen meine Eltern mit dem Klassenfeind an einem Tisch und ließen sich einladen, weil die Westdeutschen großzügig sein wollten und weil wir als Ostdeutsche kaum genug Devisen für das Benzingemisch hatten, das unseren Wartburg auf seinem Weg zum größten mitteleuropäischen Binnensee und zurück befeuerte.
Manchmal nahmen meine Eltern mich mit in die Kneipe, damit ich, wenn es zu spät wurde, nicht allein auf dem Boot schlief. Oft saß ich, während meine Eltern immer betrunkener wurden, auf dem Schoß irgendeiner Frau aus dem Westen, und ihr Parfum roch so viel aufregender als der brave Tombola-Duft meiner Mutter, komponiert in der Chemischen Fabrik Miltitz.
Mein Vater brachte mir das Wenden und das Halsen bei. Er erklärte mir, wie und wo der Balaton-Wind entsteht. Er zeigte mir, wie man navigiert, wie man Seekarten liest, wie man funkt, welche Vorfahrtsregeln herrschen, wie man Häfen ansteuert und wie man das Boot abfendert. Gemeinsam nahmen wir in jedem Frühjahr den rachitischen Bootsmotor auseinander und setzten ihn wieder zusammen.
Ich hatte in der Zwischenzeit eine Lehre als technischer Zeichner absolviert und begonnen, im VEB Feuerlöschgerätewerk Jöhstadt zu arbeiten. Als mein Vater 1980 verstarb, übernahm ich die Remény und fuhr in diesem Sommer ebenfalls an den Plattensee. Dort lernte ich Monika kennen, eine hübsche Brünette, die ihren Urlaub allein am Plattensee verbrachte und mich in einem Lokal auf die Remény ansprach. Wir verliebten uns ineinander und sie zog zu mir.
Weil die Devisen aufgrund der ungünstigen Wechselkurse immer heftiger an unseren Ungarn-Urlauben zehrten, hatte ich irgendwann den Tank unseres von meinem Vater geerbten Wartburgs vergrößert. Zu meiner stillen Freude wurde dieses geheime Reservoir unter der Rückbank, das zusätzliche 100 Liter fasste und unsere Reisekasse deutlich entlastete, nie von den Grenzern entdeckt.
1983 heirateten Monika und ich. Unser beider Liebe zum Balaton blieb und wuchs. Als wir im Siófoker Hafen mit Glück einen wunderbaren Liegeplatz für erstaunlich geringes Geld ergattern konnten, kamen wir mit Seglern aus der Bundesrepublik ins Gespräch, deren Boote ebenfalls dort lagen. Vor allem zeigte man Interesse an der Remény, die mittlerweile zu einer antiken Schönheit gereift war.
Da waren das Ehepaar Marwede aus Gütersloh und die Familie Voggenreiter aus München, mit denen wir bei ruhiger See mitten auf dem Balaton mit unseren Booten längs zu gehen pflegten. Dann verzurrten wir unsere Boote miteinander, warfen Anker und sprachen fernab von möglichen Mitlauschenden frei über unser Leben. Marwedes schwärmten vom Segeln vor Mallorca und von der Freiheit. Je mehr wir vom Wein der nahen Berge tranken, umso mehr spann ich Fluchtpläne für uns. Unsere Freunde aus dem Westen warnten mich, dass nicht alles Gold sei, was glänzt. Während die Wellen des Plattensees an unsere Boote schlugen und Böen die Takelage unserer Segel zart gegen die Masten klopften, erzählte man uns von der Einsamkeit des gehobenen Managements. Völlige Vertrautheit herrschte für einige Wochen zwischen uns, bis wir alle wieder in unsere Wirklichkeiten von BRD und DDR zurückkehren mussten und uns zuvor versicherten, im nächsten Jahr wiederzukommen.
Immer mehr wuchs in mir der Drang, das andere Deutschland kennenzulernen. Je mehr ich mich für den Gedanken erwärmte, umso skeptischer wurde Monika. In der DDR haben wir alles, was wir brauchen, sagte sie. Mallorca ist auch nicht anders als Ungarn, nur kleiner und am Meer. Du hörst doch selbst, wie groß der Druck im Kapitalismus ist. Das sind wir nicht gewohnt, es wird uns kaputtmachen.
Von Jahr zu Jahr wuchsen die Spannungen zwischen Monika und mir. Immer öfter stritten wir uns, wenn wir am Balaton waren. Ich sah im Westen die Freiheit, sie nur ein Risiko. Als im Mai 1987 Mathias Rust mit seiner Cessna auf der Großen Moskwa-Brücke unweit des Roten Platzes landete, war ich wie elektrisiert. So löchrig schien der Eiserne Vorhang zu sein. Doch etwas später im gleichen Jahr, als wir alle wieder unsere Boote inmitten des Sees zwischen Balatonakali und Balatonlelle vertäut hatten und frei über mögliche Wege in den Westen diskutierten, verweigerte sich Monika erneut allen Fluchtplänen, und sie stritt sich darüber mit den Marwedes und den Voggenreiters. Zurück im Hafen diskutierten wir erhitzt in unserer Kajüte weiter, so lange, bis Segler auf den Nebenbooten riefen, wir sollten endlich ruhig sein, sonst würden sie sich beschweren, und dann wäre es vorbei mit unserem Liegeplatz inmitten des begehrtesten Hafens des Plattensees.
Im Sommer 1988 waren wir wieder am Plattensee. Wenige Tage zuvor hatte Bruce Springsteen in Weißensee sein Konzert gegeben. Ich war dort gewesen und noch immer wie berauscht von den Bässen und Beats, die mir mit Zehntausenden von Watt die Melodien der Freiheit in die Ohren gehämmert hatten. Unsere Freunde aus dem Westen würden erst am nächsten Tag eintreffen. Monika und ich saßen auf der Remény unter Deck. Wir hatten uns geliebt, alles war eigentlich harmonisch, doch dann kam ich wieder auf eine mögliche Republikflucht zu sprechen. Bald stritten wir wieder heftig. Unsere Bullaugen standen offen, weil es heiß war. Es war schon spät in der Nacht. Sie schrie, wenn ich in den Scheißwesten will, würde sie mich verlassen. Plötzlich klopfte es an unserer Kajütentür. Monika und ich sahen uns geschockt an.
„Das hast Du jetzt davon!“, zischte sie mich an, „Wenn das die Polizei ist, sind wir geliefert!“
„Warum verlierst Du auch immer gleich die Nerven und zeterst so laut!“, gab ich zurück.
„Warum hast du nicht die Bullaugen geschlossen?!“
Wieder klopfte es. Laut und bestimmt. Ehe Monika und ich etwas sagen konnten, öffnete jemand die Kajütentür. Jemand trat barfuß die drei Stufen in unsere Kajüte herab. Vor uns stand ein älterer Mann, der lediglich eine Badehose trug. Er war klein und untersetzt, sein spärliches Haupthaar war nach hinten gekämmt.
Er schaute uns an und sagte mit starkem ungarischem Akzent:
„Sie sind sehr laut. Man kann jedes Wort Ihres Streits verstehen. Mein Boot liegt direkt neben Ihrem. Ich rate Ihnen, nicht zu fliehen.“
Monika versuchte zu leugnen:
„Wir haben gar nicht über Flucht gesprochen.“
„Doch das haben Sie. Deshalb sage ich Ihnen, dass es ist nicht nötig ist, zu fliehen. Im nächsten Jahr wird die Mauer fallen. Es ist eine beschlossene Sache auf höchster Ebene.“
„Eine beschlossene Sache?“, fragte ich ungläubig. „Wer sind Sie, dass Sie hier nachts auf unser Boot kommen und uns einen solchen Blödsinn erzählen?“
„Mein Name ist Péter Várkonyi. Ich bin der Außenminister Ungarns, und ich will einfach nur, dass Sie endlich still sind, damit ich in Ruhe schlafen kann. Gute Nacht.“
Mit diesen Worten stieg der ungarische Außenminister die Kajütenstufen empor und zog das Türchen hinter sich zu.
Am zehnten Mai 1989 wurde Péter Várkonyi durch Gyula Horn abgelöst, der als neuer Außenminister gemeinsam mit seinem österreichischen Amtskollegen Alois Mock den Grenzzaun bei Sopron symbolisch durchtrennte. Im November 1989 fiel die Mauer.
Ein Jahr später beantragte ich Akteneinsicht bei der Gauck-Behörde. Zu meiner großen Überraschung war meine Akte umfangreich. Ich las darin, dass man Monika vor zehn Jahren am Plattensee auf mich angesetzt hatte, um mehr über westdeutsche Ungarnurlauber zu erfahren. Kein Wunder, dass sie an einer Flucht nie interessiert gewesen war. Der Liegeplatz im Hafen von Siófok war natürlich kein Zufall gewesen. Und auch mein versteckter Extratank war in der Akte mit dem Vermerk festgehalten, uns deswegen nicht an der Weiterfahrt zu stoppen. Monika hatte umfangreiche Dossiers über die Familien Marwede und Voggenreiter zusammengetragen. Marwede war ein Top-Manager bei Bertelsmann. Voggenreiter arbeitete an Panzer-Optiken in der Entwicklungsabteilung von Krauss-Maffei. Die Details der Berichte interessierten mich nicht. Ich war neugierig, von Monika zu erfahren, warum sie in der Stasi gewesen war. Doch als ich von der Gauck-Behörde zurück nach Hause fuhr, war Monika bereits ausgezogen. Sie sprach nicht mehr mit mir. Wir haben uns scheiden lassen.

Das alles ist Jahrzehnte her. Noch immer fahre ich im Sommer an den Plattensee. Die Remény habe ich verkauft. Doch ich will lauwarmes Wasser spüren, das erst meine Knöchel, dann meine Knie, dann meinen Bauch umspielt. Unter der Oberfläche des glitzernden Wassers, dessen Sonnenreflexe auf meiner Netzhaut tanzen, sehe ich dann gläserne Fische, die vor meinen Beinen zurückschrecken. Meine Füße streifen über von Strömungen geriffelten Sandboden. Wenn das Wasser meine Hüften bedeckt und meine Badehose durchnässt, drehe ich mich um, freue mich über das Treiben am Strand und weine.

 

***

(Eingereicht beim Harder Literaturpreis 2020 zum Thema „Am Wasser“)

Eine Hitze zu Johannis

„Na, Papa, wie gefällt’s dir hier?“
„Scheiße.“
„Wir haben doch lange und breit darüber gesprochen. Es ist die beste Lösung.“
„Für dich vielleicht.“
Vater und Sohn trinken Kaffee im Aufenthaltsraum des St. Vincentius Altenheims und schauen sich um. Ein Dutzend Tische, an denen Weißhaarige allein oder in Grüppchen hocken. Das Panoramafenster zeigt märkische Kiefernweiten unter dem Blau des Junihimmels. Trockengestecke an orangefarbenen Wänden zwischen aufgeklebtem Fachwerk. Das Summen einiger Ventilatoren, die die Sommerhitze verschieben. Kakteen und Orchideen auf den Fensterbänken. Es riecht nach Eau de Cologne und Desinfektion.
Der Vater verdreht die Augen:
„Alles alte Säcke hier.“
„Mit 87 Jahren bist du selbst ein alter Sack.“
„Sack, ja. Aber nicht alt.“
„Ein Riesenglück, dass nicht mehr passiert ist bei deinen Stürzen. Es ist das Beste, glaub mir. Hier kann ich dich oft besuchen. Und schau mal, die machen alle einen ganz vergnügten Eindruck.“
„Sehen aus, als warten sie auf den Abdecker.“
„Papa!“
„Ist doch wahr.“
„Da hinten spielen sie Brettspiele. Und da drüben wird gebastelt. Und dort ist sogar eine Bibliothek mit Sesseln, sieht doch ganz gemütlich aus.“
„Ein schöner Platz zum Sterben.“
„Ach was, du wirst dich daran gewöhnen.“
Der Blick des Sohnes wandert über die Senioren an ihren Tischen.
„Mit wem möchtest du denn mal näher bekannt werden?“
„Am liebsten mit der Schwester.“
Der Vater betrachtet wohlgefällig die Pflegekraft, die einen Heimbewohner im Rollstuhl an einen der Tische schiebt. Sie mag um die 40 Jahre alt sein, vielleicht auch etwas älter, schlank, mit einem hübschen Gesicht und blondierten Locken. Quer durch den Raum ruft er ihr zu, so dass alle Gespräche verstummen:
„Wie heißen Sie, schönes Kind?“
Lächelnd dreht sie sich nach ihm um.
„Ich bin Jutta. Und wer sind Sie, schöner Mann?“
Er deutet im Sitzen eine Verbeugung an.
„Ich bin Hans, Ihr neuer Verehrer, wenn Sie gestatten!“
Sie zwinkert ihm zu.
„Ich gestatte es, Hans.“
Er wirft ihr eine Kusshand zu. Sie kichert und widmet sich wieder ihrer Arbeit.
Der Sohn mustert seinen Beifall heischenden Vater und meint:
„Ich wusste gar nicht, dass du so peinlich sein kannst, Papa.“
„Ach was. Das ist genau meine Kragenweite.“
„Vielleicht damals nach dem Krieg.“
„Nicht frech werden, Junge.“
„Wie soll das gehen? Willst du ihr den Hof machen? Und wenn sie schon einen Mann hat?“
„Weißt du, was dein Problem ist, mein Sohn? Du denkst zu viel. Hast Angst vor den Weibern. Dabei wäre das genau die Richtige für dich. Vom Alter her passt es und vom Aussehen her sowieso. Die ist nicht so spinnert und blutleer wie dein letzter Blaustrumpf.“
„Ich habe keine Angst vor Frauen.“
„Doch. Deshalb ist auch deine Ehe gescheitert. Aber die beißen nicht, die wollen nur spielen. Das ist wie bei der Jagd. Folge deiner Flinte. Aber drück’ nicht zu früh ab, das mögen die Ladies nicht.“
„Danke, Papa, bitte keine Details.“
So sitzt der Sohn noch eine Weile bei seinem Vater. Später bringt er den Vater auf das Zimmer und verabschiedet sich dort.
„Mach’s gut, Papa. Und mach keinen Blödsinn.“
„Mach ich nie.“
„Ich besuche dich am nächsten Wochenende.“
„Ist gut.“
Der Vater hält seinem Sohn die Wange hin. Ein Kuss und ein Tschüss.

