Die Ordnung meiner Welt

Am 22. Juli 1965 bekommen wir Besuch in unserem Schrebergarten. Das weiß ich noch genau, obwohl ich damals erst elf Jahre alt bin. Mein Papa steht von seinem Bänkchen auf und begrüßt Günter, seinen Nachbarn und Kumpel. Der tätschelt betrübt meine Wange und schenkt mir einen kleinen gelben Plastikdrachen. Dann wird er ernst und sagt zu meinem Papa, während seine Stimme ausrutscht: Schlagwetter auf Zeche Constantin. Die Grube brennt. Es gibt Tote. Ja, auch Harald. Wat ne Scheiße, sagt mein Papa und wankt, Günter muss ihn stützen. Es ist kurz vor ihrer gemeinsamen Schicht, die nun ausfällt, und beide sind weiß im Gesicht. Sie setzen sich an den Tisch, reden, weinen und trinken Schnaps, während ich versuche, mir vorzustellen, wie mein Onkel Harald unten in der Erde verbrennt.
Knapp zwei Jahre später wird Constantin der Große stillgelegt. Papa verliert seinen Job und fängt an, zu saufen. Nicht wie vorher, sondern noch heftiger. Er schlägt Mama. Nicht wie vorher, sondern noch heftiger. Er kommt dann von der Bude des Schlesiers, sieht Mama zitternd in der Küche sitzen und zieht wortlos seinen Gürtel aus der Hose. Manchmal schaffe ich es, mich in seinen Weg zu stellen, dann schlägt er mich und Mama kann sich irgendwo einschließen. Manchmal ist er schneller als ich, dann dreht er dazu das Radio auf und schlägt sie, weil sie Schuld an allem hat, wie er sagt, bis er weinend vor ihr kniet und fragt, ob sie ihm verzeiht, und sie tut es.
Als ich 20 Jahre alt bin, wird es besser für mich, weil ich mit Andreas zusammenkomme, meinem ersten und einzigen Freund. Das ist eine schöne Zeit, die schönste von allen. Andreas sagt zu meinem Papa, wenn du sie noch einmal schlägst, du Suffschwein, steche ich dich ab. Danach ist Ruhe. Wir ziehen in eine Wohnung nach Herne. Andreas verlässt mich 1976. Er hat eine neue Freundin, weil ich ihm zu dick bin, sagt er. Ich bleibe in der Wohnung, zwei Zimmer habe ich nun für mich ganz alleine.
Irgendwann 1978 klopft meine Nachbarin, eine entfernte Bekannte meiner Eltern, an die Wohnungstür. Da lasse ich schon lange keinen mehr rein, wozu auch. Hast du gehört? Dein Vater ist gestorben, sagt sie. Von mir aus, sage ich. Hat deine Mutter dir nichts gesagt? Ich habe nicht mehr viel Kontakt. Wollen wir nicht mal bei dir in der Küche einen Kaffee trinken, fragt sie und beugt sich vor in meinen Flur, um hinein zu schielen. Ich sage Nö und schiebe sie über die Schwelle. Hast es wohl nicht so mit dem Aufräumen, gibbelt sie. Halt die Klappe. Schlampe. Blöde Bratze.
Zur Beerdigung meines Papas gehe ich dann doch. Es ist ein regnerischer Herbsttag, und als der Wind durch die Bäume fährt und Blätter von den nassen Zweigen reißt, fällt mir plötzlich ein, wie Papa mit mir auf dem Tippelsberg Drachen steigen ließ. Das muss gewesen sein, als ich gerade in die Schule gekommen war. Ich weiß noch, wie meine Zöpfe fliegen und gegen meine Wangen schlagen, als ich laufe und lache und laufe. Ich stolpere über dicke Batzen Gras, aber ich falle nicht hin. In meiner Hand umklammere ich die Spule mit der Schnur, flipflap saust sie um den lila Plastikgriff. Papa hält den Drachen fest, einen gelben mit freundlichem Gesicht und roten Backen, und der Drachen hat einen Schweif aus blauen und grünen Schleifen. Dann lacht Papa laut, als er den Drachen loslässt, der nach oben in den Himmel schießt, und vielleicht ist Papa in diesem Moment sogar einmal glücklich gewesen.
Plötzlich muss ich flennen, ich kann gar nicht mehr aufhören. Niemand stört sich daran, es sind sowieso nur Mama, Günter und der Pastor da. Günter gibt mir ein Taschentuch und tätschelt meine Wange. Mama weint nicht. Fest presst sie die Lippen aufeinander, so dass ihr Mund zur Linie wird. Als die Grubenlampe auf Papas Sarg gelöscht wird, fällt mir ein, was ich machen könnte. Seitdem sammle ich Drachen. Günters Drachen aus meiner Kindheit ist der erste.
