Manuskripte

Sie finden hier Leseproben zu zwei Manuskripten.

Friseure, ein jüdisches Ohr und ein Lancia“ handelt vom Protagonisten Schebela, der per Zufall den verschollenen Lancia Lambda Erich Maria Remarques in einer Brandenburger Scheune entdeckt. Dieser Sportwagen war einst das Geschenk des Verlegers Samuel Ullstein an den berühmten Autor, damit dieser sein Folgewerk nach „Im Westen nichts Neues“ im Ullstein Verlag verlegen ließe. Als Schebela stirbt, begibt er sich im Jenseits auf die Suche nach Remarque, um ihm vom Fund des verloren geglaubten Roadsters zu berichten.

Im zweiten Manuskript „Jeder dem anderen ein Teufel“ wird im Jahr 1946 der junge Unterleutnant der Polizei Hans Raeder von Prenzlau nach Altstrelitz abkommandiert, um dort einen Mordfall in einem abgelegenen Dorf aufzuklären. Plötzlich gibt es immer mehr Tote, eine verkrüppelte Ziege erscheint in der Nacht, viele Dörfler sind bäuerlichem Aberglauben verfallen, der russische Standortkommandant spielt ein undurchsichtiges Spiel und nur langsam gibt das Dorf ein ebenso altes wie dunkles Geheimnis preis …




Friseure, ein jüdisches Ohr und ein Lancia

(ab Seite 85)

Einige Tage später rief Murat ihn an:
„Hey, Schebela, Ich fahre heute raus nach Stolzenhagen und wollte fragen, ob du mich begleitest. Dort soll in einer Scheune eine echte Schönheit stehen.“
„In Stolzenhagen? Wo liegt das?“
„Direkt hinter Wandlitz. Da, wo die Bonzen wohnten. Du weißt schon, Volvograd. So haben es die Ossis genannt.“
„Und was soll da sein?“
„Ich habe einen Tipp bekommen, dass dort jemand ein Traumauto zu stehen hat und nicht weiß, wohin damit. Heute Nachmittag fahre ich hin. Du musst mitkommen. Wenn ein Türke vor dem Haus steht, machen die ihre Tür sonst gleich wieder zu. Außerdem sehen vier Augen mehr als zwei. Ich komme um 17 Uhr bei dir vorbei.“
Am Nachmittag holte Murat ihn mit seinem Jeep ab, der einen Anhänger zog. Es regnete. Die Hitze der ersten Junihälfte war einem verregneten Waschgrau gewichen. Sie brachen auf los, und schon bald verschwanden die Berliner Straßenzüge zugunsten des Grüns der märkischen Landschaft.
Nach einer Stunde Fahrt hatten sie ihr Ziel erreicht. Stolzenhagen hatte bereits bessere Tage gesehen. Die Häuser reihten sich wie blinde Perlen hintereinander auf, ein zerfurchtes Kopfsteinpflaster zog sich durch das Hufendorf. Ein Schäferhund schlug an, als sie aus ihrem Auto stiegen. In der Bushaltestelle schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite rauchten gelangweilt zwei Dorfjugendliche, die kaum älter als zehn Jahre waren.
Schebela und Murat standen vor einem Gehöft am Rande der Dorfstraße. Der Bauernhof sah so aus, als wäre er seit Jahren nicht mehr bewirtschaftet werden, aus dem vermoderten Fachwerk rutschten bröckelnd die Lehmgefache. Im Hof verrostete ein Aktivist Traktor aus der glorreichen sozialistischen Ära, daneben stand ein ähnlich betagter Hänger. Die Fenster im oberen Stockwerk des Hauses waren vernagelt.
„Wie kommst du darauf, dass hier etwas zu holen sein soll?“, fragte Schebela.
„Es ist nur eine Ahnung, aber meine Türkennase juckt. Ein neuer Lehrling von mir kommt aus diesem Kaff. Er ist hier groß geworden. Neulich saßen wir beim Bier zusammen. Wir kamen auf Scheunenfunde zu sprechen und Sylvio meinte, dass er als Kind beim Spielen in einer der Scheunen ein uraltes Fahrzeug gesehen hat. Er hat geschworen, dass das Fahrzeug uralt gewesen sein soll. Ein bisschen wie ein tiefer gelegter Ford T.“
„So so, ein tiefer gelegter Ford T.“
Schebela schüttelte den Kopf.
Sie betraten den Hof und gingen zur Haustür. Dort las Schebela den Namen, der auf dem Holzschild stand. Pielka. Er klingelte, während Murat sich im Hintergrund hielt. Nichts geschah. Er klingelte ein zweites Mal. Und ein drittes Mal. Endlich öffnete eine ältere, untersetzte Frau in einem Küchenkittel. Lockenwickler hingen in ihrem wirrweißen Haar.
Aus misstrauischen Augen musterte sie Schebela und Murat kurz und raunzte dann:
„Wat jibt’s denn?! Wat wollt ihr?!“
„Guten Tag, Frau Pielka“, sagte Schebela freundlich, „Wir haben gehört, dass Sie ein altes Auto in der Scheune haben, das nicht mehr gebraucht wird.“
„Ach ja? Wer sagtn ditte?“, argwöhnte die Alte.
„Na, der Sylvio Frenzel. Der hat hier im Ort gewohnt, erinnern Sie sich? Vor kurzem ist er nach Berlin gezogen und jetzt arbeitet er bei uns.“
„Der Sylvio? Der is ja nun nich jrade der Hellste. Der ist doch zu blöd zum Milch holen und lässt dit Geld inner Kanne liegen.“
„Bei uns stellt er sich eigentlich immer ganz geschickt an. Und er hat viel von ihnen geschwärmt, Frau Pielka“, meinte Schebela mit weicher Stimme.
„Von mir jeschwärmt? Ihr könnt mich mal anne Füße fassen! Ne alte Frau so zu verklapsen, schert euch fort!“, fluchte die Bäuerin und schob die Tür wieder zu. Schebela hatte damit gerechnet. Schnell stellte er seinen Fuß auf die Schwelle und sagte mit seinem charmantesten Lächeln:
„Doch, doch, Frau Pielka. Der Sylvio hat immer gesagt, also, die Frau Pielka, die ist verdammt clever. Die weiß, wo eine Mark zu holen ist. Die verkauft dem Teufel noch Feuerzeuge. Stimmt’s, Murat?“
Murat nickte und zog beiläufig ein Bündel Geldscheine aus der Tasche, das er mit geübten Fingern auffächerte.
Der alten Pielka war es nicht entgangen. Sie schien plötzlich unschlüssig und überlegte einen Moment:
„Hm, kann schon sein, det ick da wat habe“, brummte sie, „Mein Mann hat mal erzählt, dass er hier vor Uhrzeiten nen altet Auto unterjestellt hat. Wollter irjendwann flott machen. Is’ aber Jahrzehnte her.“
Ihre Augen glitzerten gierig:
„Billich wird dit nicht für euch, dit kann ich euch flüstern. Hier waren schon einige da. Und die waren alle interessiert.“
„Natürlich, Frau Pielka“, nickte Schebela, „Dürfen wir uns denn das Auto mal anschauen?“
„Na, von mir aus.“
Die alte Frau suchte im Flur nach einem Schlüsselbund, trat aus dem Haus und zwängte sich in ein Paar Gummistiefel hinein. Wortlos stapfte sie zur Scheune und wies die beiden Männer mit einem Nicken des Kopfes an, ihr zu folgen. Die Alte öffnete ein Vorhängeschloss und schob das Tor zur Seite. An verwaisten Schweinekoben und Pferdeboxen vorbei gingen sie nach hinten, wo hinter offensichtlich vor Jahrzehnten ausrangierten Küchenmöbeln ein Berg an Sperrmüll lagerte.
Sie zeigte auf den Haufen:„So, da drunter is die Karre. Aber et sollte mir wundern, wenn der Rost und die Ratten nich schon allet zernagt hätten.“
Schebela betrachtete den Schrott, der bis zum Scheunendach ragte. Stühle, Heizkörper, Rohre, kaputte Garderoben, Fliesenbruch, Unmengen von Kartons, Kleidersäcke, Bretter und Fahrräder aus den Anfängen des Drahteselbaus. Auf allen Gegenständen lagerte zentimeterdicker Staub. Er wechselte einen Blick mit Murat, der dasselbe dachte. Wenn sich darunter ein Auto verbarg, hatte es seit einer Ewigkeit niemand mehr gesehen.
„Darunter soll ein Auto sein? Was denn für eins?“, fragte Murat.
„Eins mit Rädern“, grunzte die alte Frau ungehalten, „Nen Auto eben.“
Listig fügte sie hinzu:
„Müssta halt selba kiekn. Ihr werdets nur rauskriejen, wenn ihr anfangt, uffzuräumen. Tut ma den Jefalln und räumt den Schrott gleich uffn Hänger. Ruft mir, wenn ihr fertig seid. Und macht mir ja nix schmutzig!“
Kichernd zog sie davon.
Murat seufzte:
„Wehe, darunter ist nur ein alter Wartburg. Dann kann sich Sylvio gleich morgen eine neue Lehrstelle suchen.“
Sie begannen mit der Arbeit.
Nach einer halben Stunde war ein großer Teil des Unrats abgetragen. Mehrere Decken, die ein großes Objekt verhüllten, kamen unter verrotteten Kartons zum Vorschein. Als Murat eine der Decken anhob, erblickte er ein Speichenrad. Motiviert arbeiteten sie weiter und kurze Zeit schlugen sie die Decken zurück. Eine Staubwolke erhob sich, die sie husten ließ und die den Geschmack verstrichener Jahrzehnte zwischen den Zähnen zurückließ.
Als sich der Staub wieder gesenkt hatte, erblickten Schebela und Murat das Heck eines uralten Fahrzeugs. Ehrfürchtig gingen sie um den Veteranen herum. Es war ein lang gestreckter Roadster. Unter dem Schmutz war die tiefschwarze Lackierung zu erkennen. Vom dunkelgrauen Verdeck waren in dem korrodierten Gestänge nicht mehr als einige verbrannt aussehende Fetzen zu erkennen. Der Kofferraum stand offen und war leer. Die durch ein Trittbrett verbundenen Kotflügel liefen in geschmeidigen Wogen nach vorn und brachen sich am Scheitelpunkt vor einem mächtigen, maschendrahtbezogenen Kühler. Darunter hing ein kaum leserliches Nummernschild. Die rissigen Reifen säumten die Speichenräder wie zerfressene Nerzmäntel. Zwei bauchige Rundscheinwerfer prägten die Fahrzeugfront.
Sie strichen mit ihren Fingern über das Automobil. Schebela fand als erster seine Sprache wieder:
„Ein Italiener?“
Murat nickte. Er machte sich bereits am Kühler zu schaffen. Mit Spucke und seinem T-Shirt rieb er das Emblem frei. In einem Wappen kam eine blaue Fahne auf weißem Grund zum Vorschein.
„Ein Lancia“, meinte Murat. „Und zwar ein besonderer. Ein Lancia Lambda, so etwas wie ein Mythos. Ein Meilenstein aus Stahl. Das erste Fahrzeug der Welt mit selbsttragender Karosserie, Einzelradaufhängung und VR-Motor. Niedriger Schwerpunkt. Geringes Gewicht. Sensationelle Straßenlage.“
„Lancia Lambda“, wiederholte Schebela andächtig, „Wie alt mag der sein? 70 Jahre?“
„Das kommt gut hin“, nickte Murat.
