Mein Herz zu brechen war verzeihlich

Nun, da ich schon seit Jahrzehnten am Fenster sitze und in den Himmel über Rikers Island schaue, habe ich viel Zeit, um mich an mein Leben zu erinnern. Es war ein weiter Weg von der Kindheit in České Budějovice bis zur Gefängnisinsel zwischen Queens und der Bronx. Ein Weg, der mich den Olymp streifen ließ und der im  Tartaros endete, weil die Melodie in der Partitur meines Schicksals von der Eifersucht komponiert wurde.
Adam und ich wurden am selben Tag in einem Hospital von České Budějovice unweit des Piaristenplatzes geboren. Da dies im sehr heißen Sommer des Jahres 1950 geschah, standen alle Fenster der Wöchnerinnenstation offen, als könne allein das gleichmütige Rauschen von Moldau und Maltsch, die sich nur einen Steinwurf weit entfernt in ihrem gerade vereinten Bett vergnügten, die Gesichter unserer Mütter kühlen. Süß erklang das Animando der Moldau, in hellen Arpeggien strömte darüber die Maltsch, die sich ihren Akzent des Gratzener Berglandes auf ihrer Reise durch das Südböhmische bewahrt hatte.
Meine Mutter erzählte mir, der ich einige Stunden nach Adam zur Welt kam, später von seiner Geburt. Sie sagte mir, dass Adam nicht geschrien, sondern gesungen habe. Es sei eine Melodie voller Schönheit gewesen, und da sie selbst als Violinistin eines Tanzorchesters der Musik kundig war, hatte es sie an die ersten Geigenklänge des Nymphenreigens aus Smetanas Moldau erinnert. Eine Stimme, so vollkommen, dass sie sogar noch schöner geklungen habe als die meinige, also immerhin die Stimme ihres Sohnes. Noch auf ihrem Sterbebett sprach sie vom großen Wunder, dass die beiden talentiertesten Stimmen des Landes am selben Tag auf derselben Station zur Welt gekommen waren.
Noch vor unserer Einschulung schickten uns unsere Mütter zur gesanglichen Ausbildung. Unser Lehrer zeigte uns, wie man die Gewalt der Bruststimme zähmt. Er brachte uns bei, die Kopfstimme schweben zu lassen. Er lehrte uns das Atmen und bescherte uns immer wieder ein derart schmerzendes Zwerchfell, dass wir uns gelegentlich übergeben mussten. Wir verknoteten unsere Zungen in kauderwelschianischen Sprachübungen und kletterten auf seinen Tonleitern bis zur Erschöpfung empor. Adam erreichte dort gar das fünfgestrichene cis. Ein von mir nie zuvor gehörter Klang, es mutete an, als würde man einen Diamanten aufsägen. Mit diesem Ton war Adam dem höchsten Ton des Flügels, mit dem man uns die Tonfolgen vorgab, sogar um einen Halbton überlegen. Ein Umstand, der unseren Gesangslehrer veranlasste, ungläubig mit seiner Stimmgabel die Stimmung des Flügels zu überprüfen.
Bald sangen wir Liturgien in den Chören von České Budějovice. Unsere ungestümen Soprane kaperten im Handstreich jedes Kirchenschiff. Man schmeichelte uns, dass uns eine große Zukunft vorbestimmt war.
Als sich die Mutatio hinterhältig in unsere Stimmen schlich, brachen unsere Höhen und die Tiefen kippten. Unser Gesangslehrer befahl uns, leiser zu singen, um die sich verändernden Stimmlippen nicht zu sehr zu beanspruchen. Gleichzeitig unterrichtete er uns in Musiktheorie, brachte uns das Klavierspiel bei und lehrte uns den Aufbau eines sinfonischen Orchesters. Gelegentlich verwöhnte er unsere Hälse mit warmer Milch, in die er Honig, Thymian und Kardamom einrührte.
