Dort, wo der Schilfgürtel durchbrochen ist, beginnt der Sand

August 2017
Allen Regenschauern zum Trotz sind sie nun endlich am See. Die Wiesen dampfen in der Augustsonne. Das Kopfsteinpflaster – seit jeher ausgelaugt von sowjetischen Panzerkolonnen, die hier vor Jahrzehnten in Richtung Dölln zum Manöver rollten – führt zwischen Kuhweiden und Weizenfeldern hindurch. Im Licht der Sonne gleißende Entwässerungsgräben durchziehen das Feuchtland. Jungstörche staksen umher und tunken ihre frischroten Schnäbel in belebte Pfützen. Gelegentlich ziehen Kranichpaare mit weit vernehmlichen Rufen über den uckermärkisch getupften Himmel.
Dort, wo der Himmel endet und der Wald beginnt, liegt der Belzower See. Man erreicht ihn über den Sommerweg, der von der zerrütteten Straße abführt und noch schlechter zu befahren ist.
Eine Wiese breitet sich vor dem See aus, versehen mit einer Feuerstelle, Bänken, einer Rutsche und vermoostem Klettergerüst. Zur Linken fällt das Grün ab. Dort, wo der Schilfgürtel durchbrochen ist, beginnt der Sand. Ein Badesteg führt in den See, dessen Wellen aufgrund des Regens der letzten Wochen über die Laufplanken lecken. Ein Pfad in der Uferböschung führt zu einer Ruine unweit des Sees, die einmal eine Kapelle gewesen sein mag. Auf einer Decke sonnen sich eine Mutter und ihre jugendliche Tochter. Der Vater kommt soeben aus dem Wasser:
„Ihr müsst hineinkommen, das Wasser ist herrlich!“
„Viel zu kalt“, mault die Tochter, „Bleiben wir noch lange? Hier habe ich kein Netz. Mir ist langweilig.“
„Selbst schuld, wenn du nicht reingehen willst.“
„Mir ist Natur eben nicht so wichtig wie dir, Papa. Ich gehöre in die Stadt.“
„Wenn das Gutshaus einmal fertig saniert ist, wird es dir gehören.“
„Ja, in fünfzig Jahren vielleicht. Das ist viel zu viel Arbeit für uns, Papa.“
„Man muss einfach nur anfangen. In dem Haus haben schon zig Generationen unserer Familie gelebt.“
„Und wenn schon.“
Jetzt erst bemerkt die Tochter, dass ihr Vater etwas in seiner Faust umschließt:
„Was hast du da, Papa?“
Der Vater öffnet seine Hand:
„Beinahe hätte ich meinen Ring verloren.“
Der Vater hält den Ring empor:
„Wusstet ihr, dass der Ring genau in diesem See schon einmal verloren ging? Das war irgendwann während des Krieges, und meine Großmutter ist damals als junges Mädchen dabei gewesen. Deshalb ist sie mit mir, kurz nachdem die Mauer gefallen war, hierher gefahren, um nach dem Ring zu suchen. Verrückt, nicht wahr?“
Neugierig richtet sich seine Frau auf der Decke auf und blinzelt in die Sonne:
„Davon hast du nie etwas erzählt.“
„Wirklich nicht? Das war kurz vor Weihnachten 1989. Schweinekalt war es. Aber Großmutter wollte nicht länger warten. Es ging ihr damals schon nicht mehr gut.“

Dezember 1989
Mond und Morgenröte mischen Silber und Glut am Himmel, als das Auto auf den See zurollt, über den hart gefrorenen Sommerweg hinweg. Endlich da. Oft haben sie sich verfahren, weil es in der DDR weder Straßenbeleuchtung noch Beschilderungen zu geben scheint. Doch auf den letzten Kilometern kann sich die Großmutter wieder an alle Wege und Kreuzungen genau erinnern. Als sie auf der Wiese am See angelangt sind, schaltet er den Motor aus und eine Weile bleiben sie im Auto sitzen, während die Landschaft im Licht der Morgensonne weitere Konturen erhält. Die Fahrt war anstrengend gewesen, er hat den Führerschein erst seit kurzem.
Viele Stunden sind sie aus dem Westen hierher gefahren. Es war seine Idee gewesen, so früh aufzubrechen. Um keinen Ärger am See zu bekommen. Es gab noch immer Volkspolizisten, das war ihm nicht geheuer.
