In kurzen Worten:
https://de.wikipedia.org/wiki/Axel_Lawaczeck
In längeren Worten:
Über das Teilen von Träumen
Ich träumte von einer Referendarin. Sie unterrichtete mich 1977 oder 1978 in meiner Grundschule. Groß war sie und schlank, mit dunkelblonden Locken. Ihre Jeans trug sie hauteng und als Kind fragte ich mich, wie sie in solche Hosen hineinkam. Im Traum weiß ich ganz selbstverständlich ihren Namen, an den ich mich auch noch erinnern kann, als ich wach werde. Doch der Name sagt mir nichts. Weiß mein Unterbewusstsein von Dingen, die mir mein Gedächtnis vorenthält?
Ich google nach dem erträumten Namen und stoße auf eine Grundschullehrerin aus Bremen im Ruhestand. Im Podcast eines Radiosenders erzählt sie anschaulich von ihrem Leben zwischen Ausbildung, Kindern, Abendschule, Lehrerzeit, zwei Männern und weiteren Herausforderungen. Stirb und werde, so ihr Lebensmotto, aus Goethes Seliger Sehnsucht, Und so lang du das nicht hast, Dieses: Stirb und werde! Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde. Interessant. Doch – sie ist es nicht. Sie war nie Referendarin in meiner alten Heimat und außerdem ist sie zehn Jahre zu jung.
Aus einer Laune heraus rufe ich in meiner ehemaligen Grundschule an, um zu erfragen, ob der erträumte Name der Überprüfung durch die Realität standhält. Die Direktorin ist sehr hilfsbereit und weiß vom Jubiläum anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Schule vor vier Jahren zu berichten. Die Schule ist genauso alt wie ich. 1969 wurde sie eingeweiht. Im Rahmen der Feiervorbereitungen habe man umfangreich das Archiv aufgearbeitet, ein Verzeichnis von Referendaren sei dabei leider nicht aufgetaucht.
1975 werde ich eingeschult. Meine Klassenlehrerin heißt Frau Dyck. Vertretungen übernimmt gelegentlich Frau Zech, als zum Beispiel Frau Dyck ihr zweites Kind bekommt oder aufgrund eines Reitunfalls ausfällt. Die Direktorin heißt Frau Müller. Bis 1983 führt sie die Grundschule. Rustikal, herzlich, vom alten Schlag. Sie unterrichtet uns in der vierten Klasse.
Eine Zeitlang liest sie uns eine Geschichte vor, die als Fortsetzungsroman im Göttinger Tageblatt erscheint. Ich erinnere mich nicht mehr an den Titel der Erzählung, doch meine ich, dass das seinerzeit Vorgelesene von wilden Affen handelte. Will sie einen Zusammenhang zu unserer Klasse herstellen? Manchmal verteilt Frau Müller Schellen: „Wer grölt denn hier?“, ruft sie – und Jan kassiert eine Kopfnuss für unmotiviertes Singen im Unterricht. Ein Heft um die Ohren für Peter, dass es nur so rauscht, weil der nie Hausaufgaben macht. Dann gibt es noch Matthias, der für jeden Blödsinn schnell entflammt. Einmal wird der Direktorin sein Gehampel während des Unterrichts zu viel, sie rollt ein Heft zusammen und zieht es wuchtig über seinen Hinterkopf. Als Matthias das abends seinem Vater erzählt, sagt der: „Ich kann mich bei deiner Lehrerin über ihr Verhalten beschweren, aber wenn ihr Schlag berechtigt war, gibt’s von mir gleich noch einen oben drauf.“ – „Brauchst nicht anrufen, Papa“, murmelt der Sohn.
Matthias ist es auch, der das große Feld zwischen Altdorf und Neudorf anzündet. Der Großbrand muss von mehreren Ortsfeuerwehren der Region gelöscht werden.
Nach dem Sport, beim Herumalbern unter der Dusche schubst mich Matthias eines Tages zu heftig und ich falle auf eine Fliesenkante. Die Narbe an der Hüfte habe ich noch heute. Matthias trägt ebenfalls eine Narbe aus dieser Zeit. Einmal jagt er Frank durch das Klassenzimmer und um das Lehrerpult herum. In einer der Schubladen des Tisches steckt noch ein Schlüssel, an dem er mit seinem Oberschenkel hängenbleibt. Seine Narbe ist länger als meine.