Schebela pfiff durch die Zähne:
„Was ist er wert?“
„Ein kleines Vermögen sicher“, meinte Murat, „Wahrscheinlich ein großes.“
Sie schauten sich den Fahrzeuginnenraum an. Alle Armaturen und Schalter waren vorhanden, auch wenn sie unter dem Staub kaum zu entdecken waren. Der Tacho zeigte lediglich 36.412 Kilometer an. Das Furnier des verbauten Holzes löste sich an einigen Stellen. Die roten Ledersitze waren zerschlissen, Sprungfedern ragten aus dem Polstermaterial hervor. Murat öffnete die Motorhaube und warf einen Blick auf das Aggregat:
„Der Motor sieht gut aus! Innenraum mäßig. Karosserie auf den ersten Blick okay, bis auf die Beulen wegen des abgestellten Schrotts. Die Türaufhängungen sind allerdings hinüber. Total ausgeleiert. Standen die ganze Zeit offen, schau’ dir die Spaltmaße an. Da kannst Du einen Schraubenschlüssel durchwerfen. Das Verdeck ist im Arsch. Und das Fahrwerk, das weiß der liebe Gott.“
Murat schaute Schebela an:
„Ich will dieses Auto unbedingt.“
Wenig später klingelten sie erneut bei der alten Pielka. Die Alte öffnete und ihr Gesicht verzog sich zu einem Grinsen, als sie die beiden verschmutzten Interessenten erblickte:
„Na, hat sichs jelohnt?“
„Für Sie schon“, antwortete Schebela, „Ihr Schrott ist auf dem Hänger. Aber uns hat es nicht viel gebracht. Das Auto ist gerade noch gut genug für die Schrottpresse. Zu lange Standzeit.“
Die alte Pielka lachte verächtlich:
„Zu lange Standzeit? Dit könnta jemanden erzählen, der dit Licht mitn Hammer ausmacht. Dit Ding ist wat wert. Also, wieviel?“
„Wir wären bereit, 2.000 Mark zu zahlen“, meinte Murat.
Frau Pielka drohte Murat mit der Faust:
„Türkenbengel, verkoof ma nich für doof. Ick hab schon Jeschäfte jemacht, da warst du nochn scheelet Grinsen im Gesicht von dein Vater. Ick jeh selber ma kiekn.“
Sie ging mit den beiden zurück in die Scheune und betrachtete das alte Fahrzeug. Offensichtlich hatte sie es noch nie zuvor gesehen.
„Seit wann steht das Auto hier?“, wollte Murat wissen.
„Keene Ahnung.“
„Und woher kommt es?“
„Woher soll ick dit wissen? Bin ick Jesus? Ha’ ick nen Dornenkranz uffer Murmel?“
„Schon gut“, beschwichtigte Murat, „Was verlangen Sie?“
„20.000.“
„Das ist ja wohl ein Apothekenpreis.“ Schebela winkte ab, „Wir wollen nicht Ihren Hof kaufen, sondern das Auto. Es ist ja noch nicht mal ein deutsches Auto, sondern nur ein Italiener. Eine Art Fiat, ein Pizzablech auf Rädern. 5.000 Mark, unser letztes Wort.“
„Kleener, ick weeß, wat dit Auto wert is. Piss mir nich’ inne Tasche und sag, dit is Regen. 15.000.“
„10.000 und abgemacht.“ Schebela hielt der alten Frau die Hand hin.
„Abjemacht.“ Frau Pielka schlug ein.
„Nur Baret ist wahret. Her mit der Kohle.“
Murat zählte der Stolzenhagenerin 10.000 Mark in die Hand. Seine Finger zitterten, er konnte seine Aufregung kaum verbergen. Sie waren soeben Besitzer eines Lancia Lambda geworden. Besitzer eines automobilen Traums, der auf der ganzen Welt nur noch wenige Dutzend Male existierte.
Es dauerte eine Weile, bis Schebela und Murat den Oldtimer mit der Winde des Jeeps auf den Anhänger gezogen hatten. Mittlerweile war es dunkel geworden. Als sie die Arbeit beendet hatten, klingelten sie noch einmal bei der alten Pielka.
Unwirsch machte sie die Tür auf:
„Wat is denn nu schon wieder? Ick dachte, ihr seid endlich weg.“
„Wir haben im Fahrzeug keine Unterlagen gefunden“, sagte Murat, „Und da dachten wir, wir fragen noch mal nach. Haben Sie vielleicht doch noch irgendwo eine Besitzurkunde rumzuliegen, eine Rechnung oder einen Namen, irgendwas?“
Die alte Frau schaute erst Murat und dann Schebela an, zu dem sie schließlich sagte:
„Sach ma, bei dein Kumpel fällt der Jroschen aber in Pfennije, wa? Dit ha’ ick euch doch jetz schon dreimal jesagt: Ick habe nüscht.“
„Wirklich gar nichts? Nicht einmal eine Adresse?“
„Ihr könnt wirklich nerven. Wenn ick jetz nochma kieken gehe, lassta dann ne alte Frau in Ruhe?“
„Versprochen.“ Schebela nickte.
„Na, denn kommt mit.“
Die alte Frau trat erneut aus dem Haus und ging mit ihnen über den Hof. Zur Rechten im Halbdunkel der Scheune befand sich eine weitere Tür, die sie aufschloss. Sie betraten eine bestens eingerichtete Werkstatt. Die alte Frau seufzte:
„Hier hat der alte Pielka selig immer jewerkelt, bisser 1975 unsern Gasofen reparieren wollte. Bumm. Dabei war er so’n patenter Bursche. Wenn er bloß nich immer so viel jesoffen hätte. “
Sie zückte ein Taschentuch und schnäuzte sich die Nase. Sie zeigte auf einen der Metallspinde, der an der Wand stand:
„Kuckt ma da rin. Dit war sein Autoschrank. Wenn überhaupt, dann ist da noch wat drin.“
Schebela und Murat öffneten den Schrank. Darin verstaubten einige Lampen und Blinker, die von Wartburg und Trabant stammen mochten. Eine Bedienungsanleitung für einen Borgward Lloyd 300, diverse Werkzeuge und zwei Autobatterien. Sicherungen und Dichtungsringe. Außerdem ein Pappkarton, in dem Schrauben, Schlüssel, Nägel und Metallreste lagerten. Murat und Schebela wühlten darin herum, konnten aber nichts Besonderes entdecken. Schebela schob den Karton zurück. Dabei bemerkte er, dass etwas zwischen Karton und Schrankwand klemmte. Er tastete im Dunkel des Schranks herum und zog schließlich ein Lederetui hervor. Er öffnete es und heraus fiel ein alter Schlüssel. Murat musterte ihn und erkannte darauf das fein ziselierte Logo der Firma Bosch.
„Ist das der Zündschlüssel?“ fragte Schebela.
Murat nickte:
„Ich glaube schon. Er sieht zwar aus wie ein Lastwagenschlüssel. Aber früher waren die so groß. Sicherlich original.“ Murat steckte lächelnd das Etui und den Schlüssel ein:
„Besten Dank für Ihre Mühe, Frau Pielka. Sie haben uns wirklich weiter geholfen.“
Die Alte wehrte beschwichtigend ab: „Nu mach’ ma hier nich den Lohenjrin. Und seht zu, det ihr Land jewinnt. Ick will in Bett.“
Schebela und Murat fuhren zurück nach Berlin. Schebela rief Patrice an und erzählte ihr vom Fund. Sie luden das rostige Schmuckstück in Murats Werkstatt in Kreuzberg ab. Anschließend gingen sie in der Oranienstraße essen. Sie zogen weiter und im SO36 beschlossen sie, das Autojuwel gemeinsam aufzuarbeiten, zu verkaufen und den Erlös auf den Kopf zu hauen. Es war ein wunderbarer Anlass, sich zu betrinken. Sie stießen auf italienische Autos und das Wohl der alten Pielka an.
Nach einer Bestandsaufnahme waren Schebela und Murat zuversichtlich, den Lancia Lambda innerhalb der nächsten Monate restaurieren zu können. Murat setzte sich mit Sattlereien und Verdeckspezialisten in Verbindung und kontaktierte Lancia-Fanclubs.
Patrice besuchte die beiden in der Werkstatt und bestaunte den Wagen. Das historische Fahrzeug weckte auch ihre Neugier. Eines Tages saß sie am Werkstattcomputer und surfte im Internet, während Schebela in Autobildbänden blätterte und nach Aufnahmen von Lancia Lambdas suchte. Plötzlich stand sie hinter ihm und umarmte ihn:
„Hast du nicht gesagt, dass wir füreinander bestimmt sind?“, flötete sie in sein Ohr.
„Ja, und?“ Er musste lachen, weil sie ihn kitzelte.
„Dafür habe ich gerade einen weiteren Beweis gefunden. Weißt du, wer vor ungefähr siebzig Jahren einen Lancia Lambda fuhr?“
„Keine Ahnung.“
„Erich Maria Remarque.“
„Quatsch.“
„Doch, ernsthaft“, fuhr Patrice fort, ging zum Computer zurück und las aus einem Artikel vor, „Remarque war begeistert von Automobilen. In den 20er Jahren hat er als Werbetexter unter anderem Comics für Continental gezeichnet und Kurzgeschichten rund um das Auto geschrieben. Im Jahr 1930 hat ihm der Ullstein-Verlag als Option für das nächste Werk nach seinem Welterfolg Im Westen nichts Neues einen Lancia Lambda geschenkt. Und jetzt halt dich fest: Seit den späten 30er Jahren gilt das Auto als verschollen, und zwar in Berlin. Vielleicht ist es der Lancia, den ihr gefunden habt?“
Schebela winkte ab und lachte. Als Patrice sich verabschiedet hatte, ging er in die Werkstatt, in der Murat mit zwei seiner Angestellten damit beschäftigt war, den Motorblock aus dem Lancia zu heben. Gemeinsam wuchteten sie das Monstrum mit der Winde aus dem Chassis. Während Murat und seine Kollegen dem italienischen Motorenbau in Lobpreisungen huldigten, öffnete Schebela die Fahrertür und nahm hinter dem Lenkrad Platz. Das patinierte Leder knarrte, Sprungfedern bohrten sich in sein Gesäß. Seine Hände strichen über das hölzerne Lenkrad und über den Schaltknauf aus gebürstetem Aluminium. Vor ihm am Armaturenbrett steckte der Zündschlüssel im Schloss, an dem das Etui baumelte, rechts daneben befand sich der Startknopf. Sein Blick glitt über die Uhr mit den römischen Ziffern und über die Kippschalter. Er betrachtete die lederne Ablagetasche, die sich in der Fahrertür befand. Sie hatten den Wagen schon mehrmals nach Spuren und Hinweisen abgesucht, die Aufschluss über die Herkunft des Fahrzeugs geben könnten.
Plötzlich fiel ihm ein, dass sie zwar überall, aber nicht im Etui nach weiteren Spuren gesucht hatten. Er bohrte seine Hand tief in das Schlüsselfutteral und fingerte darin herum, während er Murat zusah, der sich mit schwerem Gerät über das antike Triebwerk hermachte.