Seine Großmutter schaut auf die Liegewiese am See. Zur Linken fällt das Grün ab. Dort, wo der Schilfgürtel durchbrochen ist, beginnt der Sand. Ein Badesteg führt in den See. Am hinteren Ufer steht schwarz der Wald.
„Es ist so unwirklich“, meint sie, „Zum letzten Mal war ich hier als junges Mädchen. Jünger als du heute.“
„Das ist lange her.“
„Es hat sich kaum etwas geändert. Ich erkenne jeden der großen Bäume wieder. Dort im Unterholz ist der Pfad, der zur Kapelle führt. Dort haben meine Eltern geheiratet.“
„Und früher gehörte euch hier alles?“
„Ja. Auch der See.“
„Dann seid ihr reich gewesen.“
Die Großmutter lacht:
„Nicht doch. Wir hatten kaum mehr als alle anderen im Dorf. Wir haben hart gearbeitet auf den Feldern. Und wenn wir uns als Kinder etwas herausnahmen, hat uns der Vater schnell zurechtgestutzt.“
„Wie lange ist es her, dass du zum letzten Mal hier warst?“
„Vierundvierzig Jahre. Es war im letzten Kriegsjahr, kurz vor unserer Flucht.“
Die Großmutter schaut ihn an:
„Und jetzt? Willst du es wirklich tun?“
„Natürlich. So haben wir es besprochen.“
„Wenn mir mehr Zeit bliebe, könnten wir bis zum Sommer warten.“
„Im Sommer ist die Badestelle vielleicht zu voll. Und ich freue mich, wenn ich dir diesen Wunsch erfüllen kann.“
Die Großmutter strafft ihre schmalen Schultern:
„Also gut.“
Sie steigen aus dem Auto, und er entnimmt dem Kofferraum das Gerät, das er benötigt. Sie gehen über die Wiese zur Badestelle, über angefrorenes Gras, auf dem sich Aushübe von Maulwürfen türmen. In einer verlassenen Feuerstelle glänzen Kohlereste. Die Kälte der Nächte hat die Bäume bereits entlaubt, überall liegen vom Bodenfrost geweißte Blätter. Es riecht nach Schnee.
Die Wellen schieben tote Blätter und Gräser über den Sand. Während die Großmutter den Steg betritt, legt er das Gerät ins Gras und streift seine Kleidung ab. Er zieht eine Badehose an und schreitet langsam in den See. Er verzieht das Gesicht und atmet durch:
„Was genau ist damals passiert, Großmutter?“
„Es war ein Sommertag im Kriegsjahr 1944, und wir haben hier gebadet, nicht weit weg vom Ufer. Später vermisste mein Vater – also dein Urgroßvater – seinen Hochzeitsring. Er hat ihn wohl beim Hineinlaufen verloren. Also haben wir den ganzen Nachmittag mit Tauchen verbracht. Vermutlich haben wir den Ring dadurch immer tiefer in den Grund getreten. Ich habe Vater versprochen, dass ich den Ring für ihn finden werde. Er tröstete mich und sagte, es gäbe heutzutage Wichtigeres als ein Schmuckstück. Er könne sich den Ring nachfertigen lassen, wenn der Krieg zu Ende wäre. Ich habe den ganzen Sommer und den ganzen Herbst nach dem Ring getaucht. Ein paar Monate später mussten wir das Gut verlassen.“
„Wie sah der Ring aus?“
„Aus Gold. Schlicht, ohne Stein. Die Vornamen meiner Eltern waren eingraviert und ihr Hochzeitsdatum.“
Er greift nach seiner Metallsonde und schaltet sie ein. Die Maschine beginnt zu piepsen und er dreht an einigen Reglern. Mit zusammengebissenen Zähnen geht er Schritt für Schritt in den See und der Sondenkopf taucht ins Wasser. Mit kreisenden Bewegungen fährt der Enkel mit der Sonde über den Grund. Er sucht akribisch und gleichmäßig, doch die Sonde bleibt stumm. So sucht er eine Weile, die Großmutter beobachtet ihn gebannt. Schließlich zeigt sie vom Steg herab vage auf ein Areal vor ihr: „Vielleicht war es weiter hier?“
Ihr Enkel nähert sich der gezeigten Stelle und plötzlich fängt die Sonde an zu piepsen. Das Wasser ist hier nur knietief. Sie ruft aufgeregt:
„Könnte es der Ring sein?“
„Ich glaube nicht. Das Signal klingt zu tief. Ich vermute, es ist ein Kronkorken oder etwas Ähnliches.“
Er tastet im Schlick umher. Weich quillt es zwischen seinen Fingern hindurch, und als er etwas Hartes spürt, greift er zu. Im Licht betrachtet er das Stück Draht, steckt es in die Tasche und sondelt weiter. Wenig später piepst die Sonde erneut.