Es kommen bald kleine, große, bunte, graue Drachen hinzu, aus Plastik, aus Stoff, aus Metall, was ich kriegen kann, am liebsten gelbe Drachen. Ich sammle sie im Wohnzimmer im Regal, das schnell zu klein wird. Bald ist das Sofa voller Drachen. Jeder Drachen hat einen Namen und es dauert täglich Stunden, bis ich jeden einzelnen begrüßt habe. Irgendwann kann ich nicht mehr zur Arbeit gehen, weil meine Drachen so viel Zeit beanspruchen, also kündige ich bei den Stadtwerken, wo mich sowieso niemand vermisst. Zu den Drachen gesellen sich andere Tiere, niemand ist gerne allein, und ich habe viel zu geben. Ebenso benötige ich Platz für die Gratiszeitungen aus meinem Briefkasten. Manchmal denke ich, vielleicht fällt der Strom aus, und dann könnte ich mir einen Ofen einbauen lassen, und ich hätte jede Menge Brennmaterial, und es kostet noch nicht einmal Geld. Ich brauche ohnehin nicht viel Platz. Die Gänge zwischen den Stapeln genügen mir, ich bin nicht mehr so dick wie damals, als Andreas mich verließ.
Essen gibt es meistens aus Dosen. Zum Kochen komme ich nicht mehr, meine Wohnung braucht Zeit, und die leeren Konservendosen nutze ich, um daraus Hochregale zu stapeln. Ich lege Äste und Zweige darüber, die ich im Park abschneide. Dann brauche ich kein Bauholz zu kaufen. Einmal werde ich dort von Gärtnern beschimpft. Als ich ihnen erkläre, dass ich aus den Stöcken Regale baue, lachen sie nur und sagen, ich soll mich verpissen. Dabei kann ich doch auf den Regalen meine Post lagern. Ich öffne die Briefe nicht mehr, zu viel Unerfreuliches steht darin, man bedroht mich. Eigentlich würde ich die Briefe am liebsten wegwerfen, aber es sind meine, sie gehören mir, und ich kann es mir nicht leisten, Dinge zu verlieren.
Mit Mama telefoniere ich manchmal,  an Weihnachten oder wenn sie Geburtstag hat, doch oft streiten wir nur wegen früher. Dann, später, im Sommer 1986, liegt sie im Krankenhaus. Es geht ihr nicht gut, sagen die Schwestern, sie wird sterben. Vielleicht noch zwei Monate, sagen die Ärzte, irgendwas mit einer Raumforderung im Kopf. Mama liegt da und will meine Hand nehmen, also gebe ich sie ihr. Was sie sagt, kann ich nicht verstehen, es ist nur ein Nuscheln. Sie weint immerzu, wahrscheinlich wegen der großen Schmerzen, doch ich kann nichts tun. Wenig später stehe ich auch an ihrem Grab, und danach nehme ich die Blumen von ihrer Beerdigung mit. Meine Mutter braucht sie doch nicht mehr. Die Blumen lege ich zu den anderen Pflanzen in die Badewanne. Im Sommer sind die Fliegen ein Problem. Manchmal gibt es Beschwerden.
Aus Mamas Wohnung hole ich noch ein paar Dinge, die mich an sie und Papa erinnern. Alles, was ich in meinem Einkaufsroller transportieren kann, nehme ich mit. Irgendwann passt mein Schlüssel nicht mehr in das Schloss. Ein Mann öffnet die Tür und sagt, er ist der neue Mieter, und ich soll nicht mehr wiederkommen.
Vor kurzem besucht mich Günter. Ich kann ihn durch den Spion erkennen, obwohl er sehr alt geworden ist. Ihm mache ich auf. Er sagt, dass er jetzt ins Heim geht. Er hat noch alte Fotos von meinen Eltern entdeckt, damals aus dem Schrebergarten. Er gibt mir einen Schuhkarton mit Schwarzweißaufnahmen und verabschiedet sich. Nett ist er, wie immer. Deine Alten haben’s dir nicht gerade leicht gemacht, nicht wahr, sagt er. Ich nicke. Er schaut in den Flur. Räum mal wieder auf, sagt er freundlich, streichelt meine Wange und geht.
Neulich klingelt es, dann klopft es und als ich nicht öffne, wird die Tür aufgebrochen. Drei Männer in Schutzkleidung und mit Atemmasken kommen herein und ergreifen mich. Ich wehre mich, aber die Männer sind stärker. Draußen vor dem Haus gibt mir eine Ärztin eine Spritze und redet auf mich ein. Meine Nachbarn stehen um mich herum. Na endlich, sagen sie. Das wurde Zeit. Zwangsräumung. Weil die Decke darunter schon durchhing. Wegen der Last und der Feuchtigkeit, Gefahr im Verzug. Bricht ja irgendwann das ganze Haus zusammen. Die Wohnung vermüllt bis zur Decke, eine Schande. Das gibt’s doch nicht. Doch, und ein Gestank wie auf einer Müllkippe. Da müssen mindestens zehn Container kommen. Ein Fest für Kammerjäger. Dazu Hunderte von Drachen, überall. Wie kann man nur so leben? Warum hat die Alte nie aufgeräumt? Mich können sie nicht meinen. Auch wenn meine Wohnung vollgestellt ist, das bestreite ich gar nicht. Ich habe auch nicht Staub gesaugt, weil ich irgendwann den Staubsauger nicht mehr fand. Aber es ist doch Ordnung in meiner Wohnung. Meine Ordnung.
Jetzt bin ich in einer Klinik, auch wenn sie es anders nennen. Meine Wohnung fehlt mir. Vor allem meine Drachen. Einen gelben Drachen durfte ich mitnehmen, immerhin, den von Günter. Aber keinen zweiten. Das Sammeln ist vorbei, sagen die Schwestern.

 

***

(Wettbewerbsbeitrag zum Bonner Literaturpreis 2018 des Dichtungsring e. V., Thema „Aus dem Rahmen gefallen“)

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