#drohnengott

Ich habe nie behauptet, ein guter Mensch zu sein. Das sollten Sie wissen, damit Sie nachher nicht allzu sehr erschrecken. Aktuell habe ich 14.819 Follower bei Instagram. Das ist natürlich noch viel zu wenig. Aber es werden immer mehr, denn die Leute lieben meine Bilder und Filme. Was sie begeistert, sind meine Perspektiven. Denn ich zeige die Welt von oben. Bei jedem Wetter. Bei Tag und bei Nacht. Neulich das Fußballspiel von SV Grün-Gelb Ströbeck gegen TuS Elbingerode, aus ungefähr 500 Metern Höhe, der Rasen schimmerte im Flutlicht wie ein Smaragd. Das Schloss Wernigerode im Starkregen von oben, als würden seine umdampften Dächer im Niederschlag ertrinken. Die Sösetalsperre mit ihrem von bunten Surfsegeln gespickten Glitzerblau. Das Schweben inmitten aufgeregter Haubenmeisen über dem Torfhausmoor. Das Foto vor einigen Monaten im Januar, als während eines Orkans die Fichten des Oberharzes seufzend ihre Flachwurzeln nach oben streckten und sich ineinanderlegten wie Sterbende in den Schnee. Ich war da und fotografierte es von oben, aus dem Auge des Sturms heraus. Zwei Stunden später war die Aufnahme bereits auf meinem Account hochgeladen, und meine Follower drehten schier durch. Ein solches Foto gibt es, in aller Bescheidenheit, weltweit nur einmal.
Immer wieder bekomme ich Nachrichten von anderen Instagrammern, aus Hawaii, Madrid, Tokio oder Shanghai, und sie fragen mich nach meiner Ausrüstung. Welche Drohne benutzt du? Welche Kamera? Welche Objektive? Welche Akkus? Welchen Antrieb hat die Drohne? Wie steigst du bei Regen auf? Wie machst du bei Schneefall und Starkwind Luftbilder, was ist dein Trick? Und brauchst du keine Genehmigungen? Wie schaffst du es, solche Unschärfen hinzubekommen? Diese Dynamik in der Luft, Wahnsinn, Mann, du bist ein Drohnengott! Drohnengott, so heißt mein Account bei Instagram.
Die Komplimente und Fragen freuen mich, aber ich lasse mir nicht in die Karten schauen. Ich sammle Likes und Comments und schweige. Nur Ihnen werde ich jetzt mein Geheimnis verraten, weil ich Ihnen vertraue, sozusagen von Harzer zu Harzer, und Sie werden es nicht weitererzählen.
Eigentlich begann alles mit einem Zufallsfund, als ich das Haus meiner verstorbenen Großmutter in Bad Sachsa entrümpelte. Zumeist Plunder. Mobiliar aus den Fünfzigerjahren, durchgelegene Matratzen, seichte Belletristik, Porzellan, veraltete Kleider, das meiste wanderte gleich in den Container. Einige Sachen behielt ich aus sentimentalen Gründen, denn ich habe meine Oma wirklich geliebt. Dass ich noch einen Schatz finden würde, damit hatte ich nicht im Traum gerechnet. Doch im Keller entdeckte ich hinter Harken, Schaufeln und Besen einen uralten getöpferten Tiegel, der mit einem Deckel verschlossen war. Ich öffnete das Gefäß. Darin befand sich eine graue, undefinierbare Schmiere, eingerissen, stumpf, wachsähnlich. Ich roch daran. Es duftete intensiv nach Kräutern und ich halluzinierte unmittelbar in einem Rausch explodierender Farben, sodass ich ins Taumeln geriet. War das eine Droge? Der pastöse Stoff weckte meine Neugier und ich fragte einen Freund, der gerade an seiner Doktorarbeit in Chemie schrieb, ob er die Substanz für mich analysieren könne. Einige Wochen später gab er mir eine Liste mit Ingredienzen:
„Es scheint eine psychoaktive Substanz zu sein. Zumeist sind es Pflanzen aus dem Harz, aber es ist noch etwas Seltsames darin.“
„Was ist es?“
„Ich konnte es nicht genau zuordnen. Eiweißketten, ziemlich ramponiert, sie müssen uralt sein. Das Eiweiß könnte tierischen Ursprungs sein, vielleicht stammt es aber auch von Menschen. Unheimlich, nicht wahr?“
Allerdings. Ich begab mich auf die Suche nach den Pflanzen, die der Freund aufgeschrieben hatte. Bald hatte ich sie beisammen. Eisenkraut. Mondraute. Einjähriges Bingelkraut. Donnerbart. Alraune. Frauenhaarfarn. Johanniskraut. Vogelblut. Wolfswurz. Schließlich stieß ich in der Bibliothek von Halberstadt auf die bislang noch nicht ermittelte Zutat, da sie im Kontext mit den vorgenannten Substanzen erwähnt wurde. Nun wusste ich auch, was mit der Salbe zu bewerkstelligen war. Diese letzte Essenz war allerdings kaum zu beschaffen. Ich musste dafür tief in die Tasche greifen und das gesamte Erbe meiner Großmutter, gut 50.000 Euro, investieren. Ich habe den Stoff schließlich im Darknet auf Alphabay gekauft, gegen Moneros, eine Art von Bitcoins. Ich denke, meine Großmutter hätte es so gewollt. Mittlerweile wusste ich, wofür sie selbst die Salbe – eine Flugsalbe – verwendet hatte.
Natürlich habe ich mich gut auf den ersten Flug vorbereitet. Sogar in eine Wohnung mit offenem Kamin bin ich gezogen. Wenn ich jetzt fliege, um Aufnahmen aus der Luft zu schießen, schmiere ich mit der Salbe meinen Hals ein, Arme und Kniekehlen, die Handflächen und Fußsohlen. Dann greife ich nach meiner Kamera, setze mich auf einen Stuhl – ein Besen ist auf Dauer einfach zu unbequem – und rufe: „Stippe hier in, stippe dar in, oben ruter un nirne an!“ Und mein aberwitziger Ritt durch den Kamin und durch die Luft beginnt, neuen Motiven entgegen.
Um eine Flugsalbe anzurühren, braucht man, so wie es Henricus Institoris in seinem Hexenhammer aus dem Jahre 1486 beschrieb, das ausgelassene Fett ungetaufter Kinder. Ja, das ist heftig, ich weiß. Aber, wie gesagt, ich habe nie behauptet, ein guter Mensch zu sein. Und schließlich, hey, was soll‘s, meine Follower lieben die Bilder.

 

***

(Erschienen in der Anthologie zum Literaturpreis Harz 2018 „Wenn im Harz die Bratkartoffeln blühn“, Geest Verlag, ISBN 3866856822)

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