Plötzlich ertastete er ein Stück Papier. Neugierig zog er es hervor. Er faltete den Schnipsel auseinander, der kaum größer als ein Bierdeckel war. Offensichtlich war es der Rest eines Geschäftspapiers. Rechts oben auf dem fleckigen Papier konnte er den Briefkopf eines Unternehmens und ein handschriftlich eingetragenes Datum erkennen. Das Papier stammte vom Karosseriebetrieb Voll & Ruhrbeck aus Charlottenburg und war am 12. Februar 1931 ausgestellt worden. In der gleichen Handschrift war noch eine Adresse zu erkennen, durch welche die Abrisskante des Papiers lief. Mühsam entzifferte Schebela die Zeichenfolge serdamm 114. Er dachte kurz nach. Natürlich. Kaiserdamm Nummer 114.
Schebela sprang aus dem Auto:
„Murat, ich habe eine Adresse.“
Murat versuchte gerade mit brachialer Gewalt, Verschraubungen am Motorblock zu lösen. Schweiß glitzerte auf seiner Stirn.
„Was für eine Adresse?“, keuchte er.
„Schau selbst. Ein Briefbogen, von Voll & Ruhrbeck, aus Charlottenburg. Sagt dir das etwas?“
Murat setzte den Schraubenschlüssel ab und wischte mit dem Ärmel über sein Gesicht:
„Natürlich. Voll & Ruhrbeck war vor dem Krieg einer der berühmtesten Karosseriebetriebe Europas. Früher ließen sich dort die Luxuskunden ihr eigenes Blechkleid entwerfen. Voll & Ruhrbeck hat in den 30er Jahren den Wasserfall-Kühler des Bugatti 57 C gebaut.“
„Auf dem Zettel steht die Adresse Kaiserdamm 114. Ich fahre hin. Kommst du mit?“
„Keine Zeit“, antwortete Murat knapp, „Viel Erfolg.“
Schebela fuhr bis zum Ernst-Reuter-Platz und bog in die Bismarckstraße ein, die in den Kaiserdamm überging. Bald hatte er sein Ziel erreicht. Er stellte sein Fahrrad vor dem Haus ab und betrachtete den unscheinbaren Altbau, dessen Fassade von Loggien geprägt war. Er warf einen Blick auf das Klingelschild und studierte die Namen. Doch was sollten sie ihm schon verraten? Er seufzte und trat einige Schritte zurück, um das Haus noch einmal zu betrachten. Erst jetzt fiel ihm das Metallschild auf, das unter der Hausnummer angebracht war:
„Hier wohnte 1925 der Schriftsteller Erich Maria Remarque, der bis 1931 in Berlin lebte. In dieser Zeit entstanden die Antikriegsromane „Im Westen nichts Neues“ und „Der Weg zurück“. Remarque wurde am 22.06.1898 in Osnabrück geboren und starb am 25.09.1970 in Locarno.“
Schebela bekam weiche Knie. Er zündete sich eine Zigarette an und inhalierte tief, während vor ihm der Verkehr den Kaiserdamm abwärts Richtung Zentrum brauste. Die Situation war nun eine andere, Spekulation wich der Gewissheit. Mit großer Wahrscheinlichkeit hatten sie den Lancia Lambda von Erich Maria Remarque gefunden, einem der großen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er griff nach seinem Mobiltelefon, rief Patrice an und erzählte es ihr.
„Oha“, sagte sie und lachte, „Das ist schön. Dann nennen wir euren Lancia Karl, das Chausseegespenst.“
Schebela wusste, dass sie sich auf das Buch Drei Kameraden bezog, in dem Karl, ein klappriger Rennwagen, eine Rolle spielte.
„Findest du diese Zufälle nicht seltsam? Erst dein Name und mein Vorname. Dann das Auto. Und jetzt schon wieder Remarque?“
Sie gluckste:
„Es gibt keinen Zufall. Was wir Zufall nennen, ist nur der Zufluchtsort der Unwissenheit.“
„Das hast du schön gesagt.“
„Nicht wahr? Leider ist es nicht von mir, sondern von Spinoza.“
„Du überraschst mich immer wieder, meine Schöne.“
Schebela fuhr zurück in die Werkstatt und setzte sich dort erneut an den Computer. Er brachte in Erfahrung, dass Remarque ein Faible für die italienische Nobelmarke gehabt zu haben schien. Nach dem geschenkten Lancia Lambda hatte Remarque einen weiteren Lancia bestellt. Dieser zweite Lancia war ein Lancia Dilambda. Er hatte mehr Dampf unter der Haube, den er aus acht Zylindern mit insgesamt vier Litern Hubraum sog. Mittlerweile war dieser Lancia Dilambda wieder in seiner Heimat gelandet, er stand bei einem Automobilliebhaber in Norditalien. Im Jahr 1998 war der Lancia Dilambda anlässlich des hundertsten Geburtstages von Remarque im Foyer des Hotels Remarque in Osnabrück, der Geburtsstadt des Autors, ausgestellt worden.
Einige Tage später lag ein Brief im Briefkasten der Werkstatt, der Schebela elektrisierte. Er kam aus Osnabrück und war vom Erich Maria Remarque-Friedenszentrum abgeschickt worden. Er enthielt eine Broschüre, die Schebela dort angefordert hatte. Die im Jahr 1998 aufgelegte Schrift befasste sich mit den Automobilen des Schriftstellers. Die Nationalsozialisten hatten den Lancia Lambda beschlagnahmt, als Remarque nach der Machtergreifung Hitlers aus Deutschland in die Schweiz floh, wo er viele Jahre zuvor eine Villa am Ufer des Lago Maggiore in Porto Ronco erworben hatte. Damals hatte er die Flucht aus Berlin mit dem größeren Lancia Dilambda angetreten, während der Lancia Lambda zurückbleiben musste. Die Nationalsozialisten forderten Geld für die Auslösung des Fahrzeugs. Remarque zahlte, aber er konnte seinen Lancia nicht abholen, da ihm seine Verhaftung gedroht hätte. Die Nationalsozialisten nahmen schließlich sogar Remarques Schwester in Haft und ließen sie ermorden, da sie ihres Bruders nicht habhaft wurden. Schließlich verloren sich die Spuren des Fahrzeugs in den Wirren der Berliner Vorkriegszeit. Seitdem galt das Geschenk des Ullsteinverlags als verschollen. Ein Satz in dem Artikel ließ Schebela aufspringen: Zugelassen war der Wagen mit dem Kennzeichen IA 69865.
Schebela rannte in die Werkstatt, um sich das Kennzeichen ihres Oldtimers anzuschauen, das abgeschraubt und unbeachtet in einem Regal lag. Er reinigte es vom Dreck und stellte fest, was er längst wusste. Der Lancia Lambda von Frau Pielka aus Stolzenhagen war das Auto von Erich Maria Remarque, dessen Auflage seines berühmtesten Werkes nur noch von der Bibel übertroffen wurde. Der Lancia Lambda aus der Stolzenhagener Scheune trug das Kennzeichen IA 69865.
Als Murat in der Werkstatt eintraf und er ihm von seiner Entdeckung erzählte,  fielen sie sich in die Arme. Sie tanzten durch die Werkstatt und schrien vor Freude. Als sie sich wieder beruhigt hatten, begannen sie zu grübeln. Es blieben Fragen offen. Wie kam der Lancia Lambda nach Stolzenhagen? Wann und warum? Schebela und Murat stellten weitere Recherchen zunächst hinten an. Sie wollten nicht zu viel Staub aufwirbeln. Es war sehr wahrscheinlich, dass die Besitzverhältnisse rund um das Fahrzeug unklar waren. Damit würden sie riskieren, ihr Schmuckstück zu verlieren. Sie konzentrierten sich also auf die Restaurierung des Fahrzeugs. Murat und seine Gesellen zerlegten und überarbeiteten den Motor, Verschleißteile wurden ausgetauscht. Sie merkten bald, dass es schwierig war, an Ersatzteile zu gelangen. Viele Teile mussten sie neu anfertigen.
Schebela ging bei den Karosseriearbeiten zur Hand. Die Substanz der Bleche war nicht schlecht, aber die linke A-Säule war vom Winker abwärts verrottet. Ein steter Wassertropfen, durch ein Loch im Scheunendach ermöglicht, hatte ganze Arbeit geleistet. Sie entfernten die verrosteten Stellen und fertigten neue Bleche an, sie verzinnten und schliffen.
Das Getriebe, die hydraulisch gedämpfte Teleskop-Federbeinachse und die hintere Starrachse wurden instandgesetzt, ebenso das Getriebe und die Schrauben- und Blattfedern. Sie widmeten sich den feinen Jäger Instrumenten. Tachometer und Uhr, Drehzahlmesser und Öldruckanzeige wurden gewartet, gereinigt und poliert.
Eine Sattlerei aus dem Harz war mit der Reparatur des Verdecks und des Verdeckgestänges beauftragt worden. Sie schickte einen Fachmann, der vor Ort viele Tage mit der Maßanfertigung verbrachte. Als Murat und Schebela sahen, dass er gute Arbeit leistete, beauftragten sie ihn damit, auch die Sitze neu aufzupolstern und die Türen mit Leder zu verkleiden.
Ende November ging die Karosserie in eine Lackiererei, in der man den originalen Farbton auftrug. Im Dezember trennte sich Murat schweren Herzens von einem seiner Muscle Cars, um das Lancia-Projekt weiter finanzieren zu können. Sein 1971er Dodge Polara V8 in Hellgrün Metallic wechselte den Besitzer. Murats Laune besserte sich erst wieder, als im Januar 2001 der Kühler des Lancias, die Lampenringe und Schrauben, Griffe, Radkappen und Fensterholme eintrafen, die in einem Galvanisierbetrieb neu verchromt worden waren.
Am 3. Februar 2001, einem schneeverregneten Samstag, war es endlich soweit. Die Restaurierungsarbeiten waren abgeschlossen. Schebela und Murat hatten eine Feier in der Werkstatt vorbereitet. Es gab ein Buffet mit norditalienischen Spezialitäten. Birra für die Herren, Prosecco für die Damen, Grappa für alle. Die Gäste standen im Kreis und schauten erwartungsvoll auf die Plane, unter der der Lancia Lambda auf seine Enthüllung wartete. Patrice war auserkoren, das Tuch zu entfernen. Einer der italienischen Lehrlinge hatte die Stereoanlage eingeschaltet, aus den Boxen dröhnte zu Ehren des Firmengründers Vicenzo Lancia Fratelli d’Italia, die italienische Nationalhymne. Nach einer Ansprache Murats zog Patrice die Plane fort.
Er sah aus wie neu. Der schwarze Lack des Lancia Lambda glänzte wie Erdöl, der Chrom blitzte. Die knallroten Polster verströmten den Duft von Connolly-Leder, geborgen unter dem anthrazitfarbenen Verdeck.
Murat und Schebela klappten das Verdeck nach hinten. Sie nahmen hinter dem Lenkrad Platz. Murat kontrollierte den Öldruck, drehte den Schlüssel herum und drückte den Startknopf. Es gab einen ohrenbetäubenden Knall, der die Sektgläser auf den Tischen zum Vibrieren brachte. Qualm schoss aus dem Auspuffrohr und unter der Motorhaube des Veteranen erwachte ein Biest. Schebela schaute Murat an und musste grinsen. Zum ersten Mal sah er seinen Freund weinen.