In diese Zeit fielen unsere ersten Erfahrungen mit Mädchen. Der unwiderstehliche Adam, mit schwarzen prachtvollen Locken und von schlanker Statur, war so zart und so männlich zugleich, dass ich in seinem Abglanz zahllose Amouren mit all jenen übrig gebliebenen Schülerinnen, Studentinnen, Hausfrauen und Witwen erleben durfte, die Adam allein aus zeitlichen Gründen nicht zu beglücken im Stande war.
Oft lag eine dieser von ihm abgewiesenen Grazien neben mir, dem Vierschrötigen mit dem fahlen Haar. Und während meine Hand über ihren Rücken glitt oder ich die Anmut ihres Busens bewunderte, seufzte sie, ach, warum ist Adam nicht hier, der Wunderknabe, und ob ich ihn wohl bei passender Gelegenheit auf ihre fraulichen Qualitäten aufmerksam machen könnte? Ich hätte gekränkt sein sollen, doch auch ich liebte Adam, nicht nur dafür, dass an Mädchen und Frauen zu keiner Zeit ein Mangel bestand, auch wenn mir manches Bekenntnis einen Stich versetzte.
Mein Leid dieser Tage, das Darben des Guten im Schatten des Besseren, sehe ich heute klarer denn je. Obgleich ich vieles erreicht hatte, so war ich doch mein Leben lang nur ein Salieri, der sich gegen einen Mozart stemmte. Mein ordentliches Talent, mein braver Fleiß, meine gewissenhafte Arbeit, was war dies gegenüber der Naturgewalt, die der Schöpfer in Adams Körper einzupflanzen beliebt hatte? Sein stimmliches Volumen schien sich mit jeder gesungenen Note noch zu potenzieren, sein gleißender Sopranissimus – einem heißem Schwerte gleich – blieb ihm gar erhalten, während ich Höhe für Höhe abfiel, um schließlich in tiefen Basslagen zu verharren.
Als Adam und ich kurz vor unserem achtzehnten Geburtstag standen, stellte unser Gesangslehrer fest, dass er uns nichts mehr beibringen könne. Er meldete uns am Landeskonservatorium der Hauptstadt an, von dort aus sollten wir die Bühnen der Welt erobern. Berufen seien wir beide, Adam aber sei auserwählt, ein Orpheus zu sein, der Felsen zum Weinen bringe. Zum Abschied schenkte er jedem von uns eine Stimmgabel, die ich fortan immer bei mir trug.
Im ehrwürdigen Pražská konzervatoř in Prag reifte unser beider Sangeskunst. Auch meine stimmliche Potenz als Oktavist, der ich die Kontraoktave unter der Baritonlage umfänglich beherrschte, sprach sich herum. So bekamen Adam und ich – er der begehrte Tenor, ich sein  geduldeter Sancho Panza – gemeinsam erste Einladungen an größere Bühnen.
1971 führten wir in Brno mit dem Tschechischen Sinfonieorchester das Gerusaleme distrutta von František Josef Dusík auf, im gleichen Jahr feierte man uns in Ostrava für unsere Darbietungen als Ferrando und Don Alfonso in Mozarts Così fan tutte. Dort geschah es, dass ich der nahezu unwirklichen Attraktivität, die Adam auf Frauen allen Alters und aller Schichten ausübte, erneut und auf eindrucksvolle Weise gewahr wurde.
Nach dem Abgang suchten wir die Garderobe auf, die wir uns brüderlich teilten. Vom Auftritt verschwitzt und aufgekratzt hasteten wir durch die Gänge unter der Bühne und berauschten uns an den Klängen, an denen wir soeben hatten teilhaben dürfen. Noch immer sangen die Geigen in unseren Ohren. Vor der Tür zu unserer Garderobe stand eine ausgesucht schöne Frau mit der Figur eines Mannequins und mit langem blondem Haar, das über ihren Ledermantel fiel. Sie war wohl doppelt so alt wie wir und sie lächelte Adam an. Für mich hatte sie keinen Blick, so dass ich ihre Makellosigkeit umso ungenierter bewundern konnte. Sie schlug ihren Mantel auf, darunter trug sie nichts. Adam nahm sie ohne ein Wort an ihrer Hand und führte sie in unsere Kabine. Ich blieb draußen. So war es abgesprochen, weil es bereits öfter vorgekommen war. Doch in Ostrava öffnete sich die Tür erneut. Adam schob, um mit der blonden Schönheit allein zu sein, eine protestierende Brünette aus der Garderobe, die dort auf ihn gewartet hatte. Sie flehte ihn an, bleiben zu dürfen, sie könne ihm wie der Frau dienen, doch er lehnte lächelnd ab. Er gab ihr einen Kuss auf die Wange, drängte sie in meine Arme und pries meine Qualitäten als Sänger und Liebhaber, so dass sie sich von mir trösten ließ.