„Ist es diesmal der Ring?“
Der Enkel schüttelt den Kopf:
„Nein. Die Sonde ist auf unterschiedliche Metalle kalibriert. Ich kann anhand des Klanges hören, was ich gefunden habe. Es war ein tiefer Ton, also ist es wieder Blech oder Eisen. Bei Gold gibt es einen sehr hohen Ton.“
Der Enkel wühlt erneut im Boden des Sees und eine Münze kommt zum Vorschein, die seit Jahrzehnten im Sediment liegt. Es sind 50 Pfennig aus der Weimarer Republik. Er steckt die Münze ein.
Später muss er pausieren, es ist einfach zu kalt. Als er auf dem Steg hockt, reibt die Großmutter seine Beine warm. Danach unternimmt er einen letzten Versuch. Diesmal ganz dicht am Ufer. Wieder piepst es. Diesmal ist der Ton sehr hoch. Der Enkel greift wieder in den Schlamm.
Als sie später im Auto sitzen, können sie ihr Glück noch immer nicht fassen. Immer wieder bestaunt die Großmutter den Ring. Sie weint. Auch er ist ergriffen. Der Hochzeitsring seines Urgroßvaters. Später steigt er noch einmal aus dem Auto, holt einen Fotoapparat aus dem Kofferraum und knipst einige Aufnahmen vom Belzower See. Für Mama, sagt er. Beim nächsten Mal ist sie bestimmt dabei. Die Großmutter nickt. Auch sie hätte ihre Tochter gerne dabeigehabt.
„Deine Mutter hat oft die Aufnahme vom See bestaunt, die bei uns im Wohnzimmer hängt. Ein Berliner Künstler hat den Abzug vor mehr als 60 Jahren hergestellt. Ich sehe sie noch vor mir. Hochschwanger mit dir. Das muss also 1970 gewesen sein. Oft hat sie vor dem Bild gestanden und sich vorgestellt, sie wäre jetzt dort. Sie sagte immer, das Foto ist so, dass sie direkt in den See hineinspringen möchte.“

Mai 1970
„Das Foto ist so, dass ich direkt in den See hineinspringen möchte.“
Prall wölbt sich der Bauch ihrer Tochter unter dem fröhlich gemusterten Umstandskleid. Es kann nicht mehr lange dauern bis zu ihrer Niederkunft. Sie steht im Wohnzimmer vor dem Buffet aus der Gründerzeit, über dem eine schlicht gerahmte Aufnahme des Belzower Sees hängt. Eine Schwarzweißaufnahme im großen Format. Sie zeigt eine Wiese am See. Zur Linken fällt die Wiese ab. Dort, wo der Schilfgürtel durchbrochen ist, beginnt der Sand. Ein Badesteg führt in den See. Am hinteren Ufer des Sees steht dunkel der Wald.
„Wer hat das Foto eigentlich gemacht, Mama?“
Ihre Mutter stellt sich hinzu und betrachtet ebenfalls die Aufnahme.
