Halali

Im Mais war Bewegung. Doch den guten Blick, den die sternenklare Mondnacht im späten August zuließ, trübte der Frühnebel der Morgendämmerung, der aus dem Feld aufstieg.
Auf den brandenburgischen Wipfeln der Bäume entlang des Feldrains erschienen bereits erste Nuancen zarter Aurora. Mensing war durchgefroren. Wieder mal hatte er die Temperaturen der Nacht unterschätzt. Etwas Wärme hatte ihm gelegentlich der Calvados verschafft, doch sein Flachmann war seit einiger Zeit leer. Mit den hörbaren Bewegungen in ungefähr 100 Metern Entfernung schärften sich wieder seine Sinne. Auch Blacky, sein Münsterländer, der wie gewöhnlich unter dem Ansitz still verharrte, hatte Witterung aufgenommen. Starr aufgerichtet folgte er den Geräuschen brechender Pflanzen. Mensing schaute angestrengt durch sein Nachtglas. Da, erneut. Ein größerer grauer Schatten, genau dort, wo der Mais von den Rotten niedergetrampelt worden war. Mensing wusste schon nicht mehr, wieviel Geld ihn die Schwarzkittel gekostet hatten, weil er als Förster den Bauern die Ernteschäden zu ersetzen hatte. Es war definitiv genug. Das Tier war leidlich gut anzusprechen. Vermutlich ein abgesprengter Keiler. Vielleicht auch ein jüngerer Überläufer. Dieses verdammte Schwarzwild. Jetzt würde das Tier keinen Wind bekommen, eine klare Gunst des Moments, die Brise wehte zu seinem Ansitz herüber. Mensing griff behutsam nach seinem Drilling, legte an und schaute durch das Visier. Schnell und routiniert hatte er sein Ziel erfasst. Als er für einen Bruchteil ganz deutlich die graue Flanke inmitten der Maisstauden sah, drückte er ab. Der gewaltige Büchsenknall rollte über das Feld, aus dem Schwärme aufgeregter Vögel himmelten. Im Nachhall des Schusses vernahm Mensing ein dumpfes Grunzen, das schnell erstarb. Beim Hubertus, er hatte das Mistvieh erwischt! Waidmannsheil!
Behende kletterte er von seinem Ansitz herunter und gab Blacky ein Zeichen, der sofort losschoss, um das Feld abzuspüren, dem Duft des Schweißes folgend. Mensing stapfte guter Dinge hinterdrein und schob die ihm entgegenschlagenden Maispflanzen, die bereits mannshoch standen, aus dem Weg. Wenige Minuten später hatte er seinen Hund erreicht. Blacky beschnupperte den Kopf des alten Mannes, der zwischen den Maisstauden lag und von Mensings Schuss niedergestreckt worden war. Die Wucht des Schusses hatte ihn auf den Rücken geworfen. Der Mann trug einen grauen Pyjama. Der Blick seiner gebrochenen Augen war starr in den Himmel gerichtet. Er hatte einen struppig weißen Bart und war wohl mindestens 80 Jahre alt. Die Kugel hatte den mageren Körper unterhalb der rechten Schulter im oberen Rippenbereich unweit der Achsel getroffen. Er musste sofort tot gewesen sein, es war kaum Blut ausgetreten.
Blacky schaute Mensing fragend an, der sich am Kopf kratzte und überlegte. Was hatte denn der alte Mann im Maisfeld verloren? Mensing kauerte sich neben den Leichnam und suchte am Handgelenk nach einem Pulsschlag. Doch da war nichts mehr, nur noch zerrinnende Wärme. Eine Weile hockte Mensing so da, dann sagte er, eher zu sich selbst als zu seinem Hund: „Tja, auf den Aufbruch können wir wohl immerhin verzichten, was, Blacky?“
