Hottentottenbums

Es gibt wirklich räudige Ecken in Berlin. Hatte er schon oft gedacht, wenn er mit seinem Kollegen auf Streife durch Neukölln fuhr. Eben standen sie an der Ecke Kienitzer- und Karl-Marx-Straße und warteten auf das Ampelgrün. Er saß auf dem Beifahrersitz, sein Blick wanderte müde über die Hausmauern mit ihren immergleichen Graffiti. Dazu ACAB, Scheißnazis, Türken raus, hingerotzte Tags, das Berliner Einerlei aus stumpfen Parolen und farbgewordener Idiotie. Plötzlich durchfuhr es ihn. Jemand hatte alles übersprüht mit einem einfachen Satz, der so klar hervorstand, dass es ihn völlig überrumpelte. Er las den Satz laut vor und sein Kollege lachte:
„Was für ein Schwachsinn.“
Für ihn war es Poesie.
Deshalb sagte er nichts mehr dazu. Später, nach der Schicht, hatte er mit seiner Frau darüber gesprochen, doch auch sie hatte nur gelacht. Blöder Kitsch, hatte sie gesagt.
Er hatte sogar überlegt, seinen Sohn anzurufen, seit langer Zeit mal wieder, um ihm diesen Satz zu sagen, um seine Stimme, seine Meinung zu hören. Er hatte schon nach dem Telefon gegriffen und die Nummer herausgesucht. Es war lange her, dass sie miteinander gesprochen hatten. Der Sohn lebte weit weg, in Aachen, mit seinem Lebensgefährten. Er hatte das Telefon wieder weggelegt.
Über seine Gefühle hatte er nie gut sprechen können. Vielleicht eine Folge seiner Kindheit? Nein, eher nicht. Seine Eltern waren nicht allzu schlimm gewesen, auch wenn man gelegentlich aufpassen musste. Wenn der Alte gesoffen hatte, hagelte es Schellen. Aber das war ziemlich normal gewesen in den siebziger Jahren in der Rollbergsiedlung. Irgendwann hatte es der Mutter gereicht und sie hatte sich scheiden lassen. Sein Vater war vor einigen Jahren verstorben. Kontakt hatte er da schon lange nicht mehr zu ihm gehabt. Es war ohnehin immer dasselbe Lamento gewesen, das er von ihm zu hören bekommen hatte. Sein einziger Sohn ein Loser, nur ein Streifenpolizist in einer heruntergekommenen Wache, der von allen aufs Maul bekam. Das war dem Vater, der selbst nach seinem verkorkstem Jurastudium Rechtspfleger geworden war, viel zu wenig gewesen. Wieso hatte sein einziger Sohn nicht Staatsanwalt oder Richter oder wenigstens Geschäftsführer von irgendwas werden können?
Verschlossen war er als Kind gewesen. Hatte immer alles mit sich selbst ausgemacht. Später, als es Zeit wurde, hatte er sich ein Mädchen ausgesucht, das nicht dauernd über Befindlichkeiten quatschen wollte. Kennengelernt hatte er sie bei einem Jazzabend in der Eierschale, Podbielskiallee. Ausgerechnet beim Jazz, seiner Lieblingsmusik, für die ihn alle verlachten. Jazz hören nur Klugscheißer und Schwuchteln, höhnten sie, wer von denen bist du? Ihm war es egal. Die Musik berührte ihn dort im Innern, wo kaum etwas anderes hinkam. Sein Vater hatte gesagt, Jazz sei Negermusik, Hottentottenbums, aber was wusste der schon, der kannte nur Ernst Mosch.
Dizzy Gillespie und Miles Davis waren seine Idole. Gillespie hatte er sogar einmal live erlebt, 1985 war das gewesen. Jazzfest Berlin. Was für ein Auftritt! Das Blitzen seiner Trompete im Scheinwerferlicht. Das Glitzern der Schweißperlen, die den Musikern der Band über ihre Gesichter liefen, während aus ihren Instrumenten Göttlichkeit perlte. Vielleicht hätte er doch Trompeter werden sollen.