„Es ist von einem Berliner Künstler und Landschaftsfotografen, der eine ganze Serie von Aufnahmen in der Uckermark gemacht hat, um den Gutsleuten und wohlhabenderen Bauern Abzüge zu verkaufen. Ich wusste auch mal seinen Namen, aber mittlerweile habe ich ihn vergessen. Er steht auf der Rückseite, auf einem Aufkleber. Du kannst das Bild abhängen und nachsehen, wenn du magst.“
Ihre Tochter schüttelt den Kopf:
„Ach, das ist nicht nötig. Wann wurde das Foto gemacht?“
„Wohl vor über 35 Jahren, irgendwann vor dem Krieg. Meine Mutter erzählte mir, dass Vater es zunächst nicht kaufen wollte. Er meinte wohl: Soviel Geld für ein Stück Papier? Und das für einen See, den ich mir jeden Tag im Original anschauen kann? Meine Mutter hat den Abzug trotzdem gekauft, hinter seinem Rücken. Als Vater es erfuhr, musste er lachen. Er konnte ihr ohnehin keinen Wunsch abschlagen. Er hat sie wohl sehr geliebt.“
Ihre Tochter lächelt:
„Seid ihr oft am See gewesen?“
„Natürlich. Er war nicht weit von unserem Gut entfernt. Im Sommer waren wir jeden Tag dort draußen. Es gab eine eigene Badestelle für Kinder im halbhohen Wasser, wo wir uns gegenseitig das Schwimmen beigebracht haben. Auch ein Boot hatten wir. Wir sind oft zum Angeln rausgerudert. Plötzen, Forellen, Hechte und Aale haben wir gefangen. Mutter hat sich immer sehr über die Abwechslung in der Küche gefreut.“
„Das glaube ich.“
„Mitten im See gibt es sogar einen Berg, der bis knapp unter die Wasseroberfläche reicht. Dort kann man sich hinstellen, so dass es aussieht, als würde man auf dem Wasser stehen. Manchen Besuchern aus Berlin haben wir damit einen mächtigen Schreck eingejagt. Wenn man dort stand, konnte man gut nach Barschen angeln. Deshalb nannten wir den Berg den Barschberg.“
Die Tochter starrt fasziniert auf die Fotografie:
„Das klingt toll. Möchtest du noch mal dort hin?“
„Ja, schon. Aber ich weiß nicht, ob ich dort willkommen wäre. Der See ist zwar noch derselbe. Aber die DDR liegt auf einem anderen Kontinent. Wir mussten fliehen, als die Russen kamen. Wer damals blieb, wurde erschossen. Heute hätte ich Angst.“
„Weißt du noch, wann du zum letzten Mal dort gebadet hast?“
„Das war Ende Oktober 1944. Wir tauchten damals nach einem Ring, den mein Vater im See verloren hat.“
„Habt ihr ihn gefunden?“
„Nein.“
„Vielleicht kann man ihn irgendwann noch einmal suchen.“
„Wer weiß? Sicherlich ist er längst tief im Schlamm versunken.“
„Wie ging er verloren?“
„Als wir mit unserem Vater im Wasser getobt haben.“
Sie erinnert sich an alles. So viele, auch bedeutendere Tage und Momente ihres Lebens, sind ohne Nachhall verstrichen. Doch dieser eine Ausflug zum See, dieser eine Julitag, an dem doch eigentlich gar nichts geschah, hat sie ihr Leben lang begleitet.

Juli 1944
Es ist heiß. Ein flirrender Sonntag im späten Juli. Hitze steht ohne Brise über den Kornfeldern. Gerne wäre die Mutter mitgekommen, schon allein, weil es der letzte Tag des Heimaturlaubs ihres Mannes ist, doch ihre fünfte Schwangerschaft ist nicht frei von Komplikationen und so hat ihr der Arzt Ruhe verordnet. Sie rumpeln mit dem Heuwagen über das Kopfsteinpflaster, gezogen vom einzigen Pferd, das ihnen noch geblieben ist. Rexchen, ihr Hund, umspringt bellend das Gefährt, ihre Brüder Anton und Gerhard singen mit der älteren Schwester Luise das Lied vom rollenden Wagen. Sie ist die Jüngste und diejenige, die ihr Vater immer am liebsten auf dem Schoß hatte. Vater ist so vergnügt wie zuletzt vor dem Krieg. Sie fahren auf die Wiese am See, wo sie das Pferd ausscherren. Zur Linken fällt die Wiese ab. Dort, wo der Schilfgürtel durchbrochen ist, beginnt der Sand. Ein Badesteg führt in den See. Am entgegen liegenden Ufer steht leuchtend der Wald.