Im Jahr darauf fuhren wir zu ersten Auftritten in sozialistische Bruderländer. In Breslau und Warschau sangen wir polnische Lieder aus dem Opus 74 von Fryderyk Franciszek Chopin.
Im November 1972 verbrachten wir unvergessliche Tage in Moskau. Es war bereits so kalt, dass die Moskwa ihr aufgetürmtes Eis unter den Brücken der Metropole entlang schob. Im Bolschoi-Theater präsentierten wir das Stück unseres eigenen Lebens, Mozart i Saljeri von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow. Adam sang als Tenor den Mozart, ich gab den Salieri als Bariton, und es war auf solch absurde Weise auch unser beider Leben, welches wir intonierten, dass ich mich fragte, ob Adam, dem Hintersinnigkeiten aller Art fremd waren, dennoch auch das Gleichnis unseres Lebens in dieser Oper erkannte. Tagsüber schlenderten wir gemeinsam durch die Ulitsas der Stadt und verinnerlichten mit weißen Atemfahnen unsere Noten im gesummten Dialog. Nachts stürzten wir uns wie junge Hunde in das Gemenge des Molochs.
Die Nächte im Hotel Rossija waren ein einziger Exzess. Wieder kam uns Adams vortrefflicher Charme zugute. Die Deschurnaja, die, wie in der Sowjetunion üblich, auf der Hotel-Etage alle Türen und Schlüssel des Flures wie ein Zerberus bewachte, schmolz dahin, als sie Adam um ein Autogramm bat und dieser ihr daraufhin das Nessun dorma aus Puccinis Turandot vortrug. Nessun dorma – niemand schlafe. Dies stand über all unseren Nächten in Moskau, in denen uns herzlich egal war, dass jede der Grazien, die unsere Deschurnaja unermüdlich durch unsere Betten schleuste, für irgendeinen Geheimdienst des Landes ihre langen Beine spreizte. Unsere Deschurnaja brachte uns, nur damit Adam ihr noch einmal etwas vorsänge, Wodka, Tee und scharf eingelegte Gürkchen, die jeden Kopfschmerz der Nacht wegbliesen. Wund kehrten wir nach Prag zurück.
Im Sommer des Jahres 1974 sollte sich unser Leben ändern wie nie zuvor, als Adam und ich vom Direktor des Konservatoriums in sein Büro bestellt wurden. Er bat uns, Platz zu nehmen und zeigte auf sein Telefon:
„Könnt ihr euch vorstellen, wer mich vor einigen Tagen anrief?“
Adam und ich schauten uns fragend an und schüttelten die Köpfe.
„Natürlich, wie solltet ihr es auch wissen? Rafael Kubelík.“
Adam und ich waren sprachlos. Rafael Kubelík, gebürtig aus dem böhmischen Býchory, jetzt der musikalische Direktor der Metropolitan Opera in New York!
„Da staunt ihr, nicht wahr? Ich habe ihm eine Aufnahme mit euren Stimmen geschickt. Nun möchte er mit euch arbeiten. Es ist alles arrangiert. Ihr werdet drei Monate in New York verbringen. Ob ihr wiederkommt, liegt in euren Händen. Ich will, dass eure Stimmen frei sind. Dass die ganze Welt ihre Schönheit vernimmt und dass ich davon in den großen Zeitungen lesen kann. Falls ihr also während eures Aufenthalts in New York beschließt, nicht zurückkehren zu wollen, könnte ich das nicht verhindern. Im Little Bohemia an der Upper East Side lebt ein Mann namens Štěpánek, der bereits mehreren Landsleuten geholfen hat, die unruhigen Wochen nach ihrem Abtauchen zu überstehen. Eure Flüge gehen morgen.“ Mit diesen Worten entließ er uns.