Sie tauften den Lancia auf den Namen Karl das Chausseegespenst und gossen Champagner über die Motorhaube. Aufgrund des schlechten Wetters verzichteten sie auf eine Ausfahrt. Allerdings hatte Murat noch etwas bekannt zu geben. Er stand vom Fahrersitz auf und bediente die Hupe, deren markerschütternder Klang alle Gäste verstummen ließ. Er war längst nicht mehr nüchtern, allein vom Röhren des Vierzylindermotors, den er jetzt abstellte, war er berauscht:
„Ich danke Euch allen, die Ihr mit eurem Einsatz und eurem Können diesen heutigen Tag möglich gemacht habt. Und ich möchte euch etwas mitteilen. Ich habe unseren Lancia beim Concorso d’Eleganza in der Villa d’Este am Comer See angemeldet. Im April präsentieren wir unser Chausseegespenst auf der berühmtesten Autoschau der Welt. Alles andere als die Coppa d’Oro wäre eine Riesenenttäuschung!“
Die Gäste applaudierten jubelnd. Schebela stand nun ebenfalls auf. Er legte seinen Arm um Murats Schultern, hob sein Glas und sprach:
„Ich möchte einen Toast ausbringen. Trinken wir auf den Mann, der bereits vor über 70 Jahren die Eleganz dieser automobilen Schönheit zu schätzen wusste. Auf den Mann, der das Auto vor langer Zeit zurücklassen musste und für den wir herausfinden werden, wer es damals gestohlen hat. Trinken wir auf Erich Maria Remarque.“
Sie kippten die Gläser.
An sonnigen Märztagen machten sie einige Probefahrten, die reibungslos verliefen. In Jacken gehüllt, mit Mützen und Handschuhen saßen sie im Lancia und ließen sich von begeisterten Autofahrern anhupen und von Passanten zuwinken. Schebela und Murat, die hinter dem Lenkrad saßen, bekamen Muskelkater. Sie verstanden nun, warum Chauffeure früherer Tage ein breites Kreuz und starke Arme hatten. Die Lenkung war schwergängig, es kostete viel Kraft, das Gefährt um die Kurven zu wuchten.







Jeder dem anderen ein Teufel


PROLOG
Ich sehe alles ganz klar. Manchmal denke ich, dass es damit zusammenhängt, dass ich seit vielen Jahrzehnten nur noch ein Auge habe, und so bilde ich mir ein, damit vielleicht mehr gesehen zu haben als all die anderen Normalsichtigen, gerade, weil mir das eine noch verbliebene Auge den Blick auf die Welt so kostbar machte. Ohne dass ich jene Bilder, die von meiner Netzhaut in die Erinnerung herabfielen und dort krautende Wurzeln schlugen, als Kind hätte begreifen können. Vieles, was danach kam, verblasste im Einerlei der Lebensmomente, doch diese Handvoll an Tagen in jenen Julitagen des Jahres 1947 ist unauslöschlich geblieben. Ich war ein Kind damals, kaum älter als sieben Jahre, und doch kann ich mich an alles erinnern, was in Seegenow kurz nach dem Krieg geschah.
Als junger Mensch zu schweigsam. Als alter Mann zu geschwätzig. Lange dachte ich, der ich nun so lange nicht mehr darüber gesprochen hatte, es sei nur folgerichtig, die Erinnerungen mit in mein Grab zu nehmen, welches mir aufgrund meines Krankheitsverlaufes näher rückt, ohne dass es mich schrecken würde. Doch es sind die Toten von damals und jene Dinge, von denen mir der Unterleutnant erzählte, die mich nicht loslassen. Und wenn auch niemand seinen Dämonen entkommen kann, so mag es mir vielleicht doch gelingen, mich ihnen zu stellen, um meinen Frieden zu finden, um nicht in jeder zweiten Nacht schweißgebadet aufzufahren aufgrund jener seltsamen Gegenstände, die ich vor langer Zeit einmal in den Händen hielt und die mir damals so unbedeutend vorkamen. Vieles würde ich dafür geben, nicht alles gewusst zu haben. Narren schlafen besser.
Bisher habe ich nur mit einem Menschen über das Gewesene gesprochen, und dieser Unterleutnant ist seit 25 Jahren tot. Vor einigen Tagen hat mich der Brief der Kirche, den ich aus meinem Briefkasten zog, daran erinnert. Man hat angefragt, ob ich die Pacht des Grabes zu verlängern gedächte, und ich habe ihnen geantwortet, dass man das Grab nun auflösen kann. Ich denke, der Unterleutnant hätte es so gewollt, er war ein bescheidener Mann.
Plötzlich kommt mir der Gedanke, dass es ihm vielleicht nicht Recht sein könnte, dass ich Ihnen vom ihm erzähle, aber da es ihm zu seiner Ehre gereicht, werde ich mich über diesen Impuls hinwegsetzen, ja, ich erlaube mir sogar, die Geschichte aus seiner Sicht zu erzählen, nicht, um ihn zu desavouieren, sondern um sein Leben gebührend in Erinnerung zu rufen.
Wenn mir gelegentlich die Phantasie durchgeht, so mögen Sie es als künstlerische Freiheit meinerseits, als schmückende Dichtung verbuchen, doch das meiste ist Wahrheit. Zumindest Wahrheit nach meinem Verständnis, so wie ich sie erlebt habe und so wie der Unterleutnant mir Jahre später davon berichtete, als er jene merkwürdigen Tage erlebte. Seine Worte habe ich mir genau gemerkt, und da ich ihm so nahe und so dankbar war wie später niemals mehr einem anderen Menschen, nicht einmal meiner Frau und meinen Kindern, weiß ich, wie der Kern seiner Seele und das Innerste seines Erlebens bestellt waren.
Nicht für alles wird es möglicherweise eine Erklärung geben, die den Anforderungen der Ratio genügen. Und der Blick durch die Brille eines bereits verstorbenen Menschen mit dem einen verbliebenen Auge eines alten Mannes mag wie ein Schlieren werfender Fingerabdruck auf einem Glas ebenfalls zu Verzerrungen führen. Wie stets steht über allem, dass die Vernunft nur soweit schauen kann, wie das Licht der Aufklärung scheint. Wir alle müssen uns manchmal mit dem Unerklärlichen zufriedengeben, vom dem sich in jenen fiebrigen Sommertagen allerlei ereignete.

Kapitel 1

„Was hat denn der Mann im Mund?“
Unterleutnant Hans Raeder trat an den Toten heran und beugte sich herab, um sich einen besseren Eindruck zu verschaffen. Die Dämmerung hatte schon eingesetzt, als das Licht seiner Taschenlampe über das Gesicht des Toten glitt. Weil die Hitze des Sommertages groß gewesen war und den Geruch des Todes über den Morast getragen hatte, summten im Licht der Taschenlampe hunderte Kadaverfliegen, die er mit einigen Handbewegungen zu verscheuchen suchte.
Raeders Müdigkeit war trotz des langen Tages verflogen. Sein Tag war lang gewesen und hatte bereits in aller Frühe um drei Uhr begonnen. Ab vier Uhr, vor Dienstbeginn und Dämmerung, hatte er mit einer Handvoll seiner neuen Kollegen begonnen, aus dem restlichen Bruchholz von Möbeln, das man neben dem Exerzierplatz aufgekippt hatte, Behelfstische und Bürostühle zu zimmern. Viel Baumaterial war ohnehin nicht mehr vorhanden. Nahezu alles Hölzerne war im letzten Winter verfeuert worden, als der monatelange Frost, der bereits im November 1946 alle Seen mit seiner Kälte versiegelt hatte, sämtliche Behausungen von innen mit fingerdickem Eis überzogen hatte, so dass die Tapeten darunter vollständig von rahmenlosem Wasserglas gefasst waren.
Erst am Palmsonntag, dem letzten Tag im März, hatte die Kälte das Land aus ihren blauen Klauen entlassen und der Frühlingssonne gewährt, das Land aufzutauen. Die Erde war aufgebrochen und die Süße sprießender Triebe hatte sich mit den üblen Ausgasungen vermengt, die wie Ungeziefer aus den offenen Fenstern der Wohnungen gekrochen waren, ein saurer Geruch nach Typhus und Fleckfieber, ein Reigen verkeimter Schwaden, die in sich den Eiter von Hungerödemen und die Fäule von Erfrierungen trugen.
Als man nach der winterlichen Starre im April wieder zu Kräften kam und begonnen hatte, erneut nach geeigneten Polizisten Ausschau zu halten, um die hoheitlichen Pflichten wahrnehmen zu können, hatte Raeder sich freiwillig gemeldet. Endlich, das war eine willkommene Gelegenheit, in Lohn und Brot zu kommen und vielleicht sogar seine Möglichkeit, den Dämonen des Krieges zu entfliehen, während andere seiner neuen Kollegen mit von den Schlachten unzerstört gebliebenen Idealen vom Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung träumen mochten.
Nach kurzer Überprüfung war er angenommen worden. Raeder war jung, körperlich unversehrt, von wachem Verstand und als einfacher Soldat der Wehrmacht während des Krieges nicht befördert worden. In der Kriegsgefangenschaft hatte er die russische Sprache erlernt, außerdem war sein Vater Sympathisant der Kommunisten gewesen, das genügte als Qualifikation.
Der Krieg war kaum beendet gewesen, als zwischen der KPD und der Sowjetischen Militäradministration für Deutschland bereits Einigkeit darüber erzielt worden war, dass zügig Polizeikräfte aufzubauen seien, um die öffentliche Sicherheit wieder her zu stellen. Seit zwei Jahren gab es nun also die Deutsche Volkspolizei, die dem zentralen Führungsorgan der Deutschen Verwaltung des Inneren unterstellt war. Während sich die Hierarchien wie aushärtender Mörtel festigten, um dem Land Strukturen der Ordnung zu geben, fehlte es noch immer an Räumen, Personal, Fahrzeugen, Uniformen, Schreibmaschinen, Waffen, an allem.
Raeders Dienststelle hatte vor kurzem einige hergerichtete Räume auf dem Gelände der Kaserne III in der Alsenstraße bezogen, in der während des Krieges eine Fliegerhorstkompanie und eine Luftwaffennachrichteneinheit untergebracht gewesen waren. In dem weitläufigen Komplex befanden sich einige der wenigen Häuser in Prenzlau, die nicht in jenen drei Nächten des April 1945 zerstört worden waren, als russische Artillerie und die Großfeuer der anschließenden Besetzung nahezu alle Häuser der nordbrandenburgischen Garnisonsstadt in den märkischen Staub stürzen ließen.
Ein anämisches Telefonnetz bestand zwischen den Dienststellen der Deutschen Volkspolizei, den entsprechenden Behörden des Innern und den sowjetischen Kasernen der Region. Gegen Mittag an jenem 10. Juli, als Raeders Hörsaal gerade an einer Schulungsveranstaltung zum Thema der Spurensicherung teilnahm, kam der Anruf aus der sowjetischen Kaserne in Meisneritz. Raeders Ausbilder, Hauptmann der Volkspolizei Wagner, griff nach seinen Krücken und humpelte – sein rechtes Bein war 1944 in der Normandie von einem MG abgetrennt worden – aus dem Hörsaal, um in das nebenan gelegene Dienstzimmer zu eilen. Raeder und seine Kollegen konnten durch die provisorische Abtrennwand hindurch, die kaum die Stärke von Sperrholz überstieg, dem erregten Dialog folgen, in dem Wagner zwischen den üblichen Ergebenheitsadressen gegenüber sowjetischen Kommandanturen und dem gewachsenen Selbstbewusstsein seiner neuen Dienststelle schwankte.