Einmal nur hatte er selbst eine Trompete in den Händen gehalten. Lange war das her, damals, als er mit anderen Jugendlichen nachts Kleingartenkolonien durchstromerte, wo sie verlassene Hütten aufbrachen. In einem der Häuschen hatte in einer Kiste eine Trompete gelegen, die er angesetzt hatte. Nahezu spielerisch, mit ungeheurer Leichtigkeit hatte er dem Instrument wunderschöne Töne entlocken können. Es hatte seine Freunde überrascht. Dann hatten sie ihm das Instrument entrissen. Bist du bescheuert, hier so einen Krach zu machen? In Windeseile waren sie kichernd durch die Laubenpiepergänge geflohen. Danach hieß es, Mensch, du hast ja Talent, das hat gar nicht schlecht geklungen. Möglicherweise wäre er ein richtig guter Musiker geworden. Doch der Mut hatte gefehlt. Der Polizeidienst war ihm naheliegender erschienen.
Dann heute dieser Einsatz in der Blaschkoallee. Eigentlich ein Routineeinsatz. Eine Person, die in ihrer Wohnung wohl unter Rauschmitteleinfluss randalierte und Dinge aus dem Fenster warf. Die Nachbarn hatten 110 gerufen.
Als sie vor dem besagten Haus eintrafen, zerschellte ein Fernseher vor ihren Füßen. Sie stürmten nach oben zur Wohnung. Auf dem Klingelschild stand lediglich ein Vorname, Vera. Die Tür war offen. Im Wohnzimmer fanden die beiden Polizisten einen Mann mit flackernden Augen vor, der wie eine Frau frisiert, geschminkt und gekleidet war. Er – oder sie – trug ein elegantes Kostüm mit offener Bluse, sodass ein Büstenhalter aus schimmernder Seide sichtbar war. Er oder sie ließ sich trotz Ansprache nicht davon abhalten, Bücher durch das Fenster auf den Gehweg zu werfen, sodass die Polizisten der sich wehrenden Person mit Verweis auf Paragraph 35 StGB Handschellen anlegten, sie in Gewahrsam nahmen, durchs Treppenhaus nach unten führten und auf den Rücksitz des Streifenwagens verbrachten. Das, was an Hausrat unten auf dem Fußweg gelandet war, räumten sie behelfsmäßig etwas beiseite.
Als es endlich geschafft war, atmete sein Kollege durch:
„Immer diese Freaks! Da drüben ist ein Kiosk. Ich hole mir schnell einen Kaffee. Für dich auch einen?“
„Nein, danke.“
„Bin gleich wieder da.“
Während sein Kollege entschwand, setzte er sich auf den Beifahrersitz und musterte im zweiten Innenspiegel die hinter ihm Sitzende.
„Sind Sie Vera?“
Vera nickte.
„Was war los bei Ihnen, Vera?“
Vera schwieg. Er musterte sie verstohlen. Bemerkte ihre gepflegten Hände, ihre manikürten Nägel, ihre schlanken Arme, ihre modische Frisur. Veras Lippen waren dezent geschminkt. Er fand sie attraktiv.
Plötzlich sagte Vera:
„Ich weiß, warum Sie so schauen.“
„Ich schaue nicht.“
„Doch. Sie schauen mich die ganze Zeit an. Schon oben in der Wohnung haben Sie das getan.“
„Warum sollte ich das tun?“
Vera schaute aus dem Fenster:
„Weil Sie so sind wie ich. Weil Sie gerne so sein möchten wie ich.“
„Unsinn!“, antwortete er schroff.
„Ich habe es in Ihren Augen gesehen, als Sie mich bei der Verhaftung berührten. Sie waren so vorsichtig. Sie haben mein Kostüm befühlt, fast gestreichelt. Außerdem haben Sie auf meine Wäsche gestarrt, anders, als würden Sie sie tragen wollen. Ihr Kollege war grob. Sie waren sanft.“
Er schwieg. Der Kollege kam mit dem Kaffee und wuchtete sich hinter das Lenkrad:
„Na, alles klar hier?“
Vera sagte:
„Alles bestens. Wir haben uns über Damenunterwäsche unterhalten.“
Der Kollege lachte auf. Er hörte sich selbst grummeln:
„Lass die blöde Transe doch reden.“
Am Abend legte er eine Platte von Gillespie auf, während er vor dem Spiegel im Bad stand und seine Augenbrauen zupfte. Er schaute sich selbst in die Augen. Gillespie sang „Something in your smile, something in you is rich and rare, and there is something more, something in you …“ Er summte die Melodie mit, und als er sich dabei im Spiegel zulächelte, fasste er wie selbstverständlich den Entschluss, der so lange in ihm gereift war.