Ihre Geschwister hechten mit Kopfsprüngen vom Steg aus ins Wasser. Der Vater nimmt ihre Hand, sie stürmen los und werfen sich ins Nass. Wasser spritzt. Libellen umfliegen sie. Eine Ringelnatter schlängelt sich ängstlich davon. Anton und Gerhard wühlen Schlick vom Grund des Sees empor und bewerfen damit ihre krähenden Schwestern. Der Vater drückt lachend seine frechen Söhne unter Wasser, solange, bis sie sich prustend frei strampeln. Später schwimmt der Vater los, immer weiter hinaus, mit starken Zügen, bis sein Kopf nur noch ein tanzender Punkt auf den Wellen ist und sie ein wenig Angst bekommt. Danach liegen sie auf einer Decke und essen Stullen und Äpfel, und er streicht ihr die widerspenstigen Haare aus der Stirn und lächelt.
Dann der nächste Tag. Der Vater fährt fort. Sie bringen ihn zum Bahnhof nach Prenzlau. Er steigt in einen Zug voller Soldaten, er umarmt und küsst sie alle und möchte sie nicht mehr loslassen. Sein Rasierwasser bleibt in ihrer Nase, bis zum heutigen Tag. Kurz vor seiner Abfahrt streitet sie sich noch mit ihm, es ist so unwichtig, dass sie schon wenige Tage später nicht mehr weiß, worum es ging. Etwas spröde ist sie beim Abschied, nicht ahnend, dass sie ihren Vater nicht wiedersehen wird. Er gibt ihr einen Kuss auf die Stirn und nennt sie seinen Sonnenschein. Dann, als der Zug losfährt und er die Scheibe seines Abteils herunterzieht, um seiner Familie zuzuwinken, fährt es plötzlich in sie, die große Angst um ihren Vater, und sie fängt an, am Gleis entlang zu laufen, dem anfahrenden Zug hinterher. Wild winkt sie und schreit aus Leibeskräften und fragt sich ein Leben lang, ob der Vater sie noch gehört hat. Im Februar 1945 müssen sie den Gutshof verlassen, kurz bevor die Russen kommen. Sie lassen alles zurück und werden in der Nähe von Lüneburg sesshaft. Im Herbst 1949 besucht sie ein Soldat, der mit dem Vater in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen ist. Er berichtet, dass der Vater im Winter 1948 gestorben ist. Der Mann übergibt ihrer Mutter eine Blechbüchse, eine Art Suppennapf. Auf der Unterseite ist ein Bild in das Metall geritzt, das einen See und badende Kinder zeigt. Im Hintergrund ist das Türmchen der Kapelle am See zu sehen, in welcher der Vater seine Frau im Jahr 1923 geheiratet hat.

August 1923
Endlich ist sie sein. Das wurde auch Zeit. Verliebt war er schon vom ersten Tage an gewesen, als er sie zum ersten Mal erblickt hatte. Als Waisenkind war sie in seine Dorfschule gekommen, weil ihre Eltern in Berlin bei einem Kutschenunfall tödlich verunglückt sind, und weil ihre Mutter eine entfernte Cousine der Köchin im Gutshaus gewesen ist, die – selbst kinderlos geblieben – das Mündel gerne zu sich nimmt.
Trotz der Trauer um ihre Eltern ist sie ein fröhliches und besonders aufgewecktes Mädchen. Noch dazu aus der Hauptstadt, so dass die Jungen aus der Klasse noch einiges von ihr lernen können. Der Lehrer der Dorfschule, der ihnen allen recht zusetzt und ein überhartes Regiment führt – mit Vorliebe schwadroniert er vom Deutsch-Französischen Kriege, in dem sein Vater als Korporal bei der Schlacht von Mars-la-Tour im alleinigen Handstreich das Heer der Preußen rettet – er ist ihnen allen verhasst, und seine Hiebe mit dem Rohrstock sind gefürchtet. So stiftet sie also ihn, den Sohn des Gutsherrn an, den Rohrstock des Lehrers mit einer Zwiebel einzureiben, wie man es in Berliner Klassenzimmern zu tun pflege. Weißt du denn nicht, dass der Saft der Zwiebel das Holz mürbe macht? Er bricht dann beim ersten oder zweiten Schlag.
Es ist ganz ohne Zweifel eine Frage höherer Geschicklichkeit gewesen, während der Pause in das Klassenzimmer zu schleichen, wo der Herr Lehramtsassessor unter dem Katheder das Hiebinstrument verwahrt. Als der Junge gerade die Mitte des Stocks großzügig mit dem Saft der Zwiebel tränkt, betritt der Lehrer das Klassenzimmer, erfasst sogleich die Situation und spricht:
„Nun, dann wollen wir doch gleich mal gemeinsam überprüfen, ob der Stock noch hält.“
Tatsächlich, Zufall oder nicht, der Stock bricht schon beim ersten Schlag. Und während der Delinquent noch frohlockt und innerlich die berlinische Lebenserfahrung seiner Auserkorenen preist, greift der Lehrer in einen Schrank, sich für seine Weitsicht rühmend, beizeiten einen Vorrat an Rohrstöcken angelegt zu haben.