Am 14. August 1974 glitt für Adam und mich, wir waren gerade 24 Jahre jung, zum ersten Mal der Vorhang der Metropolitan Opera New York beiseite. Eine halbe Tonne aus goldenem Damast, mit Kordeln aus purer Seide und mit herrlichen Pailletten versehen, schob sich vor uns entlang und offenbarte den allerprächtigsten Blick in dieses Opernhaus, in dem viertausend Menschen den Klängen der verkauften Braut von Bedřich Smetana entgegensahen.
In diesem Stück war ich als Bassist der Micha, ein Bauer, natürlich, aber immerhin reich, während Adam als Tenor den Hans gab, meinen Sohn, den Glücklichen, der nach fröhlichen Verwicklungen die hübsche Marie zum Altar führen darf – eine Rolle, die ihm passte wie seine eigene Haut. Und als im zweiten Akt der Furiant ertönte und der Reigen der im Taktwechsel Tanzenden und Springenden die Röcke und Haarschleifen fliegen ließ, während sich in den glücklichen Gesichtern der Zuschauer die Freuden böhmischer Kirchweih spiegelten und die Kesselpauken unsere Eingeweide durchdrangen, fühlte ich mich freier als je zuvor in meinem Leben. Der vollendete Klang von Gesang und Orchester füllte mühelos den Saal. An den Rängen stieg die Lebensfreude unserer Musik empor, sie durchdrang die Logen, umspielte die Lüster, funkelte im Deckenglanz und durchfuhr die Herzen. Die Feuilletonisten der Stadt überschlugen sich tags darauf in ihren Lobpreisungen, stehende Ovationen wurden zu unserem Begleiter.
Nach dem Ende unseres Engagements in der Stadt an Hudson und East River suchten uns die Aufpasser der tschechischen Botschaft vergeblich. Einige Wochen verbrachten wir in Abgeschiedenheit. Wir badeten am herbstlichen Orchard Beach in der Bronx, besuchten tschechische Gottesdienste in Astoria und verschlangen köstliche Pelmeni in Little Odessa.
Später, als man uns nicht mehr suchte, zogen Adam und ich nach Manhattan. Wir wurden Teil des festen Ensembles der Metropolitan Opera. Am Wochenende schwammen wir im Nachtleben der Stadt, um in alle Ströme der Musik abzutauchen. Im Copacabana in Harlem rieben wir uns beim Cha-Cha an namenlosen Gazellen, angestachelt von entfesselten Bläsersätzen und synkopierenden Two-Beat-Rhythmen. Im Black Flamingo huldigten wir dem Soul, im CBGB prügelten wir uns beim Pogo mit den Ramones und den Dead Boys. Am Wochenende besuchten wir irgendwelche Kennedys in den Hamptons und betranken uns dort mit Starlets und koksenden Gouverneuren. Aquam foras, vinum intro – raus das Wasser, hinein den Wein.
Dann, im Mai 1975, verliebte ich mich zum ersten und einzigen Male in meinem Leben. Ich traf sie im The Loft. Adam war gerade auf der Tanzfläche im Discofunk mit der noch unbekannten Grace Jones vereint und ich trank an der Bar einen Wodka, als mir eine Frau den Rauch ihrer Zigarette ins Gesicht blies. Ich war sofort fasziniert von ihr. Sie war delikat und feingliedrig, und in ihrem von nussbraunem Haar gesäumten Gesicht leuchteten grüne Augen über hohen Wangenknochen wie Smaragde. Zwischen den Lippen ihres dunkelroten Mundes hielt sie eine Zigarettenspitze. Sie zog an ihrer Zigarette, um mich erneut anzupusten und dann spöttisch zu fragen:
„Du bist also dieser eine Sänger aus Prag, nicht wahr?“
„Nein, ich bin der andere Sänger aus Prag.“
Sie beugte sich zu mir vor, ich roch ihren Duft nach Tuberosen und Patchouli, während sie einen Kuss auf meine Wange hauchte:
„Ich bin Csilla Baronin Bakalarz-Zákos von Torda.“
„Das klingt wie eine unanständige Cousine der Csárdásfürstin“, antwortete ich.