Ein Toter war gefunden worden, soviel war dem Gespräch zu entnehmen. Ein Toter unter befremdlichen Umständen, also mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Mord, und der sowjetische Kommandant ließ ohne ein Übermaß an Höflichkeit, soviel war allein der zunehmenden Lautstärke des Gesprächs zu entnehmen, nachfragen, ob die Kriminalpolizei in Prenzlau gefälligst die Umstände des Todes binnen kürzester Frist aufzuklären gedenke oder ob man die Aufklärung dieser Angelegenheit den sowjetischen Stäben vor Ort zumuten wolle, die mit Freude bereit seien, ganz ohne lästige Verfahren und in bewährter Routine jedem in Frage kommenden Verdächtigen die Gelegenheit zu einer weiten Reise nach Sibirien zu verschaffen.
Man schrie sich also in einem Streit, der in einem Kauderwelsch aus Deutsch und Russisch hin und her wogte, bezüglich entsprechender Zuständigkeiten an, bis der Anrufer mit Flüchen, die er mit Inbrunst aus den Abgründen seiner Muttersprache fischte, einhängte. Wagner seufzte und ließ sich, wie zu hören war, in einem nächsten Gespräch mit der SED-Kreisleitung verbinden, um sich der polizeilichen Autonomie seiner Dienststelle zu versichern. Die angehenden Kriminalpolizisten des Hörsaals nahmen aufgrund der floskelhaften Antworten, die Hauptmann Wagner in den Hörer gab, zur Kenntnis, dass dieser sich selbstverständlich für die Unterstützung aller Arbeiter und Bauern der Region im Namen der Partei bedankte, auch war zu erahnen, dass die Genossen Kreisfunktionäre sich in Mutmaßungen ergingen, dass der Täter zweifellos nur ein revanchistisches Subjekt niedrigster Sittlichkeit sein könne, und dass daher natürlich, ohne den Ermittlungsergebnissen vorgreifen zu wollen, ein Diversant oder ein imperialistischer Agent aus der amerikanischen Zone zu vermuten sei.
Im Anschluss an das zweite Telefonat hatte Wagner die Vorlesung vorzeitig beendet und Raeder gebeten, zu ihm zu kommen. Ohne Umschweife erklärte er ihm, worum es ging:
„Es gibt einen Toten. Viel wissen wir noch nicht. Seegenow heißt der Ort. Nie gehört. Irgendein Klein-Posemuckel hinter Meisneritz. Meisneritz kennt man ja. Ist doch Ihre Ecke, nicht wahr?“
„Jawohl, Herr Hauptmann.“
„Sagt Ihnen der Ortsname Seegenow etwas?“
„Ja. Es sind kaum mehr als fünf Häuser, mitten im Wald.“
„Wahrscheinlich ist dort ein Mord geschehen. Die Sowjets wollten die Leiche längst entsorgen, sie haben kein Verständnis für die Methoden der modernen Kriminalistik. Doch seit dem 30. Juli des letzten Jahres haben wir erweiterte Befugnisse, die auch von den Sowjets zu akzeptieren sind. Wenn in Seegenow jemand einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist, dann ist unser K1 dafür zuständig, ob es den Russen passt oder nicht. Ich habe dem Kommandanten gesagt, sie sollen den Toten auf jeden Fall liegenlassen und nicht anrühren, bis wir uns selbst ein Bild gemacht haben. Deshalb ist er auch so laut geworden. Die Sowjets sind nervös, sie mögen keine Toten in der Nähe ihrer Kasernen. Also, Sie fahren hin. Das wird Ihr erster Fall.“
„Jawohl, Herr Hauptmann. Wen nehme ich mit?“
„Schauen Sie sich mal um, Raeder! Ich habe noch nicht mal genug Leute hier vor Ort. Sie werden allein damit fertig werden müssen. Und sehen Sie zu, dass Sie schnell Resultate liefern. Wenn Sie nicht den Täter finden, finden ihn die Russen. Und die fackeln nicht lange, das wissen Sie.“
Raeder nickte. Im Sommer 1946 waren betrunkene sowjetische Stabsoffiziere während einer ihrer Lustjagden in den weitläufigen Wäldern rund um die Kaserne von Meisneritz, bei denen sie auf alles schossen, was sich bewegte, zufällig über ein nur notdürftig verscharrtes Waffenlager mit 44er Sturmgewehren, einigen MG 42 mit Lafetten und Panzerbüchsen aus Wehrmachtsbeständen gestolpert. Vermutlich stammten die Waffen von einer der vielen versprengten Einheiten, die sich damals auf der Flucht vor der Roten Armee durch das schwer umkämpfte Gebiet schlichen. Vielleicht hatten sich die Soldaten leer geschossen oder man hatte sich vom Ballast befreien wollen, um schneller fliehen zu können. Lediglich einige Äste und Zweige waren über die Waffen geworfen worden. Als einer der sowjetischen Offiziere unglücklich darüber fiel, löste sich aus seiner Waffe ein Schuss, der ihm von unten Kinn und Gesicht wegriss, so dass er verblutete.
Niemand wusste, wer die Waffen dort zurückgelassen hatte. Doch auf Waffenbesitz stand die Todesstrafe, und die aufgebrachten Sowjets befürchteten, unweit ihrer Kaserne, die Vorbereitung einer Werwolfaktion. Da man keinen Schuldigen hatte ausfindig machen können, war kurzerhand der ehemalige Förster des Reviers, ein von Arthritis gebeugter und halbblinder Greis, verhaftet und, als er sich weigerte, mitzukommen, noch in seinem Wohnzimmer erschossen worden, um ein Exempel zu statuieren. Der Bruder des Försters hatte daraufhin die sowjetische Kaserne aufgesucht, um dort für den Mord an seinem Bruder eine Entschuldigung zu verlangen. Da er sich in seinem Zorn von der Wache, die ihn nicht verstand, nicht aufhalten lassen wollte und nach den Händen des Postens schlug, der nach ihm griff, hatte man ihn ebenfalls kurzerhand erschossen. Danach protestierte niemand mehr.
Wagner seufzte:
„Also, Raeder, zeigen Sie unserem großen Bruder, dass wir unser Land selbst im Griff haben.“
„Jawohl, Herr Hauptmann.“
„Und passen Sie auf, Raeder, alles ist politisch heutzutage. Auch die Kreisleitung will den richtigen Täter, und zwar schnell. Und niemand wäre dort ausgesprochen unglücklich, wenn sich herausstellen sollte, dass der Täter in den letzten tausend Jahren bevorzugt in braunen Teichen geschwommen ist, wenn Sie verstehen, was ich meine.“
„Vollkommen, Herr Hauptmann.“
„Sie werden mir regelmäßig Bericht erstatten. Sie können von der russischen Kaserne aus telefonieren. Kommandant Bakunin hat es mir eben zugesagt. Er ist mitunter grob und jähzornig, aber er ist in Ordnung. Ich habe ihm als Dolmetscher bis zum Januar letzten Jahres gedient. Er ist ein Bauer, trinkfest, mit Krume unter den Nägeln, nicht ohne Herz. Und er kommt aus einer großen revolutionären Familie.“
„Bakunin? Verwandt mit Michail Alexandrowitsch Bakunin?“
„Ja. Der große Anarchist, einer seiner Vorfahren. Vielleicht hat er sein Temperament von ihm geerbt, wir wollen hoffen, dass er keinen Unsinn macht. Umso besser ist es, wenn Sie noch heute mit Ihren Ermittlungen starten. Melden Sie sich gleich bei ihm, sobald Sie in Meisneritz angekommen sind. Und nun packen Sie Ihre Sachen. Um 15 Uhr nimmt Sie hier ein LKW mit.“
Wagner verabschiedete ihn und Raeder eilte, nachdem er von den Kollegen seines Hörsaals bei einer letzten gemeinsamen Zigarettenlänge über seinen Einsatz ausgefragt worden war, nach Hause, um in seinem Armeerucksack einige nötige Dinge zu verstauen. Darunter aus seinem privaten Besitz eine verbeulte Olympia Schreibmaschine, noch in Wehrmachtsgrau lackiert, die verbotene Doppelrune auf der hochgestellten 5 hatte er weggekratzt und abgefeilt, um keinen Ärger zu bekommen, und eine Schraub-Leica II, die ihm nun zum ersten Mal während seiner Polizeiarbeit dienen sollte. Ein Kamerad hatte sie ihm während des Russlandfeldzugs versprochen, falls er den Krieg nicht überstehen sollte. Er überlebte sein Versprechen nur um wenige Wochen, und Raeder hielt seitdem die Leica in Ehren. Raeder besaß außerdem noch einige Kleinbildrollfilme, die er wie einen Schatz hütete, dies umso mehr, als er im letzten Sommer von einem befreundeten Fotoenthusiasten erfahren hatte, dass die AGFA Filmfabrik Wolfen bei Bitterfeld demontiert wurde. Leider besaß Raeder keine Entwicklerflüssigkeit mehr für seine Filme und Fotopapiere. Er hatte sie bei Wagner bestellt, doch niemand wusste, ob und wann man das Material liefern würde.
Zum verabredeten Zeitpunkt hatte vor der Prenzlauer Kaserne II in der Alsenstraße ein mit Mehlsäcken beladener LKW gestanden, der seine Fracht vom Nebengleis des schwer beschädigten und deshalb stillgelegten Kreisbahnhofs von Prenzlau zum sowjetischen Stützpunkt nach Meisneritz zu bringen hatte. Der sowjetische Fahrer war ein Asiate, kaum mehr als ein Männchen, der ihn mit einem Gebiss, das ausschließlich aus Gold und Lücken bestand, angrinste und auf Sonnenblumenkernen kaute, die er ohne Unterlass aus seiner Hosentasche beförderte, während er, nicht frei von musikalischem Talent, Melodien ferner Provenienzen summte. Die Schalen der Kerne spuckte er zischend aus dem Fenster, was sein Summen kurz unterbrach.
Nur langsam waren sie vorangekommen. Die zerstörte Straße war schon vor längerer Zeit behelfsmäßig ausgebessert worden, indem man die Granattrichter mit Sand und Ziegelresten zugeschüttet hatte, doch viele der Krater waren bereits wieder ausgespült worden. Oft tauchte der LKW tief in die Löcher ein, so dass sie in ihrer Fahrerkabine durchgeschüttelt und an die Türen geworfen wurden.
Umsiedler zogen mit Kleinkindern und Koffern beladene Handkarren und schleppten sich seitwärts zum Straßenrand, um den LKW passieren zu lassen, dazwischen immer wieder Hamsterer, die sich nervös umschauten und schwer an ihren Werten trugen, die sie bei den Bauern in Nahrhaftes tauschen wollten. Alte Frauen mit leeren Gesichtern und Holzschuhen wankten hinterher, ein Tross der Verzweiflung zwischen Heimat und Hoffen. Auf Sozialisten, schließt die Reihen – gelegentlich hingen Spruchbänder über den Straßen und kündeten vom Junkerland in Bauernhand und vom langen Leben der siegreichen Roten Armee.