Er hat nicht einmal geschrien. Als er nach der Schule mit malträtiertem Allerwertesten zum Gutshaus wankt, fängt sie ihn hinter der Schmiede ab und er wird mit einem Kuss belohnt.
Diese Frau hat er nun, zehn Jahre später, heute, endlich, ehelichen dürfen, die Schönste von allen. Die Worte des Pastors hallen in seinem Herzen nach. Es hat den Bräutigam Überzeugungskraft gekostet, den vertrockneten Geistlichen zum Trauspruch aus dem Hohelied Salomos zu überreden: „Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, so dass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht ertränken können.“ Erst eine Spende für zu erneuerndes Kirchengestühl zerstreute letzte klerikale Bedenken.
Die Kapelle nimmt kaum mehr als ein Dutzend der engsten Verwandten auf, und draußen bis zum See stehen die Gäste, sich reckend, um ein Wort zu vernehmen, sich streckend, um einen Blick zu erhaschen. Doch nun ist das junge Paar allein. Denn als sie unter dem Jubel des Dorfes aus der Kapelle getreten sind, hat der Bräutigam sich von der Hochzeitsgesellschaft erbeten, für einen Moment mit seiner Braut allein sein zu dürfen.
Unter allerhand ungehöriger Zweideutigkeiten und viel Gelächter ist die Gesellschaft schließlich ohne das Brautpaar aufgebrochen. Fröhlich singend spaziert der Tross der Feingewandeten zurück zum Gutshaus, der festlich gedeckten Tafel entgegen, während in zurückbleibender Stille der Bräutigam nach der Hand seiner Braut greift.
Er führt sie zum See, wo sie über die Weite des Wassers schauen, bis hin zur dunkelgrünen Linie des Waldes, vor der das Schilf wogt. Dort, wo der Schilfgürtel durchbrochen ist, beginnt der Sand. Frösche dösen auf Seerosen. Bremsen und Mücken summen umher. Glucksend brechen sich Wellen am Ufer.
Eine Schwanenfamilie taucht aus dem Schilf auf, mit fünf jungen Schwänen, noch grau und linkisch, inmitten ihrer stolzen Eltern.
Er zeigt auf die Schwäne und sagt zu seiner Frau:
„Das sind wir. Bald.“
Er legt seine Hand auf ihren Bauch. Sie nickt und küsst ihn. So stehen sie noch eine Weile an der Wasserlinie, schauen über das Blau, lauschen den Kuckucken und Spechten im nahen Wald.
Als sie nach einiger Zeit durch den Vorgarten der Kapelle zurückgehen, zeigt er auf eines der Kreuze im Windschatten des Gemäuers, dort, wo seine Vorfahren begraben sind.
„Dein Vater“, sagt sie, und er nickt:
„Er ist vor zehn Jahren gestorben. Im gleichen Jahr, als du zu uns ins Dorf gekommen bist. Bestimmt hätte er dich gerne kennengelernt.“
Sie schaut auf sein Geburts- und Todesdatum:
„Er ist leider nicht alt geworden.“
„Er starb an einer Blutvergiftung.“
Sie gehen zum Gutshaus zurück, ihrer großen Feier entgegen. Unterwegs zeigt er auf das Kopfsteinpflaster:
„Diese Steine hat mein Vater verlegen lassen, vor über 25 Jahren. Er hat selbst mitgeholfen, wie er erzählte. Manchmal frage ich mich, welche dieser tausende von Steinen er wohl selbst in den Händen gehalten haben mag. Diesen hier zum Beispiel?“
Er zeigt auf einen tiefroten Granit im Kopfsteinpflaster, dessen eingesprenkelte Quarze im Sonnenschein glitzern.

Juli 1897
Er hält den tiefroten Granit in der Hand, dessen eingesprenkelte Quarze im Sonnenschein glitzern. Wie fügt er sich am besten in das Kiesbett zwischen die anderen Steine?