Mensing wusste, was nun zu tun war. Dieses Vorkommnis war ein Fall für die 3-S-Regel: Schießen, Schippen, Schweigen. Eigentlich galt sie nur für streunende Hunde und Katzen, im seltenen Fall auch für Wölfe, doch Mensing beschloss, in diesem durchaus speziellen Fall nicht kleinlich zu sein. Er ging mit Blacky zu seinem Auto und holte eine Schaufel.
Es dauerte eine Weile, bis er den Toten in den Wald gezogen hatte, wo er im weichen Boden neben einer Wildschweinsuhle eine tiefe Grube aushob. Warm wurde ihm, und die in den ersten Sonnenstrahlen des Tages tanzenden Mücken piesackten ihn. Schließlich zog er den alten Mann in das tiefe Loch und schippte die Erde wieder zurück. Als er Stunden später sein Werk beendet hatte, begab er sich auf den Heimweg. Blacky sprang in den Kofferraum seines Autos, ächzend ließ sich Mensing hinter dem Steuer nieder. Was für eine Nacht. Er schaltete das Radio ein und fuhr langsam über holprige Forstwege, bis er die Landstraße erreicht hatte. Dabei lauschte er den Schlagern seines Lieblingssenders, während er langsam zur Ruhe kam. Es war jetzt 7 Uhr in der Frühe und die Nachrichten wurden verlesen, der übliche Weltenwahn aus Politik, Wirtschaft, Wetter und Verkehrsfunk, der allerdings von einer Durchsage ergänzt wurde:
„Achtung, liebe Brandenburgerinnen und Brandenburger, gesucht wird Werner Zeisner aus Neustadt-Dosse. Er wird seit gestern Abend vermisst und irrt vermutlich orientierungslos umher. Werner Zeisner ist 83 Jahre alt, trägt einen grauen Schlafanzug, … “
„Aha“, sagte Mensing.
„ … hat weiße Haare, einen weißen Bart und ist von schlanker Gestalt. Bitte informieren Sie umgehend die nächste Polizeidienststelle, wenn Sie Werner Zeisner sehen. Werner Zeisner benötigt dringend ärztliche Hilfe.“
Förster Mensing drehte das Radio aus, schüttelte den Kopf und schaute in den Rückspiegel zu seinem Hund: „Das sind ja wohl Fake News, was, Blacky? Werner Zeisner braucht definitiv keine ärztliche Hilfe mehr.“
Blacky gab kurz Laut, und Mensing drehte sich wohlwollend nach seinem Hund um: „So sieht’s aus, Blacky! Hunde bellen, Frauen tratschen, Männer reden, Jäger schweigen.“
Weiter fuhr Mensing in den frühen Tag. Und, als er eine ganze Weile intensiv über das Geschehen nachgedacht hatte, kam er, kurz bevor er den heimischen Hof erreichte, zu einer gewichtigen Erkenntnis, die ihm in der Hast des Vorfalls bisher unzugänglich geblieben war. Bei aller nicht unberechtigten Kritik am fehlerhaften Ansprechen des vermeintlichen Wildschweins blieb doch zweifelsfrei festzustellen, dass ihm da ein tadelloser Blattschuss gelungen war. Mensing fuhr auf seinen Hof und stieg aus. Er streckte sich und gähnte. In der nächsten Nacht würde er wieder ansitzen, vielleicht hatte er da etwas mehr Jagdglück.