In der Baustraße von Prenzlau türmten sich seit jenen verheerenden Apriltagen der Zerstörung Gebirge von Schutt. Auf den wenigen noch stehenden Wänden drängten sich Buchstaben in hastig gekritzelter Kreide. Wer hat Anna Brix gesehen? Gustav und Elsa Merten leben. Nachricht für Erich Pikolek, wir gehen nach Belzig. Nur ein halbes Dutzend Häuser in der Straße hatte der sowjetischen Artillerie getrotzt, was noch an Wänden stand, glich aufgebohrten Zähnen. Die vom Beschuss fortgesprengten Fassaden offenbarten ihre Versorgungsstränge wie verödete Adern. Einiges war verbrettert worden, gelegentlich führten Zimmertüren direkt in den Abgrund. Die Kipploren der Trümmerbahn, mit denen seit Jahr und Tag Ziegelbruch, Mörtel und Putz der Steinwüstenei rund um den Marktberg abtransportiert wurden, wurden von einer Kleindampflok über dünne Gleise hinweg gezerrt, beschickt von aufgerissenen Händen, der Schleusenstraße entgegen, wo man einen Teil des Abraums in den Unteruckersee kippte. Dort auf dem Wasser fächerten sich in weißen und roten Schlieren die zu Mehl zerstäubten Häuser auf, durchpflügt von den Rinnen der wenigen Schwäne, die den Winterhunger der Bevölkerung überlebt hatten.
Hinter der Stadt in Richtung Woldegk schlossen sich Felder an, auf denen hunderte von Frauen das Unkraut jäteten und nach Kartoffelkäfern Ausschau hielten, von denen es hieß, der imperialistische Klassenfeind habe die Schädlinge aus der Luft abgeworfen, um den Sozialismus zu schwächen. Tief gebückt standen die Frauen im Grün der Pflanzen. Viele von ihnen waren jung, oft von der Schulbank gerufen, blondes Haar flatterte unter ihren Kopftüchern hervor, der Wind drückte den Stoff ihrer Röcke an die Hintern und formte ihre Schenkel aus. Der Fahrer konnte seine Augen nicht von den Kehrseiten der Frauen lassen und wäre beinahe von der Straße abgekommen, wenn Raeder ihn nicht unwillig in die Seite gestoßen hätte. Der Fahrer grinste Raeder zwinkernd an, murmelte etwas Unverständliches, schnalzte mit der Zunge und konzentrierte sich wieder auf die Strecke.
Raeder schaute aus dem Fenster und sah über die Weite seines Blicks zurück in seine Kindheit. Ausgerechnet Seegenow. Der Ortsname, den der Major beiläufig genannt hatte, hatte ihn getroffen wie eine verirrte Kugel, auch wenn er sich nichts hatte anmerken lassen. Ein Dorf, kaum würdig des 20. Jahrhunderts, als wäre es von der Zeit vergessen worden, fern der Vernunft und allen Fortschritts. Ein Ort, der so tief in den Wäldern lag, dass dort auch im Hochsommer kaum die Sonne schien, so wie damals, als er da gewesen war, nur einmal war es gewesen, vor fast zwanzig Jahren, als er ein Kind von acht Jahren war. Seltsam, nie wieder hatte er sich daran erinnert, bis zum heutigen Tage.
Damals hatte er seinen Vater begleitet, der sich auf der Suche nach einer neuen Anstellung befand. Sein Gutsherr hatte ihn, den Kutscher, zuvor entlassen, als ihm die Sympathien des Kutschers für die Kommunisten zugetragen worden waren. Raeders Vater war beim fünften Biere im Dorfkrug unvorsichtig geworden und ins Plaudern geraten, ein Wort gab ein Wort, aufrecht und stolz, wie er war, und der kleine Hans hatte fröhlich neben ihm gesessen. Bring’ mir den Vater nach Hause, bevor er sich um Kopf und Kragen redet, so hatte es ihm die Mutter aufgetragen. Doch zu hoch fuhren die Krüge, eine Runde trinken wir noch, man redete sich die Köpfe heiß, einen Scheidebecher zu guter Letzt, und ein missliebiger Nachbar merkte sich die Schwärmereien des Kutschers für die Ideen Thälmanns und Luxemburgs und kolportierte sie dem Mann, dem sie alle dienten. Zwei Tage später war der Gutsherr ins Kutscherhäuschen gepoltert, höchstpersönlich, er, der sich üblicherweise distanzierlich zu seinen Bediensteten verhielt, ganz plötzlich war er im Dampf der Steckrübensuppe in der Küche erschienen, als sie gerade zu Tische saßen und aßen, sein Gesicht war purpurn und seine Augen vor Wut geschlitzt wie Schnitte einer Schlachterklinge in schierem Fett, selbstgerecht hatten seine Besenreiserwangen gezittert, und zu allem Unglück hatte er sich noch seinen Kopf am Deckenbalken gestoßen, deren für Subalterne gedachte Höhe er nicht gewohnt war, kräftig blutete er aus einer Stirnwunde, suppend lief es ihm in die Augen und es speiste seinen Zorn. Er griff nach der Kutscherpeitsche, die in der Ecke lehnte, und für einen Moment schien es, als wolle er seinen langjährigen Kutscher für dessen verzagt demokratisches Erwachen züchtigen wollen, als wolle er ihm Striemen über den Körper zacken wie einem Köter. Doch dann schleuderte er die Gerte in die Küchenvitrine, wo sie das feine, das einzige Porzellan zerschlug, in höchster Erregung kreischte er, steck’ dir das spinnerte Zeug deiner vaterlandslosen Gesellen und Kaiserfeinde in den verfluchten Arsch, deine Finger sollen dir an der Leine verfaulen, niemals wieder wirst du meine Kutschen führen, du elender Taugenichts, du Schwein, du Hundsfott, undankbares Geschmeiß, scher’ dich fort zu deinen roten Teufeln! In Furor war es dem Gutsherrn aus dem empörten Mündlein über die Lippen gekommen, Speichelfäden waren ihm glitzernd wie silberne Uhrenketten über die Brokatweste geflogen, hinter der sein Bauch bebte, und es war ihm völlig einerlei gewesen, dass die drei Söhne des Kutschers es anhören mussten und dabei in Scham vergingen, da sie ihrem Vater nicht zur Hilfe kommen durften. Erst als Hermann, der Älteste mit 15 Jahren, den Stuhl zurückstieß, aufsprang und gellend schrie, dass es nun genug sei, während die Mutter ohne Unterlass schluchzte, kam der Gutsherr wieder zu sich und ließ von seinen Tiraden ab. Noch in der gleichen Nacht hatte die Familie das Gesindehaus verlassen müssen und war nach einer Nacht des Marschierens am nächsten Morgen in Boitzenburg angekommen, wo sie bei einer entfernten Verwandten der Mutter zu fünft eine Kammer bezogen. Als Raeders Vater dort im Städtchen einige Tage später zu Ohren kam, dass man sich in Seegenow als Tagelöhner in einer Köhlerei verdingen könnte, war er eines Morgens aufgebrochen und hatte Hans, seinen Jüngsten, mitgenommen. Groß musste die Verzweiflung des Vaters gewesen sein, der nun bereit war, den von ihm geliebten Duft des Stalls und der Pferde vom Gestank glimmender Kohle überwehen zu lassen, um die Familie zu ernähren. Der Marsch war weit gewesen, Stunden waren sie unterwegs, gelegentlich nahm sie ein Ochsenkarren mit, hier und da tranken sie aus den Quellen entlang des Weges. Als sie sich Seegenow näherten, dem von Stechginster zugewachsenen Trampelpfad folgend, der eher einem kaum belaufenen Wildwechsel ähnelte, war schon von weitem das Schwelen der Hölzer in den Meilern zu riechen, die unter Moosen, Gräsern und Erde den übelriechenden Vorhang Seegenows ausdampften. Im Wald kamen sie an stillen, vom Herbstlaub der Vorjahre bedeckten Köhlerplätzen vorbei, schwärzlich und beißend, und die versotteten Erdhaufen waren Raeder wie überschorfte Geschwüre des Waldbodens erschienen. Das Wasser des Sees, nur einen Steinwurf entfernt, hatte diese Erdbrände vor langer Zeit erstickt. Kurz vor dem Dorf passierten sie ein wüstes Gebäude, das von Fichten umstanden war. Nur noch eine nach innen geneigte Wand aus Feldsteinen stand, die auf wunderliche Weise der Schwerkraft trotzte. Der Innenraum, gesäumt von Resten einer Mauer, war eine seltsam leere Brache gewesen, in der keine Pflanzen zu wachsen schienen und in der lediglich Feldsteine der umgestürzten Wände im Sand ruhten. Neugierig hatten sie den Innenraum betreten und sich umgeschaut. Raeder war ein Hausbock zu seinen Füßen aufgefallen, ein ungewöhnlich großes Exemplar, fast von der Länge eines kleinen Fingers, der durch den Sand krabbelte. Intuitiv trat er auf den schwarz schimmernden Balkenfresser und hörte zufrieden das Krachen des Panzers. Daraufhin war zu seiner Überraschung ein zweiter Hausbock auf ihn zugeflogen, dem er angeekelt auswich. Der Bock landete direkt neben den Resten des ersten Insekts. Von dort aus tastete er mit seinen fadenartigen Fühlern um sich und versuchte, auf Raeders Holzschuh zu krabbeln. Auch ihn trat Raeder tot. In diesem Moment entdeckte sein Vater, dass das verlassene Gebäude, in dem sie sich befanden, das Schiff einer alten Kirche war, er erkannte es an der Altarnische in der noch stehenden Wand. Lass’ uns gehen, Hans, rief er seinem Sohn zu, das ist eine Kirche, und eine verlassene Kirche ist kein gutes Zeichen. Ein dritter Hausbock fiel vor Raeders Füße, und der vierte Hausbock landete in Raeders Haar. Drei weitere Käfer flogen ihn an, und plötzlich umgab ihn starker Fügelschlag. Immer mehr Käfer, Hunderte, so schien es ihm, fielen auf Raeder und seinen Vater herab, es regnete in schwarzen Tropfen aus den Wipfeln der Fichten, wurde zu einer Wolke, die nach Talg und Essig roch. Wild schlug Raeder um sich, spuckte heraus, was in seinen Mund geflogen war und eisenbitter schmeckte, und er rannte aus dem Geviert der Ruine, sein Vater folgte ihm, ebenfalls mit den Armen rudernd. Fürchterlich, rief der Vater, als sie ein gutes Stück gelaufen waren und keuchend innehielten, so etwas habe ich noch nicht erlebt, und er griff sich an den Hals, man soll es nicht für möglich halten, aber nun hat mich doch tatsächlich eines der Viecher gebissen. Raeder hatte nachgeschaut, und der lange Legestachel eines der Insekten hatte im Hals des Vaters gesteckt, den er herausgezogen und fortgeworfen hatte. Als sie weitergingen, um nach den Meilern der Köhler zu suchen, hatte er Angst bekommen und nach der Hand seines Vaters gegriffen, und er erschrak, weil die Hand seines Vaters, seines sonst so furchtlosen Vaters, nass vor Furcht gewesen war. Es ist ein Ort ohne Segen, murmelte der Vater immer wieder, ein Ort ohne Segen, ein Ort ohne Segen. Sie durchschritten das kleine Dorf, an geduckten Fachwerkhäusern und dem schmucklosen Vorwerk vorbei, noch immer in Gedanken bei dem Bockschwarm in der wüsten Kirche. Als sie bald darauf die Köhler im Wald antrafen, fragte der Vater nicht nach Arbeit. Stumm gingen sie an den qualmenden Hügeln vorbei, auf denen grimmig blickende Männer mit schwarzer Haut und schwarzer Kleidung standen und sie, auf ihre Stecken gestützt, misstrauisch beobachteten. Was hatte sich sein Vater nur dabei gedacht, hier arbeiten zu wollen? Raeder und sein Vater kehrten um. Die Männer auf den rauchenden Meilern waren Irrblickende, denen der Mangel an Atemluft die Sinne zerstörte, denen die ständigen Holzgase den Verstand vernebelten und die Lauterkeit erstickten. Die Mutter hatte es ohnehin nicht gewollt. Gefleht hatte sie, der Vater möge es woanders versuchen, ein Kutscher könne kein Köhler sein. Auf dem Rückweg nach Boitzenburg hatte sein Vater geweint, leise und derart, dass sein Sohn es nicht hören und sehen sollte, aber es war Raeder trotzdem nicht entgangen. Drei Wochen später bekam der Vater einen roten Ausschlag am Hals, dem Flecken und Beulen am gesamten Körper folgten, so dass der herbei gerufene Arzt nervös wurde und murmelte, vielleicht sei es die Bubonenpest, eigentlich müsse er es melden, aber es sei doch gar nicht möglich, die Bubonenpest habe es seit über hundert Jahren nicht mehr in der Region gegeben. Und siehe da, über Nacht verschwanden die Flecken wieder vollständig und tags darauf machte der Vater einen vollkommen gesundeten Eindruck, er lachte und scherzte, voll frischen Tatendranges wollte er wieder aufstehen. Am nächsten Abend aber stellte sich ein Fieber ein, das ihn binnen Stunden von innen verbrannte, er schrie ohne Unterlass und seine Fingernägel fielen ab. Der Arzt weigerte sich, zu kommen, und am nächsten Morgen waren die Augen des Vaters weiß, als er starb. Hans und seine beiden Brüder begruben ihn und sprachen mit niemandem über das, was geschehen war.