„Jeder Stein passt“, sagt sein Nebenmann, ein erfahrener Straßenbauer, „Man darf nicht zu lange überlegen.“
Es findet hohe Anerkennung bei den Arbeitern, dass der Graf nicht nur den Fortschritt der Arbeiten kontrolliert, sondern – aus gestalterischer Freude, wie er sagt – selbst gelegentlich mit Hand anlegt, wann immer es seine zahlreichen Pflichten zulassen.
Bereits im April haben die Arbeiten begonnen, gleich nach dem Frost, und mittlerweile hat das Pflaster fast den See erreicht.
„Wie lange wird die Straße insgesamt sein?“, fragt man den Grafen.
„Sie wird in den Wald bis zum Köhlerdorf führen. Von der anderen Seite, aus Neu-Selikow kommend, wird ebenfalls gebaut. Im Köhlerdorf wollen wir uns treffen.“
Schwül ist es und so heiß, dass ihnen der Schweiß in Strömen vom Leib fließt. Das Zirpen der Grillen im Weizen rauscht in ihren Ohren. Klatschmohn, Kornblumen und Schafgarben schmücken die Feldraine. Über ihnen tanzen Schwalbenschwänze und Pfauenaugen. Ein Ochsengespann poltert heran, das weitere Steine bringt. Der alte Kutscher zieht an einem Pfeifchen. Krautiger Duft umgibt ihn.
Der Graf richtet sich auf, schaut in den Himmel und fährt mit seinem Taschentuch über die Stirn. Sein Blick schweift über die Landschaft zum See. Zwischen den Büschen blitzt das Blau. Dort, wo der Schilfgürtel durchbrochen ist, beginnt der Sand.
Er ist zufrieden. Die Straße wird ihnen allen helfen. Zu oft war es vorgekommen, dass die Räder und Achsen der Erntewagen in den Ausspülungen des Sommerwegs gebrochen sind. In den Erntemonaten war der Stellmacher regelmäßig mit nichts anderem als mit der Reparatur von Rädern beschäftigt gewesen. Andere Dinge waren liegengeblieben.
In der Ferne über dem See türmen sich dunkle Wolken empor. Der Ochsenkarren hat die Straßenbauer erreicht und hält an. Der junge Gutsherr streicht dem Ochsen über die Nüstern und fragt den Kutscher, der vom Bock steigt:
„Meinst du, wir bekommen ein Gewitter?“
Prüfend und mit der Erfahrung des Bauern schaut dieser in den Himmel:
„Ja. Aber es wird südlich an uns vorbeiziehen. Das tut es immer, wenn das Gewitter im Osten entsteht. Vielleicht bekommen wir ein paar Tropfen ab. Mehr nicht.“
Unvermittelt zackt ein gewaltiger Blitz den Horizont in zwei Hälften und blendet alle. Ihm folgt ein Grollen, das krachend über den See rollt. Der Gutsherr zuckt zusammen und der alte Kutscher, der ihn von Kindesbeinen an auf seinem Bock mitgenommen hat und weiß, warum der Graf plötzlich fahl im Gesicht geworden ist, schaut ihn gütig an:
„Es wird nicht schlimm werden. Und nie wieder wird es so schlimm werden wie damals im großen Märzsturm.“

März 1876
Urplötzlich ist er aufgezogen. Und das im März. Der Himmel ist im Westen so schwarz, als wäre dort tiefste Nacht, während im Osten strahlender Tag ist. Krachend schlagen die Fensterläden des Gutshauses zu. Glas splittert. Die Mutter bekreuzigt sich und ruft ihm zu:
„Sturm kommt auf. Lauf zum Vater und sieh, ob du ihm helfen kannst! Und pass auf dich auf, Junge!“
Er läuft los. Hin zu den Feldern am See, wo der Vater und die anderen Bauern jetzt die Saat ausbringen wollen. Der Rückenwind lässt ihn fliegen. Er rennt über den auftauenden Grund des Weges. Schlammig ist der Boden. Mehrere Male rutscht er aus, einmal stürzt er.
Erste Tropfen fallen. Groß wie Taubeneier prasseln sie auf seinen Kopf und schlagen zwischen seine Schultern.