 

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(Vierter Platz beim Putlitzer Preis 2018, dem Literaturpreis der 42er Autoren, Thema: “Verlaufen”)

Nu, eener muss do nichtern bleim

Der 14. Juni 1935 ist ein denkwürdiges Datum. Dieser Tag kann getrost als der Geburtstag des ersten Hochleistungsnavigationsgerätes der späteren DDR, wenn nicht gar der gesamten Welt, angesehen werden. Es kam ohne Netzgerät, Satelliten oder Batterien aus, und es lief mehr als 81 Jahre lang einwandfrei, bis es im letzten Sommer seinen Geist aufgab. Das war mein Opa, ausgestattet mit dem besten Orientierungssinn der Welt, und das ist eine durch und durch wahre Geschichte.
Schon als Kind vertiefte sich mein Opa in Heimatkarten aller Art, die in seiner Kinderzeit immerhin sogar bis nach Stalingrad und Afrika reichten. Später, als alle anderen Kinder mithilfe der FDJ ihre Jugenduniformen wechselten, schaute er sich die Karten des jungen Ostblocks an. Als Jugendlicher konnte er bereits das gesamte Straßennetz der DDR aufzeichnen bis hin zu den kleinsten Sommer- und Waldwegen. Es war die Inselbegabung eines ansonsten, ich darf das so frei und voller Liebe sagen, talentfreien Mannes, dem außer einer gewissen Begabung für unverschämte Bemerkungen (wir kommen später dazu) keine weiteren Fähigkeiten oder Kenntnisse im Wege standen.
Orte finden und außerdem fluchen können – ganz folgerichtig wurde mein Opa Berufskraftfahrer. 1954 heuerte er beim VEB Baustoffversorgung Dresden an, weitere Fahrten für andere Betriebe schlossen sich an und führten ihn durch die gesamte DDR. So fuhr er mit seinen Kollegen Kartoffeln von Mecklenburg nach Berlin, Kohle aus der Lausitz nach Rostock, Sprelacartprodukte von Spremberg nach Leipzig, Aale von Rüdersdorf (dort hielt man in den Wasserbecken des Zementwerks tatsächlich Aale) nach Wandlitz, Thüringer Holzspielzeug in den Westen, sogar Malimo-Stoffe aus Karl-Marx-Stadt zu den Fiat-Werken nach Italien. Mit der Zeit testeten ihn die ungläubigen Kollegen und versuchten, ihm Fallen zu stellen. Doch den Weg nach dem abgelegenen Laasan in der Nähe Jenas, das der Legende nach noch nicht mal von Napoléons Truppen entdeckt werden konnte, fand er im Halbschlaf. Und wenn die Dispatcher ihm nicht existierende Namen in seinen Routenplan schrieben, erkannte er es sofort.
Seine Vorgesetzten waren eigentlich zufrieden mit ihm. Wenn da nicht die ausgesprochene Geselligkeit meines Opas gewesen wäre, die ihn immer wieder dazu verführte, einen zur Brust zu nehmen. Nu, eener muss do nichtern bleim am Steuer, pflegten dann die Kollegen zu sagen, und dann lachten sie alle herzlich über den gelungenen Scherz. Alkohol schadete nicht seinen Peilungsqualitäten, im Gegenteil, fast hatte man das Gefühl, dass einige Radeberger und Nordhäuser seine Fähigkeiten auf eine höhere Bewusstseinsstufe stellten. Und so sah man eingedenk dieser besonderen Fähigkeiten meines Opas darüber hinweg. Doch als sein Robur Garant 1962 in den engen Straßen von Görlitz einmal die Limousine eines Ministers streifte und der darin sitzende Minister ausfällig wurde, blitzte das zweite Talent meines Opas auf, der den einflussreichen Genossen einen rot lackierten Hundertsassa nannte, der lieber aufpassen sollte, dass er nicht mal nachts in eine unbeleuchtete Faust läuft. Auf Anweisung von oben wurde daraufhin sein Führerschein eingezogen, so dass er nicht mehr fahren durfte. Als er deshalb persönlich auf dem Amt erschien und die dafür verantwortlichen Behörden als Halbaffen, Waldwichtel und Dünnschissgurgler bezeichnete, verbesserte das seine Aussichten auf den Wiedererhalt seiner Fahrerlaubnis nicht.
Mein Opa nicht mehr auf dem Bock? Dagegen wehrten sich seine Kollegen, die ohne seine präzisen Anweisungen in der Schilderlosigkeit der DDR verloren waren. Also einigte man sich unter Ausschluss der Autoritäten darauf, dass mein Opa bleiben konnte. So fuhr er weitere 27 Jahre als Fernfahrer durch die DDR, ohne Führerschein, immer auf dem Beifahrersitz, und immer mit dem richtigen Weg im Kopf. 1990 ging er in den Vorruhestand, auf den Westen hatte er keine Lust mehr, zu viele Schilder, wo bleibt denn da der Spaß, sagte er.
Im letzten Jahr bekam mein Opa einen schweren Herzinfarkt. Wir fuhren ihn selbst ins Städtische Klinikum, weil wir dachten, dass es so am schnellsten geht. Er war kaum noch bei Bewusstsein, konnte aber immerhin noch mit schwacher Hand unterwegs eine Abkürzung anzeigen. Dennoch verstarb er im Krankenhaus. Kurze Zeit später wurde er auf dem St.-Pauli-Friedhof in Trachenberge beerdigt. Auf seinem Stein steht: Wenn jemand den Weg in den Himmel kennt, dann er.

