Also gut, reden wir über die dicke Hedwig

Immer, wenn das Thermometer springt, wenn Klimafühligkeit die Empfindsamen ächzen lässt, wenn Frost über das Land kommt oder Regen gegen die Fenster peitscht, massiert mein Großvater schmerzverzerrt seine Schulter und murmelt: „Alle Wetter, und das nur wegen der dicken Hedwig.“
„Opa“, frage ich dann, „Was ist mit der dicken Hedwig?“
„Nichts. Das sage ich nur so“, grummelt er dann und will nicht darüber sprechen.
Eigentlich ist mein Großvater nicht empfindlich. Dies mag seiner bäuerlichen Herkunft geschuldet sein. Robust und unerschrocken war er in jungen Jahren, manche sprachen gar von einer Kühnheit seines Wesens, die ihn bereits in seiner Jugend verrückte Dinge tun ließ.
Einmal, in den fünfziger Jahren, besuchte er gemeinsam mit einem Cousin das Baumblütenfest in Werder. Sie fuhren mit dem Fahrrad dorthin, und auf dem Rückweg vom Fest, während sie wieder nebeneinander her radelten, war er auf die Idee gekommen, man könne einmal versuchen, bei leichter Bergabfahrt mit überkreuzten Armen jeweils das Fahrrad des Anderen zu steuern. Dass sie zuvor dem Obstwein reichlich zugesprochen hatten, mag als eine der Ursachen für dieses abwegige Unterfangen gelten.
Man fand beide bewusstlos an einem Alleebaum. Beide hatten sich bis zum Aufprall geweigert, das Rad des Anderen loszulassen, aufgrund einer Dickköpfigkeit, die seit jeher in meiner Familie begründet liegt. Mein Großvater hatte ein Loch im Schädel, einen Beinbruch, multiple Verstauchungen und häufig wiederkehrende Kopfschmerzen davongetragen, doch er jammerte nie.
Später, in den sechziger Jahren, als die Zwangskollektivierung der ostdeutschen Landwirtschaft erst wenige Jahre zurück lag, fassten einige Funktionäre des Ortes zur Erbauung des sozialistischen Geistes den Entschluss, den Dorfausgang für den Tross der Erntefahrzeuge mit einem Plakat zu versehen, auf dem in großen Lettern stand:
„Ohne Gott und Sonnenschein,
fahren wir die Ernte ein.“
Einen Tag später hatte mein Großvater – seine Dickköpfigkeit hat bereits Erwähnung gefunden – sein eigenes Plakat gefertigt und über Nacht daneben gehängt:
„Ohne Sonnenschein und Gott,
geht die LPG bankrott.“
Schnell ergab sich aus diesem Affront eine handfeste Prügelei mit dem LPG-Vorsitzenden, so dass man beide Heißsporne zur Kühlung ihrer Mütchen für einige Monate nach Brandenburg an der Havel verbrachte, wo sie nach jeweils erfolgtem Ausheilen ihrer Blessuren einige Zeit hinter verschlossenen Türen bei gemeinsamen Schachpartien verbrachten, bis die politischen Kontakte des LPG-Vorsitzenden griffen, der sich aufgrund der neu gewonnenen Schachfreundschaft für meinen Großvater einsetzte. Die Schlägerei hatte meinem Großvater ein eingerissenes Ohr, einen Rippenbruch und einen Jochbeinbruch beschert, doch auch über diese Schmerzen verlor er kein Wort.
Umso erstaunlicher also war die Empfindlichkeit meines Großvaters, was seine Schulter betraf. Dies steigerte sich noch im Herbst, wenn zur Apfelzeit die Bäume rot leuchteten und die Nachbarn mit ihren Apfelpflückern in die Kronen der Bäume fuhren, um in den Wipfeln all die prachtvollen Goldparmänen, Muskatrenetten oder Hasenköpfe zu erhaschen. Als Großvaters Ungemach nun vor einigen Wochen immer mehr zunahm, bestand ich darauf, mit ihm einen Spezialisten in Berlin aufzusuchen. Er willigte ein, aber nur, wenn ich, seine Enkelin, ihn ins Behandlungszimmer begleitete: „Wer zum Quacksalber geht, soll Zeugen haben.“
Der erfahrene Orthopäde betastete die Schulter meines Großvaters und bestand zugunsten einer umfassenden Anamnese darauf, den Grund der kaputten Schulter meines Großvaters zu erfahren, so dass dieser schließlich widerstrebend einwilligte:
„Also gut, reden wir über die dicke Hedwig. Aber wenn Sie lachen, gehe ich sofort.“
„Warum sollte ich lachen? Ich bin Arzt. Nichts an einer Verletzung ist amüsant.“
Eine Viertelstunde später saßen wir wieder im Auto, und während wir nach Hause zurückfuhren, schüttelte mein Großvater den Kopf: „Siehst du? Ich habe es doch gleich geahnt. Jetzt müssen wir nach einem neuen Arzt suchen.“ Er musterte mich argwöhnisch:
„Lachst du etwa auch?“
„Natürlich nicht“, antwortete ich mit zusammengepressten Lippen und versuchte, nicht an jenen Junitag der Heuernte im Frühjahr 1971 zu denken.