Sein Sohn versteht ihn nicht. Hat ihn noch nie verstanden. Aber vielleicht muss das so sein. Kinder sollten nicht zu viel über ihre Eltern wissen. Was hatte er von seinen Eltern gewusst? Und was wusste sein Sohn von ihm und der Mutter? Seine Ehe war ein Missverständnis gewesen bis zu ihrem Tod vor einigen Jahren. Ganz am Anfang, in den frühen Jahren, hatten sie noch Spaß aneinander gehabt. Er wohl immer etwas mehr als sie. Spät war sie schwanger geworden. Nach der Geburt des Sohnes hatte sie das Interesse an diesem Körperlichen, wie sie es nannte, gänzlich verloren. Mein Kind habe ich jetzt, sagte sie, mehr brauche ich nicht, geh halt kalt duschen. Manchmal, wenn er gar zu sehr drängte – Mariechen, ganz einschlafen lassen dürfen wir es nicht – , dann hatte sie ihm ihren Rücken zugedreht, das Nachthemd nach oben gestreift und gewartet, bis er fertig war. Wie unfroh, wie sinnenlos.
Schon bald hatte er sich nach anderen Frauen umgeschaut und beherzt zugegriffen, immer wieder. Und doch, sie alle konnten, wie die Mutter seines Sohnes, nicht mithalten mit seiner Jugendliebe. Elsa. Damals, in seiner Jugend, war alles so anders gewesen, so leicht, so stürmend, so überschäumend. Sie hatten Kondome aus Wehrmachtsbeständen benutzt, die er irgendwo stibitzt hatte, und es war ein Wunder, dass sie nicht schwanger geworden war, so oft, wie beide die Hitze zwischen den Beinen überkam. Gesungen hatte er für sie, als sie einmal danach am Belzower See lagen, an dieser nur ihnen bekannten Stelle zwischen Föhren und Eichen. Und während seine forsche Hand über ihre Beine geglitten war, von unten bis ganz nach oben, wo sie in der Beuge verharrte, hatte er einen Schlager von Siegfried Arno gesungen, „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt‘, hätt’se viel mehr Freud an dem neuen langen Kleid. Doch da sie Beine hat, tadellos und kerzengrad, tut es ihr so leid um das alte kurze Kleid … “ Und sie hatte gelacht und ihm einen Klaps auf seine Hand gegeben, und als er sie wegzog, hatte sie seine Hand wieder zurückgelegt, und dann waren sie noch etwas länger am See geblieben, bis die Sonne längst untergegangen war.

 „Und, hast du dich gut eingelebt, Papa?“
„Na ja.“
„Tut mir leid, dass ich es am letzten Wochenende nicht geschafft habe. Es war viel zu tun in der Firma. Und es ist ein ordentlicher Weg aus Berlin hierher.“
„Macht nichts.“
Vater und Sohn sitzen im Aufenthaltsraum des Altenheims. Der Sohn rührt in seinem Kaffee:
„Wie ist das Essen hier?“
„Besser als mit einem schmutzigen Stock ins Auge.“
„Hauptsache, du wirst satt. Soll ich dir irgendwas Bestimmtes mitbringen? In deinem Kühlschrank zuhause war immer alles vergammelt. Irgendwann hättest du dich selbst vergiftet.“
Schwester Jutta tritt zu ihnen an den Tisch. Zur Überraschung des Sohnes legt der Vater wie selbstverständlich seinen Arm um die Hüfte der jungen Frau. Und zum ersten Mal seit langem lächelt er.
„Darf ich Dir Jutta vorstellen?“
„Wir kennen uns doch bereits“, sagt der Sohn, „Zumindest flüchtig. Vom letzten Besuch.“
Jutta und der Sohn geben sich die Hand und wechseln einige Belanglosigkeiten. Sie ist wirklich attraktiv, denkt der Sohn. Was will sie von meinem Vater? Später, als Jutta gegangen ist, fragt sein Vater:
„Wäre das nicht etwas für dich? Sie hat gerade keinen Mann. Ihr Freund hat sie vor einigen Monaten verlassen. Was für ein Idiot.“
Und der Sohn hört gar nicht richtig zu, weil er gerade an etwas Anderes denkt, und er fragt:
„Gibst du ihr Geld dafür?“
Das Gesicht des Alten versteinert, dann sagt er:
„Es wird Zeit, dass du gehst.“
„Es tut mir leid, ich habe es nicht so gemeint. Ich mache mir nur Sorgen.“
„Ich weiß schon, wie es gemeint war.“
Es ist nichts mehr zu sagen. Beim Abschied hält der Vater seinem Sohn nicht die Wange hin. Kein Kuss, nur ein Tschüss.

Als ob er jemals eine Frau für Gefälligkeiten bezahlt hätte! Immer waren sie freiwillig zu ihm gekommen, und immer waren sie gerne bei ihm geblieben. Mangel hatte er nie gelitten. Und Elsa, ja, die hätte er sofort geheiratet. Er hatte schon Pläne geschmiedet. Gleich nach seiner Ausbildung hätte er um ihre Hand angehalten. Ihr Alter hätte schon irgendwann ja gesagt, der mochte ihn doch, auch wenn Hans ihm gar zu sehr um die kostbare Tochter herum scharwenzelte. Hau ab, du Nichtsnutz, hatte er gerufen, aber der Tonfall hatte gestimmt. Und dann war sie tot, weil ein betrunkener Lastwagenfahrer sie und ihr Fahrrad übersah. Einfach so, weg für immer. Deshalb hatte er nicht ihre Hand gehalten, sondern nur eine Blume, die er in ihr Grab geworfen hatte. 1947 war das gewesen. Nie wieder seinen Kopf neben den ihren betten. Nie wieder gemeinsam im Himmel die Wolken verfolgen. Nie wieder ihre Lippen küssen. Nie wieder die Sommersprossen zwischen ihren Augen zählen. Nie wieder ihr Kichern hören, während er sich an den Knöpfen ihrer Bluse abmüht. Nie wieder ihre Brüste berühren. Nie wieder bei ihr in ihr sein. Nie wieder ihren Geruch in seinen Hemden finden.

„Guten Tag, hier ist das St. Vincentius Seniorenstift, spreche ich mit dem Sohn von Herrn Reisinger?“
„Am Apparat.“
„Ihr Vater ist verschwunden.“
„Wie bitte?“
„Er ist heute Morgen nicht in seinem Zimmer gewesen, als wir ihn wecken wollten. Bisher ist er noch nicht zurückgekehrt. Wir sind ja keine geschlossene Einrichtung, Ihr Vater ist ein freier Mann. Aber wir dachten uns, dass Sie das wissen sollten.“
„Hat er keine Nachricht hinterlassen?“
„Leider nein. Aber eventuell gibt es einen Zusammenhang mit dem Fernbleiben einer Kollegin. Sie ist heute nicht zur Arbeit erschienen und hat sich nicht bei uns abgemeldet. Ihr Vater hat wohl Interesse an ihr gezeigt, sie wurden öfter miteinander gesehen.“
„Jutta?“
„Sie wissen davon?“
„Eigentlich nicht.“
„Wir können Jutta gerade nicht erreichen. Wenn Sie etwas von Ihrem Vater hören, informieren Sie uns bitte? Wir halten Sie selbstverständlich ebenfalls auf dem Laufenden.“

Weil er für sie gesungen hatte, damals am Belzower See, hatte sie ihn ihren Troubadour genannt. Und auch für seinen Gesang hatte sie ihn geliebt. Wusste sein Sohn eigentlich, welche Macht eine schöne Stimme auf Frauen ausübt? Später hatte sie mit einem Kohlestift auf seinen Rücken geschrieben, was sie gerade in einem Buch gelesen hatte. Omnia vincit amor – Liebe besiegt alles. Er hatte es empfunden wie einen Schwur, und obwohl das Wasser des Sees die Buchstaben bald fortgespült hatte, spürte er die Lettern zwischen seinen Schulterblättern bis zum heutigen Tag.

Jetzt sind sie am Belzower See angelangt. Ein Flirren und Surren über dem Wasser in der Schwüle des Nachmittags. Sie stehen genau an der Stelle, die vor mehr als sieben Jahrzehnten nur er und Elsa teilten. Er kannte hier noch jeden Stein am Weg, den Pfad zwischen den hohen Bäumen hatte er sofort gefunden. Am Ende zwischen einigen Büschen hindurch, hin zum Wasser, wo noch immer dieses Fleckchen Gras wuchs, dem die Zeit nichts hatte anhaben können.
„Ich danke dir, dass du mich hierhergebracht hast, Jutta.“
„Hab ich gerne gemacht. Und ich will kein Geld von dir. Das wollte ich noch nie.“
„Aber so hatten wir es vereinbart.“
„Nein, so hattest du es gewünscht.“
„Aber du riskierst viel. Du könntest deinen Job verlieren.“
„Das glaube ich nicht.“
„Und du erinnerst dich, dass ich noch einen anderen Wunsch habe? Und du willst trotzdem kein Geld?“
„Jetzt rede nicht mehr von Geld. Ich tue es für dich und für mich.“
Sie beginnt anmutig, ihre Kleider abzustreifen. Er tut es ihr nach, und sie hilft ihm dabei. Beide legen sich auf das Gras und er bettet seinen Kopf neben den ihren. Gemeinsam verfolgen sie die Wolken im Himmel. Dann richtet er sich auf, stützt sich auf seinen Ellenbogen und betrachtet sie. Während sein Blick über ihren prachtvollen Körper wandert, sagt er:
„Du bist so jung und ich bin so alt.“
„Du bist jünger als mein letzter Freund, und der war achtunddreißig.“
„Achtunddreißig? Mein Gott, wenn ich noch einmal so jung wäre, würde ich dich tagelang vögeln.“
Er schaut in seinen Schoß und meint bedauernd:
„Der liebe Gott hat mir das Können genommen. Jetzt soll er mir auch das Wollen nehmen.“
Und während seine zitternde Hand über ihre Beine gleitet, von unten bis ganz nach oben, wo sie in der Beuge verharrt, streichelt sie ihn, bis sie überrascht kichert und in sein Ohr flüstert:
„Mir scheint, der liebe Gott erweist dir und mir gerade eine Gunst … “

Jutta ist eingeschlafen. Und auch er selbst ist plötzlich so müde geworden, natürlich, nach all der Aufregung, der Hitze zu Johannis. Als er selbst fast eingeschlafen ist, ruft plötzlich jemand seinen Namen. Er schreckt hoch und sieht Elsa im Wasser, die ihm fröhlich zuwinkt. So jung und so hübsch. Und während er noch gebannt zu ihr schaut, ruft sie: Na, was ist? Kommst du noch ins Wasser, du Nichtsnutz, oder kannst du nicht schwimmen? Mit der Hand schlägt sie ins Wasser und spritzt eine Fontäne in seine Richtung. Er springt auf und droht ihr lachend mit der Faust: Na warte, du Früchtchen, wenn ich dich kriege, dann werde ich dich ordentlich tauchen, du, und er hechtet mit einem kühnen Kopfsprung ins Wasser hinein, schwimmt in kräftigen Zügen zu ihr und umarmt sie. Sie küssen sich, versinken im gurgelnden Wasser und das Licht des Abends schmilzt in Wellen aus Silber, die über ihm zusammenschlagen.

„Guten Tag, spreche ich mit dem Sohn von Hans Reisinger?“
„Ja.“
„Hier ist Jutta.“
„Ich weiß.“
„Es tut mir so leid, was passiert ist.“
„Ja.“
„Wir waren am See und ich war nur kurz eingeschlafen. Als ich erwachte, lag er im Wasser. Dabei hatte er mir versprochen, nicht hinein zu gehen. Ich brachte ihn zurück ans Ufer. Ich konnte ihm nicht mehr helfen. Auch der Notarzt konnte nichts mehr für ihn tun. Das Herz, meinte er.“
„Ja. Die Obduktion hat es bestätigt.“
Jutta zögert.
„Er hat viel erzählt. Und er hat viel von Ihnen gesprochen. Er muss sie sehr geliebt haben.“
„Ich war sein einziges Kind.“
„Ihr Vater hat mich gebeten, mich Elsa nennen zu dürfen. Wegen seiner großen Liebe in seiner Jugend. Sie hieß Elsa. Wussten Sie davon?“
„Nein.“
„Wenn Sie möchten, erzähle ich Ihnen mehr von Ihrem Vater. Es war sein Wunsch. Wir könnten uns treffen.“
Der Sohn zögert kurz und sagt dann:
„Ja, Jutta, das können wir gerne tun.“

 

***

 

(Veröffentlichung in der Anthologie zum Berliner Literaturpreis “Wortrandale 2019”, Thema “Wenn im Norden das Licht schmilzt”)

Angelegenheiten bedacht gewählter Worte

Erzählt sei die Geschichte des jungen Arztes Maximilian van Mechow, der am 23. September 1891 in der Pathologie der Berliner Charité eine dem Befund nach unerklärliche innere Leichenschau durchführte.
Van Mechow obduzierte den Körper eines Wilddiebs und Mörders, der kurz zuvor im Landarbeits- auch Zucht- und Irrenhaus von Altstrelitz verstorben war. Wie dem Bericht des überstellenden Gefängnisarztes zu entnehmen war, sei der Wilderer Hanke plötzlich während des Hofgangs zusammengebrochen und habe, die Hände in seine Nierengegend gepresst, derart vor Schmerzen geschrien, dass man zunächst an ein gespaltenes Gemüt gedacht habe. Später, als die Kräfte ihn verließen, habe Hanke, bezeugt von zwei Wärtern, Verse in einer nicht verständlichen Sprache gemurmelt. Gleichzeitig habe Hanke begonnen, stark aus den Augen zu bluten.
Wohl an dem Blutverlust, vielleicht aber auch durch verborgene Geschehnisse in corpore, sei er schließlich am gleichen Tage in der Abendzeit verstorben. Man sei zwar aufgrund der Insassen des eigenen Hauses mit den Abwegigkeiten menschlichen Irrsinns hinreichend vertraut, doch sei der Fall insgesamt so ungewöhnlich, dass man nun um die profunde Expertise der Doctoren und Excellenzen des Königlichen Charité-Krankenhauses zu Berlin bat, dies umso mehr, da einige Wochen zuvor auf nahezu identische Weise das Leben des Wilderers Schwarz geendet hatte, dem Spießgesellen Hankes. Dieser habe ebenfalls und aufgrund des gleichen Deliktes – dem gemeinschaftlich begangenen Mord an Hegemeister Breuker aus der Herzoglichen Domäne Teschendorf, so geschehen im Sommer 1886 am Wanzkaer See westlich von Blankensee – in selbigem Altstrelitzer Zuchthaus eingesessen. Der Wilderer Schwarz sei schon beerdigt worden, doch der zweite Todesfall in nunmehr kurzer Zeit habe zu großer Nervosität im Zuchthaus geführt. Umso dringlicher und unter Versicherung des allerhöchsten Respekts gegenüber den Ärzten aus der Reichshauptstadt sei das Ansinnen um kollegiale Unterstützung zu verstehen, von der man sich eine medizinische Erklärung erhoffte.
Van Mechow vermutete aufgrund der gelblich braunen Haut des Toten ein Versagen der Nieren. Er öffnete den Leib und durchtrennte mit einer Säge Brustbein und Rippen. Mit großer Sorgfalt entnahm er die inneren Organe sowie die großen Gefäße und betrachtete sie. Der Befund war in toto unauffällig, bis er zu den Nieren vordrang und erschrak. Er rief seine Kollegen, die in die Bauchhöhle des Wilderers schauten und sich bekreuzigten. Die Nieren des Wilderers waren verbrannt. Kohleartig trocken und schwarz staubend zerfielen sie unter den behutsamen Händen van Mechows.
Später öffnete van Mechow den Schädel des Verstorbenen und stellte fest, dass der Sehnerv von der Netzhaut abgetrennt war, als sei er mit stumpfer Kraft abgerissen worden. Der Glaskörper selbst war jedoch unversehrt geblieben, ebenso die sie umgebende Uvea und die Tunica interna bulbi.
Van Mechow, von gesegneter Nervenstärke und nicht übermäßig von den vielfältigen Abgründen menschlichen Sterbens erschüttert, verfasste ein Schreiben an den zuständigen Arzt des Landarbeits- auch Zucht- und Irrenhauses von Altstrelitz, das aufgrund des darin festgehaltenen erratischen Befundes solcherart Wellen schlug, dass das Documentum schließlich sogar den Weg auf den Schreibtisch seines obersten Dienstherrn, Rudolf Virchow, fand. Dieser bat persönlich noch einmal um einen Vortrag der sonderbaren Ergebnisse und ließ später die derart auffälligen Präparate – zwei von innen heraus zerstörte Nervi optici und zwei Briefchen Asche – seiner pathologisch-anatomischen Sammlung zuführen, wo sie bis zum heutigen Tage bestaunt werden können. Die inneren Verletzungen des Wilderers blieben unerklärlich.