Unsere Direktorin Frau Müller wurde im März 1918 geboren, wie mir das Internet verrät. Nichts macht älter als eine Grundschullehrerin, die im Ersten Weltkrieg geboren ist.
Frau Müller hat ihre Lieblinge und ihre Feinde. Ich habe sie nur einmal sprachlos gesehen. Das war, als Klaus, nachdem sie ihn minutenlang beim Vorlesen getriezt hatte, einen eisernen Anspitzer nahm und mit solcher Kraft – er war Handballer – an ihrem Kopf vorbei an die Tafel warf, dass diese splitterte.
So viele Namen. Kein passender dabei.
Weil ich jetzt wirklich wissen will, ob der Name meiner Referendarin richtig erträumt war, wende ich mich, wie man mir empfiehlt, an das Studienseminar Göttingen. Dort lautet die Auskunft, dass alle Daten längst digitalisiert sind. Referendarinnen in den siebziger Jahren? Darüber ist nichts mehr erfasst, sagt die Dame am Telefon. Alte analoge Aktenbestände gäbe es nicht mehr. Alles vor Jahrzehnten geschreddert. Vielleicht mal beim Landesamt für Schule und Bildung in Braunschweig nachfragen? Dort teilt man mir mit, dass alle Daten automatisch nach fünf Jahren gelöscht werden. Und selbst wenn es Informationen gäbe, würde man sie mir nicht mitteilen. Wo käme man denn da hin, Datenschutz und so, teilt man mir im unvergleichlich charmanten Gepampe einer deutschen Behörde mit.
Nie sollst du mich befragen – schon Lohengrin wusste, dass kein Nutzen darin liegt, Erträumtem in Namen und Art nachzuspüren. Warum also bin ich derart auf diese banale Traumsequenz fixiert, die meinen Schlaf kreuzte? Vielleicht, weil alle Geschehnisse aus vorpubertärer Zeit in der Nachschau wirken, als betrachte man sein eigenes Werden durch einen goldgewirkten Schleier. Mit Erstaunen und Unglauben und dem Anflug einer Verzweiflung darüber, dass so vieles dahinter Liegendes schon vergessen ist.
Wirklich genau an diesem auf den Traum folgenden Tag – eine irritierende Koinzidenz – schickt mir Sebastian, mein Freund aus Grundschulzeiten, einige Fotos. Handyschnappschüsse vom Büchlein unserer Einschulung. Auf dem Dachboden gefunden, teilt er mit. Meine Schulzeit steht auf dem grauen Karton, folgend ein Foto des damals recht neuen Schulgebäudes. So viel Natur darum herum. Heute ist alles verbaut bis in die Hänge des Bergs der Burgruine Plesse hinein, bis zum Waldrand, wo der Taubenbrunnen war. Dort soll sich mal jemand erhängt haben.
Ein Schulfoto von uns allen in der ersten Klasse, aufgenommen vor dem Eingang des Gebäudes. Antreten zur Boomer-Parade: Henning. Kerstin. Christian. Iris. Jens. Manuela. Frauke. Peter. Stefanie. Karin. Johanna. Silja. Ich. Vanessa. Bernd. Sabine. Katja. Anja. Ulrike. Jan. Vorne hockend Jens. Martin. Frank. Nochmal Martin. Matthias. Sebastian. Ein anderer Axel. Mario. Nur drei der Abgebildeten fallen mir nicht mehr namentlich ein.
Der andere Axel ist bei einem Fahrradunfall ums Leben gekommen. Zwischen Billingshausen und Holzerode, er fuhr bergab, steil ist es da. Ein Autofahrer bog von Spanbeck aus auf die Bundesstraße ein und übersah ihn, geblendet von der tief stehenden Abendsonne, so hat man es mir erzählt.