Am nächsten Morgen stand er zur Frühschicht auf, die um viertel vor Sechs begann. Er rasierte sich, zog sich an und fuhr zu seinem Abschnitt. Einige Kollegen seiner Wache waren bereits im Umkleideraum, ebenso sein Streifenpartner.
Man wünschte sich einen guten Morgen, und während er seine Jacke in den Spind hängte und seine Schuhe auszog, sprach man über die Vorfälle der letzten Tage, den schweren Autounfall auf der Sonnenallee, den gesprengten Automaten in der Germaniastraße.
Als er seine Jeans abstreifte und darunter von einem zarten Gürtel gehaltene rote Nylonstrumpfhosen und ein Seidenslip zum Vorschein kamen, verstummten die Gespräche der anderen. Er knöpfte sein Hemd auf. Im gleichen Rot wie dem der Strümpfe leuchtete sein Büstenhalter aus feiner Spitze. Er zog sein Uniformhemd an, die Jacke, Hose, Gürtel und Schuhe. Routiniert kontrollierte er seine Pistole und verstaute sie im Halfter. Seine Kollegen beachtete er dabei nicht.
Im Streifenwagen verbrachte er mit seinem Kollegen eine schweigsame Schicht. Manchmal spürte er, wie sein Streifenpartner ihn betrachtete. Nicht auf blöde Art, eher teilnahmsvoll. Kein Wunder, seit mehr als acht Jahren verbrachten sie ihre Schichten gemeinsam. Dann fragte der Kollege doch:
„Das ist ja ein Ding heute mit deiner Wäsche. Warum hast du nie was gesagt? Willst du darüber sprechen?“
„Vielleicht ein andermal“, hatte er gesagt.
„Ich hatte mir schon mal Gedanken über dich gemacht, auch wegen deiner Augenbrauen.“
„Lass gut sein.“
Sie fuhren schweigend weiter.
Als sie um viertel vor zwölf wieder die Wache erreicht und das Fahrzeug auf dem Hof abgestellt hatten, sprach ihn der Dienstgruppenleiter auf dem Flur an. Er habe da was von den Kollegen gehört und ob er einen Moment Zeit habe? Der Chef der Inspektion sei auch da. Im Büro baten ihn der Dienstgruppenleiter und sein Vorgesetzter, ein Polizeioberrat, Platz zu nehmen. Einen Kaffee vielleicht? Oder lieber ein Wasser oder beides? Natürlich, jeder habe sein Recht auf Privatsphäre. Aber habe er vielleicht Probleme, bei denen er Unterstützung bräuchte? Auch der Personalrat könne bestimmt helfen. Man habe vollstes Verständnis für seine Situation, aber er müsse auch die Kollegen verstehen. Vorbildfunktion und Vertrauen und so. Vielleicht wäre eine Auszeit gut, ein Urlaub, damit er sich besinnen könne? Eine Krankmeldung, auch für länger, alles kein Problem. Oder eine Versetzung? Während man auf ihn einredete, drifteten seine Gedanken ab. Er starrte auf die Kaffeetasse, die unberührt vor ihm auf dem Tisch stand. Vielleicht würde seine Frau jetzt die Scheidung einreichen. Andererseits, vielleicht würde sie auch bei ihm bleiben. Sie mochten sich ja irgendwie. Er könnte seinen Sohn anrufen. Ja, das würde er heute bestimmt noch tun. Er dachte an Vera, an Dizzy, an sein Leben, und dann unvermittelt an den Schriftzug, der in der Kienitzer Straße die Graffiti verdeckte. Plötzlich fühlte er sich so leicht wie nie zuvor in seinem Leben. Und er dachte, ja, dieser eine Satz, der stimmt, man muss es nur erkennen, man muss unerschrocken nach dem Schönen leben und nach dem Wahren streben, dann gilt es: Die ganze Stadt ist voller Glitzer.

(Nach einer wahren Begebenheit – auf der Shortlist des Berliner Wortrandale Literaturpreises 2021 in der Sparte „Queer“)

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