Mehr als zwei Jahrzehnte später wurde van Mechow wieder an den seltsamen Tod des Wilderers erinnert, als er – mittlerweile zum ärztlichen Direktor einer Klinik in Potsdam berufen, glücklich verheiratet und mit fünf Kindern gesegnet – im September 1912 anlässlich einer Gesellschaftsjagd am Tollensesee verweilte. Obgleich seit Wochen von einem fiebrigen Infekt geplagt, hatte er sich dieses Jagdvergnügen am Wochenende nicht nehmen lassen wollen.
Man hatte eine fabelhafte Strecke von Rehen und Schwarzwild verblasen, und als man abends im Liepser Schlösschen zu Prillwitz in waidmännischer Eintracht und großer Runde zusammensaß, mit Treibern und Jägern bei einem deftigen Eintopf mit viel Einlage und dazu einem Selbstgebrautem, kam das Gespräch auf das Metier des Försters zu sprechen, der beständig gewahr sein müsse, seinem Erzfeind, dem Wilderer zu begegnen. Jeder wusste ein Schurkenstück zu berichten, und van Mechow dachte an den Wilderer, den er vor langer Zeit obduziert hatte. Ungute und überraschend klare Erinnerungen stiegen in ihm empor wie Fäulnisgase im Sumpf. Den Förster Uhland zu seiner Linken, einen gestandenen Reviermann mit klarem Blick, fragte er also:
„War es nicht hier in dieser Gegend, dass einmal ein Hegemeister namens Breuker zu Tode kam durch die Wilderer Hanke und Schwarz?“
Förster Uhland zuckte zusammen:
„Ja, in der Tat. Es ist sehr lange her. Und es ist erstaunlich, dass Sie sich noch daran erinnern. Breuker hatte den beiden damals schon lange nachgestellt, und deshalb brachten sie ihn um. Wie einige aus dem Dorfe berichteten, habe man in jener Nacht im Norden ein kaltes Licht aufblitzen sehen und es gleich für ein schlechtes Zeichen gehalten.“
„Es wird ein Wetterleuchten gewesen sein.“
„Aber es gab weit und breit kein Gewitter.“
Van Mechow winkte ab:
„Es sind Dörfler, gefangen in ihrem Aberglauben. Man sollte nicht zu viel hineinlesen. Wie genau kam Breuker zu Tode?“
„Aus dem Hinterhalt schossen sie ihm mit einem Drilling eine Ladung Schrot in die Nieren.“
Van Mechow beugte sich nach vorn:
„In die Nieren, sagen Sie? Das ist interessant. Wissen Sie, der Zufall wollte es, dass ich einen der beiden Mörder obduzierte. Daher ist mir der Fall vertraut. Hanke starb an vollends zerstörten Nieren. Auch Schwarz soll auf ähnliche Weise zu Tode gekommen sein.“
Förster Uhland winkte kaum überrascht ab:
„Nun, so ist es wohl die gerechte Strafe. Es waren rohe Gesellen. Wie die Tiere hausten sie in ihrer Kate im Wald, hier ganz in der Nähe. Gelegentlich tauchten sie in den Dörfern auf, drangsalierten die Bauern, stahlen Essen oder belästigten die Frauen. Notorische Verbrecher, das waren sie. In Groß Nemerow haben sie ein Hausmädchen auf obszöne Weise genötigt und fast zu Tode gewürgt, dabei war es noch ein Kind. In Stargard nagelten sie junge Katzen an einen Staketenzaun. Den Pastor von Möllenbeck knüppelten sie nieder. Seine Ziegen und Hühner haben sie erschlagen, aus purer Lust am Töten.“
„Warum hat sich niemand dagegen gewehrt?“
Der Förster schwieg eine Weile, das Thema schien ihm nicht zu behagen. Van Mechow beschloss, nicht zu insistieren, doch Förster Uhland meinte schließlich:
„Es ist schon lange her. Die Menschen hatten Angst. Und sie haben noch immer Angst.“
„Wovor? Hanke und Schwarz sind längst tot.“
Förster Uhland schaute van Mechow mit prüfendem Blick in die Augen:
„Der Hanke behauptete damals, er sei im Besitz des sechsten und siebenten Buches Mosis.“
„Tatsächlich?“
Van Mechow verzog belustigt das Gesicht. Von dem Buch hatte er schon einmal zu seinen Studienzeiten gehört. Es galt als ein verrufenes Grimoire okkulter Sprüche, als kabbalistisches Vielerlei und satanisches Traktat, als eine entfesselte Magie der Worte. Aus dem Mittelalter sollte es stammen, doch es könnte angeblich noch viel älter sein, vielleicht stamme es gar aus den Papyri Graecae Magicae des vierten Jahrhunderts. Damals, im akademischen Circulum, hatte es geheißen, mit dem Buch könne man Krankheiten heilen, Frauen schwängern, Wolllust wecken und Feinde verfluchen.
Förster Uhland war nicht entgangen, dass der Doktor aus Potsdam amüsiert war, doch er blieb ernst:
„Es gibt niemanden mehr bei uns im Dorfe, der darüber lacht, Herr van Mechow.“
„Verzeihen Sie, ich wollte nicht respektlos erscheinen.“
„Fritz Breuker, der Sohn des alten Hegemeisters, hat endlich als junger Forstanwärter die Mörder seines Vaters im Ziemenbachtal verhaften können.“
„Und so kamen die beiden ins Zuchthaus von Altstrelitz.“
„So ist es. Allerdings erzählt man sich, dass der junge Breuker über das allzu milde Urteil des Güstrower Schwurgerichts sehr erbost war. Die Hinrichtung mit dem Beil hatte er den Mördern seines Vaters sprichwörtlich an den Hals gewünscht. Doch die beiden Verbrecher beriefen sich darauf, dass sich der Schuss versehentlich gelöst habe.“
„Was geschah dann?“
„Ich weiß nicht recht, ob es gottgefällig ist, über solche Dinge zu sprechen.“
„Ich bitte Sie, erzählen Sie!“
Förster Uhland stürzte sein Glas, winkte der Bedienung für ein Neues, schaute den Arzt aus Potsdam lange an und seufzte schließlich:
„Dort, wo es an Ausleuchtung mangelt, sprießen Fragen wie Pilze in einer feuchten Sommernacht, nicht wahr? So will ich Ihnen etwas Helligkeit verschaffen, auch wenn nicht alle Geschehnisse rund um den abscheulichen Mord am Hegemeister restlos aufgeklärt werden konnten. Viel Hörensagen ist dabei.“
„Nun, Gerüchte haben oft einen wahren Kern.“
Förster Uhland nickte nachdenklich:
„Man erzählt sich, dass Fritz Breuker dem Hanke das sechste Buch Mosis abgenommen hat, welches dieser in seiner Tasche bei sich trug. Auch wir haben natürlich vom seltsamen Sterben der Förstermörder im Altstrelitzer Zuchthaus gehört. Bei uns im Dorf denkt seit diesen Tagen jeder, dass der junge Breuker sich in den alten Sprüchen versucht hatte.“
Der Förster senkte die Stimme:
„Angeblich hat ihm der alte Apotheker aus Punschendörp geholfen, die Zutaten für einen Zauber zu besorgen. Im Gegenzug hat ihm der Fritz wohl versprochen, dass er ihn mithilfe des Buches von der Französischen Krankheit befreien könne.“
„Von der Lues? Wie soll er das angestellt haben? Das ist schlicht unmöglich.“
Jetzt flüsterte der Förster nur noch, obwohl niemand ihrer Konversation folgte, im Gegenteil, die Umsitzenden am Tisch stimmten in prächtiger Laune ein Loblied auf den Heiligen Hubertus an, so dass van Mechow die Worte des Alten kaum verstand:
„Man muss sich eingraben. Bis zum Hals muss man nackt und eine Nacht lang in Pferdeäpfeln stehen.“
„Und dann?“
„Dann, heißt es, sei es eine Angelegenheit bedacht gewählter Worte. Worte, die in eben jenen Büchern stehen.“
„Aha.“ Van Mechow schwieg, wider Willen beeindruckt. Weil die Neugier in ihm zu stark war, fragte er:
„Hat das Sprüchlein beim Apotheker gewirkt?“
Förster Uhland kratzte sich am Bart:
„Vielleicht. Sie wissen ja, man erzählt sich vieles. Angeblich zeugte er noch im hohen Alter ein Kind mit der buckligen Magd des Nachbarn, gepriesen als Wunder des späten Augustsaftes, und das klaffende Syphilitenloch auf seinem Nasenrücken sei verschwunden.“
„Das ist mehr als erstaunlich! Man müsste ihn der Charité vorstellen!“
„Er lebt nicht mehr, er starb vor einigen Jahren.“
„Und der junge Breuker?“
„Auch er ist tot.“
„Woran starb er?“
„Vielleicht an seinen eigenen Versen? Sei er gewiss, ich bin selbst kein abergläubischer Mensch. Auch meine Mutter war es zeit ihres Lebens nie. Doch sie sagte mir, dass dies ein Buch ist, das man nicht anfassen sollte. An diesem Buch sei nichts Gutes, und wer die Schöpfung versucht, wer namenlose Kräfte weckt, in dem er sie beschwört, muss immer damit rechnen, dass die Kräfte sich gegen den Recitator der Formeln selbst richten, sofern sie nicht mit genügender Inbrunst und einer tiefen Verkommenheit der Seele ausgestoßen werden.“
„Was ist mit dem jungen Breuker geschehen?“
„Er hat sich vor neun Jahren umgebracht. Jahrelang bekamen er und seine Frau keine Kinder, obwohl sie sich sehnlichst eines wünschten. Dann brachte seine Frau innerhalb von einem Jahr zwei Jungen tot zur Welt, denen die Köpfe fehlten. Breuker erschoss sich mit der Jagdwaffe seines Vaters.“
„Hat man denn das sechste und siebente Buch Mose bei ihm gefunden?“
„Ja. Ein zerlesenes Pamphlet voll wüster Kritzeleien, Rezepturen und Verse, gebunden in rotes Leder. Es war nur der erste Teil vorhanden, also das sechste Buch. Ein Knecht, der es mit seinen Fingern berührte, erlitt eine Blutvergiftung in der Hand.“
„Das wird ein Zufall gewesen sein. Die Sepsis ist die Berufskrankheit der Knechte wie der Gerber. Gibt es das Buch noch?“
„Nein. Wir trugen es mit einer Schaufel in den Kirchhof und verbrannten es dort.“
Van Mechow war gebannt von den Schilderungen, die seinem Streben nach der Vernunft aller Dinge zuwider liefen:
„Und das siebente Buch Mosis? Wo ist es verblieben?“
Förster Uhland hob abwehrend die Hand:
„Befassen Sie sich nicht damit. Es wird Ihnen kein Glück bringen. Niemandem hat es Glück gebracht.“
„Hat man das fehlende Buch gefunden?“
„Nein. Es hat auch niemand danach gesucht.“
„Wo genau befindet sich denn die Kate der Mordbuben? Sie sagten, es sei hier ganz in der Nähe gewesen?“
„Ihr Unterschlupf ist nicht weit von hier gelegen, gerade gegenüber von hier über die Lieps hinweg auf der Halbinsel Nonnenhof am Nordufer, wohl am Bacherswall. Aber Sie sollten nicht dorthin gehen, Herr van Mechow. Es ist kein guter Ort. Unweit liegen die Gräulichen Gruben, wo man früher die Pesttoten ablud. Und angeblich stand  dort vor ewigen Zeiten Riedegost, die Tempelburg der Slawen. Es soll dort spuken. Es heißt, dass dort nicht einmal Vögel brüten.“
Van Mechow winkte ab:
„Seien Sie beruhigt. Ich bin ein Mann der Wissenschaft, nicht des Hokuspokus.“
Der alte Förster war erleichtert, und später, als infolge zugesprochenen Alkohols die Herrschaften müde wurden, verabschiedeten sie sich voneinander und zogen sich in ihre Schlafräume des Schlösschens zurück.

