Nu, eener muss do nichtern bleim

Der 14. Juni 1935 ist ein denkwürdiges Datum. Dieser Tag kann getrost als der Geburtstag des ersten Hochleistungsnavigationsgerätes der späteren DDR, wenn nicht gar der gesamten Welt, angesehen werden. Es kam ohne Netzgerät, Satelliten oder Batterien aus, und es lief mehr als 81 Jahre lang einwandfrei, bis es im letzten Sommer seinen Geist aufgab. Das war mein Opa, ausgestattet mit dem besten Orientierungssinn der Welt, und das ist eine durch und durch wahre Geschichte.
Schon als Kind vertiefte sich mein Opa in Heimatkarten aller Art, die in seiner Kinderzeit immerhin sogar bis nach Stalingrad und Afrika reichten. Später, als alle anderen Kinder mithilfe der FDJ ihre Jugenduniformen wechselten, schaute er sich die Karten des jungen Ostblocks an. Als Jugendlicher konnte er bereits das gesamte Straßennetz der DDR aufzeichnen bis hin zu den kleinsten Sommer- und Waldwegen. Es war die Inselbegabung eines ansonsten, ich darf das so frei und voller Liebe sagen, talentfreien Mannes, dem außer einer gewissen Begabung für unverschämte Bemerkungen (wir kommen später dazu) keine weiteren Fähigkeiten oder Kenntnisse im Wege standen.
Orte finden und außerdem fluchen können – ganz folgerichtig wurde mein Opa Berufskraftfahrer. 1954 heuerte er beim VEB Baustoffversorgung Dresden an, weitere Fahrten für andere Betriebe schlossen sich an und führten ihn durch die gesamte DDR. So fuhr er mit seinen Kollegen Kartoffeln von Mecklenburg nach Berlin, Kohle aus der Lausitz nach Rostock, Sprelacartprodukte von Spremberg nach Leipzig, Aale von Rüdersdorf (dort hielt man in den Wasserbecken des Zementwerks tatsächlich Aale) nach Wandlitz, Thüringer Holzspielzeug in den Westen, sogar Malimo-Stoffe aus Karl-Marx-Stadt zu den Fiat-Werken nach Italien. Mit der Zeit testeten ihn die ungläubigen Kollegen und versuchten, ihm Fallen zu stellen. Doch den Weg nach dem abgelegenen Laasan in der Nähe Jenas, das der Legende nach noch nicht mal von Napoléons Truppen entdeckt werden konnte, fand er im Halbschlaf. Und wenn die Dispatcher ihm nicht existierende Namen in seinen Routenplan schrieben, erkannte er es sofort.
Seine Vorgesetzten waren eigentlich zufrieden mit ihm. Wenn da nicht die ausgesprochene Geselligkeit meines Opas gewesen wäre, die ihn immer wieder dazu verführte, einen zur Brust zu nehmen. Nu, eener muss do nichtern bleim am Steuer, pflegten dann die Kollegen zu sagen, und dann lachten sie alle herzlich über den gelungenen Scherz. Alkohol schadete nicht seinen Peilungsqualitäten, im Gegenteil, fast hatte man das Gefühl, dass einige Radeberger und Nordhäuser seine Fähigkeiten auf eine höhere Bewusstseinsstufe stellten. Und so sah man eingedenk dieser besonderen Fähigkeiten meines Opas darüber hinweg. Doch als sein Robur Garant 1962 in den engen Straßen von Görlitz einmal die Limousine eines Ministers streifte und der darin sitzende Minister ausfällig wurde, blitzte das zweite Talent meines Opas auf, der den einflussreichen Genossen einen rot lackierten Hundertsassa nannte, der lieber aufpassen sollte, dass er nicht mal nachts in eine unbeleuchtete Faust läuft. Auf Anweisung von oben wurde daraufhin sein Führerschein eingezogen, so dass er nicht mehr fahren durfte. Als er deshalb persönlich auf dem Amt erschien und die dafür verantwortlichen Behörden als Halbaffen, Waldwichtel und Dünnschissgurgler bezeichnete, verbesserte das seine Aussichten auf den Wiedererhalt seiner Fahrerlaubnis nicht.
Mein Opa nicht mehr auf dem Bock? Dagegen wehrten sich seine Kollegen, die ohne seine präzisen Anweisungen in der Schilderlosigkeit der DDR verloren waren. Also einigte man sich unter Ausschluss der Autoritäten darauf, dass mein Opa bleiben konnte. So fuhr er weitere 27 Jahre als Fernfahrer durch die DDR, ohne Führerschein, immer auf dem Beifahrersitz, und immer mit dem richtigen Weg im Kopf. 1990 ging er in den Vorruhestand, auf den Westen hatte er keine Lust mehr, zu viele Schilder, wo bleibt denn da der Spaß, sagte er.
Im letzten Jahr bekam mein Opa einen schweren Herzinfarkt. Wir fuhren ihn selbst ins Städtische Klinikum, weil wir dachten, dass es so am schnellsten geht. Er war kaum noch bei Bewusstsein, konnte aber immerhin noch mit schwacher Hand unterwegs eine Abkürzung anzeigen. Dennoch verstarb er im Krankenhaus. Kurze Zeit später wurde er auf dem St.-Pauli-Friedhof in Trachenberge beerdigt. Auf seinem Stein steht: Wenn jemand den Weg in den Himmel kennt, dann er.

* * *

(Beitrag für den Wettbewerb der Dresdner Miniaturen 2017)

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