Sie hatten die Mahd zunächst auseinandergestreut und einige Male gewendet, um sie dann zu einer großen Miete aufzutürmen. Dann war, wie in jedem Jahr zur Heuernte, aus dem Nachbardorf die dicke Hedwig gekommen, so hatte es mein Großvater dem Orthopäden geschildert. Niemand wusste, warum sie so dick war, doch man sprach von schweren Knochen, dem Stoffwechsel und den Drüsen, auch aß sie wohl gern. Um das enorme Gewicht Hedwigs zu verdeutlichen, konstatierte mein Großvater, dass sie damals so schwer gewesen sein muss wie die gescheckte Lotte aus Roskow, immerhin die meistprämierte Milchkuh der LPG.
Einmal im Jahr wurde Hedwig gebraucht, um mit ihrem Körpergewicht das Heu der Mieten zusammen zu drücken, damit es bei Sturm nicht davon flöge. Das heikle Unterfangen bestand also darin, die Schwerstgewichtige auf die Spitze der Miete zu befördern, was nur unter großer körperlicher Anstrengung fünf starker Männer und mit entsprechendem Gerät zu bewerkstelligen war. Man behalf sich mit Leitern und langstieligen Apfelpflückern, an denen sich die kichernde Hedwig festhielt, während unter ihr beherzt die Männer zupackten, um sie an ihrem gewaltigen Hinterteil auf den Scheitelpunkt der Miete zu schieben, wo ihr Körper den optimalen Anpressdruck entwickeln konnte. Auch im Jahr 1971 wäre vermutlich alles wieder gut gegangen, wenn nicht einer der Apfelpflücker – wohl von morscher Beschaffenheit – durchgebrochen war, so dass die dicke Hedwig den Halt verlor und alle fünf Männer unter sich begrub.
Eine Kuh wiegt bis zu 650 Kilogramm. Wir wollen zur Ehrenrettung der dicken Hedwig annehmen, dass mein Großvater mit dem Bezug zur besten Milchkuh Roskows einen unstatthaften Vergleich gezogen hat. Allerdings ist ihm zugute zu halten, dass sich die danieder gehende Hedwig für ihn vielleicht so angefühlt haben mochte, zumal nach den Regeln der Physik auch die Fallhöhe ein Aspekt massereicher Impulse ist. Ungeachtet von Milchkühen und naturgesetzlichen Gewissheiten wurde die Schulter meines Großvaters dadurch zertrümmert. Auch die anderen Männer bezogen umgehend Gipsbetten, im Gegensatz zur überraschten Hedwig, die als einzige weich gefallen war. Nach dieser Havarie schaffte die LPG im Folgejahr eine Heuballenpresse an.

Mein Großvater bemerkte mein Grienen, schaute beleidigt aus dem Autofenster und schwieg. Regen setzte ein, Tropfen platschten schwer auf die Windschutzscheibe. Mein Großvater rieb seine schmerzende Schulter und murmelte: „Alle Wetter, und das nur wegen der dicken Hedwig.“

 

***

(Preisträger beim Putlitzer Preis 2019 mit dem sechsten Platz, Thema „Alle Wetter“)

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