War das 1984? Ich erinnere mich an den Sommer dieses Jahres, endlose Tage im Freibad Reyershausen mit Pommes und Mayo, dazu It’s a shame von Talk Talk aus dem Ghettoblaster. Damals las ich in einer Illustrierten, dass Mark Hollis, der interviewte Frontman der Band, unter allen Umständen nur Musik machen wolle, die man auch in 30 Jahren noch höre. Wow, dachte ich, das ist bis zum Jahr 2014, niemand kann so weit denken. Ein anderer Künstler, dessen Musik mir 1984 die Ohren flutet, ist Dieter Meier von Yello. Lost again vom Album You Gotta Say Yes to Another Excess – ich höre es in Dauerschleife, der Soundtrack zum Durcheinander meiner Pubertät.
Meiers Verständnis von Zeit, das sich wie das von Mark Hollis in Jahrzehnten bemisst, begegne ich zufällig einige Jahre später, als ich 1992 die documenta IX in Kassel besuche. Meier hat 1972 eine Metallplatte auf dem Bahnhofsplatz in Kassel anbringen lassen, die mit einer Inschrift versehen ist: Am 23. März 1994 von 15 bis 18 Uhr wird Dieter Meier auf dieser Platte stehen.
1992 stelle ich mich also auf diese Platte und spüre die Kunst des Wartens auf Vollendung, die mich berührt und verwirrt.
In jedem Winter unserer Grundschulzeit bewerfen wir die Mädchen mit Schneebällen. Dabei habe ich Silja angeblich mal einen ins Auge geworfen. Ich bin mir damals schon sicher, dass der Schneeball nicht von mir kam, sondern von … jetzt muss ich den Namen auch nicht mehr nennen. Die Schuld nehme ich auf mich und es stimmt ja auch, ich war einer der Werfer. Sie wäre fast auf dem Auge erblindet. Von Silja und Katja habe ich einen Liebesbrief bekommen. Ich bewahre ihn immer noch. In Katja war ich verknallt. Sehr blond, so süß. Sie wohnte zwei Häuser weiter und spielte mit ihren Freundinnen im Garten Voltigieren.
Und dann ist sie nach den Sommerferien zwischen dritter und vierter Klasse einfach nicht mehr da. Weggezogen nach Bad Lauterberg im Harz, heißt es. Was aus ihr geworden ist?
In Bad Lauterberg stehe ich als Grundschüler zum ersten Mal auf Skiern, es folgen Winterurlaube in den Alpen des Salzburger Lands. Mit vielen anderen Familien sind wir während der Osterferien im Wagrainer Haus untergebracht, oben am Berg am Grießkareck, nur erreichbar mit Skiern oder per rachitischem Einersessellift. Im Dach des Berghotels befindet sich ein Schlafboden. Eines Abends hängt dort ein Skilehrer vollkommen besoffen mit seinem Oberkörper aus der Luke heraus, stützt sich auf die schmale Treppe und ruft uns Kindern einen Satz zu, den ich mir bis heute gemerkt habe, weil er mir – im besten Sinne – merkwürdig erschien. Unsere Taten sind nur Würfe in des Zufalls blinde Nacht, lallt er lautstark. Dann kotzt der Mann die Stiege voll, sein Abendbrot pladdert über die Stufen herab, so, dass keiner mehr an ihm vorbei hochgehen möchte. Viele Jahre später schlage ich den Satz nach. Von Grillparzer, aha.
Ich erzähle Sebastian von meinem Traum. Die Beschreibung der Referendarin sagt ihm nichts, aber er kann sich an eine Kuh Sally erinnern, von der Frau Müller einst vorgelesen hat. Der Fortsetzungsroman im Göttinger Tageblatt, nun identifizierbar: Es ist eine Erzählung von Wilson Rawls aus dem Jahr 1976, Eigentlich hätte es ein herrlicher Sommertag werden können, wenn da nicht morgens das Ding mit der Kuh Sally passiert wäre … Der Titel des Originals ist deutlich prosaischer, und tatsächlich trügt mich meine Erinnerung an diese Geschichte nicht, denn auf Englisch heißt sie Summer of the Monkeys.