Am nächsten Morgen erwachte van Mechow früh. Die Kutsche zur Bahnstation in Blankensee würde nicht vor Mittag eintreffen, und so konnte er doch, entgegen seiner Worte des Vorabends und entgegen seiner hartnäckigen Erkältung, der Neugier nicht widerstehen. Ohne zu wissen, was ihn in der sicherlich längst verfallenen Kate der Wilderer und Mörder erwarten sollte, so er sie überhaupt entdecken sollte, begab er sich auf den Weg.
Die Sonne schob sich schnell am Himmel aufwärts, ihm wurde warm. Auch merkte er jetzt wieder das leichte Fieber seines Katarrhs, das ihn nicht loslassen wollte, so dass er zu schwitzen begann. Zwischen Kiefern hindurch führte ihn sein Weg am Ufer entlang eines Gürtels aus mannshohem Schilfgras, das gelegentlich von modrigen Stegen durchbrochen war. Im Rund breitete sich die Lieps vor ihm aus, das Inselchen Kietzwerder zu seiner Rechten ließ er schnell hinter sich. Die Wiesen waren aufgeweicht, leise gurgelte es unter seinen Schritten.
Mücken ließen sich auf van Mechow nieder und versenkten ihre Stachel in seiner Haut. Über ihm in den Spitzen des Röhrichts wippten Rohrkolben im Spiel der Windböen, umschwirrt von Libellen. Bachstelzen und Kiebitze riefen ihm, aufgebracht ob der Störung und unsichtbar im Dickicht, ihre Beschimpfungen zu, eine aufgescheuchte Blässralle schrie ihn wütend an, verfolgt von einer Schar zerzauster Küken, schnell verschwand sie mit ihrer Brut in Binsen, Schwertlilien und Kalmus. Frösche glitten glucksend von Seerosenblättern. Einige Male war ihm, als sei hinter ihm ein Geräusch zu vernehmen, ein Knacken von Zweigen, das Rascheln alter Blätter. Doch wenn er innehielt, so war nichts mehr zu hören. Also ging er weiter, bis er den Alten Graben erreichte, hinter dem sich die bewaldete Halbinsel anschloss. An einer seichten Stelle überquerte er den Graben und wanderte am Ufersaum entlang zur Spitze der bewaldeten Landzunge.
Doch so lange er auch jenseits des Schilfs suchte, er konnte keine Kate entdecken. Also zwängte er sich weiter durch das Unterholz, das nordwärts in eine Senke führte, und als er wieder besser voraus schreiten konnte, wurde es still. Vögel verstummten, sogar das Spiel der Wellen verlor sein Glucksen, und der Wind raschelte nicht mehr in den Blättern. Plötzlich fuhr zwischen den Blättern der Bäume hindurch ein gleißender Strahl in seine Augen und blendete ihn. Ihm war, als tropfe Licht schmelzend an den Zweigen herunter. Es fiel auf seine Schultern und wurde ihm zu einer Angst, die ohne Namen war. Etwas strich vor ihm über seinen Weg, kaum mehr als ein Schemen. Es berührte ihn eisig an der Brust und van Mechow erschrak heftig. Er geriet ins Stolpern, hielt sich an einem jungen Trieb fest, der nachgab und ihn stürzen ließ. Er rollte die Senke hinab und schlug hart mit dem Kopf auf.
Als van Mechow wieder zu Bewusstsein gelangte, bemerkte er, dass er in einem Geviert verrotteter Balken lag, umgeben von totem Schilf, das wohl einmal zu Reetgarben gebunden war. Sein Kopf war gegen einen Stein geschlagen, seine Stirn blutete. Als er den Stein wütend wegstieß, fasste er darunter in eine graue Masse zerfaserten Papiers inmitten roten Leders. Van Mechow sprang auf, wischte angeekelt seine Hand ab und rannte zum Forsthaus zurück. Dort verband man seinen Kopf. Später brachte ihn der Kutscher zum Bahnhof. Gegen Abend erreichte er sein Zuhause. Seine Frau erschrak ob der Kopfverletzung, doch van Mechow winkte nur erschöpft ab und ging zu Bett. Am nächsten Morgen schauten die Kinder in das elterliche Schlafzimmer, um nach dem Befinden des werten Herrn Vaters zu schauen, doch van Mechow wachte nicht mehr auf.
Man führte sein Ableben auf die allgemeine körperliche Überlastung und ein verschlepptes Lungenleiden zurück. Einige Tage später ließ seine Witwe eine Traueranzeige veröffentlichen, und sie entschied sich für einen Bibelvers aus dem zweiten Buch Mose, Kapitel 23, Vers 20: Ich aber will einen Engel vor dir einhergehen lassen um dich unterwegs in meine Hut zu nehmen und ich will dich mit einem Licht an die Stätte geleiten, die ich festgesetzt habe.

 

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(Publikumspreis beim Berliner Literaturpreis „Wortrandale 2019“, Thema „Wenn im Norden das Licht schmilzt“)

Also gut, reden wir über die dicke Hedwig

Immer, wenn das Thermometer springt, wenn Klimafühligkeit die Empfindsamen ächzen lässt, wenn Frost über das Land kommt oder Regen gegen die Fenster peitscht, massiert mein Großvater schmerzverzerrt seine Schulter und murmelt: „Alle Wetter, und das nur wegen der dicken Hedwig.“
„Opa“, frage ich dann, „Was ist mit der dicken Hedwig?“
„Nichts. Das sage ich nur so“, grummelt er dann und will nicht darüber sprechen.
Eigentlich ist mein Großvater nicht empfindlich. Dies mag seiner bäuerlichen Herkunft geschuldet sein. Robust und unerschrocken war er in jungen Jahren, manche sprachen gar von einer Kühnheit seines Wesens, die ihn bereits in seiner Jugend verrückte Dinge tun ließ.
Einmal, in den fünfziger Jahren, besuchte er gemeinsam mit einem Cousin das Baumblütenfest in Werder. Sie fuhren mit dem Fahrrad dorthin, und auf dem Rückweg vom Fest, während sie wieder nebeneinander her radelten, war er auf die Idee gekommen, man könne einmal versuchen, bei leichter Bergabfahrt mit überkreuzten Armen jeweils das Fahrrad des Anderen zu steuern. Dass sie zuvor dem Obstwein reichlich zugesprochen hatten, mag als eine der Ursachen für dieses abwegige Unterfangen gelten.
Man fand beide bewusstlos an einem Alleebaum. Beide hatten sich bis zum Aufprall geweigert, das Rad des Anderen loszulassen, aufgrund einer Dickköpfigkeit, die seit jeher in meiner Familie begründet liegt. Mein Großvater hatte ein Loch im Schädel, einen Beinbruch, multiple Verstauchungen und häufig wiederkehrende Kopfschmerzen davongetragen, doch er jammerte nie.
Später, in den sechziger Jahren, als die Zwangskollektivierung der ostdeutschen Landwirtschaft erst wenige Jahre zurück lag, fassten einige Funktionäre des Ortes zur Erbauung des sozialistischen Geistes den Entschluss, den Dorfausgang für den Tross der Erntefahrzeuge mit einem Plakat zu versehen, auf dem in großen Lettern stand:
„Ohne Gott und Sonnenschein,
fahren wir die Ernte ein.“
Einen Tag später hatte mein Großvater – seine Dickköpfigkeit hat bereits Erwähnung gefunden – sein eigenes Plakat gefertigt und über Nacht daneben gehängt:
„Ohne Sonnenschein und Gott,
geht die LPG bankrott.“
Schnell ergab sich aus diesem Affront eine handfeste Prügelei mit dem LPG-Vorsitzenden, so dass man beide Heißsporne zur Kühlung ihrer Mütchen für einige Monate nach Brandenburg an der Havel verbrachte, wo sie nach jeweils erfolgtem Ausheilen ihrer Blessuren einige Zeit hinter verschlossenen Türen bei gemeinsamen Schachpartien verbrachten, bis die politischen Kontakte des LPG-Vorsitzenden griffen, der sich aufgrund der neu gewonnenen Schachfreundschaft für meinen Großvater einsetzte. Die Schlägerei hatte meinem Großvater ein eingerissenes Ohr, einen Rippenbruch und einen Jochbeinbruch beschert, doch auch über diese Schmerzen verlor er kein Wort.
Umso erstaunlicher also war die Empfindlichkeit meines Großvaters, was seine Schulter betraf. Dies steigerte sich noch im Herbst, wenn zur Apfelzeit die Bäume rot leuchteten und die Nachbarn mit ihren Apfelpflückern in die Kronen der Bäume fuhren, um in den Wipfeln all die prachtvollen Goldparmänen, Muskatrenetten oder Hasenköpfe zu erhaschen. Als Großvaters Ungemach nun vor einigen Wochen immer mehr zunahm, bestand ich darauf, mit ihm einen Spezialisten in Berlin aufzusuchen. Er willigte ein, aber nur, wenn ich, seine Enkelin, ihn ins Behandlungszimmer begleitete: „Wer zum Quacksalber geht, soll Zeugen haben.“
Der erfahrene Orthopäde betastete die Schulter meines Großvaters und bestand zugunsten einer umfassenden Anamnese darauf, den Grund der kaputten Schulter meines Großvaters zu erfahren, so dass dieser schließlich widerstrebend einwilligte:
„Also gut, reden wir über die dicke Hedwig. Aber wenn Sie lachen, gehe ich sofort.“
„Warum sollte ich lachen? Ich bin Arzt. Nichts an einer Verletzung ist amüsant.“
Eine Viertelstunde später saßen wir wieder im Auto, und während wir nach Hause zurückfuhren, schüttelte mein Großvater den Kopf: „Siehst du? Ich habe es doch gleich geahnt. Jetzt müssen wir nach einem neuen Arzt suchen.“ Er musterte mich argwöhnisch:
„Lachst du etwa auch?“
„Natürlich nicht“, antwortete ich mit zusammengepressten Lippen und versuchte, nicht an jenen Junitag der Heuernte im Frühjahr 1971 zu denken.

Sie hatten die Mahd zunächst auseinandergestreut und einige Male gewendet, um sie dann zu einer großen Miete aufzutürmen. Dann war, wie in jedem Jahr zur Heuernte, aus dem Nachbardorf die dicke Hedwig gekommen, so hatte es mein Großvater dem Orthopäden geschildert. Niemand wusste, warum sie so dick war, doch man sprach von schweren Knochen, dem Stoffwechsel und den Drüsen, auch aß sie wohl gern. Um das enorme Gewicht Hedwigs zu verdeutlichen, konstatierte mein Großvater, dass sie damals so schwer gewesen sein muss wie die gescheckte Lotte aus Roskow, immerhin die meistprämierte Milchkuh der LPG.
Einmal im Jahr wurde Hedwig gebraucht, um mit ihrem Körpergewicht das Heu der Mieten zusammen zu drücken, damit es bei Sturm nicht davon flöge. Das heikle Unterfangen bestand also darin, die Schwerstgewichtige auf die Spitze der Miete zu befördern, was nur unter großer körperlicher Anstrengung fünf starker Männer und mit entsprechendem Gerät zu bewerkstelligen war. Man behalf sich mit Leitern und langstieligen Apfelpflückern, an denen sich die kichernde Hedwig festhielt, während unter ihr beherzt die Männer zupackten, um sie an ihrem gewaltigen Hinterteil auf den Scheitelpunkt der Miete zu schieben, wo ihr Körper den optimalen Anpressdruck entwickeln konnte. Auch im Jahr 1971 wäre vermutlich alles wieder gut gegangen, wenn nicht einer der Apfelpflücker – wohl von morscher Beschaffenheit – durchgebrochen war, so dass die dicke Hedwig den Halt verlor und alle fünf Männer unter sich begrub.
Eine Kuh wiegt bis zu 650 Kilogramm. Wir wollen zur Ehrenrettung der dicken Hedwig annehmen, dass mein Großvater mit dem Bezug zur besten Milchkuh Roskows einen unstatthaften Vergleich gezogen hat. Allerdings ist ihm zugute zu halten, dass sich die danieder gehende Hedwig für ihn vielleicht so angefühlt haben mochte, zumal nach den Regeln der Physik auch die Fallhöhe ein Aspekt massereicher Impulse ist. Ungeachtet von Milchkühen und naturgesetzlichen Gewissheiten wurde die Schulter meines Großvaters dadurch zertrümmert. Auch die anderen Männer bezogen umgehend Gipsbetten, im Gegensatz zur überraschten Hedwig, die als einzige weich gefallen war. Nach dieser Havarie schaffte die LPG im Folgejahr eine Heuballenpresse an.

Mein Großvater bemerkte mein Grienen, schaute beleidigt aus dem Autofenster und schwieg. Regen setzte ein, Tropfen platschten schwer auf die Windschutzscheibe. Mein Großvater rieb seine schmerzende Schulter und murmelte: „Alle Wetter, und das nur wegen der dicken Hedwig.“

 

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(Preisträger beim Putlitzer Preis 2019 mit dem sechsten Platz, Thema „Alle Wetter“)