* * *

(Beitrag für den Wettbewerb der Dresdner Miniaturen 2017)

Das erste Kind des polnischen Maschinisten

Verfluchte Hundewache. Kaum eingeschlafen, schrecke ich schon wieder aus meiner Koje hoch. Eine Hand liegt auf meiner Schulter und rüttelt mich durch, untermalt von einem Flüstern: „Reise, Reise, du Penner.”
Gefreiter Sigmund grinst mich mit eingeschlafenen Gesichtszügen an. Er ist so grün wie das Erbsenpüree, das ich gestern Abend als Backschafter in die Teller gekellt habe. Sein saurer Atem macht mich wach, unwillig schiebe ich ihn weg:
„Sigmund, blöder Schwabe, kotz’ mir nicht wieder in die Koje!”
Er rülpst nur, malade fällt er in die schmale Schlafstätte unter der meinen. Als ich aus meiner Koje steige, sehe ich ihn da unten liegen und mit seiner Übelkeit ringen, das Leiden Christi für 330 Mark monatlichen Sold plus Bordzulage. Das Rotlicht unserer Nachtbeleuchtung lässt hinter seinen Ohren diverse Pflaster schimmern, die dem Seegang auf Dauer nichts entgegenzusetzen haben. Sigmund ist schon eingeschlafen, bevor ich meinen Arbeits- und Gefechtsanzug angezogen habe, die Seestiefel hat er gar nicht erst abgestreift. In den beiden anderen Kojen schnarchen Nielsen und Zelinski im Rhythmus des Rollens und Schlingerns, das seit drei Tagen anhält, während die Wellen unser Schiff durch die wühlige Ostsee schieben. Die Hälfte der Stammbesatzung ist wegen Seekrankheit ausgefallen, vom EloKa- Personal im Funkraum, sonst an Land eingesetzt, sind nahezu alle außer Gefecht gesetzt. Eigentlich ist unser Auftrag die fernmelde-elektronische Aufklärung der Ostseeanrainer des Warschauer Pakts, also Funküberwachung auf allen Kanälen. Doch das ist uns nur noch in homöopathischen Dosen möglich. Die Bordwand unserer Leeseite schimmert schleimig und ist derart vollgereihert, dass der Kalte Krieg ohne uns stattfindet.
Ein Drittel der Menschen wird ab einer bestimmten Dünung immer seekrank. Ein Drittel manchmal. Ein Drittel nie. So stellte es gestern beim Abendbrot Stabsarzt Brachmann während seiner vierten Blutwurststulle genüsslich fest. Auch ich gehöre zum letzten Drittel, deshalb helfe ich in der Pantry mit aus und gehe auf Wache im Funkraum, wenn dort Plätze notmäßig zu besetzen sind. Ich bin Fernmeldeaufklärer, Verwendungsreihe 22, Zeitsoldat, und ich kann bis zu 24 Wörter pro Minute fehlerfrei hören und mitschreiben, an guten Tagen auch schneller. Mit 16 Wörtern pro Minute morst die NATO. Aber die NATO ist faul, meist wird der Fernschreiber benutzt. Die Geschwindigkeit gibt an, wie oft das Wort „Paris” in einer Minute getastet werden kann. Die Buchstaben des Wortes Paris lauten kurz-lang-lang-kurz, kurz-lang, kurz-lang-kurz, kurz-kurz, kurz-kurz-kurz.
Unser Schiff ist die Alster, Korvettengröße, insgesamt gut 80 Mann Besatzung. Wir sind auf Jungfernfahrt des modernsten Bootes der NATO, heute ist der 2. Dezember 1989. Vorgestern habe ich ein Fernschreiben auf die Brücke gebracht, in dem stand, dass die RAF den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, mit einer Lichtschrankenbombe in die Luft gesprengt hat. Bewegte Zeiten, auch an Land. Auf der Brücke hat man die Information zur Kenntnis genommen und der IWO hat mich für meine vergessene Meldung „Auf Brücke” gerügt.