Wir plaudern über Damaliges und stellen fest, dass wir mit Frau Zech eine sehr attraktive Lehrerin an unserer Schule hatten. Immer im Kostüm mit Seidenbluse, mit eleganten Hinternahtstrumpfhosen, die blauschwarzen Haare in einer kunstvoll hochgetürmten Frisur – so sieht sie nicht aus wie eine Halbtagsgrundschullehrerin in bundesrepublikanischer Provinz, sondern wie ein sizilianisches Mannequin. Jeden Tag hastet sie im Laufschritt von der Schule bis zur Haltestelle der Linie 20 im Nachbarort Bovenden, um dort den Bus zu erwischen. Alle anderen Passanten überholt sie auf den zwei Kilometern, vielleicht hat sie deshalb so schöne Beine.
Neben der Grundschule befindet sich eine Mehrzweckhalle mit Kegelbahn und Schießstand. Außerdem eine große Wiese, auf der alljährlich im September die Kirmes stattfindet. Ein Autoscooter, aus dessen Boxen Knock on Wood, Stars on 45 oder Funky Town dröhnt, eine Losbude, ein kleines Karussell, ein Bratwurststand, eine Schießbude. Einmal bekomme ich beinahe die Jacke voll, weil wir – mit wem war das, mit Andreas oder Stefan? – beginnen, auf die Plastikaugen der Plüschtiere zu zielen. Beim ersten Treffer zerplatzt das Auge eines hellblauen Löwen in feinem Plastikstaub. Die Betreiberin der Schießbude, eine verwitterte Blondine, winkt ihren Ehemann von der Losbude herüber, der seine osterglockengelben Zähne bleckt und uns schmallippig verkündet, dass er uns, sollten wir noch ein Mal auf einen seiner Hauptpreise anlegen, verdreschen wird, bis wir einen Regenbogen vor Augen haben. Als der nächste Teddy über Kimme und Korn sein Augenlicht verliert, entkommen wir nur mühsam und halten uns danach vorsichtshalber nur noch in der Mehrzweckhalle auf, wo wir die Glasneigen vorübergehend verwaister Tische leeren und die Erwachsenen beim Schwoofen und Schwitzen beobachten. Viele von ihnen sind so blau wie die verrauchte Luft. Eine Kapelle spielt Coversongs wie Bonnie Tylers It’s a Heartache. Die Sängerin hat sich für die deutsche Version des Titels entschieden – Lass mein Knie, Joe – und das animiert die Tänzer, ihren kichernden besseren Hälften an die Beine und höher zu langen.
Am Sonntag ist Feldgottesdienst, der zur Kirmeszeit traditionell auf der Fahrfläche des Autoscooters stattfindet. Träger kommen mit den schweren Gemeindefahnen und verrammeln die metallenen Fahnenspitzen mit Gottvertrauen oder aufgrund von Restalkohol ohne Zögern im nur ausnahmsweise nicht stromführenden Gitter des Scooter-Himmels. Ich erinnere mich an eine Begebenheit am Autoscooter einige Jahre später. Die Schausteller wollen zum Ende der Kirmes mit dem Abbau der Anlage beginnen, doch der Angestellte des Dorfbäckers, ein muskelbepackter Hüne, hat noch zwei Chips.
„Die fährt mein Sohn ab“, stellt er ungerührt fest.
„Geht nicht, wir bauen jetzt ab“, erwidern die Scooterbetreiber.
„Der Scooter bleibt!“
„Nix da, Feierabend!“
„Dir stehen wohl die Zähne zu eng!“
„Halt die Fresse!“
Ein Wort gibt das andere und aus ersten beherzten Backpfeifen erwächst eine Prügelei, auf die man im gallischen Dorf Uderzos stolz gewesen wäre. Einheimische gegen Schausteller, derart ineinander verkeilt, dass die Polizei gerufen wird.