Die Ordnung meiner Welt

Am 22. Juli 1965 bekommen wir Besuch in unserem Schrebergarten. Das weiß ich noch genau, obwohl ich damals erst elf Jahre alt bin. Mein Papa steht von seinem Bänkchen auf und begrüßt Günter, seinen Nachbarn und Kumpel. Der tätschelt betrübt meine Wange und schenkt mir einen kleinen gelben Plastikdrachen. Dann wird er ernst und sagt zu meinem Papa, während seine Stimme ausrutscht: Schlagwetter auf Zeche Constantin. Die Grube brennt. Es gibt Tote. Ja, auch Harald. Wat ne Scheiße, sagt mein Papa und wankt, Günter muss ihn stützen. Es ist kurz vor ihrer gemeinsamen Schicht, die nun ausfällt, und beide sind weiß im Gesicht. Sie setzen sich an den Tisch, reden, weinen und trinken Schnaps, während ich versuche, mir vorzustellen, wie mein Onkel Harald unten in der Erde verbrennt.
Knapp zwei Jahre später wird Constantin der Große stillgelegt. Papa verliert seinen Job und fängt an, zu saufen. Nicht wie vorher, sondern noch heftiger. Er schlägt Mama. Nicht wie vorher, sondern noch heftiger. Er kommt dann von der Bude des Schlesiers, sieht Mama zitternd in der Küche sitzen und zieht wortlos seinen Gürtel aus der Hose. Manchmal schaffe ich es, mich in seinen Weg zu stellen, dann schlägt er mich und Mama kann sich irgendwo einschließen. Manchmal ist er schneller als ich, dann dreht er dazu das Radio auf und schlägt sie, weil sie Schuld an allem hat, wie er sagt, bis er weinend vor ihr kniet und fragt, ob sie ihm verzeiht, und sie tut es.
Als ich 20 Jahre alt bin, wird es besser für mich, weil ich mit Andreas zusammenkomme, meinem ersten und einzigen Freund. Das ist eine schöne Zeit, die schönste von allen. Andreas sagt zu meinem Papa, wenn du sie noch einmal schlägst, du Suffschwein, steche ich dich ab. Danach ist Ruhe. Wir ziehen in eine Wohnung nach Herne. Andreas verlässt mich 1976. Er hat eine neue Freundin, weil ich ihm zu dick bin, sagt er. Ich bleibe in der Wohnung, zwei Zimmer habe ich nun für mich ganz alleine.
Irgendwann 1978 klopft meine Nachbarin, eine entfernte Bekannte meiner Eltern, an die Wohnungstür. Da lasse ich schon lange keinen mehr rein, wozu auch. Hast du gehört? Dein Vater ist gestorben, sagt sie. Von mir aus, sage ich. Hat deine Mutter dir nichts gesagt? Ich habe nicht mehr viel Kontakt. Wollen wir nicht mal bei dir in der Küche einen Kaffee trinken, fragt sie und beugt sich vor in meinen Flur, um hinein zu schielen. Ich sage Nö und schiebe sie über die Schwelle. Hast es wohl nicht so mit dem Aufräumen, gibbelt sie. Halt die Klappe. Schlampe. Blöde Bratze.
Zur Beerdigung meines Papas gehe ich dann doch. Es ist ein regnerischer Herbsttag, und als der Wind durch die Bäume fährt und Blätter von den nassen Zweigen reißt, fällt mir plötzlich ein, wie Papa mit mir auf dem Tippelsberg Drachen steigen ließ. Das muss gewesen sein, als ich gerade in die Schule gekommen war. Ich weiß noch, wie meine Zöpfe fliegen und gegen meine Wangen schlagen, als ich laufe und lache und laufe. Ich stolpere über dicke Batzen Gras, aber ich falle nicht hin. In meiner Hand umklammere ich die Spule mit der Schnur, flipflap saust sie um den lila Plastikgriff. Papa hält den Drachen fest, einen gelben mit freundlichem Gesicht und roten Backen, und der Drachen hat einen Schweif aus blauen und grünen Schleifen. Dann lacht Papa laut, als er den Drachen loslässt, der nach oben in den Himmel schießt, und vielleicht ist Papa in diesem Moment sogar einmal glücklich gewesen.
Plötzlich muss ich flennen, ich kann gar nicht mehr aufhören. Niemand stört sich daran, es sind sowieso nur Mama, Günter und der Pastor da. Günter gibt mir ein Taschentuch und tätschelt meine Wange. Mama weint nicht. Fest presst sie die Lippen aufeinander, so dass ihr Mund zur Linie wird. Als die Grubenlampe auf Papas Sarg gelöscht wird, fällt mir ein, was ich machen könnte. Seitdem sammle ich Drachen. Günters Drachen aus meiner Kindheit ist der erste.
Es kommen bald kleine, große, bunte, graue Drachen hinzu, aus Plastik, aus Stoff, aus Metall, was ich kriegen kann, am liebsten gelbe Drachen. Ich sammle sie im Wohnzimmer im Regal, das schnell zu klein wird. Bald ist das Sofa voller Drachen. Jeder Drachen hat einen Namen und es dauert täglich Stunden, bis ich jeden einzelnen begrüßt habe. Irgendwann kann ich nicht mehr zur Arbeit gehen, weil meine Drachen so viel Zeit beanspruchen, also kündige ich bei den Stadtwerken, wo mich sowieso niemand vermisst. Zu den Drachen gesellen sich andere Tiere, niemand ist gerne allein, und ich habe viel zu geben. Ebenso benötige ich Platz für die Gratiszeitungen aus meinem Briefkasten. Manchmal denke ich, vielleicht fällt der Strom aus, und dann könnte ich mir einen Ofen einbauen lassen, und ich hätte jede Menge Brennmaterial, und es kostet noch nicht einmal Geld. Ich brauche ohnehin nicht viel Platz. Die Gänge zwischen den Stapeln genügen mir, ich bin nicht mehr so dick wie damals, als Andreas mich verließ.
Essen gibt es meistens aus Dosen. Zum Kochen komme ich nicht mehr, meine Wohnung braucht Zeit, und die leeren Konservendosen nutze ich, um daraus Hochregale zu stapeln. Ich lege Äste und Zweige darüber, die ich im Park abschneide. Dann brauche ich kein Bauholz zu kaufen. Einmal werde ich dort von Gärtnern beschimpft. Als ich ihnen erkläre, dass ich aus den Stöcken Regale baue, lachen sie nur und sagen, ich soll mich verpissen. Dabei kann ich doch auf den Regalen meine Post lagern. Ich öffne die Briefe nicht mehr, zu viel Unerfreuliches steht darin, man bedroht mich. Eigentlich würde ich die Briefe am liebsten wegwerfen, aber es sind meine, sie gehören mir, und ich kann es mir nicht leisten, Dinge zu verlieren.
Mit Mama telefoniere ich manchmal,  an Weihnachten oder wenn sie Geburtstag hat, doch oft streiten wir nur wegen früher. Dann, später, im Sommer 1986, liegt sie im Krankenhaus. Es geht ihr nicht gut, sagen die Schwestern, sie wird sterben. Vielleicht noch zwei Monate, sagen die Ärzte, irgendwas mit einer Raumforderung im Kopf. Mama liegt da und will meine Hand nehmen, also gebe ich sie ihr. Was sie sagt, kann ich nicht verstehen, es ist nur ein Nuscheln. Sie weint immerzu, wahrscheinlich wegen der großen Schmerzen, doch ich kann nichts tun. Wenig später stehe ich auch an ihrem Grab, und danach nehme ich die Blumen von ihrer Beerdigung mit. Meine Mutter braucht sie doch nicht mehr. Die Blumen lege ich zu den anderen Pflanzen in die Badewanne. Im Sommer sind die Fliegen ein Problem. Manchmal gibt es Beschwerden.
Aus Mamas Wohnung hole ich noch ein paar Dinge, die mich an sie und Papa erinnern. Alles, was ich in meinem Einkaufsroller transportieren kann, nehme ich mit. Irgendwann passt mein Schlüssel nicht mehr in das Schloss. Ein Mann öffnet die Tür und sagt, er ist der neue Mieter, und ich soll nicht mehr wiederkommen.
Vor kurzem besucht mich Günter. Ich kann ihn durch den Spion erkennen, obwohl er sehr alt geworden ist. Ihm mache ich auf. Er sagt, dass er jetzt ins Heim geht. Er hat noch alte Fotos von meinen Eltern entdeckt, damals aus dem Schrebergarten. Er gibt mir einen Schuhkarton mit Schwarzweißaufnahmen und verabschiedet sich. Nett ist er, wie immer. Deine Alten haben’s dir nicht gerade leicht gemacht, nicht wahr, sagt er. Ich nicke. Er schaut in den Flur. Räum mal wieder auf, sagt er freundlich, streichelt meine Wange und geht.
Neulich klingelt es, dann klopft es und als ich nicht öffne, wird die Tür aufgebrochen. Drei Männer in Schutzkleidung und mit Atemmasken kommen herein und ergreifen mich. Ich wehre mich, aber die Männer sind stärker. Draußen vor dem Haus gibt mir eine Ärztin eine Spritze und redet auf mich ein. Meine Nachbarn stehen um mich herum. Na endlich, sagen sie. Das wurde Zeit. Zwangsräumung. Weil die Decke darunter schon durchhing. Wegen der Last und der Feuchtigkeit, Gefahr im Verzug. Bricht ja irgendwann das ganze Haus zusammen. Die Wohnung vermüllt bis zur Decke, eine Schande. Das gibt’s doch nicht. Doch, und ein Gestank wie auf einer Müllkippe. Da müssen mindestens zehn Container kommen. Ein Fest für Kammerjäger. Dazu Hunderte von Drachen, überall. Wie kann man nur so leben? Warum hat die Alte nie aufgeräumt? Mich können sie nicht meinen. Auch wenn meine Wohnung vollgestellt ist, das bestreite ich gar nicht. Ich habe auch nicht Staub gesaugt, weil ich irgendwann den Staubsauger nicht mehr fand. Aber es ist doch Ordnung in meiner Wohnung. Meine Ordnung.
Jetzt bin ich in einer Klinik, auch wenn sie es anders nennen. Meine Wohnung fehlt mir. Vor allem meine Drachen. Einen gelben Drachen durfte ich mitnehmen, immerhin, den von Günter. Aber keinen zweiten. Das Sammeln ist vorbei, sagen die Schwestern.

 

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(Wettbewerbsbeitrag zum Bonner Literaturpreis 2018 des Dichtungsring e. V., Thema „Aus dem Rahmen gefallen“)