Ich trete auf den Gang, überall der zarte Hauch von Erbrochenem. Ein Blick auf die Uhr, in zehn Minuten muss ich mich oben in der Pantry melden, die Morgenwache bekommt ihren Kaffee und frische Brötchen. Sigmund hat mich wie immer zu früh geweckt, um seinen eigenen Schlaf zu verlängern. Es ist noch Zeit für eine Zigarette. Ich gehe zum Schott des Achterdecks und trete hinaus an die Reling. Gerade steigt voraus die Sonne empor, ein Rausch an Rottönen, Gold und Orange, in dem sich fliederfarben und silbern die Gischt unserer Bugwelle bricht. Basstölpel und Möwen ziehen kreischend durch den zerfetzten Himmel, der mich mit Feuchtigkeit umhüllt und am Horizont mit dem Quecksilber der Wellen verschwimmt. Ich rauche einige Züge, Böen reißen den Qualm aus meinem Mund. Auf unserer Backbordseite fährt wie immer unser Bewacherschiff von der Volksmarine der Nationalen Volksarmee neben uns her, ein Minensucher der 6. Grenzbrigade Küste. Pünktlich wie die Maurer sind sie aufgetaucht, kurz hinter Lübeck, man hatte das neue Schiff aus dem Westen schon erwartet. Permanent ist ein Fernglas auf uns gerichtet, kaum mehr als 20 Meter von uns entfernt. Jetzt bin ich im Fokus des Beobachters. Ich schnippe meine Zigarette in die Wellen und winke hinüber. Ich kann ihn gut erkennen, den Unteroffizier der Volksmarine, er ist jung, trägt einen Schnurrbart, dunkle Haare, und er winkt nicht zurück.
In der Pantry versehe ich meinen Dienst. Später bin ich im Funkraum eingesetzt, man setzt mich auf ein Netz polnischer Marineflieger, in dem Manövervorbereitungen mit verschlüsselten Triple-X-Sprüchen erwartet werden. Unangenehme Arbeit, die mich wach hält, denn Morsesprüche aus Flugzeugen plätschern unberechenbar, sie sind mal überhastet und mal tröpfelnd, wie der Harnstrahl eines alten Mannes.
Die Arbeit ist dieselbe wie in unserer Landdienststelle, dem Fernmeldestützpunkt 71 in Mürwik bei Flensburg. Dort befinden sich 40 Arbeitsplätze unter der Erde, angeordnet in Viererboxen. Jeder Soldat hockt mit Kopfhörer vor einem Schrank von Funkempfängern mit seinen ganz persönlichen Einstellungen. Wenn es auf dem linken Ohr lospiept, können es Shipfrequenzen sowjetischer Schiffe in außerheimischen Gewässern sein. Wenn es auf dem rechten Ohr losdaddelt, ist es vielleicht ein Rundstrahldienst aus Kaliningrad mit einem Wetterspruch oder es ist der Sender Tallinn, Rufzeichen RCV4, der verschlüsselte Buchstaben- und Zahlengruppen in den Äther knallt. Verhasst sind uns allen die DDR-Funknetze. Dort morst man, als ewiger Streber des Ostblocks, mit größerer Geschwindigkeit, als nötig oder vorgeschrieben ist, vermutlich, um uns Klassenfeinde zu piesacken. Die Funksignale sind so schnell, dass man sie zwar hören, aber nicht mehr mitschreiben kann. Die Mechanik der Hand lässt es nicht zu. Solche Sprüche zeichnen wir mit dem Tonband auf und lassen sie mit halber Geschwindigkeit erneut ablaufen, um sie zu erfassen. In dieser Zeit gehen jedoch meist schon weitere Sprüche ein. Obermaat Hinrichs, der neulich schwitzend im Schapp neben mir saß und in höchster Not Seite um Seite mit nicht versiegen wollenden Signalen vollkritzelte, hat man währenddessen eine Plastiktonne Altpapier über dem Kopf entleert. Damals war er dem Nervenzusammenbruch nahe, doch jetzt, hier, an Bord der Alster, füllt er in aller Seelenruhe die Seiten seines Blocks. Auch er gehört zum dritten Drittel. Ansonsten ist der Funkraum fast leer. Es ist, als würde man in einem Fahrstuhl ohne Fenster arbeiten. Vier Meter rauf, vier Meter runter, tagein, tagaus. Nahezu alle Horchfunker sind ausgefallen und verfluchen den Tag, an dem sie sich für ein Bordkommando beworben haben.
Nach der Funkschicht bin ich noch einmal in der Pantry für Backen und Banken eingesetzt. Es ist Nachmittag und wird bereits dunkel. Als ich Essensreste aus der Pütz über Bord werfe, werde ich dabei fotografiert. Wir sind ein kostspieliger Club von Paranoikern, in dem sich Bewacher gegenseitig beim Bewachen bewachen. So vergehen die Stunden und Tage. Wir schippern an Kühlungsborn vorbei und den Darß entlang. Dort ist es so stürmisch, dass der Kommandant Stahlseile auf der Schanz verspannen lässt, in die wir uns mit Karabinerhaken einhängen. Es geht an Hiddensee und Rügens weiß leuchtender Küste vorbei, stoisch begleitet uns der Minensucher aus dem deutschen Osten wie ein stählerner Pilotfisch. Wolgast, dann Usedom, immer hart an der Hoheitsgrenze entlang.