Der Fahrer hupte und schrie, als ein Eselkarren vor ihnen die Straße nicht freigeben wollte, und das brachte Raeder zurück. Er schüttelte sich, rieb sein Gesicht und blickte nach draußen.
Auf einigen Feldern wurde bereits das erste Heu gemäht. Schnitter schritten mit ihren Sensen durch das Gras, in ihren Kumpfen am Gürtel die Wetzsteine, das Metall ihrer Klingen blinkte mit regelmäßigem Schlag in der Sonne. Trommelheuwender der Jahrhundertwende, von dürren Pferdchen gezogen, wirbelten das feuchte Gras nach oben, während in größerer Ferne Störche über die abgeernteten Wiesen staksten und reiche Ernte an Fröschen, Hamstern und Mausgetier hielten.
Überall lag Staub in der Luft, es hatte viel zu lange nicht mehr geregnet. Sand, der über den Feldern aufgewirbelt war, knirschte zwischen den Zähnen und kitzelte in den Augen. Über der Landschaft ein uckermärkisches Himmelsgewölbe, reich an Wolkentupfern und Tiefblau, darunter der hohe Stand des Weizens, überflattert von Pfauenaugen und kleinen Füchsen, gesäumt von einem Sommergesprenkel aus Klatschmohn, Kornblumen und Rotklee.
Irgendwann bog der LKW nach links ab. Der Landstraße schloss sich ein Sommerweg an, dem die Panzer und Fahrzeuge der Roten Armee starke Verwerfungen zugefügt hatten. Nochmalig musste der Fahrer sein Tempo drosseln.
Nach wenigen Kilometern durchfuhren sie das stille Meisneritz. Das Dorf, soviel war zu erahnen, musste vor dem Krieg ein belebter Ort mit vielen Höfen und einem großen Gutshof gewesen sein, doch hier war kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Die Streuobstwiesen bestanden nur noch aus verkohlten Stümpfen, die nie wieder tragen würden. Alle Scheunen waren bis auf die Grundmauern heruntergebrannt, dazwischen militärische Schanzungen und ausgebranntes Kriegsgerät. Raeder wusste, was hier geschehen war. In den letzten Kriegswochen hatten versprengte Reste einer SS-Grenadier-Division – es mochten ungefähr zwei verbliebene Züge flämischer Freiwilliger gewesen sein – den Ort, zum eigenen Untergang bereit, gegen eine Übermacht der Roten Armee verteidigen wollen, doch ein nach ihren Maßstäben heroisches Ableben im Kampf von Mann gegen Mann war ihnen nicht vergönnt gewesen. Um Verluste eigener Soldaten zu vermeiden, entschied man sich auf Seiten der sowjetischen Führung für einen Luftschlag von Iljuscha Schlachtfliegern, deren Streubomben und Brandbomben die Kämpfer irrer Weltanschauung nichts entgegen zu setzen hatten. Als die Dörfler, die ihre Häuser unter vorgehaltenen Waffen hatten räumen müssen und in den Wald geflohen waren, zurückkamen, war das Dorf nicht mehr da. Dafür war die Rote Armee eingerückt. Weil einer ihrer vollbesetzten Lastwagen auf eine Mine auffuhr und alle Insassen dabei zerrissen wurden, erschoss man die zurückgekehrten Meisneritzer, nur einigen wenigen Kindern gelang es, in den Wäldern zu verschwinden. Die Leichen der Soldaten der Waffen-SS hatte man hinter der Kirche abgekippt, wo das, was nicht von Wildschweinen, Wölfen und Insekten gefressen worden war, seitdem verrottete und nur noch ein ineinander verschlungener Hügel weißer Knochen war. Im letzten Jahr war gestattet worden, dass zumindest die getöteten Dörfler beerdigt durften. Raeder sah die neuen Holzkreuze auf dem überwucherten Friedhof. Weil man in den Dörfern und der Umgebung viel darüber gesprochen hatte, wusste er, dass es 31 waren.
Katzen stromerten durch Meisneritz und huschten vor dem Laster über die Straße. Das Skelett des zerfetzten GAZ Lastwagens, der aus dem Weg gezogen war, war bereits von Brennnesseln und Schachtelhalmen zugewuchert. Der Ort, in dem die Vögel schwiegen und in dem Wind und Zeit still standen, schlug Raeder auf das Gemüt, auch der Fahrer stellte sein Summen ein.
Kurze Zeit später hatten sie die sowjetische Kaserne erreicht, in der vor und während des Krieges der Fuhrpark eines Panzer-Jäger-Regiments und einige Instandsetzungs-Kompanien beherbergt waren. War es früher einmal eine verschlafene Garnison gewesen, so war es nun eine Kleinstadt im Nirgendwo. Die Rote Armee hatte den Stützpunkt mit zusätzlich errichteten Lagerhallen, Versorgungsgebäuden und Unterkünften ausgebaut. Am Schlagbaum wurde Raeder kontrolliert, ein kurzer Blick auf seinen Ausweis genügte den Wachsoldaten, offensichtlich war seine Ankunft angekündigt worden. Zwei Rotarmisten aus dem Wachlokal geleiteten ihn in das Hauptgebäude, einen Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert. Über Steinstufen, die von ungezählten Tritten nagelbewehrter Stiefelsohlen rund geschliffen waren, kamen sie in den zweiten Stock. Wandmalereien von Hakenkreuze zerschmetternden Soldaten vor Panzern, auf U-Booten oder in Flugzeugen schmückten die ehemals preußisch nüchtern gekalkten Wände. Vor einer Flügeltür am Ende des Ganges bedeutete man ihm, auf einer Bank Platz zu nehmen. Er wartete eine Weile, bis jemand herrisch auf Russisch rief:
„Der Polizist soll reinkommen!“
Raeder wurde die Tür geöffnet und er betrat einen karg eingerichteten Raum. Hinter dem Schreibtisch saß ein sowjetischer Oberstleutnant, musterte den Eintretenden und zog an einer Zigarre. Qualm hatte die Wände des Raums bereits braun gefärbt. In Schlieren, durchschnitten vom Licht der Nachmittagssonne, züngelte der Tabakdunst nach oben, als der Offizier den Stumpen im Aschenbecher abstreifte und ablegte.
Die gegenüberliegende Wand des Schreibtisches war mit einem Stalinportrait geschmückt, das von roten Fahnen umrahmt war. An Kartenständern hingen Landkarten unterschiedlicher Maßstäbe, auf einem weiteren Besprechungstisch stapelten sich Akten, Papier, volle Aschenbecher, Wodkaflaschen und Gläser. Inmitten des Sammelsuriums lag in einem Holster eine Pistole.
„Du bist also Hans Raeder, Unterleutnant der Volkspolizei.“, stellte Oberstleutnant Bakunin in einem Tonfall fest, der keinen Widerspruch duldete. Sein Deutsch war exzellent. Bakunin war ein untersetzter Mann, drahtig und mit breiten Schultern ausgestattet, die einem Boxer zur Ehre gereicht hätten. Seine Augen leuchteten eisblau. Raeder fühlte sich unwillkürlich an die Bergbäche des Nordkaukasus erinnert, als er im Kriegsgefangenenlager bei Nowotscherkassk zwei Jahre lang in den Wäldern schuftete. Über den Augen des sowjetischen Standortkommandanten wölbte sich eine durchgehende Augenbraue im gleichen Schwarz der Haare und des gestutzten Kinnbarts. Auf den Schultern der Feldjacke prangten Schulterklappen mit zwei silbernen Sternen und roter Paspelierung, was, wenn Raeder sich richtig erinnerte, der Farbe der Panzertruppen entsprach.
„Oberstleutnant Bakunin?“
Bakunin lächelte und bot Raeder mit einladender Geste an, vor seinem Schreibtisch im Besuchersessel Platz zu nehmen:
„Wir haben hier ein Problem, Unterleutnant Raeder.“
„Man hat mich davon unterrichtet. Ich konnte mir noch kein Bild von der Situation machen, Herr Oberstleutnant.“
Raeder nahm Platz und stellte seinen Rucksack neben sich.