I tasted freedom and I liked it

Barrakuda fällt mir immer dann ein, wenn ich versuche, mich an die Zeit zu erinnern, als ich meine Ideale nicht nur liebte, sondern lebte. So um 1980 muss das gewesen sein, im Hochsommer. Mal unter uns, um ganz ehrlich zu sein, danach kam ja nicht mehr viel von mir.
Damals geht mir Beate so dermaßen auf den Sack mit ihrer schlechten Laune und ihren Fressattacken. Ständig leidet sie unter Migräne. Sie hat die gesamte Wohnung verdunkelt, so dass ich gegen Möbel laufe. Von unserer Tour habe ich ihr nichts erzählt. Zuviel Gezeter, das braucht kein Mensch. Als ich am Morgen meinen Rucksack packe, die Kabel zusammensuche und meinen Ibanez Blazer im Case verstaue, steht sie in der Tür und fragt, während draußen mehrfaches Hupen ertönt, was das hier werden soll. Ich sage: „Ich bin weg. Ich gehe mit den Jungs auf Tour.“ – „Du willst mich hier alleine lassen mit dem Baby und den Kopfschmerzen?“ – „Ja.“ – „Du bist ein Arschloch.“ – „Ich tu’s, um Geld zu verdienen.“ Sie schnauft höhnisch: „Na klar. So wie ihr sauft, wirst du Geld mitnehmen müssen.“ – „Wenn du meinst.“ – „Wann kommst du zurück?“ – „Weiß nicht, in zwei Wochen oder so.“ – „Brauchst gar nicht mehr wiederkommen.“ – „Auch okay.“
Ich gehe in den Flur, ziehe meine Boots an und die Tür hinter mir zu. Ich höre noch, dass sie zum Kühlschrank watschelt und dort die Tür quietscht, dann bin ich weg.
Unten auf der Straße steht unser Bedford Blitz, schwarz, grün und lila besprüht mit dem Schriftzug unseres Bandnamens. Die Angefassten Bulletten, Bulletten mit doppeltem L, das sind wir. Hinter dem Lenkrad hockt Desperado, unser Gitarrist. Auf dem Beifahrerplatz die blonde Wuschelmatte vom schmächtigen Funghi, Sänger und Texter unserer Notenanarchie. Die Rückbänke des Transporters fehlen, wie immer, damit wir Platz für Equipment und Matratzen haben. Zwischen Verstärkern, Boxen, Drum Cases, Kabeln und Bierkästen hockt Chris und grinst. Er ist mit 27 Jahren unser Ältester, Gründer und Schlagzeuger unserer Band, Antichris genannt.
Wer wie wir aus einem Kaff bei Greven kommt, für den ist der Pott das Land von Manna und Ekstase. Die A 43 ist unsere Aorta, über die wir uns das Adrenalin ins Leben pumpen. Nach einer Stunde Fahrt sind wir da. Antichris hat hier und da angerufen und eine Handvoll Gigs klar gemacht.
Unser erster Auftritt ist in Gelsenkirchen, in einem Kulturzentrum im Lörenkamp, wir schieben uns mit unserem Zeug durch die feiernde Menge. Wir sind spät dran. Die Vorgruppe steht bereits auf der Bühne, eine lokale Truppe, die sich Schmierblutung nennt. Die Frontfrau trägt Glatze und Springerstiefel, die Beine in zerrissenen Strumpfhosen, obenrum eine offene Karoweste, darunter nix außer großen Brüsten. Sie steht starr auf der Bühne, als hätte man Zimmermannsnägel durch ihre Sohlen getrieben, schreit ihre Texte von verwesenden Bankern in das Mikrofon und kippt dabei Steinhäger aus der Betonbuddel. Ungefähr hundert Punks stehen vor der Bühne und zucken mit den Köpfen, ganz vorn wogt in den harten Riffs kreischender Stromgitarren unser aller Pogo. Rückkopplungen stechen mit Messern in unsere Ohren, ein Wirbel von explodierenden Rimshots hämmert auf die Trommelfelle.
Berauscht bauen wir in der Pause unser Set auf, aus den Boxen über uns wummern die Stiff Little Fingers, die guten alten Songs vom Inflammable Material. Unser Gig ist purer Furor. Wir spielen um unser Leben, Funghi kotzt sich durch die versengten Stimmbänder hindurch die Seele aus dem Leib, Desperado schneidet sich die Hände auf den Saiten blutig, feucht platzen die Blasen auf den Fingerkuppen meiner rechten Hand. Ahornholz staubt in winzigen Splittern über die Hängetoms, als Desperado seine Sticks auf den Crashbecken zerspant. Wir delirieren zwei Stunden lang auf der Bühne, vor uns ein einziges Brodeln, und nach dem Konzert am Morgen schlafe ich mit der Frontfrau von Schmierblutung, auf einem Golf ficken wir und verbeulen die Motorhaube.
Vor dem Konzert am nächsten Abend in Herten hat Funghi heftige Kopfschmerzen, die er mit Bier, Aspirin und einem mexikanischen Kahlkopf herunterspült. Weil ihn der psychotrope Pilz dazu animiert, ins Publikum zu pinkeln, ist das Konzert nach zehn Minuten beendet. Eine der ersten geworfenen Bierflaschen trifft ihn an der Stirn und erlöst ihn. Funghi blutet wie Sau. Kichernd nähen wir noch auf der Bühne die klaffende Platzwunde auf seiner Stirn. Antichris, schließlich studiert er manchmal Medizin, führt die Nadel, mit der er sonst seine Klamotten nach Konzerten zusammennäht. Wir bauen unser Set ab und trinken einige Biere, bis Funghi langsam wieder zu sich kommt und mit uns weiter trinkt. Er sieht schlimm aus. Später kriechen wir völlig zerstört in unseren Bedford.
Den Tag verbringen wir im Freibad von Herten, am späten Nachmittag fahren wir nach Bochum-Wiemelhausen, um im Volxzorn aufzutreten, einem illegalen Kellerclub unweit des Malakow-Turms. Es wird ein solides Konzert, wir bringen unser Repertoire ohne Ausfälle durch. Nach dem Auftritt schiebe ich mich zum Tresen durch, um Bier zu holen. Neben mir steht ein Mann, der mir begeistert auf die Schulter schlägt. Er ist bestimmt zehn Jahre älter als ich und hat eine tropfenförmige Figur, da seine schmale Brust in einen gewaltigen Bierbauch übergeht. Sein T-Shirt  ist ausgewaschen und der unter Spannung stehende Aufdruck Thekenfräsen ist nur noch schwach zu erkennen. Seine domestosierte Jeans ist an den Nähten aufgeplatzt. Er bestellt zwei Kurze und reicht mir eines der Gläser: „Wer austrinkt, muss auch einschenken können.“ Wir kippen, und während ich die nächsten Kurzen ordere, sagt er mit stolpernder Zunge: „Geile Mucke seid ihr am Machen. Wie heißt du?“ – „Mücke.“ – „Angenehm. Barrakuda. Einen sollen wir noch, oder?“ – „Immer.“ Heiß läuft der Korn durch meine gebeizte Röhre, und er fragt mich: „Weißt du, wie ich zum Punk gekommen bin?“ – „Keine Ahnung, ist doch egal.“ – „Das war 1976, im Dezember.“ – „Aha.“ – „Immer bei Thyssen am malochen, alles andere war mir nix. War aber auch Scheiße.“ – „Und was hat das mit Punk zu tun?“ – „Eines Tages gab mir ein Kumpel ein zerfleddertes Heft, was Zusammenkopiertes, Sideburns hieß das oder so ähnlich. Darin waren ein paar Gitarrengriffe zu sehen.“ – „Kenn’ ich, alter Hut, und darunter stand: Das sind drei Akkorde und jetzt gründet eine Band.“ Der Mann lacht und nickt: „Eine Band. Genau das haben wir gemacht. Hier, mein T-Shirt, die Thekenfräsen, das waren wir!“ – „Schöner Name.“ – „Und ’ne schöne Zeit.“ – „Ist doch noch nicht lange her.“ – „Wie man’s nimmt. Auf jeden Fall haben wir gesoffen wie die Stiere. Jeden Tag weiße Mäuse gesehen und Schlägereien gehabt, mit der Polizei und den Glatzen aus Unna.“ – „Spielt ihr nicht mehr?“ – „Bin raus, hab’ vor zwei Jahren in den Sack gehauen.“ – „Warum?“ – „Hatte Sorge, dass ich kaputt gehe. Zuviel Alk. Bin nach Usa gereist.“ – „Was wolltest du da?“ – „Weiß nicht. Das Land hassen.“ – „Und, hat’s geklappt?“ Der Mann zieht Zigaretten aus seiner Hose und bietet mir eine an, also rauchen wir und er pustet den Qualm stoßweise in die Luft, weil er lachen muss: „Kam alles anders. Hab’ mich dagegen gewehrt, aber scheiße, ich liebte es da, jeden Tag ein bisschen mehr. Vielleicht lag’s einfach nur am Wetter, Sonne und so. In Florida habe ich auf einer Krokodilfarm gearbeitet. In Georgia habe ich Erdnüsse auf der Plantage von Carter gepflückt.“ – „Beim Präsidenten?“ – „Allerdings. Und in Graceland habe ich Gras am Grab von Elvis ausgerissen und geraucht. Dann weiter auf der Mother Road, der Route 66, – Ey, noch zwei Kurze!! – ich bin die ganze Strecke getrampt, von Chikago bis nach Los Angeles. Über Bloomington und Springfield, Convay und Lebanon, Oklahoma City und Albuquerque. Dann am Pazifik nach Norden. In Big Sur habe ich Tannenzapfen so groß wie Basketbälle gefunden. Und in San Francisco habe ich monatelang in Haight-Ashbury gelebt. Einmal habe ich sogar mit Jerry García beim Bäcker über seine legendäre Gitarre geplaudert. Tatsache.“ – „Über die Tiger?“ „So sieht’s aus.“ – „Nicht schlecht.“ – „Ja, das war schon was.“ – „Kannst doch jetzt mit deiner Band weitermachen.“ – „Die gibt’s nicht mehr.“ – „Dann eben eine neue Band.“ – „Was weißt du schon? Ist doch Ewigkeiten her. Im Kalender vielleicht nicht, aber hier drin.“ Der Mann schlägt sich auf die linke Seite seiner Brust, „Schau mich an. Weißt Du, was ich heute mache?“ – „Keine Ahnung.“ – „Ich bin im Vertrieb. Weiße Ware, Kühlschränke und Waschmaschinen bis zur Rente. Dazu ein Reihenhaus in Mülheim. Ich bin ein Toter, so sieht’s aus.“ – „Selbst schuld, oder? Wie konnte das passieren?“ – „Ich hab ’ne Frau angebufft, als ich wieder zurück in Deutschland war. Kaum war das erste Kind auf der Welt, war auch schon das zweite unterwegs. Wir brauchten Kohle, also musste ich arbeiten gehen. Ihr Schwager hatte einen Tipp, wo gerade einer einen sucht. Und seitdem stehe ich jeden Montag auf der Matte und lass’ mir von meinen Disponenten den Arsch bis zum Stehkragen aufreißen. Egal. Prost.“ – „Egal. Prost. Scheiß’ drauf.“ – „Richtig, scheiß’ drauf.“ – „Weißt ja, was Phil Lynott gesagt hat.“ – „Phil Lynott von Thin Lizzy?“ – „Wer denn sonst?“ – „Was hat er gesagt?“ – „I tasted freedom and I liked it.“ – „Ach! Das gefällt mir. Das gefällt mir wirklich. I tasted freedom and I liked it … “
Wir trinken noch einen Kurzen, tschüss dann, ich suche meine Band und Barrakuda bleibt weiter am Tresen kleben.
Am nächsten Nachmittag fahren wir nach Essen. Es ist so heiß, dass der Asphalt Blasen wirft. Unser Bus durchschneidet flirrende Hitze, ein Tag wie gemacht für das Leben am Baggersee. Wir sind schweigsam, trinken Bier und lassen einen Joint kreisen. Ich sitze am Lenkrad, Funghi und Antichris dösen neben mir, Desperado schnarcht auf seinen Toms, Sabber läuft über seine Felle. Funghi legt ein Mixtape ein, während wir unsere Fensterscheiben hinunter kurbeln und die Heißluft des Sommers genießen, die durch unsere Haare rauscht. Aus den Boxen drängt Soundtracks zum Untergang 1, Störtrupp spielt Karriere. Ich denke an Barrakuda und Phil Lynott und Jerry García beim Bäcker und drehe den Lautstärkeregler nach rechts bis zum Anschlag, bis die Türen des Busses vibrieren und die Plastikbeplankung mitsummt.
In Essen treten wir bei Anarchie im Forst auf, einem unangemeldeten Open-Air-Konzert unweit des Baldeneysees hinter Fischlaken, gut versteckt in den Wäldern des Hardenbergufers. Die anderen Bands, die dort auftreten, sind Trebegang aus Dortmund, die Räudigen Raouls aus Hamburg, Sputum aus Köln, Royal Anarchy aus Holland. Überall stinkt es nach den Dieselabgasen der Stromaggregate. Hunderte von Punks haben es sich hier gemütlich gemacht, viele gehen schwimmen. Nackt hocken sie zwischen Bäumen, trinken seegekühltes Bier und freuen sich auf das Konzert. Wir treten als einer der Opener auf und spielen uns in Trance, traumatisierte Eichhörnchen fallen aus den Bäumen. Schnell kreuzt die Polizei auf und beendet die Lebensfreude, wir kommen rechtzeitig davon.
Nächster Auftritt in Wuppertal, bei einer Party im Keller eines Studentenheims der Bergischen Universität, ein Abend wie ein Irrtum. Sieben Punks schubsen sich verloren vor der leeren Bühne hin und her, während die Maschinenbaustudenten und angehenden Elektrotechniker am Rande stehen und sich am Pils festhalten. Als zwei Mädchen uns zurufen, wir sollen was von Rod Steward spielen, bauen wir ab und treten in der Toilette die Pinkelbecken runter. Einige Studenten erwischen uns dabei und es kommt zur Prügelei. Wir hauen den Herren Jungakademikern die Jacken in Flammen, doch auch Desperados Auge ist danach mächtig zugeschwollen, ich habe eine Platzwunde am Hinterkopf und Antichris hat mehrere verstauchte Finger, die ihn aber beim Trommeln nicht stören, meint er, als wir uns später betrinken.
In einer Turnhalle in Gladbeck ist das Konzert ähnlich erfolglos, aber wenigstens spendieren die Organisatoren danach Pasta und Schnaps. Es wird ein lustiger Abend mit drei Punketten aus Iserlohn, zwei heißen Trixie und Paula, Paula ist sehr hübsch, und die dritte habe ich vergessen. In Witten verdienen wir 500 Mark, weil uns jemand mit fünf Promille im Turm in den Bedford rauscht und wie wir keinen Wert auf Polizei legt. Nur ein Blechschaden, und den eingedrückten Kotflügel können wir selbst wieder aus dem Radlauf ziehen. Von Herne sind wir so deprimiert, dass wir unser Konzert dort absagen und uns lieber auf einem Parkplatz betrinken. Später fahren wir ins Krankenhaus, weil sich Funghis Stirnnaht entzündet hat und eitert.
Dann kommt das Ungewollt-Festival im Eschhaus Duisburg, wo wir nicht auftreten, sondern nur dabei sind, doch was heißt schon nur? Ab dem Mittag trinken wir mit Punks aus dem ganzen Land und schmücken den Hof des Hauses mit einer feinen Schicht grünbraunen Bierflaschenbruchs. Alle Großen sind da, KFC, Hass, Artless, die Idiots, die wilden Säue sollen auch noch spielen, und wir mittendrin. Im Eschhaus dampft es so sehr, dass immer wieder die Sicherungen herausfliegen und die vom Kippenqualm verblaute Luft schwitzend von der Decke tropft. Irgendwann ruft jemand Bullenalarm, und als wir neugierig rauslaufen, werden wir von Polizisten in Empfang genommen, die auf alles einprügeln, was mehr als eine Haarfarbe hat. Uns lässt man in Ruhe, vielleicht, weil man aufgrund unserer Blessuren aus Wuppertal denkt, man habe uns bereits großzügig bedient. Wir verschwinden wieder im Konzerthaus und Det Caruso von Artless – der Stecher von Prunella Pustekuchen, wie einer später zu berichten weiß – gibt uns allen heftig auf die Fresse und in die Ohren, während sich seine Combo ins Nirwana schrammelt und wir alle über den Lärmwolken schweben, eins werden mit dem Gott des Phons, weil in uns reines Glück mit der Lust am Wahnsinn kopuliert. Eschhaus Duisburg, hat meine Freiheit jemals weiteren Auslauf genossen?

Desperado ist nach der Wende nach Ostberlin gezogen und macht jetzt irgendwas Soziales mit Kindern. Funghi arbeitet als Techniker bei RWE und Antichris ist Orthopäde im Sauerland. Ich selbst habe Geschichte in Bochum studiert, bin Lehrer geworden, habe mit Beate drei Kinder. Ich gehe immer noch manchmal auf Konzerte, spiele auch selbst noch in einer Bluesrockband. Wir covern meist, spielen Songs wie Got my mojo working von Muddy Waters oder Zeug von Mayall nach, ich zupfe einen ganz gepflegten Walking Bass, macht auch Spaß.
Neulich in der Zeche Carl treffe ich einen, den ich von früher kenne. Andreas aus Wattenscheid, ganz schön grau geworden, war mal Gitarrist in einer Punkband, irgendwann sind die ins Metal abgerutscht. Wir kommen auf lustige Bandnamen zu sprechen, und mir fällt noch einer ein. Thekenfräsen, schon mal gehört? Jau, kennt er. Auch Barrakuda? Na klar, Barrakuda aus Mülheim, so ein Dicker. Spielte eine pissgelbe Flying V, guter Solist. War mal mit der Schwester einer Verflossenen zusammen. Harter Punk, nur viel zu weich. Hat sich irgendwann einen Schlauch in seinen Kadett gelegt, ist aber auch schon gut 30 Jahre her.

 

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(Wettbewerbsbeitrag zum Literaturpreis Ruhr 2017, Thema „Musik“ / Gelesen von Schauspieler Götz Otto am 1. Juni 2019 anlässlich des 125-jährigen Jubiläums der Münchner Philharmoniker)

 