Plötzlich taucht vor Swinemünde ein weiteres Schiff auf. Es ist ein polnisches Schnellboot. Offensichtlich soll es das Schiff der Volksmarine als Bewacherschiff ablösen. Und richtig, das DDR-Schiff dreht ab und nun fährt an Stelle des ostdeutschen Minensuchers ein polnisches Schnellboot neben uns her. Sie beobachten uns ebenfalls unablässig, während wir an Kolberg und an Stolpmünde vorbeidampfen. Auch an Bord des polnischen Schiffes steht ein Soldat und beobachtet uns mit dem Fernglas. Allerdings fotografiert er mich nicht, als ich wieder einen Eimer mit Essensresten in die Ostsee entleere. Als ich ihm zuwinke, schaut er sich kurz um, grinst und winkt verstohlen zurück.
Drei Tage lang begleiten uns die Polen an ihrer Küste entlang. Wenn wir halten, halten sie. Wenn wir beschleunigen, beschleunigen sie. Schließlich kommen wir vor die Danziger Bucht und passieren Gdingen und Danzig. Mithilfe der Karte, die oben auf der Brücke ausliegt, kann ich unseren Kurs gut verfolgen. Als Pillau vorausliegt, beschließt unser Kommandant, zu ankern. Ich stehe, wie so oft, auf dem Achterdeck und rauche, diesmal in Gesellschaft eines ergrauten Stabsbootsmannes, als an Bord des polnischen Schnellbootes Betriebsamkeit ausbricht. Schließlich tritt dort ein Offizier aus dem Schott der Brücke, ein Oberleutnant oder Kapitänleutnant, schwer zu sehen, es dämmert bereits. In der Hand hält er ein Megaphon. Sehr höflich und in exzellentem Deutsch bittet er unseren Kommandanten, den Anker noch einmal hoch zu nehmen und einige Seemeilen weiter ostwärts zu fahren. Dann müssten die Russen die Überwachung übernehmen und die Polen könnten endlich nach Hause fahren. Seit fünf Wochen seien sie jetzt schon bei diesem Sauwetter auf See. Und außerdem sei die Frau des ersten Maschinisten schwanger und erwarte täglich ihr erstes Kind. Unser Kommandant reagiert umgehend und richtet über sein Megaphon die besten Wünsche für den Nachwuchs aus. Einige Minuten später nehmen wir den Anker wieder auf, die gewaltige Kette rasselt durch die Klüse. Die Alster gibt Signal und fährt mit langsamer Fahrt weiter gen Osten. Schon nach einer Viertelstunde wird vor unserem Bug die weiße Gischtfahne eines uns ansteuernden Schiffes erkennbar. Ein Tragflügel-Schnellboot, Turya-Klasse, meint der Stabsbootsmann, mehr als 40 Knoten macht der, dem fahren wir nicht davon, aber hat ja auch keiner vor. Plötzlich höre ich von achtern das Krachen von Bordlautsprechern. Ich schaue noch einmal hinüber zum polnischen Boot. Dort haben sich auf dem Deck fünf Matrosen versammelt. Sie tragen nicht ihre sonst üblichen Bordanzüge, sondern ihre Ausgehuniformen. Es ist ein Dank an unseren Kommandanten, denn sie singen ein polnisches Marinelied für uns. Über die Bordlautsprecher dringt der krächzende Ton zu uns herüber wie ein verwaschenes Shanty.
Neben mir meint der Stabsbootsmann:
„Nicht schlecht, was? Aber ist nichts gegen früher. In den Siebziger Jahren sind wir auf hoher See auch längsseits gegangen und haben uns mit Tauen verzurrt. Wir rüber zu den Polen oder die Russen rüber zu uns. Dann wurde getauscht, Tittenhefte gegen Wodka und so. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Aber wer weiß, ist ja gerade viel los in der Welt, vielleicht wird’s auch mal wieder anders.”

* * *

(Erschienen in der Anthologie “Neue Prosa aus Schleswig-Holstein” zum Literaturpreis Schleswig-Holstein 2018, Verlag Lumpeter & Basel, ISBN 978-3- 946298-09-0)