Als er auf den See zuläuft, sieht er, dass sein Vater und einige Bauern mit den Ochsengespannen unter einer ausladenden Ulme Schutz gefunden haben. Erleichtert rennt er auf sie zu. Er ist nur noch einen Steinwurf von den Männern entfernt, als ein Blitz in die Ulme fährt und sein Vater von einem herabstürzenden Ast begraben wird.
Der Sturm kostet allein im Dorf vier Menschenleben. Das Dach des Gutshauses ist abgedeckt. Überall liegt Ziegelbruch auf den Feldern. Noch in der Nähe des Sees findet er später Biberschwänze, die der Sturm bis dorthin geweht hat.
Einige Tage nach dem verheerenden Sturm sitzt er am See und starrt verweint auf das Wasser, das jetzt in völliger Ruhe wie ein schwarzer Spiegel ruht. Leises Plätschern am Steg. Dort, wo der Schilfgürtel durchbrochen ist, beginnt der Sand. Seine Mutter, die nach ihm sucht, findet ihn schließlich. Sie setzt sich neben ihn, umfasst seine Schultern und gemeinsam blicken sie auf den See.
„Was sollen wir jetzt tun, wo Vater tot ist, Mutter? Ziehen wir fort von hier?“
Seine Mutter schaut ihn erstaunt an:
„Nein, natürlich nicht. Wir machen hier weiter. Auch dein Vater würde es so wollen. Es liegt viel Arbeit vor uns.“
Sie breitet ihre Arme aus, als versuche sie, den See zu umfassen:
„Dies ist seit Jahrhunderten die Landschaft unserer Vorfahren. Und in weiteren Jahrhunderten wird es die Landschaft unserer Nachfahren sein. Wir alle tragen den See in unserer Seele. Ob es uns bewusst ist oder nicht.“

August 2017
Der Vater rupft einen Grashalm aus, beginnt darauf herum zu kauen und schaut sinnierend über den See:
„Eigentlich müssten wir zuallererst das Dach neu eindecken. Der Dachstuhl selbst ist noch in Ordnung.“
Seine Frau richtet sich auf:
„Es ist total verrückt, den alten Kasten zu sanieren. Es wundert mich nicht, dass alle anderen aus deiner Familie dankend abgelehnt haben. Nur Kosten und Arbeit, für was?“
„Für uns natürlich.“
„Du bist ein Spinner. Aber dafür liebe ich dich.“
Sie gibt ihm einen Kuss, während er weiter grübelt:
„Biberschwänze müssten her. Zweilagig. Die Betonziegel sind noch aus DDR-Zeiten. Sie ziehen zu viel Wasser und werden durchlässig. Im Winter frieren sie kaputt.“
Sein Blick wandert über den See, und im Waldstück zur Linken sieht er auf den Pfad, der zur Ruine der Kapelle führt:
„Wenn wir das Gutshaus saniert haben, werden wir die Kapelle wieder errichten. Schon mein Urgroßvater und seine Vorfahren haben darin geheiratet. So hat es meine Oma erzählt.“
„Wem gehört jetzt eigentlich die Kapelle? Gehört sie noch immer zum Gutshaus? Oder gehört sie der Kirche?“
„Keine Ahnung. Ich werde mal beim Amt nachfragen.“
„Ja, bei Gelegenheit. Das hat Zeit.“
„Papa, schau mal!“
Die Tochter zeigt auf ihr Knie, auf dem eine Libelle gelandet ist. Ihr Hinterleib ist von azurblauen und schwarzen Linien durchzogen. In ihren schillernden Flügeln fächert sich das Licht der Augustsonne auf.
„Eine Königslibelle. Die gibt es hier häufig. Hübsch, nicht wahr?“
Die Tochter nickt.
„Oh, schade, jetzt fliegt sie davon.“
Die Familie sieht der Libelle nach, die eine Weile im Wind tanzt und dann über dem See entschwindet.
Der Vater nimmt seine Tochter in den Arm und drückt sie:
„Und, ist doch schön hier, oder?“
„Ja.“
„Wir können jetzt auch zurückgehen. Von wegen Internet und so.“
Die Tochter steht auf und winkt ab:
„Das eilt nicht, Papa. Ich gehe erstmal schwimmen.“

 

***

(Beitrag zum Ehm-Welk-Literaturpreis 2018, Lesung im Mai 2019 anlässlich der Woche der Sprache und des Lesens im Rathaus Angermünde)

 

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