#drohnengott

Ich habe nie behauptet, ein guter Mensch zu sein. Das sollten Sie wissen, damit Sie nachher nicht allzu sehr erschrecken. Aktuell habe ich 14.819 Follower bei Instagram. Das ist natürlich noch viel zu wenig. Aber es werden immer mehr, denn die Leute lieben meine Bilder und Filme. Was sie begeistert, sind meine Perspektiven. Denn ich zeige die Welt von oben. Bei jedem Wetter. Bei Tag und bei Nacht. Neulich das Fußballspiel von SV Grün-Gelb Ströbeck gegen TuS Elbingerode, aus ungefähr 500 Metern Höhe, der Rasen schimmerte im Flutlicht wie ein Smaragd. Das Schloss Wernigerode im Starkregen von oben, als würden seine umdampften Dächer im Niederschlag ertrinken. Die Sösetalsperre mit ihrem von bunten Surfsegeln gespickten Glitzerblau. Das Schweben inmitten aufgeregter Haubenmeisen über dem Torfhausmoor. Das Foto vor einigen Monaten im Januar, als während eines Orkans die Fichten des Oberharzes seufzend ihre Flachwurzeln nach oben streckten und sich ineinanderlegten wie Sterbende in den Schnee. Ich war da und fotografierte es von oben, aus dem Auge des Sturms heraus. Zwei Stunden später war die Aufnahme bereits auf meinem Account hochgeladen, und meine Follower drehten schier durch. Ein solches Foto gibt es, in aller Bescheidenheit, weltweit nur einmal.
Immer wieder bekomme ich Nachrichten von anderen Instagrammern, aus Hawaii, Madrid, Tokio oder Shanghai, und sie fragen mich nach meiner Ausrüstung. Welche Drohne benutzt du? Welche Kamera? Welche Objektive? Welche Akkus? Welchen Antrieb hat die Drohne? Wie steigst du bei Regen auf? Wie machst du bei Schneefall und Starkwind Luftbilder, was ist dein Trick? Und brauchst du keine Genehmigungen? Wie schaffst du es, solche Unschärfen hinzubekommen? Diese Dynamik in der Luft, Wahnsinn, Mann, du bist ein Drohnengott! Drohnengott, so heißt mein Account bei Instagram.
Die Komplimente und Fragen freuen mich, aber ich lasse mir nicht in die Karten schauen. Ich sammle Likes und Comments und schweige. Nur Ihnen werde ich jetzt mein Geheimnis verraten, weil ich Ihnen vertraue, sozusagen von Harzer zu Harzer, und Sie werden es nicht weitererzählen.
Eigentlich begann alles mit einem Zufallsfund, als ich das Haus meiner verstorbenen Großmutter in Bad Sachsa entrümpelte. Zumeist Plunder. Mobiliar aus den Fünfzigerjahren, durchgelegene Matratzen, seichte Belletristik, Porzellan, veraltete Kleider, das meiste wanderte gleich in den Container. Einige Sachen behielt ich aus sentimentalen Gründen, denn ich habe meine Oma wirklich geliebt. Dass ich noch einen Schatz finden würde, damit hatte ich nicht im Traum gerechnet. Doch im Keller entdeckte ich hinter Harken, Schaufeln und Besen einen uralten getöpferten Tiegel, der mit einem Deckel verschlossen war. Ich öffnete das Gefäß. Darin befand sich eine graue, undefinierbare Schmiere, eingerissen, stumpf, wachsähnlich. Ich roch daran. Es duftete intensiv nach Kräutern und ich halluzinierte unmittelbar in einem Rausch explodierender Farben, sodass ich ins Taumeln geriet. War das eine Droge? Der pastöse Stoff weckte meine Neugier und ich fragte einen Freund, der gerade an seiner Doktorarbeit in Chemie schrieb, ob er die Substanz für mich analysieren könne. Einige Wochen später gab er mir eine Liste mit Ingredienzen:
„Es scheint eine psychoaktive Substanz zu sein. Zumeist sind es Pflanzen aus dem Harz, aber es ist noch etwas Seltsames darin.“
„Was ist es?“
„Ich konnte es nicht genau zuordnen. Eiweißketten, ziemlich ramponiert, sie müssen uralt sein. Das Eiweiß könnte tierischen Ursprungs sein, vielleicht stammt es aber auch von Menschen. Unheimlich, nicht wahr?“
Allerdings. Ich begab mich auf die Suche nach den Pflanzen, die der Freund aufgeschrieben hatte. Bald hatte ich sie beisammen. Eisenkraut. Mondraute. Einjähriges Bingelkraut. Donnerbart. Alraune. Frauenhaarfarn. Johanniskraut. Vogelblut. Wolfswurz. Schließlich stieß ich in der Bibliothek von Halberstadt auf die bislang noch nicht ermittelte Zutat, da sie im Kontext mit den vorgenannten Substanzen erwähnt wurde. Nun wusste ich auch, was mit der Salbe zu bewerkstelligen war. Diese letzte Essenz war allerdings kaum zu beschaffen. Ich musste dafür tief in die Tasche greifen und das gesamte Erbe meiner Großmutter, gut 50.000 Euro, investieren. Ich habe den Stoff schließlich im Darknet auf Alphabay gekauft, gegen Moneros, eine Art von Bitcoins. Ich denke, meine Großmutter hätte es so gewollt. Mittlerweile wusste ich, wofür sie selbst die Salbe – eine Flugsalbe – verwendet hatte.
Natürlich habe ich mich gut auf den ersten Flug vorbereitet. Sogar in eine Wohnung mit offenem Kamin bin ich gezogen. Wenn ich jetzt fliege, um Aufnahmen aus der Luft zu schießen, schmiere ich mit der Salbe meinen Hals ein, Arme und Kniekehlen, die Handflächen und Fußsohlen. Dann greife ich nach meiner Kamera, setze mich auf einen Stuhl – ein Besen ist auf Dauer einfach zu unbequem – und rufe: „Stippe hier in, stippe dar in, oben ruter un nirne an!“ Und mein aberwitziger Ritt durch den Kamin und durch die Luft beginnt, neuen Motiven entgegen.
Um eine Flugsalbe anzurühren, braucht man, so wie es Henricus Institoris in seinem Hexenhammer aus dem Jahre 1486 beschrieb, das ausgelassene Fett ungetaufter Kinder. Ja, das ist heftig, ich weiß. Aber, wie gesagt, ich habe nie behauptet, ein guter Mensch zu sein. Und schließlich, hey, was soll‘s, meine Follower lieben die Bilder.

 

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(Erschienen in der Anthologie zum Literaturpreis Harz 2018 „Wenn im Harz die Bratkartoffeln blühn“, Geest Verlag, ISBN 3866856822)

Halali

Im Mais war Bewegung. Doch den guten Blick, den die sternenklare Mondnacht im späten August zuließ, trübte der Frühnebel der Morgendämmerung, der aus dem Feld aufstieg.
Auf den brandenburgischen Wipfeln der Bäume entlang des Feldrains erschienen bereits erste Nuancen zarter Aurora. Mensing war durchgefroren. Wieder mal hatte er die Temperaturen der Nacht unterschätzt. Etwas Wärme hatte ihm gelegentlich der Calvados verschafft, doch sein Flachmann war seit einiger Zeit leer. Mit den hörbaren Bewegungen in ungefähr 100 Metern Entfernung schärften sich wieder seine Sinne. Auch Blacky, sein Münsterländer, der wie gewöhnlich unter dem Ansitz still verharrte, hatte Witterung aufgenommen. Starr aufgerichtet folgte er den Geräuschen brechender Pflanzen. Mensing schaute angestrengt durch sein Nachtglas. Da, erneut. Ein größerer grauer Schatten, genau dort, wo der Mais von den Rotten niedergetrampelt worden war. Mensing wusste schon nicht mehr, wieviel Geld ihn die Schwarzkittel gekostet hatten, weil er als Förster den Bauern die Ernteschäden zu ersetzen hatte. Es war definitiv genug. Das Tier war leidlich gut anzusprechen. Vermutlich ein abgesprengter Keiler. Vielleicht auch ein jüngerer Überläufer. Dieses verdammte Schwarzwild. Jetzt würde das Tier keinen Wind bekommen, eine klare Gunst des Moments, die Brise wehte zu seinem Ansitz herüber. Mensing griff behutsam nach seinem Drilling, legte an und schaute durch das Visier. Schnell und routiniert hatte er sein Ziel erfasst. Als er für einen Bruchteil ganz deutlich die graue Flanke inmitten der Maisstauden sah, drückte er ab. Der gewaltige Büchsenknall rollte über das Feld, aus dem Schwärme aufgeregter Vögel himmelten. Im Nachhall des Schusses vernahm Mensing ein dumpfes Grunzen, das schnell erstarb. Beim Hubertus, er hatte das Mistvieh erwischt! Waidmannsheil!
Behende kletterte er von seinem Ansitz herunter und gab Blacky ein Zeichen, der sofort losschoss, um das Feld abzuspüren, dem Duft des Schweißes folgend. Mensing stapfte guter Dinge hinterdrein und schob die ihm entgegenschlagenden Maispflanzen, die bereits mannshoch standen, aus dem Weg. Wenige Minuten später hatte er seinen Hund erreicht. Blacky beschnupperte den Kopf des alten Mannes, der zwischen den Maisstauden lag und von Mensings Schuss niedergestreckt worden war. Die Wucht des Schusses hatte ihn auf den Rücken geworfen. Der Mann trug einen grauen Pyjama. Der Blick seiner gebrochenen Augen war starr in den Himmel gerichtet. Er hatte einen struppig weißen Bart und war wohl mindestens 80 Jahre alt. Die Kugel hatte den mageren Körper unterhalb der rechten Schulter im oberen Rippenbereich unweit der Achsel getroffen. Er musste sofort tot gewesen sein, es war kaum Blut ausgetreten.
Blacky schaute Mensing fragend an, der sich am Kopf kratzte und überlegte. Was hatte denn der alte Mann im Maisfeld verloren? Mensing kauerte sich neben den Leichnam und suchte am Handgelenk nach einem Pulsschlag. Doch da war nichts mehr, nur noch zerrinnende Wärme. Eine Weile hockte Mensing so da, dann sagte er, eher zu sich selbst als zu seinem Hund: „Tja, auf den Aufbruch können wir wohl immerhin verzichten, was, Blacky?“
Mensing wusste, was nun zu tun war. Dieses Vorkommnis war ein Fall für die 3-S-Regel: Schießen, Schippen, Schweigen. Eigentlich galt sie nur für streunende Hunde und Katzen, im seltenen Fall auch für Wölfe, doch Mensing beschloss, in diesem durchaus speziellen Fall nicht kleinlich zu sein. Er ging mit Blacky zu seinem Auto und holte eine Schaufel.
Es dauerte eine Weile, bis er den Toten in den Wald gezogen hatte, wo er im weichen Boden neben einer Wildschweinsuhle eine tiefe Grube aushob. Warm wurde ihm, und die in den ersten Sonnenstrahlen des Tages tanzenden Mücken piesackten ihn. Schließlich zog er den alten Mann in das tiefe Loch und schippte die Erde wieder zurück. Als er Stunden später sein Werk beendet hatte, begab er sich auf den Heimweg. Blacky sprang in den Kofferraum seines Autos, ächzend ließ sich Mensing hinter dem Steuer nieder. Was für eine Nacht. Er schaltete das Radio ein und fuhr langsam über holprige Forstwege, bis er die Landstraße erreicht hatte. Dabei lauschte er den Schlagern seines Lieblingssenders, während er langsam zur Ruhe kam. Es war jetzt 7 Uhr in der Frühe und die Nachrichten wurden verlesen, der übliche Weltenwahn aus Politik, Wirtschaft, Wetter und Verkehrsfunk, der allerdings von einer Durchsage ergänzt wurde:
„Achtung, liebe Brandenburgerinnen und Brandenburger, gesucht wird Werner Zeisner aus Neustadt-Dosse. Er wird seit gestern Abend vermisst und irrt vermutlich orientierungslos umher. Werner Zeisner ist 83 Jahre alt, trägt einen grauen Schlafanzug, … “
„Aha“, sagte Mensing.
„ … hat weiße Haare, einen weißen Bart und ist von schlanker Gestalt. Bitte informieren Sie umgehend die nächste Polizeidienststelle, wenn Sie Werner Zeisner sehen. Werner Zeisner benötigt dringend ärztliche Hilfe.“
Förster Mensing drehte das Radio aus, schüttelte den Kopf und schaute in den Rückspiegel zu seinem Hund: „Das sind ja wohl Fake News, was, Blacky? Werner Zeisner braucht definitiv keine ärztliche Hilfe mehr.“
Blacky gab kurz Laut, und Mensing drehte sich wohlwollend nach seinem Hund um: „So sieht’s aus, Blacky! Hunde bellen, Frauen tratschen, Männer reden, Jäger schweigen.“
Weiter fuhr Mensing in den frühen Tag. Und, als er eine ganze Weile intensiv über das Geschehen nachgedacht hatte, kam er, kurz bevor er den heimischen Hof erreichte, zu einer gewichtigen Erkenntnis, die ihm in der Hast des Vorfalls bisher unzugänglich geblieben war. Bei aller nicht unberechtigten Kritik am fehlerhaften Ansprechen des vermeintlichen Wildschweins blieb doch zweifelsfrei festzustellen, dass ihm da ein tadelloser Blattschuss gelungen war. Mensing fuhr auf seinen Hof und stieg aus. Er streckte sich und gähnte. In der nächsten Nacht würde er wieder ansitzen, vielleicht hatte er da etwas mehr Jagdglück.

 

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(Vierter Platz beim Putlitzer Preis 2018, dem Literaturpreis der 42er Autoren, Thema: „Verlaufen“)

Nu, eener muss do nichtern bleim

Der 14. Juni 1935 ist ein denkwürdiges Datum. Dieser Tag kann getrost als der Geburtstag des ersten Hochleistungsnavigationsgerätes der späteren DDR, wenn nicht gar der gesamten Welt, angesehen werden. Es kam ohne Netzgerät, Satelliten oder Batterien aus, und es lief mehr als 81 Jahre lang einwandfrei, bis es im letzten Sommer seinen Geist aufgab. Das war mein Opa, ausgestattet mit dem besten Orientierungssinn der Welt, und das ist eine durch und durch wahre Geschichte.
Schon als Kind vertiefte sich mein Opa in Heimatkarten aller Art, die in seiner Kinderzeit immerhin sogar bis nach Stalingrad und Afrika reichten. Später, als alle anderen Kinder mithilfe der FDJ ihre Jugenduniformen wechselten, schaute er sich die Karten des jungen Ostblocks an. Als Jugendlicher konnte er bereits das gesamte Straßennetz der DDR aufzeichnen bis hin zu den kleinsten Sommer- und Waldwegen. Es war die Inselbegabung eines ansonsten, ich darf das so frei und voller Liebe sagen, talentfreien Mannes, dem außer einer gewissen Begabung für unverschämte Bemerkungen (wir kommen später dazu) keine weiteren Fähigkeiten oder Kenntnisse im Wege standen.
Orte finden und außerdem fluchen können – ganz folgerichtig wurde mein Opa Berufskraftfahrer. 1954 heuerte er beim VEB Baustoffversorgung Dresden an, weitere Fahrten für andere Betriebe schlossen sich an und führten ihn durch die gesamte DDR. So fuhr er mit seinen Kollegen Kartoffeln von Mecklenburg nach Berlin, Kohle aus der Lausitz nach Rostock, Sprelacartprodukte von Spremberg nach Leipzig, Aale von Rüdersdorf (dort hielt man in den Wasserbecken des Zementwerks tatsächlich Aale) nach Wandlitz, Thüringer Holzspielzeug in den Westen, sogar Malimo-Stoffe aus Karl-Marx-Stadt zu den Fiat-Werken nach Italien. Mit der Zeit testeten ihn die ungläubigen Kollegen und versuchten, ihm Fallen zu stellen. Doch den Weg nach dem abgelegenen Laasan in der Nähe Jenas, das der Legende nach noch nicht mal von Napoléons Truppen entdeckt werden konnte, fand er im Halbschlaf. Und wenn die Dispatcher ihm nicht existierende Namen in seinen Routenplan schrieben, erkannte er es sofort.
Seine Vorgesetzten waren eigentlich zufrieden mit ihm. Wenn da nicht die ausgesprochene Geselligkeit meines Opas gewesen wäre, die ihn immer wieder dazu verführte, einen zur Brust zu nehmen. Nu, eener muss do nichtern bleim am Steuer, pflegten dann die Kollegen zu sagen, und dann lachten sie alle herzlich über den gelungenen Scherz. Alkohol schadete nicht seinen Peilungsqualitäten, im Gegenteil, fast hatte man das Gefühl, dass einige Radeberger und Nordhäuser seine Fähigkeiten auf eine höhere Bewusstseinsstufe stellten. Und so sah man eingedenk dieser besonderen Fähigkeiten meines Opas darüber hinweg. Doch als sein Robur Garant 1962 in den engen Straßen von Görlitz einmal die Limousine eines Ministers streifte und der darin sitzende Minister ausfällig wurde, blitzte das zweite Talent meines Opas auf, der den einflussreichen Genossen einen rot lackierten Hundertsassa nannte, der lieber aufpassen sollte, dass er nicht mal nachts in eine unbeleuchtete Faust läuft. Auf Anweisung von oben wurde daraufhin sein Führerschein eingezogen, so dass er nicht mehr fahren durfte. Als er deshalb persönlich auf dem Amt erschien und die dafür verantwortlichen Behörden als Halbaffen, Waldwichtel und Dünnschissgurgler bezeichnete, verbesserte das seine Aussichten auf den Wiedererhalt seiner Fahrerlaubnis nicht.
Mein Opa nicht mehr auf dem Bock? Dagegen wehrten sich seine Kollegen, die ohne seine präzisen Anweisungen in der Schilderlosigkeit der DDR verloren waren. Also einigte man sich unter Ausschluss der Autoritäten darauf, dass mein Opa bleiben konnte. So fuhr er weitere 27 Jahre als Fernfahrer durch die DDR, ohne Führerschein, immer auf dem Beifahrersitz, und immer mit dem richtigen Weg im Kopf. 1990 ging er in den Vorruhestand, auf den Westen hatte er keine Lust mehr, zu viele Schilder, wo bleibt denn da der Spaß, sagte er.
Im letzten Jahr bekam mein Opa einen schweren Herzinfarkt. Wir fuhren ihn selbst ins Städtische Klinikum, weil wir dachten, dass es so am schnellsten geht. Er war kaum noch bei Bewusstsein, konnte aber immerhin noch mit schwacher Hand unterwegs eine Abkürzung anzeigen. Dennoch verstarb er im Krankenhaus. Kurze Zeit später wurde er auf dem St.-Pauli-Friedhof in Trachenberge beerdigt. Auf seinem Stein steht: Wenn jemand den Weg in den Himmel kennt, dann er.