„In der Tat“, sagte sie und schaute mich mit großen Augen unverwandt an. Sie näherte sich wieder meinem Kopf, biss zart in mein Ohrläppchen und summte in mein Ohr einen Titel aus der Operette Imre Kálmáns:
„Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht … “
Ich muss wohl sehr benommen gewesen sein, denn sie zog mich einfach fort. Wir liebten uns mehrfach in dieser Nacht. Später hatte ich meine Stimmgabel aus meinem Jackett geholt, das Geschenk meines Gesangslehrers. Da Csilla mir wie das reinste und edelste Geschöpf vorkam, mit dem ich jemals Decken und Kissen zerwühlt hatte, und weil ich wirklich verliebt war, hatte ich, als sie schläfrig wie eine satte Katze auf der Seite lag und Champagner trank, die Stimmgabel am Bettpfosten angeschlagen und dann an ihre nackte Brust gehalten. Als ich die Stimmgabel daraufhin an mein Ohr führte, um den Klang ihres Herzens zu hören, war ich kurz irritiert gewesen, weil der Ton seltsam geklungen hatte, so, als trüge er eine unwesentliche Verunreinigung in sich. Doch sie hatte nur gelacht, mir die Stimmgabel abgenommen und ebenfalls am Bettrahmen angeschlagen. Dann hielt sie mir das schwingende Metall an meine Brust und an mein Ohr, und der gleiche Ton wie bei ihr erklang. Leidlich klar, nicht wirklich unrein, aber eben auch nicht vollkommen. Und das – das passte zu mir. Ich war so fasziniert von ihr, dass ich ihr sagte, dass ich sie heiraten will, sofort. Sie hatte nur gelacht.
Csilla lernte Adam eine Woche später kennen und sie verliebten sich ineinander. Csilla bat mich, sie nicht mehr besuchen zu wollen und von meinen weinerlichen Anrufen abzusehen, die sie nur ermüden würden. Das hätte ich verwunden, doch als sie mich bei unserer letzten Aussprache verspottete und sagte, ich sänge ohnehin kaum besser als eine kranke Amsel, tötete ich sie, indem ich meine Stimmgabel in ihr Auge rammte. Mein Herz zu brechen war verzeihlich. Meine Musik zu schmähen nicht.

Seit der Gerichtsverhandlung – schuldig, euer Ehren – ist meine Zelle mein Zuhause. Lebenslang Rikers Island inmitten des East River, und die Flugzeuge des nahen Flughafens La Guardia dröhnen über mich hinweg. Man hat mich schnell vergessen, aber ich will mich nicht beschweren. Adam schrieb mir einige Briefe. Ich las sie nicht einmal. Heute, 44 Jahre nach der Tat, bleibe ich mir selbst unerklärlich. Adam habe ich überlebt. Er starb 1983 bei einem Verkehrsunfall. Wie profan für einen Menschen, dessen Stimme ein Gottesgeschenk war.
In meiner Zelle darf ich Schallplatten hören. Gelegentlich höre ich die Arie des Don Ottavio aus dem Don Giovanni, erster Akt, gesungen von Adam. Nur ihrem Frieden weih‘ ich mein Leben – wenn seine Stimme einsetzt, ist mir, als kröchen Mäuse und Ratten aus den Ritzen und Löchern der Wände meiner Zelle, um lautlos zu verharren. Mir ist, als unterbrächen Fliegen ihr Summen und Vögel setzten sich vor meinem Fenster nieder. Mir ist, als träten ob der Schönheit von Adams Gesang Tränen aus den Steinen meines Gefängnisses wie aus meinen Augen.

 

***

 

 

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s