Bis mehrere Streifenwagen mit Blaulicht und Sirene am Scooter eintreffen, hat sich der Pulverdampf bereits verzogen. Es gibt ein halbes Dutzend Verletzte. Gebrochene Nasen. Verbläute Augen. Geschwollene Lippen. Zerrissene Hemden, lauter umgegrabene Gesichter. Doch als die Polizei Anzeigen aufnehmen will, stellt der Bäckergeselle, der sein eingerissenes Ohrläppchen befühlt, fest: „Ist doch nichts passiert. Bin nur blöd gestolpert und hab dabei aus Versehen ein paar der Herrschaften hier umgerissen.“
„In der Tat“, spuckt der Scooterbetreiber einen Vorderzahn aus, „genau so war’s, unglücklich gestürzt, kann jedem mal passieren. Sie können wieder fahren.“ Er winkt den Polizisten benommen zum Abschied und entblößt grinsend ein gezacktes Gebeiß.
Am Montagvormittag findet das gesellige Frühstück in der Mehrzweckhalle statt. Die Leute nehmen sich extra Urlaub, um auch am vierten Kirmestag nahtlos weiterzechen zu können. Frühschoppen. Auf den langen Tischreihen stehen Brotkörbe und Schlachtplatten vom hiesigen Metzger, der Zapfhahn glüht. „Lieber einen Bauch vom Saufen als einen Buckel vom Arbeiten“, wie einer aus der Handballabteilung bierselig feststellt, und niemand ist da, der ihm widerspräche.
Wie hieß nun meine Referendarin? Ich finde die Telefonnummer meiner Lehrerin, die mich vor 45 Jahren unterrichtete. Sie könnte es wissen.
Sie freut sich über meinen Anruf, und nahezu alle Schülernamen aus meiner Klasse sind ihr noch geläufig. Dann frage ich sie nach möglichen Referendarinnen aus den siebziger Jahren. Einige Namen kann sie nennen, doch zu viele hat sie betreut. Manchmal nur kurze Zeit, wenige Wochen, unmöglich, sich an alle zu erinnern. Ich gebe ihr den Namen, den ich geträumt habe – nein, der sagt ihr nichts.
Ich bin enttäuscht, ein bisschen zumindest. Was hat mein Traum mir da nur eingeflüstert? Es ist ja auch verrückt, stelle ich am Telefon fest, nach fast fünf Jahrzehnten aufklären zu wollen, wer da mal vor der Klasse stand, und das nur aufgrund eines geträumten Namens.
Daraufhin erzählt sie, dass sie als Kind und Jugendliche über viele Jahre einen in jeder Nacht wiederkehrenden Alptraum hatte. Oft erwachte sie weinend oder schreiend. Ein Name spielte darin eine Rolle, blieb aber diffus und fiel ihr in Wachphasen nicht mehr ein. Sie spürte, wenn sie nur diesen Namen, als Verdichtung ihrer Belastung, morgens noch wüsste und aussprechen könnte, dann würde der Fluch des ewigen Alptraums enden. So kam es tatsächlich. Sie war schon 16 Jahre alt, als sie eines Morgens „Birtli!“ rief. Der Alpdruck verschwand.
„Warum ist der Name für Sie so negativ besetzt gewesen?“, frage ich, „gibt es eine Erklärung?“
„Kurz bevor meine Mutter vor einigen Jahren starb“, sagt sie, „erzählte sie mir, dass sie mich als Kleinstkind für fast ein Jahr in ein Kinderheim in Berchtesgaden abgeben musste. Dort muss etwas passiert sein. Die ersten Kindheitsjahre sind so prägend, heute weiß man mehr darüber, aber damals, wenige Jahre nach dem Krieg … “
Der Sportunterricht meiner Grundschulzeit fand bei besserem Wetter immer draußen statt, auf der Kirmeswiese. Frau Dyck stand im Kreis der um sie herumlaufenden Klasse und gab auf einem Tambourin mit Trommelstock den Takt vor, zu dem wir hüpfen, krabbeln und Strecksprünge machen mussten. Ob sie sich damals hätte vorstellen können, dass sie einem der Kinder aus diesem Rund von Alpträumen ihres Lebens erzählen würde, mehr als vier Jahrzehnte später? Merci, Frau Dyck.
Ich laufe weiter im Kreis meiner Suche und krabble und hüpfe und lande wieder bei Grillparzer. Unsere Taten, nur Würfe in des Zufalls blinde Nacht.
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