* * *

(Beitrag für den Wettbewerb der Dresdner Miniaturen 2017)

Das erste Kind des polnischen Maschinisten

Verfluchte Hundewache. Kaum eingeschlafen, schrecke ich schon wieder aus meiner Koje hoch. Eine Hand liegt auf meiner Schulter und rüttelt mich durch, untermalt von einem Flüstern: „Reise, Reise, du Penner.”
Gefreiter Sigmund grinst mich mit eingeschlafenen Gesichtszügen an. Er ist so grün wie das Erbsenpüree, das ich gestern Abend als Backschafter in die Teller gekellt habe. Sein saurer Atem macht mich wach, unwillig schiebe ich ihn weg:
„Sigmund, blöder Schwabe, kotz’ mir nicht wieder in die Koje!”
Er rülpst nur, malade fällt er in die schmale Schlafstätte unter der meinen. Als ich aus meiner Koje steige, sehe ich ihn da unten liegen und mit seiner Übelkeit ringen, das Leiden Christi für 330 Mark monatlichen Sold plus Bordzulage. Das Rotlicht unserer Nachtbeleuchtung lässt hinter seinen Ohren diverse Pflaster schimmern, die dem Seegang auf Dauer nichts entgegenzusetzen haben. Sigmund ist schon eingeschlafen, bevor ich meinen Arbeits- und Gefechtsanzug angezogen habe, die Seestiefel hat er gar nicht erst abgestreift. In den beiden anderen Kojen schnarchen Nielsen und Zelinski im Rhythmus des Rollens und Schlingerns, das seit drei Tagen anhält, während die Wellen unser Schiff durch die wühlige Ostsee schieben. Die Hälfte der Stammbesatzung ist wegen Seekrankheit ausgefallen, vom EloKa- Personal im Funkraum, sonst an Land eingesetzt, sind nahezu alle außer Gefecht gesetzt. Eigentlich ist unser Auftrag die fernmelde-elektronische Aufklärung der Ostseeanrainer des Warschauer Pakts, also Funküberwachung auf allen Kanälen. Doch das ist uns nur noch in homöopathischen Dosen möglich. Die Bordwand unserer Leeseite schimmert schleimig und ist derart vollgereihert, dass der Kalte Krieg ohne uns stattfindet.
Ein Drittel der Menschen wird ab einer bestimmten Dünung immer seekrank. Ein Drittel manchmal. Ein Drittel nie. So stellte es gestern beim Abendbrot Stabsarzt Brachmann während seiner vierten Blutwurststulle genüsslich fest. Auch ich gehöre zum letzten Drittel, deshalb helfe ich in der Pantry mit aus und gehe auf Wache im Funkraum, wenn dort Plätze notmäßig zu besetzen sind. Ich bin Fernmeldeaufklärer, Verwendungsreihe 22, Zeitsoldat, und ich kann bis zu 24 Wörter pro Minute fehlerfrei hören und mitschreiben, an guten Tagen auch schneller. Mit 16 Wörtern pro Minute morst die NATO. Aber die NATO ist faul, meist wird der Fernschreiber benutzt. Die Geschwindigkeit gibt an, wie oft das Wort „Paris” in einer Minute getastet werden kann. Die Buchstaben des Wortes Paris lauten kurz-lang-lang-kurz, kurz-lang, kurz-lang-kurz, kurz-kurz, kurz-kurz-kurz.
Unser Schiff ist die Alster, Korvettengröße, insgesamt gut 80 Mann Besatzung. Wir sind auf Jungfernfahrt des modernsten Bootes der NATO, heute ist der 2. Dezember 1989. Vorgestern habe ich ein Fernschreiben auf die Brücke gebracht, in dem stand, dass die RAF den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, mit einer Lichtschrankenbombe in die Luft gesprengt hat. Bewegte Zeiten, auch an Land. Auf der Brücke hat man die Information zur Kenntnis genommen und der IWO hat mich für meine vergessene Meldung „Auf Brücke” gerügt.
Ich trete auf den Gang, überall der zarte Hauch von Erbrochenem. Ein Blick auf die Uhr, in zehn Minuten muss ich mich oben in der Pantry melden, die Morgenwache bekommt ihren Kaffee und frische Brötchen. Sigmund hat mich wie immer zu früh geweckt, um seinen eigenen Schlaf zu verlängern. Es ist noch Zeit für eine Zigarette. Ich gehe zum Schott des Achterdecks und trete hinaus an die Reling. Gerade steigt voraus die Sonne empor, ein Rausch an Rottönen, Gold und Orange, in dem sich fliederfarben und silbern die Gischt unserer Bugwelle bricht. Basstölpel und Möwen ziehen kreischend durch den zerfetzten Himmel, der mich mit Feuchtigkeit umhüllt und am Horizont mit dem Quecksilber der Wellen verschwimmt. Ich rauche einige Züge, Böen reißen den Qualm aus meinem Mund. Auf unserer Backbordseite fährt wie immer unser Bewacherschiff von der Volksmarine der Nationalen Volksarmee neben uns her, ein Minensucher der 6. Grenzbrigade Küste. Pünktlich wie die Maurer sind sie aufgetaucht, kurz hinter Lübeck, man hatte das neue Schiff aus dem Westen schon erwartet. Permanent ist ein Fernglas auf uns gerichtet, kaum mehr als 20 Meter von uns entfernt. Jetzt bin ich im Fokus des Beobachters. Ich schnippe meine Zigarette in die Wellen und winke hinüber. Ich kann ihn gut erkennen, den Unteroffizier der Volksmarine, er ist jung, trägt einen Schnurrbart, dunkle Haare, und er winkt nicht zurück.
In der Pantry versehe ich meinen Dienst. Später bin ich im Funkraum eingesetzt, man setzt mich auf ein Netz polnischer Marineflieger, in dem Manövervorbereitungen mit verschlüsselten Triple-X-Sprüchen erwartet werden. Unangenehme Arbeit, die mich wach hält, denn Morsesprüche aus Flugzeugen plätschern unberechenbar, sie sind mal überhastet und mal tröpfelnd, wie der Harnstrahl eines alten Mannes.
Die Arbeit ist dieselbe wie in unserer Landdienststelle, dem Fernmeldestützpunkt 71 in Mürwik bei Flensburg. Dort befinden sich 40 Arbeitsplätze unter der Erde, angeordnet in Viererboxen. Jeder Soldat hockt mit Kopfhörer vor einem Schrank von Funkempfängern mit seinen ganz persönlichen Einstellungen. Wenn es auf dem linken Ohr lospiept, können es Shipfrequenzen sowjetischer Schiffe in außerheimischen Gewässern sein. Wenn es auf dem rechten Ohr losdaddelt, ist es vielleicht ein Rundstrahldienst aus Kaliningrad mit einem Wetterspruch oder es ist der Sender Tallinn, Rufzeichen RCV4, der verschlüsselte Buchstaben- und Zahlengruppen in den Äther knallt. Verhasst sind uns allen die DDR-Funknetze. Dort morst man, als ewiger Streber des Ostblocks, mit größerer Geschwindigkeit, als nötig oder vorgeschrieben ist, vermutlich, um uns Klassenfeinde zu piesacken. Die Funksignale sind so schnell, dass man sie zwar hören, aber nicht mehr mitschreiben kann. Die Mechanik der Hand lässt es nicht zu. Solche Sprüche zeichnen wir mit dem Tonband auf und lassen sie mit halber Geschwindigkeit erneut ablaufen, um sie zu erfassen. In dieser Zeit gehen jedoch meist schon weitere Sprüche ein. Obermaat Hinrichs, der neulich schwitzend im Schapp neben mir saß und in höchster Not Seite um Seite mit nicht versiegen wollenden Signalen vollkritzelte, hat man währenddessen eine Plastiktonne Altpapier über dem Kopf entleert. Damals war er dem Nervenzusammenbruch nahe, doch jetzt, hier, an Bord der Alster, füllt er in aller Seelenruhe die Seiten seines Blocks. Auch er gehört zum dritten Drittel. Ansonsten ist der Funkraum fast leer. Es ist, als würde man in einem Fahrstuhl ohne Fenster arbeiten. Vier Meter rauf, vier Meter runter, tagein, tagaus. Nahezu alle Horchfunker sind ausgefallen und verfluchen den Tag, an dem sie sich für ein Bordkommando beworben haben.
Nach der Funkschicht bin ich noch einmal in der Pantry für Backen und Banken eingesetzt. Es ist Nachmittag und wird bereits dunkel. Als ich Essensreste aus der Pütz über Bord werfe, werde ich dabei fotografiert. Wir sind ein kostspieliger Club von Paranoikern, in dem sich Bewacher gegenseitig beim Bewachen bewachen. So vergehen die Stunden und Tage. Wir schippern an Kühlungsborn vorbei und den Darß entlang. Dort ist es so stürmisch, dass der Kommandant Stahlseile auf der Schanz verspannen lässt, in die wir uns mit Karabinerhaken einhängen. Es geht an Hiddensee und Rügens weiß leuchtender Küste vorbei, stoisch begleitet uns der Minensucher aus dem deutschen Osten wie ein stählerner Pilotfisch. Wolgast, dann Usedom, immer hart an der Hoheitsgrenze entlang.
Plötzlich taucht vor Swinemünde ein weiteres Schiff auf. Es ist ein polnisches Schnellboot. Offensichtlich soll es das Schiff der Volksmarine als Bewacherschiff ablösen. Und richtig, das DDR-Schiff dreht ab und nun fährt an Stelle des ostdeutschen Minensuchers ein polnisches Schnellboot neben uns her. Sie beobachten uns ebenfalls unablässig, während wir an Kolberg und an Stolpmünde vorbeidampfen. Auch an Bord des polnischen Schiffes steht ein Soldat und beobachtet uns mit dem Fernglas. Allerdings fotografiert er mich nicht, als ich wieder einen Eimer mit Essensresten in die Ostsee entleere. Als ich ihm zuwinke, schaut er sich kurz um, grinst und winkt verstohlen zurück.
Drei Tage lang begleiten uns die Polen an ihrer Küste entlang. Wenn wir halten, halten sie. Wenn wir beschleunigen, beschleunigen sie. Schließlich kommen wir vor die Danziger Bucht und passieren Gdingen und Danzig. Mithilfe der Karte, die oben auf der Brücke ausliegt, kann ich unseren Kurs gut verfolgen. Als Pillau vorausliegt, beschließt unser Kommandant, zu ankern. Ich stehe, wie so oft, auf dem Achterdeck und rauche, diesmal in Gesellschaft eines ergrauten Stabsbootsmannes, als an Bord des polnischen Schnellbootes Betriebsamkeit ausbricht. Schließlich tritt dort ein Offizier aus dem Schott der Brücke, ein Oberleutnant oder Kapitänleutnant, schwer zu sehen, es dämmert bereits. In der Hand hält er ein Megaphon. Sehr höflich und in exzellentem Deutsch bittet er unseren Kommandanten, den Anker noch einmal hoch zu nehmen und einige Seemeilen weiter ostwärts zu fahren. Dann müssten die Russen die Überwachung übernehmen und die Polen könnten endlich nach Hause fahren. Seit fünf Wochen seien sie jetzt schon bei diesem Sauwetter auf See. Und außerdem sei die Frau des ersten Maschinisten schwanger und erwarte täglich ihr erstes Kind. Unser Kommandant reagiert umgehend und richtet über sein Megaphon die besten Wünsche für den Nachwuchs aus. Einige Minuten später nehmen wir den Anker wieder auf, die gewaltige Kette rasselt durch die Klüse. Die Alster gibt Signal und fährt mit langsamer Fahrt weiter gen Osten. Schon nach einer Viertelstunde wird vor unserem Bug die weiße Gischtfahne eines uns ansteuernden Schiffes erkennbar. Ein Tragflügel-Schnellboot, Turya-Klasse, meint der Stabsbootsmann, mehr als 40 Knoten macht der, dem fahren wir nicht davon, aber hat ja auch keiner vor. Plötzlich höre ich von achtern das Krachen von Bordlautsprechern. Ich schaue noch einmal hinüber zum polnischen Boot. Dort haben sich auf dem Deck fünf Matrosen versammelt. Sie tragen nicht ihre sonst üblichen Bordanzüge, sondern ihre Ausgehuniformen. Es ist ein Dank an unseren Kommandanten, denn sie singen ein polnisches Marinelied für uns. Über die Bordlautsprecher dringt der krächzende Ton zu uns herüber wie ein verwaschenes Shanty.
Neben mir meint der Stabsbootsmann:
„Nicht schlecht, was? Aber ist nichts gegen früher. In den Siebziger Jahren sind wir auf hoher See auch längsseits gegangen und haben uns mit Tauen verzurrt. Wir rüber zu den Polen oder die Russen rüber zu uns. Dann wurde getauscht, Tittenhefte gegen Wodka und so. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Aber wer weiß, ist ja gerade viel los in der Welt, vielleicht wird’s auch mal wieder anders.”

* * *

(Erschienen in der Anthologie „Neue Prosa aus Schleswig-Holstein“ zum Literaturpreis Schleswig-Holstein 2018, Verlag Lumpeter & Basel, ISBN 978-3- 946298-09-0)