„Du wirst gleich ausreichend Gelegenheit dazu bekommen, Raeder.“
„Das ist gut, Herr Oberstleutnant.“
Der Offizier griff nach seiner Zigarre, lehnte sich zurück, inhalierte tief und ließ den Rauch in seinen Lungen. Dabei musterte er Raeder lange, bis er den Rauch unter die Decke stieß:
„Was hast du im Krieg gemacht?“
„Ich war Soldat, Herr Oberstleutnant.“
„Welche Einheit?“
„Panzer-Artillerie-Regiment 75.“
„Hast du in der Sowjetunion gekämpft?“
„Jawohl, Herr Oberstleutnant.“
„Wo?“
„Am Don, im Kaukasus, am Terek. Dann Rückzug über den Kuban bis nach Belgorod. Im Sommer 1943 waren wir in Kursk dabei, später in der Ukraine, Charkow und Tscherkassy. 1944 bin ich bei Kirowogrod in Gefangenschaft geraten. Damals waren wir der 1. Panzerarmee unterstellt.“
„Panzerarmee, so so. Ich bin selbst Panzerfahrer.“
„Ich habe es gesehen, Herr Oberstleutnant.“
„Wir haben viele von euch getötet. Ihr seid große Nazis gewesen. Ihr habt denselben Totenkopf getragen wie die Waffen-SS.“
„Es ist ein anderer Totenkopf. Der Totenkopf der Panzerfahrer kam von den Fellmützen der kaiserlichen Leibhusaren. Das war im 18. Jahrhundert. Mit der Waffen-SS hat es nichts zu tun, Herr Oberstleutnant.“
Der Oberstleutnant schnitt ihm brüsk das Wort ab:
„Danke. Wenn ich mehr über deutsche Geschichte erfahren möchte, lasse ich es dich wissen. Was war dein Dienstgrad?“
„Schütze, Herr Oberstleutnant.“
„Auszeichnungen?“
„Panzerkampfabzeichen, Verwundetenabzeichen, Eisernes Kreuz zweiter Klasse, Herr Oberstleutnant.“
„Wofür das Eiserne Kreuz?“
„Für Abwehrkämpfe bei der Schlacht um Rostow.“
Der Oberstleutnant zog amüsiert die Augenbrauen hoch:
„Was du nicht sagst. Dann haben wir damals gegeneinander gekämpft. Ich war Zugführer einer Einheit der 37. Armee unter Lopatin. Wir haben euch mächtig verprügelt. Warum bist du nie befördert worden?“
„Es gab Schwierigkeiten mit einem Vorgesetzten, Herr Oberstleutnant.“
„Warum?“
„Mein Kompaniechef war ein Gutsbesitzer aus Pommern. Als Kind habe ich keine guten Erfahrungen mit Gutsbesitzern gemacht. Und mein Kompaniechef hatte starke Halsschmerzen, wenn Sie wissen, was das bedeutet, Herr Oberstleutnant.“
Bakunin schüttelte den Kopf:
„Was bedeutet es?“
„Er wollte das Ritterkreuz um jeden Preis am Halse haben. Er wollte es und ihm war jedes Mittel recht. Viele von uns hat er dafür in den Tod geschickt.“
„Hat er sein Ritterkreuz bekommen?“
„Ja. Zwei Tage nach seinem Tod.“
„Wie viele Russen hast du getötet?“
„Diese Frage habe ich mir nie gestellt, Herr Oberstleutnant.“
„Nun stelle ich die Frage.“
„Sie wollen eine Zahl?“
Raeder begann in Gedanken zu überschlagen.
Bakunin lehnte sich abrupt nach vorn und hörte auf zu lächeln:
„Ich will keine Zahl. Was sind Zahlen? Ich will sehen, ob du ehrlich bist. Ich vertraue dir, Raeder, nicht als Mensch, denn du bist Deutscher, aber von Soldat zu Soldat. Hol’ uns Wodka und zwei Gläser.“
Raeder ging zum Nebentisch, griff nach einer der Wodkaflaschen Marke Shustov und nahm zwei Stopkas vom Tisch, die er vor Bakunin auf den Tisch stellte. Dieser füllte geübt die Gläser, eines reichte er Raeder, das andere nahm er selbst:
„Trinken ohne Trinkspruch ist nur  Saufen. Trinken wir darauf, dass wir uns kennen gelernt haben.“
Raeder erwiderte den Trinkspruch in tadellosem Russisch:
„Sa znakómstwa.“
Ein Grinsen verirrte sich in Bakunins Gesicht und eilte wieder davon, bevor es sich als Geste etwaiger Herzlichkeit deuten ließ. Hart schlug der sowjetische Offizier das Glas auf den Tisch:
„Meine Leute bringen dich jetzt nach Seegenow. Dort wirst du dir eine Unterkunft suchen. Es sind so viele Umsiedler dort, es kommt auf einen Menschen mehr nicht an. Wende dich im Dorf an den Dorfvorsteher. Er heißt Körendorff. Ein Großbauer, politisch unzuverlässig, denkt nur an sich. Ich halte nicht viel von ihm, aber er kennt sein Dorf und ist tüchtig. Außerdem kann dir Viktor helfen, das ist sein Hilfspolizist. Ein alter Russe, nach dem Krieg von 1918 hier hängengeblieben, du kannst ihm trauen. Nicht, weil er Russe ist, ich selbst traue auch einem Russen nicht über den Weg, sondern weil er ein gutes Herz hat. Du erkennst ihn an seiner roten Armbinde. Beide sind heute nicht da, sagte uns der Bauer, der den Toten gefunden hat, aber sie sollen angeblich in der Nacht zurückkommen. Bei uns wird Leutnant Semjonow dein Ansprechpartner sein. Er wird dich einmal am Tag in Seegenow aufsuchen und du wirst dich bereithalten und ihm Bericht erstatten. Ich rate dir, mich nicht anzulügen und mir keine Schwierigkeiten zu machen. Ich bin hier die höchste Instanz, egal was dein Chef behauptet. Wo ich bin, ist Stalin. Wo Stalin ist, ist die Sowjetunion. Und ich warne dich – wenn Du den Täter nicht findest, finden wir ihn.“
„Davon gehe ich aus, Herr Oberstleutnant.“
„Ich gebe dir drei Tage, bis du mir den Täter bringst.“
„Drei Tage sind sehr wenig, Herr Oberstleutnant.“
„Wir sind hier nicht auf einem Schwarzmarkt und feilschen um Zigaretten. Drei Tage, mehr nicht. Das ist alles. Du kannst gehen, Raeder.“
Raeder erhob sich:
„Auf Wiedersehen, Herr Oberstleutnant.“
„Doswidanje, Unterleutnant.“
„Ach, und noch etwas, Raeder!“
„Herr Oberstleutnant?“
„Warst du schon einmal in Seegenow?“
„Ja, als Kind, Herr Oberstleutnant.“
„Dann kennst du es. Dieses Dorf hatte schon immer zu wenig frisches Blut, deshalb braucht es eine harte Hand. Denke immer daran.“
Raeder nickte. Oberstleutnant Bakunin schenkte sich ein weiteres Glas Wodka ein und schaute nicht mehr hoch.
Raeder griff nach seinem Rucksack, verließ das Büro des Kommandanten und atmete auf. Ein Leutnant, schlank und großgewachsen, erwartete ihn bereits. Im Singsang des russischen Südens stellte er sich vor:
„Leutnant Semjonow, ich stehe zu Ihrer Verfügung.“
„Unterleutnant der Volkspolizei Raeder. Vielen Dank.“
„Folgen Sie mir. Ich bringe Sie nach Seegenow.“
Sie verließen das Stabsgebäude und überquerten den Hof der Kaserne. Vorhin war ihm wenig Zeit geblieben, jetzt konnte sich Raeder einen besseren Überblick verschaffen. Auf dem Hof parkten ein Dutzend Tanklastwagen, dahinter in den Wartungshallen wurden T34 Panzer gewaschen, auf Hebebühnen standen unterschiedlichste Halbkettenfahrzeuge, PKW und Laster. Drei schwere sowjetische Panzer vom Typ IS-2 dröhnten gerade aus ihren Garagen heraus, aus der Halle drang schwarzer Dieselqualm, schlug unter dem Hallendach hervor und wurde vom Wind fortgewirbelt. Hinter den Hallen schloss sich ein Exerzierplatz an, auf dem Kompanien gedrillt wurden, Befehle, denen die Soldaten stumpf folgten, flogen zwischen den Gebäuden. Aus übersteuerten Lautsprechern drangen Marschlieder.
Semjonow brachte Raeder zu einem Ford, der noch aus Wehrmachts-beständen stammte und mit Russengrün überstrichen worden war. Auf den Türen prangte der Rote Stern, während sich auf den Kotflügeln noch die taktischen Zeichen des Dritten Reichs abzeichneten. Sie stiegen zum Fahrer ein, der den Motor startete und den Ford wenig später aus der Kaserne steuerte. Semjonow griff in seine Hemdtasche und holte daraus eine Packung hervor. Lächelnd bot er Raeder eine Papirossa an:
„Möchten Sie rauchen?“
Raeder nickte und betrachtete die schwarzgrüne Schachtel, deren kyrillische Buchstaben goldfarben leuchteten:
„Gerne. Das ist eine Herzegowina Flor, nicht wahr?“
Semjonow nickte und Raeder fragte:
„Stimmt es, dass es die Lieblingsmarke von Stalin ist?“
Semjonow grinste:
„Die Herzegowina Flor ist ein übles Produkt der Bourgeoisie aus der Zarenzeit, als unser Volk geknechtet war. Wenn wir Russen oder der verehrte Genosse Stalin heute diese verachtenswerten Papirossi rauchen, dann nur, um sie zu vernichten.“
Raeder griff dankend zu, knickte den Filter, ließ sich Feuer geben und stieß den Qualm, der in seine Lungen stach, mit einem Husten aus:
„Was ist in Seegenow passiert?“
„Ein Bauer hat dort heute einen Toten gefunden.“
„Wann und wo? Und wer ist der Tote?“
„Der Mann wurde heute morgen in der Frühe gefunden. In der Nähe des Sees an der Straße, kurz bevor man in den Ort kommt. Man berichtete uns, dass der Tote jemand ist, der erst vor kurzem aus der Gefangenschaft zurückgekehrt ist.“
„Wie habt ihr davon erfahren?“
„Der Bauer, der ihn gefunden hat, besitzt ein Fahrrad. Er ist zu uns gefahren und hat von dem Toten berichtet.“
„Hat man den Toten bereits untersucht?“
„Nein. Unser Kommandant hat die Volkspolizei informiert. Sie wissen ja, die neuen Bestimmungen.“
„Wird der Fundort nicht bewacht? Wer passt auf den Toten auf?“
„Wir haben dem Bauern gesagt, er soll zurückgehen und den Toten bewachen. Wenn wir kommen und ihn nicht dort finden oder aber feststellen, dass er den Toten berührt hat, erschießen wir ihn. Ihr Deutschen haltet euch immer brav an solche Ansagen. Das ist praktisch. Erspart uns Arbeit.“
Über Stock und Stein rumpelte der Ford nach Seegenow. Je weiter sie fuhren, umso enger schmiegte sich der Wald an sie an. Buchen, Eichen, Kiefern, Lärchen, ein Grün in allen Schattierungen, strich mit seinen Zweigen wie mit Fingern über die Front des Lasters und schloss sich dahinter wieder. Die Bäume standen so eng, dass der Himmel vor ihnen zwischen den Baukronen zu einem nur noch gelegentlich aufblitzenden Band schrumpfte. Schwarzes Wasser spritzte aus den Morastpfützen, die der allgegenwärtige Schatten vor dem Austrocknen schützte. Die Kühle des Waldes schwappte in das Innere des Fahrzeugs, und das Dröhnen des Getriebes schreckte einen Hasen auf, der vor dem Laster hersprang, bis er endlich eine Lücke im Unterholz gefunden hatte, in die er mit einem Haken verschwand. Spechte hämmerten in den Baumwipfeln, das Stakkato ihrer Schnabelschläge klang wie ein verschwiegener Code und trug in seinem Echo die Erinnerung an das Schwärmen der Hausböcke an Raeder heran, so dass er unwillkürlich nach oben schauen musste.  Ein Mann stand am Straßenrand. Der Bauer, der offensichtlich auf sie gewartet hatte. Seine Sense lag im Gras. Der Laster stoppte, unweit der wüsten Kirche, deren letzte Mauer immer noch stand. Von hier aus, am Fundort der Leiche, einige Hundert Meter vom Ortsausgang entfernt, konnte man zwischen Feldhügeln einige Dächer erahnen. Menschen standen dort auf der Straße, nur als starre Strichlein zu erkennen. Sie schauten neugierig herüber, doch sie trauten sich nicht, näher zu kommen. Seegenow. Sie waren angekommen. Raeder sah den Toten im Gras liegen. Er und Semjonow stiegen aus.